Sechstes Capitel.
So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen, auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum Himmel auf. Endlich ward alles still. — O Menschen, und Menschenleben! — Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.
Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange beiihm ausgehalten; ich weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.
Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt — wo wir wohnten — am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's Land zurück.
Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war es dreiUhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.
Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den Strand.Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende Meer erhellt sich! — Kein Schiff, so weit das Auge reicht!