20
Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ichihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat.
In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein, einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit, gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig.
Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild derheimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt, aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr irdisches.
Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht, mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte, schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet.
Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zuTisch; es war dies der Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien.
Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und sagte fast heiter:
»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer denen, die uns dieser Wildling entführte.«
Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide zugebracht under keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als die Jagd.
»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die Wolken dunkler flogen, und bemerkte:
»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird mit Regen enden.«
So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben habe.
»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten gesiegt!«
Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt.
Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den Boden.
»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«
Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit der Älteren und konnte dieZeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit klangloser Stimme:
»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?«
Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit. Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben ergriffen.
»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«
»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von unsichtbaren Fäusten:
»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«
Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen Tage warm in meine Brust,ich stand in einer inwendigen Lohe wie in Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen.
Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise:
»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns, und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«
Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg.