Chapter 59

Zwölfter Brief.

Plymouth, 27 October 1805.

Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich 5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald ward nun auch Nelson's Tod bekannt. —Nelson is killd! — Nelson is killd![31]riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe ist.

Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlichschlechtwegthe Dock, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten Straßen von the Dock ein.

In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichenGebäuden sind besonders das außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu jeder Stunde des Tages miethen kann.

Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen Klippensonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.

Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht artig meublirt war.

Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke vonTabak eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine eigenen Lebensumstände zum Besten gab.

Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis 1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren 1756-59 vollendet,und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.

Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich nie von seinem lieben Thurme hinweg.

Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind regelmäßig drei Wächter angestellt. Der drittewar gerade auf einige Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten Winde nach Plymouth zurück.

Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen Park, der über eine Stunde im Umfange hat.

So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- undMyrthen-, Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von England gerechnet werden wird.

Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der Bay gleiches Namens liegt.Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.


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