Chapter 61

Vierzehnter Brief.

London, December 1805.

Ich verließ Portsmouth mit der Evening-Coach, und kam am andern Abend glücklich hier an. Wir fuhren wohl noch eine Stunde lang durch die Stadt. Endlich kamen wir an der St. Paulskirche vorbei, und hielten bei dem Wirthshause zum Doppel-Schwane in Ladlane still. Hier nahm ich ein Zimmer, aß, und schlief vollkommen wohl. Am andern Morgen suchte ich den Prediger an der holländischen Kirche, Herrn Wernink auf, fand ihn, und überzeugte mich in wenig Minuten, daß ich bei einem Freunde, Collegen und Landsmann war.

Jezt gieng es nun an die Erzählung meiner Abentheuer von meiner Abreise von Embdenan, bis auf den heutigen Tag. Darauf sprachen wir von meinem Vorhaben, einige Zeit in London zu bleiben, und von der besten Art meiner Einrichtung. In dieser Absicht führte mich Herr Wernink zu einer braven Frau in seiner Nachbarschaft, und miethete ein artiges Zimmer zu einer Guinee monatlich für mich. Von hier giengen wir auf die Börse, wo ich noch mehrere Landsleute kennen lernte, und aßen dann ganz auf vaterländische Art bei einem Herrn Backhuis, der unser erster Kirchenvorsteher ist. Nach Tische, d. h. ungefähr um 7 Uhr Abends, nahmen wir eine Miethkutsche, fuhren nach meinem Wirthshause, berichtigten meine Zeche, und holte meine Sachen ab. Ich mußte hierauf die Nacht bei Herrn Wernink zubringen, und bezog mein neues Logis erst den andern Tag. Was meine Oekonomie anlangt, so aß ich, gegen eine billige Vergütung Mittags mit Herrn Wernink, und finde das übrige, wie Frühstück u. s. w. zu Hause selbst.

London ist so oft beschrieben worden, daß ich Ihnen in topographischer Hinsicht lieber gar nichts sagen will. Dafür mögen einige Bemerkungen über Clima und Lebensart hier stehen. Das Clima ist feucht und veränderlich. Man rechnet 50 bis 60 Tage, wo die Sonne gar nicht, und 120 bis 130, wo sie nur wenig zum Vorschein kommt. Die Winde wechseln, besonders in den Herbst- und Wintermonaten, wohl zwanzigmal des Tags ab; die herrschendsten scheinen indessen die Nordwest und Südwest zu seyn. Die Winter sind gewöhnlich ziemlich mild, die Felder und Wiesen bleiben fast immer grün. Der Frühling zeigt sich meistens schon im Februar, die Temperatur ist dann sehr angenehm. Die Sommer sind verhältnißmäßig heiß; doch wird die Luft oft nur zu merklich abgekühlt. Der Herbst ist in der ersten Hälfte, sobald die Stürme vorüber sind, fast immer von großer Lieblichkeit.

Was die Lebensmittel anlangt, so finde ich, daß sie im Ganzen zwar vortrefflich, aberauch äußerst theuer sind. In diesem Augenblicke z. B. kostet das Pfund Rindfleisch 30 kr. rhein., das Pfund Kalbfleisch 42 kr. und so fort. Ein guter Kabeljau wird mit 5 Gulden, ein Pfund Lachs mit 54 kr. bezahlt. Ein Pfund Weißbrod kostet 16 kr., ein Pf. Butter 54 kr., eine Kanne Milch 24 kr., ein Pf. Käse 36 kr. und so alles in gleichem Verhältniß. Der theuerste Artikel ist das Geflügel (ein Huhn 3-6 Gulden). Der wohlfeilste dürfte das gewöhnliche Gemüse (Erdäpfel, süße Pasteten und Braunkohl) seyn. Für eine Flasche Bordeauxwein werden 5 Gulden, für eine Flasche alten Rheinwein 10-12 gezahlt.

Von den Preisen anderer Artikel führe ich folgende an. Ein Paar Stiefeln 24 Gulden, ein Paar Schuhe 7-9, ein guter Hut 12-15 Gulden, ein halbes Dutzend feine Hemder 70-80 Gulden u. dgl. mehr. Ein Fremder, der in London nur einigermaßen anständig leben will, braucht zwischen 4 bis 5 Pfund die Woche, und muß dabeidoch noch haushälterisch seyn. Für ein meublirtes Zimmer in den besten Theilen der Stadt, wie Chearside, Falbern u. s. w. zahlt man nebst Aufwartung 24 Gulden den Monat, in andern Theilen kommt man mit 12-16 Gulden ab.

Der gewöhnliche Thee zum Frühstück ist sehr mittelmäßig, ob er gleich mit 4-5 Gulden bezahlt wird. Ich wette, daß man bei uns dieselbe Sorte für 2-3 Gulden haben kann. Das Brod ist gut, kommt aber dem Fremden anfangs etwas bitter vor, was von den Hefen herrühren soll. Die Butter ist frisch vortrefflich, nimmt aber schon nach einigen Tagen einen ranzigen Geschmack an. Das Wasser ist schlecht, bleifarbig und immer trüb. Es wird entweder aus der Themse, oder aus dem New River in die Stadt geleitet, wobei man freilich nicht an die ekelhafte Nachbarschaft der Schiffsabtritte, der Schlachthäuser u. s. w. denken muß.

Vorige Woche machte ich auf besondere Veranlassung eine kleine Reise nach Chislehurst.Dieses ist ein artiges, höchst pittoresk gelegenes Dorf, nur ungefähr 6 Stunden von hier. Es befindet sich ein großes Erziehungsinstitut daselbst, das von einem HerrnMace, einem sehr würdigen Mann, geleitet wird. Ein Fremder, der die Sprache aus dem Grunde kennen lernen will, thut sehr wohl, wenn er auf einige Monate in eine solche Kostschule (Boardings-Schoal) geht. Man nimmt nämlich in allen solchen Instituten auch erwachsene Pensionäre auf. Diese zahlen in Chislehurst für alles 6 Guineen monatlich. In den Boardings-Schoals näher bei London, wie Islington, Chelsea u. s. w. ist man freilich weniger wohlfeil. Die Luft von dem hochliegenden Chislehurst ist sehr gesund, auch scheint das Wasser vortrefflich zu seyn. Nach London giebt es täglich bequeme Postgelegenheiten. — Ich erwarte nur noch einen Brief aus Amsterdam, um sofort nach Holland überzugehen.


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