Chapter 60

Dreizehnter Brief.

Portsmouth, 7. November 1805.

Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessenwährte es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.

Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.

Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern bemerkt. Siepflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.

Den andern Morgen gieng ich aus, die Stadt zu besehen. Sie liegt an der schiffbaren Exe, ist im Ganzen nicht übel gebaut, hat mehrere schöne öffentliche Gebäude, und mag ungefähr 2000 Einwohner zählen, deren Hauptnahrung in Wollfabriken und Handlung besteht. An der Nordseite der Stadt befindet sich ein vortrefflicher Spaziergang, Northernhay genannt, der unter die schönsten von England gehört. Sonst sind die Umgebungen von Exeter etwas einförmig, denn sie bestehen blos aus Weideland. Dafür wird aber auch starke Viehzucht getrieben, und sehr viel Butter verführt. Ein artiges Dörfchen ist Drewstington, man kann daselbst mehrere alte Denkmäler sehen. Nicht weit davon fließt der Teign in einer sehr romantischen Gegend, und zwischen hohen Felsen eingepreßt. Ein anderes schönes Dorfist Exminster an der Exe, deren Ufer mit herrlichen Landhäusern eingefaßt sind.

Am folgenden Abend nahm ich einen Plaz in der großen Londoner Evening-Coach bis Salisbury. Die Gesellschaft war klein, wir schliefen überdem sämmtlich in einem Stücke weg. Um Mitternacht indessen hielten wir an, tranken Thee, und fuhren dann wieder in einem bis Exminster, wo gefrühstückt ward. Dies ist ein Stätdchen, das seiner schönen Teppiche wegen bekannt, und nicht mit obigem Dorfe zu verwechseln ist.

Als der Tag anbrach, befanden wir uns in einer schönen gebirgigen Landschaft, die vortrefflich angebaut zu seyn schien. Wir kamen durch eine Menge Städte, Flecken und Dörfer, deren Namen ich vergessen habe, und erreichten endlich zu Mittag das alte häßliche Dorchester, wo gegessen ward. Meine bisherigen Gesellschafter giengen hier ab, dafür stiegen drei neue ein. Es waren drei junge Leute aus London, von denen besonders der eine mit vieler Selbstgefälligkeitvon seiner Vaterstadt spracht: — »Yer in my town!« — hieß es immer, sobald die Rede auf London kam. Abends um 5 Uhr waren wir in Salisbury; ich beschloß hier einen Tag auszuruhen.

Salisbury liegt am Zusammenflusse des Avon, der Nadder, und des Villey, und ist eine finstere, häßliche Stadt. Die Straßen sind eng, winklicht und schlecht gepflastert, die Häuser altväterisch und geschmacklos gebaut. Sehr sehenswerth indessen ist die Kathedralkirche, die mit ihrem herrlichen Thurme für das schönste gothische Gebäude in ganz England gehalten wird. Eine andere Merkwürdigkeit von Salisbury sind die alten Denkmäler aus den Zeiten der Druiden, auf einer ungeheuern wüsten Ebene, Stoneheng genannt.

Ich war jezt willens, ohne weiteren Aufenthalt geradesweges vollends nach London zu gehen. Unvermuthet aber kam in unserem Wirthshause eine Postchaise aus Portsmouth an, und bot mir eine eben so bequeme,als wohlfeile Gelegenheit dahin dar. Ich eilte also davon Gebrauch zu machen, verließ Salisbury noch denselben Abend, und kam am folgenden Morgen über Ramsey in Southampton an. Hier beschloß ich den Tag über zu bleiben, und erst den Abend mit der Evening-Coach weiter zu gehen.

Southampton liegt eben so vortheilhaft als angenehm zwischen den Flüssen Test und Itchin, die beide tief in das Land hinein vollkommen schiffbar sind. Die Stadt ist im Ganzen sehr gut gebaut, und verräth überall Wohlstand und Lebhaftigkeit. Unter den vielen Kirchen und Kapellen, befindet sich auch eine französische, zum Dienst der Einwohner von Jersey und Guernesey, von denen hier immer eine gewisse Anzahl vorhanden ist. Eine andere Merkwürdigkeit von Southampton ist der schöne Spaziergang the Beach genannt. Man findet hier mehrere Reihen herrlicher, schattenreicher Bäume, und hat die Aussicht über die spiegelnde Bay bis auf die gegenüberliegende Insel Wight. Noch größere und mannichfaltigereAussichten aber hat man auf dem in der Nähe der Stadt befindlichen Bewis-Mount. Hier kann man noch den ganzen Hafen von Portsmouth, und selbst einen Theil des Kanals übersehen.

Abends gieng ich nun, wie gesagt, mit der Evening-Coach nachPortsmouthab, und kam daselbst am andern Morgen an. Diese Stadt liegt auf einer Halbinsel, Portsey genannt, und kommt fast in allen Stücken Plymouth bei. Bei hohem Wasser, d. h. zur Fluthzeit wird die Halbinsel ganz vom Meere umringt; sie ist daher durch eine eigene Brücke (Portbridge) mit dem festen Lande verknüpft. Der Hafen von Portsmouth kann gegen 1000 Linienschiffe fassen, und ist in jeder Hinsicht einer der ersten in der Welt. Die hiesigen Decken u. s. w. zeichnen sich daher durch Umfang und erstaunenswürdige Thätigkeit aus. Portsmouth ist nämlich als der Centralpunkt der englischen Marine zu betrachten, von wo aus immer die ansehnlichsten Escadern abgehen. Auf dem Hafenhat man übrigens eine herrliche Aussicht auf das gegenüberliegende Gesport, das prächtige Seehospital, Spithead, und die Insel Wight.


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