Chapter 41

Drittes Capitel.

So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich bei einer beschwerlichentrigonometrischen Arbeit krank ward. Zum Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des DoctorsRaspeaus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.

Diese fand sich endlich in der Brigg »le petite Alphonse« Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen, und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen, viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle Fälle wenigstensnoch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen, denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu.

Schon in der ersten Nacht kamen wir durch den Eigensinn des wenig erfahrnen Capitains in große Gefahr. Wir trieben nämlich auf eine der vielen kleinen Inseln, so daß das Hintertheil des Schiffes kaum zwei Fuß weit von den zackigten Felsen abstand. Der Capitain gebehrdete sich wie ein Verzweifelter, und schrie nach dem Boot. Zum Glück erhob sich aber plözlich ein leichter Landwind, so das Schiff wieder abgebracht ward. Wir mußten hierauf zwei Tage laviren, und legten in dieser kurzen Zeit keine drei Seemeilen zurück.

Noch nicht genug; troz seinen schönen Versprechungen hatte sich auch der Capitain nur äußerst spärlich mit Vorräthen versehen. Vergebens drangen wir in ihn, doch nach Bataviazurückzukehren; er fürchtete zu viel Demüthigungen für seine Eitelkeit. Hartnäckig bestand er daher darauf, im Gressec, oder Surabaye (an der Nordküste von Java) einzulaufen, wo er Matrosen und Vorräthe zu besorgen versprach. So steuerten wir also bis zum 24. December fort. Endlich befanden wir uns ungefähr zwei Seemeile von der Spitze von Banka, durch welche der Eingang in die Meerenge von Madure bezeichnet wird. Der Capitain beschloß, hier einige Zeit vor Anker zu gehen, um einen der Lootsen zu erwarten, die hier immer vorhanden sind. Da aber keiner davon sichtbar wurde, glaubte er sich noch wenigstens zehn Seemeilen vom Eingange der Meerenge entfernt. Er ließ daher die Anker lichten, und steuerte westwärts. Bald aber ward das Schiff von der heftigen Strömung gegen die Bank von Madure getrieben, so daß die Gefahr mit jedem Augenblicke stieg.

Man hatte uns am vorigen Tage allerdings bei dem Posten von Banka gesehen.Allein die See gieng gar zu hoch; uns zu Hülfe zu kommen, war eine Unmöglichkeit. Wir erfuhren dies von dem Lootsen selbst, der jezt in einer großen Pirogue zu uns kam. Zehn Stunden lang wendete er alles mögliche zu unserer Rettung an. Doch da Wind und Strömung gleich heftig waren, blieb ihm nichts übrig, als uns zu verlassen, und nach Banka zurückzugehen. Wir wurden von nun an, unserer neun zusammen, täglich auf ein Huhn, und jeder für sich, auf einen Zwieback, zwei Tassen Caffe, und ein Glas Wasser eingeschränkt. Erst am 1. Januar 1805 gelang es uns aus der Straße von Baly herauszukommen, worauf längs der Küste fortgesteuert ward.

Um fünf Uhr Nachmittags befanden wir uns einem holländischen Posten gegen über, der mit schönen Pflanzungen bedeckt zu seyn schien. Sobald uns der Commandant ansichtig ward, schickte er eine Pirogue ab, ließ uns Erfrischungen anbieten, und lud uns ein, vor Anker zu gehen. Leider konnten wiraber diese Erlaubniß nicht benutzen, indem selbst unser lezter Anker verloren gegangen war. Am folgenden Morgen befanden wie uns auf der Höhe von Balambouang. Jezt bekamen wir Stille, dann höchst veränderlichen Wind, endlich einen entsezlichen Sturm aus Nordwest. Wir verloren Segel und Masten, und trieben noch wenig Stunden, wie ein Wrack herum. Die Pumpen thaten fast keine Dienste mehr. Dabei waren wir täglich auf ein kleines Glas stinkendes Wasser, und etwas Reis beschränkt. Endlich beschloß der Capitain, die Ladung anzugreifen, die aus Zucker bestand. Er ließ daher ein Faß in die Cajüte bringen, wovon jeder nach Belieben nahm.

In den zwei folgenden Tagen hatten wir unterdessen einen Nothmast, und einige Nothsegel zu Stande gebracht. Auf diese Art hofften wir Timor zu erreichen, wo eine holländische Factorei befindlich ist. Allein vom dritten Februar an, trieb uns ein zweiter Sturm wieder rückwärts, so daß wir schon am sechstendie Spitze von Baly sahen. Am 7. Morgens um fünf Uhr erblickten wir ein großes dreimastiges Schiff, das aus der Meerenge heraus zu kommen schien. Wir hielten es für ein holländisches, oder amerikanisches, und wirklich zog es auch die leztere Flagge auf. Kaum hatte es sich aber etwas genähert, so öffnete es seine Stückpforten, zeigte englische Flagge, und kam mit vollen Segeln auf uns zu.

Jezt sahen wir nur zu deutlich, daß es ein großer englischer Caper war. Augenblicklich warf ich meine Depeschen und Carten über Bord. Noch einige Minuten, und der Capercapitain rief uns durch das Sprachrohr zu — »Strike amain! Strike amain, if you please!« — »Streicht! Streicht! wenn's beliebt!« — Dies war in der That eine satyrische Aufforderung, denn wie konnten wir nur einen Augenblick widerstehen? Bald darauf kam ein Offizier mit acht Matrosen an Bord, nahm von dem Schiffe Besitze; stellte an alle RudernSchildwachen, und hieß uns an Bord des Capers gehen.


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