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Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften, toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.
»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in Flammen.«
Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte:
»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld wehrtmich ab. Wie? – Geduld? – Ich habe sie all die Jahre gehabt, nun aber geht es über meine Kraft.«
Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen, die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein paar alte Narren und wußten es nicht.
Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor, hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen aufschließen und trat ein, angenehm vonmeinen Gedanken abgezogen von einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still, das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert, die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und Büsche verwildert, unbeschnitten – Harald wünschte offenbar sein Brot nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen, was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.
Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein seidener Vorhanghing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende, Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, sehnendes Wort aus Mädchenmund – meine wilde Jugend stand so jäh vor mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen gerichtet hatte.
Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein Seil herunter, daranein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.
Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.
Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.