11
Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; meine Rechte in seinen schlankem kühlen Händen haltend, begann er halb Deutsch und halb in seiner Heidensprache:
»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte sonder Zögern, denn Krankheit kennt keine Geduld. Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht ich, sondern der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von Anfang an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches Staubkörnchen auf Gottes ewigen Wegen ist.
»Ich ritt – es sind wohl sechs Jahre her – über den Sklavenmarkt von Damaskus, mit einem dürren, früh verschwendeten Herzen ritt ich und prüfte Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer Schar nackter Negerweiber, in einem linnenen Hemde, darüber die Münze, die du bei Sobeide erkanntest. Sie lehnte an einer Zeltstange, die Augen geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. Ich kannte den Korsaren, dem Zelt und Ware zu eigen, er hatte mir oft genug weiße und dunkleMädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen Blick, sprang dienstbeflissen hinzu und griff mit der rohen Faust an ihr Gewand, um mir ihre Glieder hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer vergesse. Freund, ich kann es heute noch nicht erklären, ob es Liebe oder was immer war, genug, wir brannten ineinander, und der weite Markt um uns ward fremder als das Ende der Erde. Zum erstenmal empfand ich deutlich: es lebt niemand für sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, mehr oder weniger auf Tod und Leben, auf Zeit und Ewigkeit.
»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte: Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem Kopf andas Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«
Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir sprechen, wenn ermeineGeschichte erführe? Aber nimmer würde das sein.
»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die Hufepochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.
»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an, daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr, mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden. Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund, immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht beschieden, Emir.‹
»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheitder männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte, so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹ fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹
»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien,und ich sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹
»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.«
Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen, und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die gesunde Hand.
»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollstsie noch in dieser Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.«
Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels. Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen.
»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den Schlummer eines Weibes gestört zu haben, aber damals habe ich ihn bewacht, wie eure Ritter ihres Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden Launen: jetzt kam ich mir großartig, im nächsten Augenblick abgeschmackt, im dritten schmachvoll übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes ich der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch das Spiel war neu für meine stumpfen Sinne und fesselte mich. Immerhin schien mir klar, daß ich in der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, sollte ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, Freund Ronald, im Sieg über das Weib erblickte ich zu jener Zeit meine Triumphe.
»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten meine Gelüste und dämpften meinen Mut. Ich ließihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad bereiten, und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, wie ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den Morgenimbiß. Mir war, als sei die Lieblingsfrau Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit wuchs unter den wenigen belanglosen Reden, die wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am Stocken des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder Flucht, da uns zu dem, was uns im eigentlichen beseelte, die gemeinsame Sprache fehlte. Mein alter Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie Salomo. Ich stotterte von einer dringlichen Reise, befahl sie in die Obhut des Greises und wies ihr meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort und Atem holen.
»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, aber nicht ein Sandkorn rann durch die Stunde, ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem zügellosen Erben war ein wortkarger, ernsthafter Mann geworden, dessen Leben eben erst im Anfang stand … Was ist dir?«
Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel walltemir vor den Augen. Jenseits einer ungeheuren Schlucht stand die Vergangenheit und winkte herüber. Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in Gottes Hand und dürftig ihre Schicksale.
»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte von den Anfängen des Lebens, die sich absonderlich oft wiederholend berührten.
Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, sichtlich in innerer Bewegung, fort:
»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis der Ewigkeit dieses Erdendaseins? – Doch laß mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar meine Geschichte nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt ist. Die Sehnsucht – Wünsche ohne Häßlichkeit – trieb mich wieder in mein Haus, ich sah sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem Augenblick versank die eben emporgestiegene gute Welt in mir, ich wähnte mich von einer Dirne, die sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten Weise betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. Sie entzog sich mir nicht, sie richtete ihre Augen auf mich, und meine sinnlosen Worte erstarben, die freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln,ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich kämpfte. Der Arzt verließ lautlos das Zimmer.
»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines toten Gefährten,‹ sagte sie mit einem eigenen Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden, Emir Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, die uns zu überschreiten versagt ist.‹
»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ rief ich freudig aus, alles Trennende vergessend.
»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über mir, ich hätte ihr größere Dinge geglaubt als dies: ›Emir, wir sind einander begegnet, seien es tausend oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen sind für immerdar nebeneinander in Gottes bunten Teppich geknüpft.‹
»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein! Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen gefunden.
»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzteich leise, doch sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben, wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren. Emir Jussuf‹ – ihre Stimme klang wie goldener Harfensang – ›du meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹
»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus meiner starren Einsamkeit, niewieder blieb ich allein. Und plötzlich ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin, ich –‹
»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen, Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren – Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei.
»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹
»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg.
»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise,›mein Gemüt ist verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem langen Wege.‹
»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich in der Schande untertauche.‹
»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies, da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden vertrauende undfröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen Leibe.«
Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf:
»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie, die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht.Sie schleppte sich noch einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden, Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal. Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was es heißt, die Liebste zu verlieren –«
Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in seinem Schmerz.
»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in diedunkle Pforte zu stürzen, aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.«
Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes, Schönstes.
»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam ablenkend.
»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich, eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch – was fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen, aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner, und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren willst.«
Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß:
»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe, er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«
Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung und Erstaunen ließ er zurück.