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Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles, blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut! Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so warendie verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit herannahen – Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings – jedoch er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken, leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein; aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nurdie Heidensprache süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung zeigte ihre Herkunft an.
Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern. Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen, daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte, indes ich verdurstete.
Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken, hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich, war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau – eine Blütenhochzeitvoller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder vergessen.
In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder.
Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu, die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene Tier. Aber jetzt ward eine Stille, alshielte Gott den Atem an. Die Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht, daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang. Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug die Arme um den Hals der Bestie,so mächtig meine Kräfte waren. Es war ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke. Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen, Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb von Sinnen:
»Das Kind! Wo ist das Kind?«
Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet.
»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.Der Arzt des Emirs war um mich bemüht, wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es zu drücken.
»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte ihn noch einmal wie aus Fernen:
»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder –«