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Sie sah den Lenz nicht mehr. Eines Nachts rief mich die Kammerfrau mit einem Gesicht, das alles kündete. Eilig nahm ich die Stufen und stieß vor ihrer Tür auf den Bastard. Wir vermieden uns anzusehen, bebend schlichen wir in das Gemach. Aleit hatte den Nachmittag heiter mit uns allen verbracht; die kleinen Händchen Gertraudens hatten in ihrem nun völlig weißen Haar gespielt und ihr ein leises Lachen entlockt, das uns alle schmerzlich beglückte. Jetzt, da wir eintraten, sahen wir, es war der Abschied gewesen, sie wollte bei dem Letzten niemanden als uns beide um sich haben.
Nichts war in der Kammer als ihre Augen, aus denen ein Meer von Liebe floß und unsere zitternden Herzen in warmer Woge fing und still machte. Wir knieten an dem Lager nieder und hielten ihre Hände; mit einem entwand sie sich uns, überirdischen Glanz in den Mienen, hob sich und zog den Herzog an ihre Brust und küßte ihn lange auf den Mund.
»Lieber, Lieber du!« stammelte sie, ihre Wangen röteten sich noch einmal vor erstauntem Glück; sie ließ den Erschütterten, Fassungslosen, die Lider fielen ihr zu, sie sank in die Kissen zurück und schien mit einem Lächeln einzuschlafen.
Robert und ich standen auf und sahen uns scheu und blaß an; wir wußten beide, wem der Kuß gegolten, wir waren beide glücklich in dem Gefühl ihres Glücks, aber wir schämten uns voreinander und glaubten, jeder aus anderem Grunde, er habe den anderen beraubt. Wir ahnten nicht, daß sie schon gestorben sei, und waren noch bei ihren letzten Worten, doch endlich empfanden auch unsere groben Sinne den Tod.
Abermals brachen wir in die Knie, als habe ein flammendes Schwert uns mit einem Streich gefällt.