Zweites Buch

Zweites Buch8

Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene Lauben, sangen bunte Vögel – Wirklichkeit war auf einmal der nie erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte Brot, Lager, Himmel, Sonne.

Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die Sarazenenküchewiderte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen, was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen.

Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes Bild.

»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin deine Striemen betten. Der Herr – Allah erhalte ihn uns! – schwang die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« – er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene Fenster niemals geöffnet wurden – »da wimmelte ein Ameisenhaufe von Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken Gazelle.«

Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte ergreifend das entvölkerte Lusthaus.

»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort, die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen, die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitzwie Tau in der Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel, in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen brannten alles klar.«

Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille, heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes leuchteten ihre Augen auf mich nieder.

»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser blassen Stirn willenmußte der ganze Harem wandern, und schließlich saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist; der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine Ausnahme.«

»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn –«

»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub es mir. Ein Mann von ebendreißig, und hängt sein saftig Leben an eine Erinnerung!«

Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war nichts als Erinnerung.

»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«

Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer, dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das dürre Herz.

Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte. Und dennoch – tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, demes oblag, den Garten zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut – es waren über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus nordischer Heimatwelle.

Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.


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