Viertes Capitel.
Aber was nun anfangen? — Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen! — Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. — Endlich fiel mir ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus, seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch. Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten zusammen zu ziehen, als ich auf einmal — doch hierüber muß ich etwas umständlicher seyn.
Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und sodie Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter dankte mir mit Thränen dafür.
Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir. Mein Geld nahmab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.
»Wie lange sind Sie aus England?« — fiel er mir plözlich ein.
»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«
»So? — Also sind Sie in Indien geboren?«
»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«
»Können Sie die Bücher englisch führen?«
Ich verbeugte mich.
»Gut! Gut!« — fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie!« —
»Mein Herr! — Ich bin zu Ihren Diensten. — Aber wie soll ich Herrn Popham.« —
»Das ist meine Sorge. — Treten Sie nur in Gottes Namen an. — Aber Sie sehen so elend aus? — Sind Sie krank?« —
»Das nicht, mein Herr — Aber« — gieng ich aufrichtig über meine Lage u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.
»Das ist brav!« — sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. — »Bei Gott, das ist brav! — Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« — fuhr er fort, indem er in die Casse griff — »Hier sind hundert Pagoden auf Abschlag — Und diesen Abendschicke ich Ihnen zehn Säcke Reis. Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«
War es ein Traum? — O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor Freuden. — Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!