Zweites Capitel.
Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt. Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen, die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.
Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig genug.Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute hielt.
Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia, und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn. Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral unsere Corvetteab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei, und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze Division konnte vor Anker gehn.
Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam, der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s. w. zu Stande kam. In Folge derselben wurdenwir endlich ausgeschifft, worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.
Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s. w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank vor der Mündung des Jacatra[13], sind die vornehmsten Ursachen davon. Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältungu. dgl. zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich, verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern sechs Stunden todt.
Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet, und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab. Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.
Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädtenwohnen, während der Rest aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern, zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen Todesfällen spricht. — »Mynheer, Mevrouv is overleden« — der Herr, die Frau ist gestorben — heißt es, als hätten sie eine Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament bereit.
Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von Java(Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika, Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht. Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des Alleinhandels[14]und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständigist. Erst dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.
Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke, viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localitätbietet dem Feinde doch stets sehr große Hindernisse dar.
Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen, das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w. wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß.Alles dies wird beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten ist.
Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche Abgaben die allerbilligsten sind.