23
Denen, die ihn brauchen, kommt der Frühling immer zu spät. Der Winter war so hart, daß wir fast täglich die Schneewehen im Hofe fortschaufeln mußten, um zu den Ställen und Nebengebäuden zu gelangen. Es wäre dies eine lustige Arbeit gewesen, wenn nicht Krankheit das Haus umdunkelt hätte. Aleit hatte recht gedeutet: der Unerbittliche stand hinter ihr, sie schmolz wie ein Licht, ohne Schmerzen, ohne daß der Arzt zu sagen gewußt hätte, warum. Wie Tag und Nacht liegen Leid und Lust beieinander; indes Aleit verblaßte, gebar Sobeide ein kräftiges Mädchen. Wir gaben es Aleit in die abgezehrten Arme, und ich taufte es selber; halb wider Willen und nur dem Drängen des Bastards nachgebend, ging ich der Kinder wegen noch einmal an die heiligen Dinge. Es ward Gertraude genannt, und das Bild der feinen, stolzen Frau mit den sternenhaften Augen schwebte vor mir, als ich die Tropfen der heimatlichen Quelle auf das rote, runzlige Gesichtchen sprengte. Der Rosengarten, der ihre Asche barg, duftete durch den Weihrauch,blendend klar schien sie aus den Höhen zu steigen und sich niederzuneigen. Vielleicht hatte ihre Seele dies kleine verwandte Wesen belebt, vielleicht weilte sie nun in Kindsgestalt unter uns, noch voll von himmlischen Erinnerungen des hohen Flugs auf Fittichen des Todes.
Nach der Taufe verweilten wir noch ein kleines bei Aleit, und allen fiel die übernatürliche Blässe ihrer Stirn gegen die saftige, kreischende Gesundheit auf, die ihr Lager mit Geschrei erfüllte; schuldbewußt blickte ich auf den Bastard und begegnete seinem Auge. Es war unsere Sünde, unser frevelhafter Streit gegen das Schicksal, was diese bleiche Liebe in allzu frühen Tod trieb. Auf ihren zarten Schultern trug sie unsere argen Taten und zerbrach darunter, klaglos, schier freudig. Denn mit geheimem Schmerz fühlten wir es beide: das Sterben ward ihr nicht sauer.
Über dem kam die kleine Gertraude zu kurz, wenigstens, was mich betraf; mein Herz dachte nur an Aleit. Über jene Nacht, da sie bei mir am Feuer gesessen, war nie wieder ein Wort zwischen uns gefallen; doch schien mir, sie sähe mich seit der Stunde noch lieber, heimlicher an. Seit Wintersonnenwendewar sie bettlägerig, bedürfnislos und bescheiden, niemand zur Last als unseren Herzen. Selten besuchte ich sie unaufgefordert, doch sie bat mich öfters zu sich und plauderte mit mir über leichte Dinge, indes ich den Eindruck nicht verwischen konnte, sie verschweige tiefere Fragen und beschwere ihre Seele mit dem Unausgesprochenen. Im Hornung endlich, ich vermeine, auf St. Agathens Tag, löste sich der Bann. Wir waren im Zwielicht des Nachmittags beisammen, ihr Bett war dicht an den Kamin gerückt, die flackernden Flammen täuschten ihr ein Leben, das sie so glühend und emsig nicht mehr besaß. Draußen knarrte der Sturm und brach gefrorene Zweige, dumpf klatschten die Schneehauben der Pfosten und Erker in den Hof. Zwischen die Ölhäute der Fenster war ein Stückchen blauen Glases eingefügt, daraus sah eine märchenhafte, unwirkliche Welt.
»Ronald,« sagte sie ohne Brücke, »ich habe deine Worte lange in mir bewegt, ich tauche in sie hinein wie in ein Meer, darin ich eine herrliche Perle weiß; aber der Schatz entgleitet immer wieder meiner Hand, immer wieder muß ich erschöpft an das gewohnte Ufer. Ich wollte dir nicht mit Fragenlästig fallen, nun aber finde ich keinen Weg mehr und bitte dich, hilf mir Törichten. Du sagtest, nach der Erdenzeit wandere die Seele in einen anderen Leib; ich will es glauben. Zu gleicher Zeit sprachest du, daß Liebende sich nimmer verlören. Dies ist zu schön, um es nicht zu glauben. Jedoch: wenn zwischen dem Scheiden zweier, die sich liebhatten, Jahre und Jahrzehnte liegen, so kommen sie doch nie mehr in der gleichen Jugend zueinander.«
Sie sagte diese Worte mit meisterlicher Ruhe, aber mich betrog sie nicht mehr. Ich merkte an dem leisen Beben ihrer Hand die Angst ihres Herzens und fühlte mit ihr, da all dies auch in meiner Brust gekämpft und geblutet hatte.
»Ihr könnt es nicht zusammenbringen,« hob ich an, »wenn Ihr das Leben mit der Sanduhr meßt. Vor dem, dem tausend Jahre wie ein Tag, ist unser Dasein nur ein Augenwinken. Kam nicht alles, was Euer Leben vorwärts, Eure Seele empor trieb, plötzlich wie ein Blitz? Vergeßt den Alltag, der zwischen den göttlichen Funken liegt, und Ihr habt nicht länger gelebt als eines Pulses Länge, auch wenn Ihr hundert Jahre zähltet.«
Sie hörte mir gespannt zu, ihre kraftlosen Fingerglitten dankbar über meine Hand, ihre Augen glänzten fröhlich.
»So ist es,« rief sie frohlockend, »hab Dank, Ronald, vielen, vielen Dank! Doch sprich, was verschweigen uns unsere Mönche dies Köstliche und malen Paradies und Hölle, wo nichts als grüne, blühende Erde ist? Steht es nicht also in den heiligen Büchern? Lehrte dies nicht der Heiland?«
Und wieder las ich die beherrschte Furcht in ihrem reinen, gläubigen Gemüt – um alle Seligkeit der Ewigkeit hätte ich sie nicht enttäuschen mögen.
»Frau, es fassen nicht viele so hohe Dinge, darum setzt die Kirche ein Bild an Stelle der Wirklichkeit, und nicht einmal alle Priester werden in die tieferen Geheimnisse eingeführt.«
»Du aber, Ronald,« bebten ihre Lippen, »sage, du gehörst zu den Eingeweihten?«
»Ja, Herrin,« log ich verzweifelt und wandte mich in den Schatten. »Doch was macht Ihr für ein Wesen aus diesen Dingen, da doch die Welt so voller Wunder ist!«
Sie antwortete nicht; ich fühlte, wie Trost und Ruhe in sie einzogen.
Der Abend war angebrochen, Dienstvolk gingmit Fackeln über den Hof, Lärm und Gelächter klangen herauf.
»Nimm mir die Wißbegier nicht übel, Ronald, denn ich habe es eilig. Mein Leib ist aufgebraucht und hält die Seele nur noch locker in dem lockeren Bau. Laß dir sagen, mein Freund, ohne dich wäre ich einen schweren Tod gestorben.«
Ich widersprach ihr nicht, die heißen Zähren liefen mir in den Bart. Sagen konnte ich nichts, mochte ich nichts, da ihr die Wahrheit auf dem weißen Antlitz stand. Wie Irrlichter zuckten die Gedanken über mein dumpfes, gebundenes Hirn, ich gönnte dem gepeinigten Weibe die endliche Ruhe, und zugleich mochte ich sie nicht in dem kalten Grabe wissen.
Die Schritte der anderen klangen in der Halle; ich schied hastig und verwirrt und drückte mich in meine Kammer, die Glocke überhörend, die zum Nachtmahl rief. Saß in der grimmen Kälte und weinte aufgelöst und ohne Weg in der Verworrenheit meiner Gefühle, bis der Bastard mich aufschreckte.
»Der Brei wird kalt, Ronald! – Du weinst?«
Er verstummte, er hatte nicht nötig, zu fragen. Schließlich machte er sich Luft und zeigte sein gepreßtes Herz:
»Sind wir nicht wie zwei Mörder? – Bruder, Bruder, was haben wir getan! Um uns verblutet sie und fährt dahin, nicht auf einen raschen Streich, nein, grausam in zwanzigjähriger Qual, Stich um Stich! Ich kann sie kaum mehr ansehen, ohne zu erröten; wir alle gewannen, nur sie verlor. Was prüft Gott ihr Herz in solcher grausen Folter? Ist dies die gelobte Güte? Dies die Allmacht, die nicht wagt, einmal von dem betretenen Wege zu lassen, und lieber das Edelste in den Staub tritt?«
Er starrte mich mit haßerfüllten Augen an, die Lästerungen strömten aus übervoller Brust, aber mir graute – graute vor mir selbst, der ich im eigenen Busen ein Echo seines Zornes fand. Ich hielt mir die Ohren zu und schrie verzweifelt:
»Halt ein! Nichts wider Gott! Unsere Frucht, unserer bösen Taten Frucht ernten wir jetzt und dürfen nicht murren.«
Jedoch mein Geschrei betäubte nicht die Gottesleere in meiner Seele und überzeugte ihn nicht. Er ging hinaus und rief einem Diener, daß er Mahl, Wein und Feuer schaffe und den Kindern melde, wir tafelten allein. Wir ertrugen, wie Kain, keines Menschen Blick.
Da saßen wir die halbe Nacht, verbissen, wortlos, vom Trunk nur noch trauriger gestimmt; denn das Blut der Traube macht nur den Fröhlichen froh.