Chapter 8

Fünftes Capitel.

Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden; stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine MengeSchiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf. Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien, die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war. Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze Stadt.

Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an; jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.

Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hundeheulten, die Vögel flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen, und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.

Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen, und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.

Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt;die Trümmer wie Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang. Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig dahin. — Welche Nacht! — Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran. Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern bedeckt.


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