Vierter Brief.
In See Mai 1805.
Wir laviren im Kanal; die Küsten von England und Frankreich liegen deutlich vor uns. Besonders sind wir jener so nahe, daß wir die herrlichen Landhäuser zu erkennen im Stande sind. Es ist das herrlichste Wetter von der Welt, nur Schade, daß unsder Wind entgegen ist. Anfangs gieng es sehr gut, wir kamen schon am zweiten Tag in den Kanal. Aber seitdem haben wir schon vier verloren, und Gott weiß, wie lange das dauern kann. Mein Reisegefährte sagt mir, daß auf diese Art oft drei bis vier Wochen vergehn.
Unterdessen suche ich mich zu beschäftigen, so gut ich kann. Ich lese, ich schreibe, ich meditire, bald sitzend, bald stehend, wobei mein kleines Pult in die Koye gesteckt wird. Meistens wachen wir schon um vier Uhr auf. Dennoch bleibt jede Parthei allein bis acht Uhr, wo alles zum Frühstück in der großen Cajüte zusammenkommt. Dann folgt ein Spaziergang auf dem Verdecke, worauf jeder wieder in seine Hütte geht. Um elf Uhr versammelt man sich wieder im Caffehause, das von uns selbst errichtet worden ist.
Wir haben nämlich die Einrichtung getroffen, daß jeder nach seiner Reihe den Wirth machen und die andern mit Genever u. s. w. traktiren muß. Um 12 Uhr wird zu Mittaggegessen, wobei jeder aus seinen Provisionen etwas zum Nachtisch hergiebt, und so die ewigen Kartoffeln und das ewige Pökelfleisch etwas erträglicher macht. Wer eine halbe Stunde Mittagsruhe halten will, mag es thun, ich selbst befinde mich wohl dabei. Von drei bis sieben Uhr beschäftigen wir uns mit Lesen, Schreiben, Kommerzspielen und dergl. mehr. Um sieben haben wir das Abendessen, und dann kleine Wein- oder Punschparthien meistens auf dem Verdeck. Um zehn Uhr ist Schlafenszeit, wenigstens muß es in allen Hütten still seyn. Da haben Sie unsere Einrichtung, Tag für Tag, ohne Abänderung.
Fünf Tage darauf.
Gott Lob, wir haben endlich günstigen Wind bekommen, und nun geht es im Fluge den Kanal hinaus. Schon nähern wir uns dem Cap Lezard, oder der südwestlichsten Spitze von England. Indessen gab es diesen Morgen einen so heftigen Streit an Bord,daß wenig fehlte, wir wären umgekehrt. Ich habe ihnen schon gesagt, wie schlecht es mit den frischen Vorräthen des Capitain bestellt war. Dazu kam, daß er uns bei weitem nicht die kontraktmäßige Tafel gab. Hieraus entstand nun zwischen ihm, und dem Supercargo ein heftiger Wortwechsel, wobei natürlich jeder von uns des lezteren Parthei ergriff. Allein dies sezte den Capitain in solche Wuth, daß er sofort das Schiff wenden, und gegen den günstigen Wind anlaviren ließ. Nach einigen Stunden indessen nahm er seinen unvernünftigen Befehl zurück, und ersäufte seinen Zorn in einigen Flaschen Portwein, wovon er ein großer Liebhaber ist. Sie können jedoch leicht glauben, daß dieser Vorfall einen sehr unangenehmen Eindruck auf uns gemacht hat.
27. Mai.
Das herrlichste Wetter, der günstigste Wind. Gestern Morgens segelten wir bei Teneriffa vorbei. Herrlich war der Wiederscheindes majestätischen Pics in der klaren, spiegelnden Fluth. Nachmittags begegneten wir einem englischen Kaper, der uns beilegen hieß. Hierauf kam der Capitain desselben mit einiger Mannschaft zu uns an Bord. Er verlangte die Schiffspapiere, sah sie durch, erklärte sie endlich für gut, und verließ uns. Wir Passagiere hatten uns inzwischen in unseren Hütten verborgen gehalten, und kamen so mit dem bloßen Schrecken davon.
Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen Lichtmeere!Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich aus der Kapstadt selbst.