Erstes Buch1
Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt beschreit. Umgekehrt, wenn die Welt auf jemand einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich stand, mit Toben und Lärmen, aber von mir und anderen wußte ich nichts. Plötzlich erwachte ich in der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet, in einer wüsten Schlucht nahe der Grenze meines Landes; wachte auf in einer Stille ohnegleichen, denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes große Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren. Die Augen brannten mir von ungekanntem Schmerz, ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde auf – die Flammen in meinem Herzen erstickten nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen peinigte mich auf seine besondere Art.
Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort – qualvoll, langsam wie Todesstunden kamen dieErinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz, ein rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir die Zunge im Gaumen, das Haar, von Schweiß und Schmutz verklebt, lähmte mir die Stirn wie eine Eisenklammer.
Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir, aus den verschwollenen Lidern betrachtete ich mit stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die ernsthaft und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege eroberten und ein zielsicheres Wesen hatten, wie Diener eines Staates. Aber das dürftige Spiel hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen, wütend griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem Leid, bis ein halblautes Wort mir den Atem aus der Brust stieß und mich emporschnellte, als bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte ich mich.
»Kain!« erscholl die Luft abermals.
Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg auf, Augen sprühten auf mich – Hölle, Teufel, Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang – dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im morgendlichen Wald, das ein Mönch mit seinem Wanderstabe fachte und versorgte. Das war keinKlosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein ellenlanger Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten den Stumpf, darauf er saß, als bedrängten sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von meinen eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend und wissend zugleich lagen seine Blicke auf mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein Mund stammelte und zagte:
»Wer bist du? Was schaffst du hier?«
Seine Brauen zuckten leise spottend.
»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich schaffe? Feuer zünden, Pferde einfangen, der Hoheit einen guten Morgen wünschen.«
»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus meinen Lippen weichen. Gleich einem Traumbild sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen friedlich grasen.
Wieder flog jenem der Spott über die Stirn.
»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs des Normannen – Ihr wußtet trefflich mit der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn die Hoheit einen Zehrpfennig hätte, ich würde für das Seelenheil –«
Die Stimme versank im Barte; mir schien, als wieherte ein Kobold aus einem Bronnen. Das Heil meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch, kein Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort –
Möglich, daß mir die Worte über die Lippen kamen, möglich, daß der seltsame Mensch in meinem Herzen las. Genug:
»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott gibt niemanden auf. Was belastet Euch? Ihr blutet – oder –?«
Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand; Hemd und Rock waren dunkel betropft, meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend brach ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich und weinte wie ein Kind auf die mütterliche Erde. Die Tränen erlösten mich allmählich, das Leid sank tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein Geweihter des Herrn, er mußte mich anhören, ich brauchte einen Menschen, meinen Greuel mitzutragen. Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu dem verlassenen Baumstumpf.
»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir beichten, Mönch!«
»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einenAst in die Flammen. »Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet mein eigenes Gemüt!«
Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und warf es vor meine Füße, lachend:
»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?«
Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog solch ein Raub vor meiner eigenen Tat! Aber: wie jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr würde ich über andere zu Gericht sitzen.
»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.«
Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle, und ich rang nach Luft. Der andere hatte sein Gesicht in der Kutte verborgen und rührte sich nicht.
»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend.
»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch mit einem leichtfertigen Leben?« fragte der Mönch leise.
Ich schrie:
»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit, Tugend – ich war ein Narr, ein Schurke!«
»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große Worte; das mildert sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt, wie es kam.«
Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimmezwang er mich zur Ruhe, ich starrte auf das Feuer und sprach betrachtender:
»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an Kraft geerbt; mein leichtsinniges Herz verschwendete das in Sausen, Prassen und Schlimmerem. Keine Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten meinem Geschlecht ein Herzogtum – ich habe Land und Volk an den Abgrund gebracht; sie heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder mit meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte ich an ein besseres Sein, bei meiner Heirat mit Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin je gesehen?«
Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend.
»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war lieblich und rein wie Gottes Engel. Genug, ich nahm nach vier raschen Wochen mein altes Leben wieder auf, in meinen Schlössern hausten die Schlemmer und Dirnen, das Volk mußte zahlen, die Herzogin ward vergessen; denn zu den Gelagen erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes Haus hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten reingehalten; gestern brach ich, von Jagd und Trunk erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle zuClaraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß entsühnt hatte. Höhnische Reden meines Gefolges stachelten mich, die Herzogin an unseren Höllentisch zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf den Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten Kinderblicken das halbnackte Dirnenpack, loderte, stand auf und wies mit dem Finger gebieterisch zur Tür – da fegte ich sie mit der Hand von ihrem Platz, ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie brach zusammen und starb.«
»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch, und ich tat es willenlos: das Feuer beleuchtete eine rohe, große, gewalttätige Faust. Der Priester schlug die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser kam es ihm aus dem Munde:
»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen« – er griff an seine Brust, als erdrücke er ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort: »Mit dieser Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!«
»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete ich ihm, »ich stürzte den Tisch und verjagte den Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich. Ich verlasse Land und Volk, mögen sich Frankreichund England darin teilen, da niemand meines Blutes lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen Grab – nimm mich mit! Es ist mir weniger um das Gebet zu tun, aber die Heiden haben einen neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht erlaubt mir Gott die Sühne in der Schlacht.«
»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen den Zähnen. Es arbeitete in der gewaltigen Brust, plötzlich sprang er auf und trat groß und mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem Antlitz, das ich kannte; nur schien sein Gesicht älter und trauriger als das meiner Erinnerung, das war immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond wie ich. Jäh überfiel es mich: diese Augen waren die meines Vaters.
Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein Mund verzog sich zu dem Hauch eines Lächelns; stumm nickte er mir zu.
»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir selber, vielleicht auch vor den Montgerrats und ihren königlichen Verwandten; du läufst davon, Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht. Die Rechte, die du von deinen Ahnen erbtest,hast du vergeudend genutzt, die Pflichten trittst du in den Staub.«
»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich bin nicht wert, fürder ein Volk zu führen; ich kann nicht einmal mir selbst befehlen, wie sollte ichs anderen! Unser Blut ist eben müd und mürb geworden, die Wählinger sind reif zum Untergang –«
»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die Hand auf die Achsel. »Fahr zur Hölle, wenn du müde bist!MeinWählingerblut istnichtverfault, und hältst du das Land nicht, Feigling so krieche in meine Kutte, indes ich dein besudeltes Seidenwams zu Ehren bringe.«
Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß der Verzicht auf das Irdische in meiner Seele. Gleichmütig versetzte ich:
»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!«
»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß jener hervor, und die schweren Schultern schütterten vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein Vater hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im Bett einer Königstochter, mich in einer Sommernacht dieser Wälder mit einem Kind unseres Volkes. Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aberwir sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert, ich bitte dich, nur einen kurzen Augenblick, nur eine kleine Messe lang!«
Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff sein Bündel und lief davon. Mit schlagendem Herzen blieb ich zurück, gerührt von der heißen Leidenschaft, mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt.
Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich selbst – ach, wie hatten wir das Blut der Herzöge ins Volk getragen! Und doch war jener fremde – Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt erblickte. Mir grauste bei dem Gedanken, ohne Wissen vielleicht eine Schwester, eine Tochter meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte Schuld zum Verbrechen gesteigert zu haben – mir graute vor dem Wählingerlande – fort, nur fort von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten Boden, hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand von mir und meiner Schmach wußte!
»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos hinter mich getreten, ich wandte den Kopf und starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich selber, wie kein Spiegel mich besser schildern konnte,bleichen Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der wilde Bart war verschwunden, das Haar gebändigt, die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte verwirrt, beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen das Geschick:
»Bruder, wie nennst du dich?«
Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als ich mich so neben ihn stellte; er zog mich zu sich auf den Boden.
»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert, mir brennt das Wählinger Geschlecht im Herzen, du darfst das Land nicht verlassen, mich hat Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein heißer Atem streifte sengend meine Stirn.
»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von einem verlorenen Gedanken fortgetrieben.
Und er, fast zornig:
»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen! Sage, Robert, sage zum letztenmal, bist du wahrhaft willens, außer Landes zu gehen?«
»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.« Ich seufzte bitter auf, mit den Füßen stieß ich in das sterbende Feuer, daß die Funken flogen.
Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme,der Wald begann zu leben. Ein Wind lief schmal und kühl vor der Sonne her, die jungen Blätter rauschten.
»Höre zu, Robert« – seine fiebernde Hand krampfte sich über meine Linke – »gib mir dein Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.«
Dies machte mich lachen.
»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen? Du treibst Scherz, Bruder. Schlüpf aus deiner Kutte und fahr mit mir in die Fremde. Sieh, wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem Schwert in den Händen werden wir treffliche Streiter Gottes. Quäle dich nicht mit Unmöglichem; denk, ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.«
Ronald geriet in wachsende Erregung.
»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen Hof und Haus, das bißchen Volk und Fron? Hier sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das Wählinger Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um dienen zu können.«
So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er lossteuerte, daß ich nichts Ernsthaftes erwidern konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich verschanzte meineVerlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den Menschen, aber nicht vor Gott.
»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines Tags sitzt du im Purpur des Kardinals, ja unter der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für deine Herrschersorgen –«
Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine Worte, in seinen Mienen kämpften Verachtung und Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes Bild zu bestaunen – ach, mein eigen Bild ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die Gedunsenheit des Weins, ohne die Gier der Laster. Jedoch nicht einmal zu einem herzhaften Neid schwang sich meine ermattete Seele auf.
Er grollte:
»Fürst dieser Kirche? Nein! – Ich will ein Volk, keine Völker! Diese Erde will ich, nicht den Himmel. Nur was diese Hände halten können, mehr begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land meiner Ahnen –«
Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für einen flüchtigen Augenblick wogte auch in meinemHerzen das Blut meines Stammes, das in jenen Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die Begeisterung wie Schaum. Wäre ich je in meinem Verzicht wankend geworden, diese Begegnung hätte mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind. Säße jener an meiner Statt – bestürzt schaute ich auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten.
Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das Unmögliche ward Tat. Wortlos riß ich die Kleider von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd; warfs ihm vor die Füße:
»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast, Brüderchen!«
Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann plötzlich, eine Erlösung aus Nacht und Tod. Ich weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung schien, an meine Brust und küßte ihn.
»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür bürg ich; Gott selbst, am Auferstehungstag, wird seine Mühe haben.«
Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete beschenkt, beglückt und erwiderte scheu und flüchtigmeinen Kuß. Aber seine Freude schien nicht sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten sich unter unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des wenigen Tuches, zog das grobe Leinenhemd über den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff eine harmlose Neugier, aber ich entdeckte keinerlei Verschiedenheit; nur daß er ein wenig kleiner schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt, indes er wachte. Er deutete fragend auf ein braunes dreigespaltenes Mal unter meinem Herzen.
»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos; er senkte die Lider und errötete unruhig und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich, dann lachte ich auf und erklärte:
»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab ichs – der Vater konnte dir das nicht auch noch mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.«
Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in meine Kleider, indes ich zwischen Befriedigung und Schmerz mich einklosterte, und als er in dem schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und Schwere verflogen, seine Augen schauten fest undsicher, um seine Lippen spielte ein siegbewußtes Lächeln.
»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut ab in Ewigkeit heißt du Ronald vom Kloster des Heiligen –«
»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch nicht, daß ich in dieser Kutte dauernd bleibe?«
»Warum nicht? – Komm her, hilf mir das Böcklein braten, wir haben uns viel zu erzählen.«
Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit geübten Schnitten das Wild aus, spießte den Rücken an seinen Stab, und wir drehten ihn über den Flammen, darob der Himmel licht und blau den hellen Morgen kündete. Die eintönige Beschäftigung tat unseren verwirrten Herzen wohl, die Fülle der letzten Stunden war reicher als all unser verflossenes Leben gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen Wirbel in uns ermatten. Mählich forderte der Leib sein Recht, wir waren hungrig und durstig. Der Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir auf, in seinem Becher Wasser zu holen. Leicht wie eine Bitte kam ihm der Befehl von den Lippen, der mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn ich gewollt hätte, kein Wehren war.
Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung seiner hochgezogenen Brauen klar, denn da lagen Seifennapf, Schermesser und wüste blonde Barthaare – das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie ich meinte; für mich der Abschied aus Rang und Heimat. Nun ergriff es mich doch einen Herzschlag lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar ich es bereits verloren hatte.
Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, ich schöpfte und trank ohne Maß, denn ich glaubte dies die letzte Quelle, daraus die Heimat mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig und brachte den randgefüllten Becher, ohne einen Tropfen zu vergießen.
Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein Säcklein mit Salz hervor und würzte den Braten; wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage verbracht hatte, wie meine Freunde und Feinde hießen, welcher Art meine Burgen und Gemächer waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet – genug, die ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit meines Daseins mußte ich bis in die geheimsten Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wieein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm das Üble wie das Farblose gelassen hin und prägte es seinem erstaunlichen Gedächtnis ein. Bei manchen Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die Vorgänge in meinem Lande gekümmert als ich selbst und alle um mich her.
Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch am Himmel, er konnte nicht genug hören. Schließlich, da die Nachmittagswinde vor dem Abend flogen und über uns rauschten, sprach er:
»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir wiederholen. Kein falsches Wort! An diesen Dingen hängt unser Herzogtum.«
Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu Satz über diese schier unfaßliche Klarheit, mit der er ihm und seinem Leben so fremde Dinge erkannte, ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, er war – ich selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu sein und dennoch weiterzuleben, plötzlich als untätiger Beobachter neben mir zu stehen, ohne Verantwortung, ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? War dieser falsche Herzog nichtmeinWerk? War nicht alles, was er handelte und trieb,meineTat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas wie Rechenschaft, aber ich trug die Bürde fröhlich wie ein Gnadengeschenk, denn dieser zufällige Sproß meines Vaters war besser als ich.
»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das Mal der Trebilons.«
Er suchte in der Asche nach einer glimmenden Kohle, blies sie an und drückte sie, ehe ich ihn hindern konnte, ungesäumt auf seine bloße Brust. Eine leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die Kohle sorgfältig in das Moos und schob Hemd und Rock zurecht.
»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter. »Du brauchst zwar meine Rolle nicht zu spielen, aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße aussieht.«
»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft.
»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem Staat trotz Christi Wort, daß jedermann der Obrigkeit untertan sein solle; sie treibt Schacher mit den Seelen, Handel mit den Ämtern – betrachte dich als von Gott geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen Gewande durch die Welt zu traben, aber verzichteauf die segnende Hand irgendeines Bischofs von der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des Kölners. Kannst ja lesen und schreiben, Brüderchen, kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht, denn die meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr. Und fragt dich einer, so gehörst du zu einem sehr entfernten Kloster und hast abenteuerliche Gelübde –«
»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt.
Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung belustigte ihn.
»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,« lästerte er sonder Reue, »auch hat der heilige Patrik in Irland karge Last von mir gehabt, nur daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen Klöstern großzog. Die Welt ist mir geläufig bis auf das Morgenland, darin ich nie geweilt. Hofwesen und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb ward. Auch Claraforte und die blonde Jugend, die du in Nacht versenktest.«
Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf hängen. Nach einer Weile fuhr er fort:
»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder alsdu. Du hast in Trunkenheit und Zorn ein köstliches Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert, ich war bereit, dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich deine Tat erfuhr.«
Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit dem braunen Schnürlein, das er am Halse getragen hatte. Mitunter ging ein Zucken durch seinen Leib, als trüge er Qualen; ich schob es auf die Brandwunde, darunter er ein Geheimnis erstickt hatte.
»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig, »und ich liebe sie noch. Wie viele Tage bin ich um Claraforte geschlichen, um einen Schimmer ihres Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder – ach, was helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner an ihrem Grabe beten.«
»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen, »auch ich – ich fahre an die Stätte, da unser Herr und Heiland litt. Vielleicht daß uns beiden Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst du! Die Montgerrats werden dich verderben.«
Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten herrisch.
»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein Land! Hab dessen keine Sorge. Vor Gott und vorden Menschen trage ich deine Tat, als sei es meine eigene; du magst in Frieden fahren.«
»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,« entfuhr es mir, »dies wirst du mir nicht abnehmen.«
Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend an und deutete:
»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, und nicht den Einzelnen. Wir müssen alle füreinander büßen, wir werden alle füreinander begnadigt. Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die dich trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern für dich im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott zerreiße die Kette des Geschlechts, die er selber geschmiedet, um ein einzelnes Glied zu verfluchen oder zu segnen?«
»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich beschämt.
Er antwortete schlicht:
»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein, ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider, und wärest du am Rande der Welt.«
»Nimmermehr!«
Welche Dinge bewegte dieser seltsame Menschin seinem Herzen, welche Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran, wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte. Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder durch das Leben getaumelt.
»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.
Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu:
»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«
Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus der Tasche und hing sie mir um den Hals.
»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt. Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg.Die Rehkeulen sind im Ränzel, ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in Frieden, Bruder!«
Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus, noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres, das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.
Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit mir ins Elend.