Chapter 48

Erster Brief.

LeerNovemb. 1804.

Liebster Freund. Am 15. October erhielt ich Befehl und Anweisung, bis zum 10. November an Bord zu seyn. Ich eilte daher sofort nach Amsterdam, um alle meine Einrichtungen zu treffen, welches Gott sey Dank, über meine Erwartung von statten gieng. Hierauf kehrte ich am 27. October nach Peins zurück, wo meine Frau inzwischen alles eingepackt hatte, und reiste am folgenden Morgen mit ihr und den Kindern nach Dockum ab. Hier sollte sie bleiben, bis sich bequeme Schiffsgelegenheit nach der Capstadt fand.

So war alles in Ordnung gebracht. — Endlich am 5. Morgens — Nie werde ich den Augenblick vergessen, liebster Freund. — »O bleibe bei uns Vater! Verlaß uns nicht!« — riefen meine ältesten drei Kinder, und klammerten sich an mich an, während der Säugling ruhig in der Wiege schlief. — Wäre meine Frau nicht standhafter gewesen,als ich — Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke auf Alles Verzicht gethan. So riß ich mich endlich mit gepreßtem Herzen los. Meine Sachen wurden jezt in die Schuit[16]gebracht, und ich folgte mit thränenden Augen nach. Zu meiner Freude waren nur noch zwei Personen in dem Roef[17]daher ich ziemlich ungestört blieb. Abends kamen wir so in Gröningen an.

Ich hatte von Gröningen am nächsten Tage mit der Schuit nach Delfzyl zu gehen gedacht, wo ich Gelegenheit nach Leer zu finden sicher war. Allein es fror die Nacht so heftig, daß ich nicht weiter daran denken konnte. Ich ließ daher meine Sachen auf einen Wagen laden, auf dem sich zugleich ein Siz für mich und den Fuhrmann befand. Da es schon zwei Uhr war, als wir abfuhren, kamen wir Abends nicht weiter als Scheemda, ein großes, schönes Dorf, wo Nachtquartier gemacht ward.

Am folgenden Morgen gieng es bei schönem hellen Wetter, durch den reichsten und fruchtbarsten Theil der Provinz, nämlich das Oldampt. Besonders groß und prächtig sind die Pfarrwohnungen, wie denn die Geistlichen hier solche Einkünfte haben, wie vielleicht nirgends anderes in unserem Vaterland.

In der Nähe von Neuschanz (de Nieuwe Schans) war der Weg außerordentlich schlecht. Indessen kamen wir Abends ohne Unfall an. Hier lohnte ich meinen Fuhrmann ab, weil mit seinem schweren Wagen unmöglich weiter zu kommen war. Ich hielt es fürs beste, zwei kleinere zu nehmen, worauf die Reise am nächsten Tage weiter gieng.

Bald kamen wir nun auf preußischen Boden, indem der Grenzpfahl ganz nahe bei Neuschanz steht. Das Land verräth viel Wohlstand, besonders der Theil, der unter dem Namen, der Preußische Polder bekannt ist. Ueberall herrliches Wiese- und Ackerland, und die schönsten Bauernhöfe, von städtischem Ansehen. Dies machte michden schlechten Weg vergessen, der bei dem eingetretenen Thauwetter fast ganz ungangbar war. So kamen wir Nachmittags an dem Wirthshause an, das am rechten Ufer der Ems, ungefähr eine Viertelstunde von Leer, gelegen ist.

Ich hätte mich gern noch diesen Abend über den Fluß setzen lassen, allein es war unmöglich, weil er mit Treibeis gieng, und nur das kleine Boot mit großer Mühe hin und wieder fuhr. Da ich nun meine Sachen unmöglich zurücklassen konnte, ließ ich sie abladen, und in einen Schoppen bringen, wo nach der Versicherung des Wirthes alles in Sicherheit war. Bei meinem Eintritt in das Zimmer sah ich sogleich an dem schmutzigen Boden, und der sparsamen Erleuchtung, daß ich mich außer dem Vaterland befand. Ein Dutzend Münsterländer mit langen blauen Hemden, und dicken weißen Schlafmützen, saßen mit dampfenden Pfeifen vor dem Kamine, und erwiederten meinen Gruß in ihrer eigenthümlichen platten Mundart.

Nachdem man mir an der einen Ecke Plaz gemacht hatte, brachte mir der Wirth eine Pfeife, und stellte einen kleinen Tisch mit einer Flasche Wein vor mich. Hierauf fuhr er in einer Erzählung fort, die durch meine Ankunft unterbrochen worden war. Sie betraf seine Jugend, Verheiratung, und Ehe. Nach dem Tode seiner ersten Frau hätte er gern eine zweite genommen, allein er war zu alt dazu. Eine junge würdeihnnicht gewollt haben, und zu einer von seinen Jahren hatte er selbst keine Lust gehabt.

Auch schmerzte es ihn bitter, daß er in seiner Jugend nicht hatte reisen können, es würde etwas ganz anderes, als ein Landwirth aus ihm geworden seyn. Zum Beweise seiner großen Kenntnisse sprach er dann vom Vorgebirge der guten Hoffnung, was bei ihm Ostindien hieß, und von der unerträglichen Hitze, und den hottentottischen Affen daselbst, und dergleichen mehr. Die guten Münsterländer hörten mit offenen Mäulern und Ohren zu, ganz erstaunt überdie unerhörte Gelehrsamkeit des alten dicken Wirths. Indessen muß ich ihm lassen, daß er mir ein Abendessen vorsezte, das gar nicht übel war. Auch bekam ich im oberen Stocke ein reinliches Zimmer mit einem rechten guten Bett.

Am andern Morgen ließ ich mich nun mit meinen Sachen übersetzen, und gelangte in einer Viertelstunde nach Leer, mein vorläufiges Reiseziel. Hier nahm ich ein Zimmer in einem großen Wirthshause, bei einem gewissen Wagner, wo es mir aber durchaus nicht gefiel. Besonders stieß mich der gemeine liederliche Ton des Wirthes ab, den dieser am Gesellschaftstische angab. Ich sahe mich also noch denselben Tag nach einer andern Wohnung um, und fand auch bald ein recht artiges Zimmer mit einer angenehmen Aussicht obendrein.

Es war bei einer Schiffscapitainsfrau, die mir zugleich Kost, Licht und Heizung zu geben versprach. Für alles zusammen, das Zimmer mit eingerechnet, forderte sie nichtmehr als sieben Gulden, die Woche, was gewiß äußerst billig war. Das Schiff ist leider noch nicht angekommen, man erwartet es aber, so bald die Ems vom Eise frei ist. Unterdessen habe ich einen Theil meiner Bücher ausgepackt und beschäftige mich so gut es gehen will. Leer selbst, mit seinen 4000 Einwohnern, und seiner jetzigen Handelsstille, bietet so gut als gar keine gesellschaftlichen Hülfsquellen dar. Indessen kann mein Aufenthalt nicht lange dauern, und so nehme ich mit allem vorlieb.


Back to IndexNext