12
Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach – was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne, ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühezügelte; denn trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind.
Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann – wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber Ausgang!
Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt. Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuldsich aufErdenräche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war.
Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine Vornehmheit saßunterdem Kleide und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich, ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs solltedas alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies war mir zugesichert.
Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle sprengen, wenn es reif geworden ist.
Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraftwar eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.
Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte, daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meineZugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.
Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die Hand und sagte herzlich:
»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. – Doch ich komme wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«
Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.
»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über dieAbwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.
»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«
Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine Stimmung tief herab.
Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, diemit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.
Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wildeSpuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.
Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden bezahlen.
»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.
Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe:
»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«
»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine Ware.«
Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig. Mich hielt es nicht mehrauf dem Markt und in der Stadt, durch die ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß ich willenlos versank.