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Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück? Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte.

Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen. Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie gingen betroffen hinaus.

»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die schöne, kühne, blonde Jugend,die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz:

»Du heißt?«

»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief: »Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.«

»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken, du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids geschehen.«

Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:

»Mir ein Leids tun? Willstdudas etwa versuchen? Oder vielleicht dein braunes Ziefer?«

Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs!

Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen. Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein, da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken.

Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben. Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave gehabt habe, bevor ich –«

»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot aus meiner Hand.

Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:

»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in den Staub wirfst.«

Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig anzusehen und stammelte höflich:

»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«

»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.

»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln, denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«

»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er erfährt –«

Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senktedie Augen. »Warum zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei.

Bereitwillig gab er Antwort:

»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen. Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.«

Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster, keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald, mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich einige Jahreverwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz, auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.

Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.

»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte und harre deiner Stunde in Geduld.«

Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen an:

»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so geschieht es.«

Den anspringenden Schrecken – nachher wurdemir bewußt, wie sicher mein Herz empfunden – dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend.

Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie hatten ein ganz anderes Los befürchtet.

»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!«

Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und genoß.


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