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Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein zerbeulter Helm, ein rostiges Kettenhemd; aber das Schwert war vortrefflich: ein Zweihänder vom alten Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner schwingen mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack geschnürt, die Mönchspapiere trug ich im Beutel auf der Brust, wer weiß, wozu; ich konnte nur noch arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte nach der Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige Land, das Heilige Grab – es waren bunte Bilder am Wege meiner Rache.

Wir zogen – ein stattlicher Haufe – dem Hauptheere zu, schier stündlich vergrößert durch Zuwachs von flüchtendem Landvolk, Christen und auch Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr noch als das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer Herr war, wenigstens was das Leben anging. Saladin preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in den Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen lebten, sahen keinen großen Unterschied undbegeisterten sich nicht einseitig. Es waren nicht die Besten.

Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem Riesenstrom gegen die Küste, Karren, Reiter, Fußvolk mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager von Askalon wurden die Böcke von den Schafen geschieden, die Krieger sammelten sich und zogen auf das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, die fiebrige Stille vor dem Sturm begann ihre Folter.

Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im Lager gesucht; jetzt stieß er unversehens zu uns, trotz seines weißen Haares kampfbereit und aufrecht im Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch unter dem Helm, lachte und bot mir vom Pferde die Hand; keiner von uns ahnte, wie bald wir die Rollen tauschen würden.

»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese braunen Teufel austreiben wirst? Heuer kommen die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah ich die Plänkler über den Hügeln und – horch! Was blasen die Hörner?«

Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln,ein freudiger Schein glitt über sein vergrämtes, gutes Gesicht; kaum daß er Zeit fand, mir zuzunicken, und fort sprengte er in die Reihen der Deutschen Brüder.

Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich – Angst? Nein, nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung. Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer weiter abgedrängt,zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen Tod.

Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich, mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt. Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte:

»Sieg!«

Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in rasenderLust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat, Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des Rittes und dachte an keine Müdigkeit.

Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner, sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete es falsch.

Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter.

Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der Heimat sein, und dann –

Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und traf mich mitten auf die Brust.

Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme; rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses Bündel, über einem fremden Sattel lag.

Gott hatte mich ganz verlassen.

Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke, in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen; aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am schwersten zu ertragen ist.

Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schienden Kampf völlig aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte, belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem pochte mein abendländisch Herz höher.

Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden, auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute.

Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht. Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten Sinne zu beschäftigen und abzulenken.

In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener,schöner Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu meinem höchsten Erstaunen auf deutsch:

»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«

»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!«

Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen bleiben.

Immer noch stand der Emir da und hatte eine Frage auf der Zunge. Endlich hielt es ihn nicht:

»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher Verlegenheit. »Warum fiel mein Speer aus deiner Brust?«

Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das Kettenhemd war zerlöchert und zerschlissen, ich konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, die Münze meines Bruders und errötete bis unter das Haar.

»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.

Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das verbeulte Blech und sprengte an die Spitze seines Zuges. Wir ritten.

Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen Höhen niederreichen und mein Herz berühren, fühlte ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in die Heimat gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und jener armen Mutter, die eine Sommernacht lang meines Vaters Spiel gewesen.

Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen mir in den Bart.


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