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Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die schlankem kräftigen Formen traten klar hervor.

Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten der lübischen Kogge.

Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung andem Holze, die Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein, den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger Löwentaler, die zarten Hügel der Brust – ich ermattete mich mit Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann. Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens. Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte nachlassen.

Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sichnoch einmal auf, die Blicke flackerten über die Wogen – ein Segel, seltsam geformt, ein Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es, packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst.

Die Sinne fielen von mir ab.


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