Fünfter Brief.
InselSt. Helena, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von den Engländerngenommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch denMondgebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher Breite gekommen, als wir amsechsten Juni, Morgens, gerade in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. Jeder beeilte sich nun Briefe an seineFreunde zu schreiben, und ich selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten,mußte sich an Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und sogleich ward alles zumWeitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung dauertevon Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen gewesen seyn.
Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren wir auf dieseTravate— dies ist der Schiffsausdruck — schon seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es natürlich tüchtigeStöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige FlascheWasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen verbraucht.
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich unser Lieutenant den Kurs nachSt. Helenazu nehmen beschloß. Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir hatten nur noch Wasser auf einen einzigen,was gestern war. Da sahen wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute Gebrauch davon. — Ich umarmeSie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von mir.