Drittes Buch19
Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet, wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei, daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes erklärt hätten.
Ichwarkrank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen.
Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:
»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«
Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.
Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinenSinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.
Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war außer dir als toter Sand.
Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigenLächeln dem Ende dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf – gottlob, sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.
Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.
»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis.Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu stehen.
Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den Eltern erst bestätigt werden.
Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allemmischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.
Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter,und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und – weh! – mein arges Herz triumphierte darob.
Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu mir und sagte:
»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende Berührung.
»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastardhorchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen trage.«
Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnissemit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«
Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte.
»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich. Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«
Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn.
»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.
Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurdenverräterisch. Kein Wort, keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine ewige Kluft zwischen sie.
Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste, und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen Erinnerung.
Plötzlich sagte der Bastard rauh:
»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an vertraut.«
»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.«
Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit freierer Stimme eine geruhsame Nacht.
Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner verlorenen Liebe, mitdem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten, darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch.
Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf meiner Brust deckend.
Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten sie auseinander?