5
Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen und versank sogleich in tiefen Schlummer.
Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens, ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir bald: erwar der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte, ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er schüttelte verzagt den weißen Kopf.
»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar –« er verschluckte einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust.
»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«
Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben.
»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher Wille. Aber zu dir –«
»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig; ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.«
»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. Du fiebertest und nanntest den Herrn von der Wilze; da erst riefen sie mich. – Was willst du nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, Freunde, Ordensbrüder? Hier heißt alles Geld, mein Freund, das Heilige Land ist ein einziger Marktplatz.«
»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte am heiligen Grabe zu beten und die Verwundeten zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«
Der von Burgberg seufzte.
»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos im Lande, zu Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? Die Kämpfe ruhen ja! Unsere Führer feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um das Land ziehen, wie den Strick um den Hals eines Schächers.«
Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte sich vor Zorn.
»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, so wollt ich schwören, die Herren und Fürsten verrieten uns an die Heiden. Nur die Narrheit oder der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland– aber was soll dich das bekümmern! Du bist ja wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können auch Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht gerade gern, denn ich hasse diese verlogene Zunge, darin die Templer ihre Meineide tun. Will dir was sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; beim Hospital, beim Handwerk, in den Wein- und Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen, bloß das Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so tätig. Kannst mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, wenn ihm mit der Hand statt nur mit dem Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von euch Geschorenen in der Welt umher und stehlen ihre Tage. – Laß dir Zeit mit der Antwort, ruhe, wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, und dann sag mir frei deine Meinung.«
Damit ließ mich der wackere Mann allein, und die Langeweile besuchte mich sicherlich nicht, so voll war mir Kopf und Herz.