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Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt; Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer waren vom Verband festaufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen fragenden Blick.
»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du verdienst es wahrlich.«
Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen, um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand mich sogleich.
»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken, sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert den ganzen Tag von ihrem Riesen.«
Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrlichesLeben aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen – ach, nur ein Ave lang!
Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen, über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich, den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen, wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte.
Dann endlich kam der siebente Tag.
»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise lächelte verstehend.
»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung richtig ist und deine Wunden es gestatten.«
Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den Verband. Neugierighob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und deutete ihm, den Spiegel zu reichen.
Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später, der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.
»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der Erdentag, du wechselst ihn wie einGewand oder wie bestaubte Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«
Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:
»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein Freund, mein Bruder.«
Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht, und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn.
»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob nicht, dennmein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab.
Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen lag in meiner Rechten. Es plapperte und fragte und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe mich sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich Federball spielen könnte und wann ich aufstehen dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das Kind nicht mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte es nur mit den Augen an.
»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«
Ließ sich der Emir nicht Vater nennen? Erkannte er sie nicht als Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, doch er stand im Schatten, und seine Züge schienen sich nicht zu bewegen.
»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide kommt nun jeden Morgen.«
Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben überflutete mich mit Entzücken. Am Vorhang blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze hoch und rief:
»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«
Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen und starrte auf die Kleine; der Arzt, der Emir liefen auf mich zu und legten mich sacht nieder, wähnend, die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht. Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der Negerin stand und die Augen voll Tränen hatte.
»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«
Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an goldener Kette hing ein Braunschweiger Löwentaler um ihren Hals.
»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes rätselhaften Wegen, und fiel erschöpft in die Kissen zurück.
Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände zitterten leicht, als er mir über die Stirn strich.
»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin und senkte den Kopf, als betete er.
Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die Augen schließen und fühlte mich sanft entgleiten, als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen Weges waren erwählt und gezeichnet; ja, wahrlich, kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen Willen.