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Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein Eigentum betrog – er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau,die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.

Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond festsetzen.

So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blondeHaupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum merkliche Bewegung.

»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich halten zu können!«

Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine Kraft zusammen.

»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«

»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu stehlen?«

»Ach, du Schleicher! – Die Braut eines – Mach dich nicht lächerlich, Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.«

»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide, mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?«

Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt.

»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder –?«

Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen – wie eng beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:

»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon: sage mir eins: Hast du sie angetastet?«

Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und schrie:

»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du sie verschachern!«

Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde Befreiungwar in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß, faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um Horcher zu tun.

Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons.

Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß es nicht zu! Nicht zu!

Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun, überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper auf meineArme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben, diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht über meine Kraft. Denn ich hätte esnichtertragen.

Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn schweigen.

»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen. Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich miteinander meint!«

Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir.

»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für Freundschaftsbeweise, aber Knochen wieein Gaul oder wie mein Vater – sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein christlich Herz?«

»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing.

»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge; »jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«

Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da half er mir selber:

»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie kannstdu, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«

In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut gejubelt.

»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen will, für immer zu schweigen!«

Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen.

»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«

Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu, umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief:

»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir – ein Bistum!«

Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen kurzen Augenblick.


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