Chapter 54

Siebenter Brief.

Bai vonSt. Helena,Juli 1805.

Vorgestern erhielt ich einen unvermutheten Besuch von einem unserer Landsleute, der hier ein artiges Haus und einen großen Kaufladen besizt. Ich mußte ihn an's Land begleiten, und den Sonntag bei ihm zubringen, was ich natürlich sehr gern annahm. Er bewirthete mich aufs Beste, und ganz auf vaterländische Art. Bis auf den Roodkorß[19], nichts, gar nichts fehlte; alles war da.Später nahmen wir den Thee in seinem Garten unter einem herrlichen Orangenbaume ein.

Das Innere der guten Häuser ist sich hier fast durchgehends gleich. Die meisten haben zwei, auch wohl drei Stockwerke, die sehr regelmäßig eingetheilt sind. Um die beiden ersten Stockwerke pflegen Gallerien zu laufen, was sehr viel zur Kühlung beiträgt. Verwundert bin ich indessen, keine steinerne Fußböden zu sehen. Die Möbeln sind alle aus England; doch werden auch Stühle und Kanapees aus einer Art hiesigen ostindischen Binsen gemacht. Diese schönen Häuser sind aber einen großen Theil des Jahrs gänzlich unbewohnt.

Die Eigenthümer halten sich nämlich im Innern der Insel auf ihren Landgütern auf. Diese sind als eben so viele Einsiedeleien zu betrachten, indem jedes von dem andern durch Felsen und Schluchten getrennt ist. Nur wenn die ostindischen Flotten ankommen, eilt alles nach der Stadt. Jedes Haus wird dann ein Gasthaus, wo der Fremde Kost und Wohnungfinden kann, sobald er kein Geld zu sparen braucht. St. Jamestown ist dann äußerst belebt; Concerte, Bälle u. s. w. wechseln unaufhörlich ab. Auch werden zu dieser Zeit große Geschäfte in ostindischen und chinesischen Waaren gemacht. Hieraus wird erklärlich, warum die hiesigen Kaufläden so überflüßig damit versehen sind.

Man lebt hier im Allgemeinen ganz auf englische Art. Zum Frühstück: Thee, Butterbrod, kaltes Fleisch, gebackenen Fisch, und Kapwein. Zum Mittag: Rostbeef, oder Beefsteeck, gesottenen oder gebackenen Fisch, Gemüse und Pudding. Der Nachtisch von den auserlesensten Früchten; Kapwein, Madera und Bordeaux. Abends eine Kleinigkeit. Ein kleines Gebäcke, oder auch nur Brod mit einem Glase Milch, Ale, Groy[20], oder Wein. Ich finde dies sehr gesund; man schläft vortrefflich darauf.

Die Insel selbst bringt mancherlei Lebensmittelhervor. Dahin rechne ich außer etwas Weizen, vorzüglich die vortrefflichen Erdäpfel, die man das ganze Jahr hindurch in Ueberfluß hat. Dann die köstlichen Yams, die mit den Erdäpfeln verbunden das beste Brodsurrogat sind. Eben so eine Menge herrlicher Früchte, wie Citronen, Orangen, Melonen, Ananasse u. dgl. mehr. Auch fehlt es nicht an europäischen Gemüsen fast aller Art. Mehrere antiscorbutische Gewächse und Kräuter, wie z. B. eine Art Portulak, und Sellerie, die Petersilie, die Wasserkresse u. s. w. findet man hier das ganze Jahr an der Küste im Ueberfluß.

Das hiesige Rindfleisch ist vortrefflich, aber freilich so theuer, daß es nur der Wohlhabende bezahlen kann. Dieß kommt von den Viehseuchen her, die nicht selten aus Mangel an Wasser entstehen. Noch vor wenig Jahren z. B. kamen mehr als 2000 Stück schöne Rinder bei einer anhaltenden Dürre um. Schaafe und Ziegen giebt es viel, doch ist das Hammelfleisch etwas zäh. Das Schweinefleischhingegen ist ausnehmend gut. Wir hatten gestern ein Spanferkel von einzigem Geschmack.

An Geflügel und kleinem Wildpret fehlt es ebenfalls nicht. Man hat Rebhühner, Fasanen, Tauben u. s. w. besonders aber Hühner und Enten in Ueberfluß. Der aus Ostindien eingeführte Reisvogel vermehrt sich hier außerordentlich, und zwar sonderbar genug auf den Anhöhen. Auch die Kaninchen und Guineahühner, die der Gouverneur aus Liebhaberei unterhält, dürften in kurzem sehr zahlreich seyn. Seefische werden in ungeheurer Menge gefangen; man zählt nicht weniger als 70 Arten davon. Auch an Schildkröten fehlt es nicht, doch erhält man die größten von der Insel Ascension. Das Trinkwasser ist das treflichste, das man finden kann.

Was St. Helena sonst noch braucht, wird aus Englands vom Kap, aus Brasilien und von Angola zugeführt. Jährlich kommen nämlich wenigstens vier, und zuweilen noch mehr Proviantschiffe mit den nöthigen Artikeln,wie Mehl, Pökelfleisch, Schinken, Zungen, Weizen, Schaafen, Butter, Wein, Manufakturwaaren u. s. w. an. Es fehlt daher in der Regel an nichts in St. Helena, nur daß alles, zumal wenn die ostindischen Flotten da liegen, ungemein theuer ist.

So kostet z. B. ein Huhn nicht weniger als zwölf Gulden holländisch[21], während ein kaum jähriges Ferkel mit hundert siebenzig Gulden bezahlt wird. Ein Pfund Havanah Cigarren kostet 36 Gulden, ein Glas Liqueur einen Gulden, und so fort. Jeder Verkäufer nimmt hier 180 bis 200 pro Cent. So der Einwohner, der an die Schiffe abgiebt, so der Schiffer, der seine Waaren absezt. Man sollte gar nicht glauben, wie viel Geld hier in Umlauf kommt. Vor einigen Tagen z. B. verkaufte nur ein Capitain in weniger als 2 Stunden für 7000 Pagoden[22]an Werth. Die Kriegsschiffe, die hier mit Prisen einlaufen,lassen oft hunderttausende zurück. Auf diese Art leben die Einwohner, wenn man die Beamten abrechnet, durchgehends von der Landwirtschaft und dem Schiffsverkehr.


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