17
Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen durfte.
Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß.
»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen Mantel. Und – hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.«
Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch,füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben. Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes – unter harten Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie. Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem Blut!
Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding, ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß zufrieden.
Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose Jugendzeitverdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen, schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend, an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt.
Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer Weisemitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem des Priesters gleichstellen.
Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtigeKraft war dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm das Kind emporreichte.
Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war docheinZiel dieser Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer.
Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken, aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren,flimmernden Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase.
Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg, trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln.
Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war der Emir.
Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ichrief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf mich ein.
Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!
Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein vonSchweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.
Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinemRoß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.