Chapter 53

Sechster Brief.

Bai vonSt. Helena,Juli 1805.

Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »raakte los«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte sofort an die Arbeit. Wir Passagierefuhren aus dem ersten Schlafe auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer Anker gefallen war.

Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nachNorden, und endigt in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige geschmackvolle Grabmäler sahen.

Als wir die Straße wieder herunter giengen, traten wir einen Augenblick in den oben erwähnten Graben hinein. Er steht jedermann offen, und ist mit den herrlichsten Pflanzen aller Welttheile bedeckt. Ein artiges Haus von Bananas, Citronen, Orangen und Palmen beschattet, zog besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich. Es schien uns der beneidenswerthesteAufenthalt auf der Welt. Plözlich hörten wir hinter uns holländisch sprechen, und erfuhren zu unserm Erstaunen, daß ein großer Theil der gefangenen Garnison von Surinam hier in englische Dienste getreten sey. Die Soldaten klagten aber sehr über die Theurung, besonders über den Mangel an frischem Fleisch. Es ist freilich natürlich, daß man alles für die Schiffe aufhebt, und daß sich folglich der gemeine Mann mit seinen gesalzenen Rationen begnügen muß.

Wir giengen nun weiter, um die übrigen merkwürdigen Gebäude von Jamestown zu besehen. Hier wurde uns zuerst das Haus des Gouverneurs gezeigt. Es liegt hart am Strande, mit der Vorderseite nach der Bai gekehrt, wird aber von dem Wege, der an der Batterie hinläuft, durch eine Mauer getrennt. Es ist unstreitig das schönste und größte Gebäude auf St. Helena. Die meisten Zimmer sind mit persischen Teppichen, ostindischen Moußelinbehängen u. s. w. verziert, und mit prächtigen Mobilien von Ebenholzversehen. In einem derselben sind die Bildnisse der englischen Könige von CarlI.bis GeorgIII.ausgehängt; auch findet man einen schönen Waffensaal. Der Graben enthält eine Menge seltner Pflanzen, und zeichnet sich durch seine trefliche Lage aus. Allein es ist ein eigener Anblick, wenn man die hohen Felsen dahinter so darüber herhängen sieht.

Weiter besahen wir die Kirche, die auf einem freien Platze steht. Sie ist von innen und außen recht zierlich anzusehen, und hat auch einen schönen Thurm mit Glocke und Uhrwerk. Eben so nimmt sich das Schauspielhaus, in geringer Entfernung davon, nicht übel aus. Dasselbe gilt von der Freimaurerloge, der neuen Offizierscaserne, und dem Billiardhaus. Lezteres ist zugleich ein Wirthshaus, wo ich die Nacht zu bleiben beschloß, indem der Supercargo zu einem Bekannten eingeladen war. Mein Abendessen bestand aus Salat, und einem Schinkenbeine, nebst zwei Gläschen Rum. Mein Bett war nicht das beste, und ein Frühstückforderte ich nicht. Jezt rathen Sie einmal, was die Zeche war? O nur eine Kleinigkeit! Nicht mehr als sechs und zwanzig Gulden holl., man kann nicht billiger seyn! — So sah ich denn mit einemmale, wie theuer hier Alles ist. Gegen Mittag fuhren wir an Bord zurück.


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