16
Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden Herzens schritt ich in das Frauenhaus.
Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir hatte. Mein Kind – war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden. Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.
»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie schwerer an meine Brust sank.
Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen.
»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«
»Nein,« sagte ich und wußte genug.
Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise.
»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«
So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände, unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen.
»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«
Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht.
»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der edelste und gütigste Mensch – nächst dir, Vater,« verbesserte sie sich und streicheltemeine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm lassen, im Leben und im Tode nicht.«
Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine Wahl.
»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, und wehe, wenn uns Jussuf einholt!«
»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«
Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er, der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam, leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos in meinem Arm.
»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein Leid!«
Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der Freude, der Lust.
»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend. »Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«
»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug, viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.«
Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge, heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu greifen.
»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«