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Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines, ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte, und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte Groll in mir dahin.

Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch der Bastard wurde ungeduldiger;ich merkte, wie er sich sehnte, sein Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne.

»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,« begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den bitteren Nächten.«

Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft trotzen zu können.

»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke mir diesen Abend, dukannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.«

Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er seufzte auf und sprach:

»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden in der Hand. – Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten,doch er zog mich an der Hand zurück und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹

»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das warWipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen Blicken, wie sehr er mich verachtete.«

»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.

»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen verspreche?‹ – ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen habt.‹ – ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im Wählingerlande.‹ – ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich verbringe die Nacht hier.‹

»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ – So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr darin.«

Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.

»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über meinen Eifer, und ich:

»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts voraus.«

»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lagfast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten – kurz, sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vomBetruge getäuscht war und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie selbst mich zurück – zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst inihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben – dies kam mir gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm Urlaub – Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.

»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu stehlen.

»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren, die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte– dir zur Gesundheit, Bruder! – einen Erben vom echten Stamm!«

Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.

Der andere fuhr fort:

»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.

»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin hielt iches hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler als sonst –«

Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:

»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen.Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch. – Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.

»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genugins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.

»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«

Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaumdaß ich sie verstand. Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch quälte, es mußte heraus:

»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«

Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und antwortete:

»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen. Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die, dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von deiner Heimkehr ersehntest?«

»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.«

In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit, in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte um seinen Mund.

»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.«

Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen Augen lachten mich freundlich an.

Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte ich die geleerte Kanne und rief:

»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum Narren machen? Und Aleit dazu? – Wir wandern den zweiten Pfad, aber – wie stehts mit der Wegzehrung?«

Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor.


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