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Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten war ich jordanaufwärts nach den Besitzungen desDeutschen Ordens südlich des Sees Tiberias unterwegs. Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne anderen Lohn als die tägliche Notdurft; ich konnte gehen, wann ich wollte. Meine Seele schrie nach Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum letzten Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte das Blut in meinen Adern ausgetrocknet. Nichts gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte, da Sein Fuß gewandelt – aber ach, wo wäre der Mund, der heute die Wechsler und Händler aus seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer Schwindel, schachern Juden, Heiden, Christen in widerlichem Wettbewerb um das, was ihnen die Krone des Lebens heißt: Gold.

Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte nicht beichten, konnte kaum beten. Wie sollte mich ein Menschenwort vom Fluche lösen? Zweifel, schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich von der heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, aber er überflutete und brach die alten Formen und fand kein neues Gefäß, rein und köstlich genug, ihn zu bergen.

In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheitwahr, den Menschen fern zu sein. Den Menschen und den Häusern, denn mir schien, es knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den mächtigen Mauern der Kirchen; das Gespenst des Untergangs schritt mit der Frechheit des Lasters dreist und offenbar über die Gassen.

Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte ich, ohne meine Sünden gegen die der anderen abzuwägen. Mir, dem Beichtiger, waren auf dem lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht vor einem unbefangenen Richter teuflischer und gemeiner als meine Tat galten; nicht vor mir. Ich konnte niemanden fürder verdammen.

Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, das Blühen und Wachsen der stummen Geschöpfe, die in meiner Obhut waren, erfüllte mich mit bescheidenem Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die Kette der täglichen Wassereimer über das unersättliche Land und empfand einen demütigen Zwang, Besseres zu leisten als meine Gesellen.

Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen galt, ohne daß es mir damals zum Bewußtsein kam, als hochmütig. Indessen habe ich gelernt, daß die Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nichtliebt. Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß sie meine Heimat berührt hatten, zeigte ich mich lebendiger und forschte sie vorsichtig nach dem und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes wußte. Als jedoch Saladin stärker gegen das morsche Königreich Jerusalem zu rennen begann und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft wieder kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine Botschaft des Glücks und der Verzweiflung zugleich.

Ich war in meinem Rosengarten – eine leichte, duftende Freude neben meinen Pflichten – und versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich ein sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, saftigrote Knospe war eben aufgesprungen und duftete süß und hingegeben in den laulichen Tag. Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister Otfried näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte eine fröhliche Runde französischer Herren meinen Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich die neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und berochen, und einer der Herren sagte mit Lachen:

»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße Blumenkind: nennt sie Aleit von Claraforte.«

Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte mich, suchte mit irrenden Fingern, mußte endlich blutübergossen emportauchen.

»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner Seel!« plauderte der Ritter unbefangen weiter. »Aber leider hat sie für niemanden anders Augen als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog ist ein wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, Mannestum.«

»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich tonlos, fessellosen Zorn im Herzen, und mich selbst zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich niemals viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«

Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes Wesen konnte ihm nicht entgehen. Die anderen hatten des gottlob weniger acht, sie standen bereits entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. Der Ritter erwiderte schier achtlos:

»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt Ihr den Herzog und sein Weib? Wann saht Ihr sie zuletzt?«

Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer mußte ich mich beherrschen! Und noch in diesem Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.

»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr denn zwei Jahren zog ich an Claraforte vorüber in dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat – die meint Ihr doch? – durch einen üblen Fall zu Tode gekommen. Der Herzog aber – doch, Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten – er hieß der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur die Hälfte alles dessen, was sie ihm nachredeten, wahr ist, so wird sich Satan für diesen Namensbruder bedanken.«

Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen Fant; mich ärgerte die Kunde, ich hielt nicht anders, als daß mein Stellvertreter eine neue Heirat getan haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.

Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd mit der Braue; jetzt wandte er sich gelangweilt ab.

»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich sah Aleit von Montgerrat, mit dem Herzog und ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in Paris – ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken Schlaf ein feuriges Mal wie von einer Narbe. UndHerzog Robert – mag er gewesen sein wie immer – heut ist er einer der vornehmsten und besten Ritter der Christenheit. – Was ist Euch? Ihr solltet Euch nicht barhäuptig dieser verruchten Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht: die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«

Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen, wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut.

Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln, nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid – alle dunklen Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seinehervorquellenden Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte – dieweil mein eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.

Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren! Ein Kind war da, ein Erbe – ein Wählingerblut! Ein Bastard vom Bastard – Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen Leidenschaft – oder – oder wissend und vom guten Tausch beseligt?

Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich, du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mitKebsen und Dirnen, getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug – zum – wie sagte der Franzose? – zum vornehmsten Ritter der Christenheit. Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz.

Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht. Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze, keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem heimatlichen Herde liefen.

Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten Landean. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg.

Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu sich und sprach mit hellen Augen:

»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod, und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin stößtauf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten dich deine Rosen?«

»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die Seinen auch ohne mich.«

Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an, eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.

Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem Hochsitz und schlug mir auf die Schulter:

»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! Und recht hat er, wenn er einen eisernen Wedel begehrt, das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt in mein Gefolge, Mann!«

Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried vor mir und sah mir tief in die Augen.

»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er leise, »wie dürften wir Gott einen solchen Arm entziehen! Setz dich her, wir vermißten dich schon eine Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um die Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die Sterne. Möchte so auch der Halbmond tun!«

Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen Becher voll feurigen Griechenweins. Ich stürzte ihn, ohne abzusetzen, gierig nach Betäubung.

Otfried sah mich verwundert forschend an, mit dem Finger drohend:

»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes Mönchswesen beiseit. Nie hab ich dich über dem Wein gesehen, und jetzt beschämst du die tapfersten Schläuche.«

»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittagspottend ein, »die schöne Frau Aleit!« Und wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, du Elefant! Wart lieber auf Saladins braunes Geziefer, da passen gleich drei Hälse zugleich in deine Klaue.«

Ich schob den Becher schroff zurück und verließ den Raum, wollte allein sein, keine fröhlichen Reden hören, keine lachenden Augen sehen. Ins Schlafgemach ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen eine Decke, wickelte mich ein und legte mich hinter die Gebäude in einen sturmgeschützten Winkel, dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie ein Bachgemurmel drang.

Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen Tiefen auf, Krieg, Schwert und Harnisch verwischten die bunttobenden Leidenschaften zu einem grauen Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte mich sonder Wollen und Wissen in Schlummer.


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