Chapter 49

Zweiter Brief.

LeerFeb. 1805.

»Der harte Frost macht alle Schiffarth unmöglich; drum will ich noch einmal Frau und Kinder sehn!« — So rief ich am Neujahrstage aus, und trat sofort die Reise an. Ich überraschte meine Lieben, brachte noch einiges im Haag in Ordnung, und kam vor ungefähr acht Tagen wieder hierher zurück.Seitdem hat es nun so stark getaut, daß die Ems völlig offen ist. Schon liegt ein Schiff nach dem Cap in Ladung, allein das unserige kommt erst übermorgen an. Der Himmel gebe, daß kein neuer Aufenthalt entsteht, damit ich doch endlich einmal meine Gemeinde begrüßen kann.

Unterdessen habe ich Leer ziemlich kennen gelernt. Würden Sie glauben, daß dieser kleine Ort eine lutherische, eine reformirte, eine katholische und eine mennonitische Kirche, so wie eine Synagoge hat? Die Ems fließt hinten daran weg, und ist im Flecken selbst nur von einigen Stellen zu sehen. Indessen trägt sie sehr große Schiffe, so, daß diese vor den Packhäusern ankern können, die an jener Seite befindlich sind.

Als ich gestern fortfahren wollte, kam meine Wirthin, mir zu sagen, daß eben unser Schiff angekommen sey. Sofort ließ ich mich übersetzen, stieg auf den Damm, und sahe es in der untergehenden Sonne gerade vor mir. Bald darauf langte der Capitainmit den übrigen Passagieren an, und wir machten die erste Bekanntschaft bei einer guten Abendmahlzeit. Diesen Morgen kam das Schiff vollends an den Wal, wie man hier sagt, so, daß es die Ladung einnehmen kann. Ich gieng mit einigen Freunden, es zu besehen, und fand, daß es ein gutes, festes, aber etwas kleines Fregattenschiff war. Nun, wir werden uns zu behelfen suchen, so gut es gehen will. Der Capitain, ein geborner Ostfriese, scheint ein recht guter Mann, und sorgt, dem Vernehmen nach, aufs reichlichste für unsern Schiffsbedarf. Er ist das freilich wohl im Stande, da jeder von uns eine sehr ansehnliche Summe für die Ueberfahrt zahlt. Dies ist indessen seine erste große Reise dieser Art. Doch hat er einen erfahrnen Steuermann, einen gebornen Holländer, der schon mehrere Reisen nach Ost-Indien gemacht hat. Eben so erwartet er einen Supercargo, der gleichfalls sehr gute Kenntnisse von diesen Gegenden haben soll. Indessen fand ich die Mannschaft, nur sechszehnKöpfe zusammen, für eine so weite Reise etwas schwach, weil doch immer ein Drittheil davon erkranken kann.

Leer ist der vielen Schiffe und Fremden wegen jezt äußerst lebendig, wobei sich der reiche Theil der Kaufleute besonders in Gastmählern zu zeigen sucht. Gewöhnlich sind es Abendmahlzeiten, von denen man aber oft erst Morgens aufsteht. In diesen legt man hier den größten Luxus zur Schau, besonders was die Weine betrifft. Der Bordeaux macht dabei den Anfang, und der Champagner den Beschluß. Ueberhaupt ist der Ostfriese von ruhigem, gutmüthigem, gastfreundlichem Charakter, so, daß es fast allen Fremden hier sehr wohl zu gefallen pflegt.

Dazu tragen denn auch in vieler Hinsicht die angenehmen Spaziergänge in der Nachbarschaft bei. Der besuchteste davon führt nach Bollinghusen, eine Art Gehöfte mit einem Herrenhause, das dem Baron von Reede gehört. Dabei befindet sich ein schöner Park und Garten, die jedermann offen stehn. Eingroßes wohleingerichtetes Wirthshaus mit einem Tanzsaal fehlt ebenfalls nicht. Es ist daher alle Tage, besonders aber Sonntags, große Gesellschaft hier.

Ein anderer angenehmer Weg führt nach Loga, ohngefähr eine halbe Stunde östlich von Leer, auf der großen Straße nach Deutschland. Dieses Loga ist ein ansehnliches Dorf, das aus einigen Straßen besteht und viele stattliche Gebäude hat. Unter diesen befinden sich mehrere Landhäuser, die sehr geschmackvoll eingerichtet sind. Besonders zeichnet sich das Schloß des Grundherrn, des Grafenvon Wedel, aus. Es ist fürstlich zu nennen, und mit den herrlichsten Park- und Gartenanlagen versehen.

Eine Viertelstunde nördlich von Leer erhebt sich mitten im freien Felde eine nicht unbedeutende Anhöhe, derPlettenberggenannt. Der Weg dahin führt zum Theil durch eine hohe Ulmenallee, bei den Ruinen eines alten Schlosses vorbei. Man hat von diesem Anhöhe eine sehr ausgebreitete Aussichtauf den schlängelnden Fluß, und einen großen Theil von Ostfriesland. Bei heiterem Wetter kann man selbst Embden, und die Schiffe auf der dortigen Rhede sehn. Nun, in kurzem werden wir selbst dort liegen, und dann mit Gott in offene See.


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