22
Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen, daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen wäre. Wir vergaßen Aleits.
Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens zu. Es fiel mir nicht einmal auf,daß sie mich häufig suchte; sie fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen auszusprechen.
»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit, daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«
»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in seinkärglich Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.«
Der Bastard lächelte schmerzlich.
»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, was dir ihr Herz bietet.«
Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte, stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb, wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem. Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches Dasein.
Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zuverlassen und abermals pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten.
Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich.
»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich gänzlich verändert.«
In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren, ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und um Atem rang. Und sie:
»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen sonderer Art steht,und« – wie ein Hauch kamen die Worte von todblassen Lippen – »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.«
Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen Trockenheit fort:
»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke das Schlimmste, und du siehst recht.«
Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, Nacht und Schatten verbargen mich.
»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn lieb und war sein eigen.«
Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:
»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all meinSein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«
Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:
»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte – glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, alsder Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«
Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich, und sagte:
»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte, wie männlich und fest sie geworden war.Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben. – Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«
Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.
»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich verraten.
»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne.War es seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹
»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Ertat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«
Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme, blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick, las und senkte die Lider.
»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog an und fand, was ich nichtsuchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten – denn ich konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen – meine Blicke in die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen, ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure Gegenwarthielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich, das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.«
Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine jämmerliche Schuld.
Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos, daß ich sie kaum erkannte.
»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals Ähnliches begegnet?«
»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes lächelnd, Jussuf.
Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, von feigem Neid zerfressen und ermattet.
Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand auf meine Schulter.
»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von so verirrter Seele ab? Ist deine priesterliche Gewalt nicht groß genug, meine Schulden mit dem Absolvo zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wiedas deine gelitten hat, so große Sünde nicht mehr fassen? – Einen weiß ich, der mich dennoch aufnimmt, denn ich fühle seinen kalten Atem hinter mir.«
Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse Angesicht von einem Schein verklärt, der nicht mehr von dieser Welt war. Von der eigenen Angst plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor den Laden, schürte das Feuer noch einmal und stand wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß ich mein lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.
»Arme Frau,« sprach ich heiser vor Aufregung und unterdrückten Tränen, »wer wollte Euch richten? Hat Gott Euch in so schwere Schicksale verstrickt und habt Ihr Euch so tapfer gehalten, dann ziemt Euch himmlischer Lohn weit eher als irdische Sühne. Euer Leben ist seltsam zerbrochen worden, doch glaubet, Frau, wir leben nicht zum letztenmal auf dieser Erde! Ihr beide, Robert und Ihr, seid eins in zweierlei Gestalt, und wechselt ihr das verwesliche Kleid, so wird ein neues Dasein die Frucht des alten weiterreifen bis in Ewigkeit. Des seid getrost und freut Euch: nimmer könnt ihr zwei euchverlieren, ewig werdet ihr verbunden sein, und eure Hölle und euer Paradies liegen nicht über den Sternen, sondern hier auf der Heimatscholle.«
Ich sprach für mich selbst, für meine eigenen Wünsche, meinen eigenen Glauben. Und dies war es, was meinen Worten eine heiße Überzeugungskraft gab. Sie verstand nicht, was ich meinte, aber sie fühlte, wie ich in ihren aufleuchtenden Mienen las, eine Wahrhaftigkeit, die sie ergriff und erhob. Leise, mit schwingender Glückseligkeit fragte sie:
»So ist es wahr, daß Liebende sich wiedersehen?«
Ich antwortete, überwunden und siegreich in einem:
»Sie sehen sich nicht wieder, sie bleiben immerdar vereint!«
Unsere Augen tauchten ineinander, ruhig und warm wie Lichter in unbewegten Wassern, langsam lösten sich die Hände von ihrem festen Druck, und sie verließ mich wie ein Falter die Blüte, die er kosend öffnete.