„Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns predigen.“
Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn:
„Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt, niemand hört auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komödiantin vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.“
Eine Pause. Plötzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da schrien sie auf und warfen sich hin.
„Er ist tot! Was soll aus uns werden!“
„Nein, er hat die Augen geöffnet,“ sagte allein eine Stimme wie ein Engel; und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glänzten, unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und schloß, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte denen, die mitwollten: „Ich habe zu beten, meine Töchter, ich habe so viel zu beten“, und ging durch die Bahn, die sie ihm ließen, aus dem Hof.
Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester vorbeikam, die Hände wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark.
„So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben“, sagte an der Spitze eines Haufens der Bäcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin eine Träne hing.
„Für einen redlichen Bürger bleibt eine schöne Tat eine schöne Tat, auch wenn ein politischer Gegner sie tut.“
„Ein redlicher Bürger?“ wiederholte der Bäcker und sein dicker Kopf, auf dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte höhnisch. „Wir alle sind redliche Bürger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhäusern, die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehörten.“
„Gewisser Witwen,“ fuhr der Schuster Malagodi fort, „die die Schwestern gewisser Advokaten sind.“
„So daß“, ergänzte der Mechaniker Blandini, „jene Verwandten ihr Terrain aus öffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.“
„Man erinnert sich auch“, sagte der Schlosser Fantapiè, „mancher Vorgänge bei den letzten Wahlen . . .“
„Eh! wie viele Umstände mit einem Advokaten“, rief in der Nachbarschaft ganz laut Frau Malagodi. „Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gäbe, — die er alle selbst gemacht hat, der Mädchenjäger, der Verführer! Die Andreina in Pozzo hat einen, aber bekümmert sich der Alte vielleicht um ihn? Man sieht, was ein gottloser Wüstling ist!“
Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an, aus dem Dickicht des Volkes.
„Wo sind die Gelder für die Komödianten hergekommen? . . . Ist nicht das Haus in der Via Tripoli eine Schande für die Stadt? Aber der Advokat verteidigt es.“
„Es werden seine Töchter sein“, wisperte hinter dem Rücken des Advokaten der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, daß sie lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlüpft und wisperte etwas anderes. Plötzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der Advokat sich zurückzog, und hielt die Hand an den Mund.
„Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es, weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat —“
„Ich kenne Euch, Nonoggi“, sagte der Advokat, drückte ihm die Hand und verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drüben, am Schuppen, beim Savezzo, der ihm gewinkt hatte.
„Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, daß das Feuer —?“
Der Savezzo schnappte zu, daß es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh brachte er hervor:
„Ich übersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!“
„Zurück!“ schrie vorn der Apotheker Acquistapace. „Ihr Herren, Ihr Damen, zurück! Es ist uns unmöglich, zu manövrieren.“
Die Arbeiter versuchten, mit gefüllten Wassereimern, einen Ausfall gegen die Menge. Sie wurden mit Entrüstung zurückgeschlagen.
„Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt!“ schrie Acquistapace. „Sind wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!“
„Es gibt keinen Advokaten mehr!“ antwortete die Menge. Der Apotheker sah sich vergebens nach seinem großen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle.
„Steige aufs Dach und spritze von oben!“
„Als noch ein Dach da war, hätte er hinaufsteigen sollen.Alles macht Ihr verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet nun wenigstens die Betten!“
Und sie drängten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem Wasserstrahl. Der Rest des hölzernen Balkons brach, funkensprühend, herab. Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander.
„Das Ende der Welt!“ ächzte flüchtend der Wirt Malandrini. „Wo ist meine Frau? Ich bin ruiniert!“
„Malandrini,“ sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, „es heißt nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch größeres Ungemach als Ihres.“
„Ach, über mich!“ — und er schlug sich mit den Fäusten auf den Bauch, er setzte die Nägel an seinen runden Kahlkopf. „Auch die Mütze ist mir verbrannt! Ich werde betteln gehen!“
Der Advokat zog ihn in die Laube.
„Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht glauben will, so trösten Sie sie! Das wird auch Sie trösten. Denn im Unglück ist es ein Trost, gütig zu sein.“
Der Wirt schluchzte am Tischrand.
„Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches sagen. Meine Frau — sie ist fort mit allem Gelde.“
„Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht —“
Der Advokat brach ab, denn draußen gingen Stimmen durcheinander.
„Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . . Unter der hölzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte es schon längst bemerkt. Manhat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah! Das Volk soll belogen werden!“
Malandrini schluchzte.
„Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genäht. Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll man noch glauben!“
Der Advokat setzte an, aber über allem Wirrsal von Lauten schrie draußen der Herr Giocondi:
„Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern lassen und noch keine Prämie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!“
Der Wirt richtete sich auf.
„Wie? Er spricht von mir?“
„Lassen wir sie schwatzen“, sagte der Advokat bitter. „Es ist das Volk.“
„Was denn, der Wirt!“ sagte jemand. „Ganz andere Leute sind verdächtig.“
Und die Stimme der Pipistrelli:
„Die Komödianten! Don Taddeo hat das Unglück vorausgesagt! Nun haben sie die Stadt angezündet!“
„Du bist eine böse Alte!“
„Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus brannte, wenn nicht der Komödiant, der darin wohnte.“
„Wir wissen es längst; alle sagen es.“
„Ganz andere Leute! Was wißt ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge . . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rächen? Wer hat denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?“
„Man muß den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht gebrochen, das macht ihn zu allem fähig. Lieber soll die Stadt untergehen, als seine Herrschaft!“
„Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren sind alle Schurken! Man muß sie alle auf die Galeere schicken!“
Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf.
„Der Komödiant! Es ist der schöne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um den Hals sehen!“
„Man merkt, daß er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der Advokat!“
„Vielleicht, daß der Komödiant ihm geholfen hat?“
Der Advokat in der Laube warf die Schultern.
„Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es weiß nicht, wen es noch beschuldigen soll.“
Aber der Wirt rückte, den Kopf schief, seitwärts Schritt für Schritt aus seiner Nähe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blättern erschien manchmal ein aufgerissenes, wild überflackertes Gesicht wie eine höllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte sich über sich selbst und bedeckte die Augen.
Draußen geschah ein großer Stoß; eine Frau heulte auf, weil die andern sie überrannten.
„Der Komödiant!“ schrien sie. „Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch unsere Häuser anzünden?“
Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf einen Tisch geworfen. Sie türmten um ihn her die Stühle, die er selbst aus dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace mußten die Barrikade stürmen, um Nello zurückzuholen. Bestürzt sah er die sanftesten Gesichter der Stadt, Haß fauchend, auf sicheindringen. Nina Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Händen, die nur zum Tasten auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein.
„Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick, bevor es brannte. Alle haben gesehen, daß er aus dem Tor lief!“
„Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!“
Die Soldaten wurden vorwärts gestoßen. Da trat ihnen der Advokat Belotti entgegen und griff an seine rote Mütze.
„Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!“
Er stellte seine Hand beschwörend gegen alle diese heulenden und pfeifenden Köpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber.
„Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst —“
„Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere!“ — und dazu pfiff es.
„— da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und ich weiß, welches Geschäft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen sagen?“ raunte er Nello zu.
„Nein.“
„Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdächtig gemacht.“
„Um Gottes willen, schweigen Sie!“
„Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter sagen, meine Damen,“ keuchte er angestrengt,„als daß dieser hier unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so oft gerührt hat? Solche Stimme lügt nicht. Ich, der Advokat Belotti —“
Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und öffnete die Augen, soweit er konnte.
„— ich bürge euch für diesen hier!“
Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betäubte ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich überschrien. Die Männer warfen sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem Stuhl der Savezzo, massig, mit einer stählernen Geste nach dem Advokaten und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge.
„Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt!“ rief er ehern. „Hier bürgt ein Verdächtiger für den anderen!“
„Du hast recht! So ist es!“
„Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komödiant! Auch er ist ein Komödiant!“
„Gut!“
„Zu lange schon betrügt er das Volk!“
„Zu lange!“
Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer:
„Ich, Mitbürger, nenne euch den Namen des öffentlichen Feindes, und wenn ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!“
„Nenne ihn!“
„Es ist der Advokat Belotti!“ — und damit sprang der Savezzo hinunter in das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von Acquistapace,Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und er zeigte der Menge seine offenen Hände, wie um ihr zu beweisen, daß sie rein seien. Sie schrie trotzdem:
„Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm! Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, daß sie den Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben!“ — und dazu brüllte das Vieh, und die Glocken läuteten immerfort Sturm.
„Welch häßlicher Narr“, schrien Weiberstimmen, „mit seiner roten Nachtmütze!“
Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne daß man ihn hörte. Aber die Adern schwollen ihm.
„Ich bin euer Freund“, hörten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen. „Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich werde zu kämpfen wissen.“
„Reize sie nicht, Advokat!“ flüsterte Acquistapace. „Tue es für mich! Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenüberstehen, als dem Volk!“
„Es sind gute Leute, Herr Advokat“, sagte der Schneider Chiaralunzi. „Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrückt. Man muß Geduld haben.“
Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen übermächtige Rufe hervor.
„Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede! Er hat dir dein Grundstück abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern kann, wenn hier das städtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er! Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!“
„Auf die Galeere! Auf die Galeere!“
Der Advokat keuchte:
„Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah!sogar du, Scarpetta, den ich genährt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust gegen mich zu erheben? . . .“
Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten Acquistapace fühlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im erlöschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bäumte sich. „Ihr hättet eine Schreckensherrschaft nötig!“
In der Nähe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge:
„Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den großen Mann machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.“
Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes Jammern.
„Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein —“
„Wie? ein großer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen!“ — und der Barbier Bonometti bekam neue Fußtritte. Er jammerte lauter, — indes im Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tür des Schuppens drängte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob:
„Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer gefürchtet.“
„Tröstet Euch“, sagte die Magd Felicetta. „Euer Bruder ist nicht der einzige. Auch der Komödiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt, daß sie das Haus zusammen angesteckt haben.“
„Es ist wahr!“ schrien die Frauen. „Denn der Advokat und der Komödiant sind aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist die Ersilia Malandrini darüber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts herauskäme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie umgebracht, die Arme.“
„Sie haben sie umgebracht! Denn für eine schlechte Frau wie jene Komödiantin, sind die Männer zu allem fähig.“
„Auf die Galeere die beiden!“ — und ein letzter Stoß drängte die Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hände der Feinde packten sie an; — da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie fielen in der Tür des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine über die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Röcken kreischten sie . . . Plötzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an und spähte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tür, und zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich widerwillig der Baron Torroni.
Ein Gelächter brach aus; zuerst waren es mächtige Stöße, zwischen denen man anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her über den Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich vor Lachen auf das Pflaster: „Die Frau des Malandrini hat — ah! das ist ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich“; — und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen:
„Was machst du denn? Du läßt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in den Schuppen?“
„Meine Frau!“ — und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren Schultern.
„Die Papiere? Du hast sie?“ keuchte er.
„Wie denn, wer soll sie sonst haben?“
Darauf wandte Malandrini ein jäh beseligtes Gesicht der Menge zu.
„Wir leben noch“, schluchzte er. „Wir sind noch da.“
„Auch der Baron“, antwortete man ihm.
„Er war zufällig da“, sagte die Frau. Der Baron erklärte barsch, er habe den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen.
„Du aber stößt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!“
„So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini!“ schrie die Menge und schüttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen habe.
„Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, daß wir Kleider suchen!“
Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und klatschte an ihrem Wege. Plötzlich riefen mehrere zugleich:
„Aber die Komödiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so oft er ins Gasthaus kam!“
„Augenscheinlich, — und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.“
„Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr geprahlt haben?“
„Die Komödiantin ist ein ehrbares Mädchen!“
„Wie die Männer uns verleumden!“ rief Mama Paradisi.
„Wir Mädchen sind recht sehr zu beklagen,“ bemerkten Felicetta und Pomponia. „Die Komödiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie wir.“
„Wer will noch behaupten,“ sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, „daß sie ihm etwas gewährt habe, was nicht erlaubt ist?“
„Wer will es behaupten?“ wiederholte die Menge drohend.
Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an und schwiegen.
„Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!“ rief Frau Nonoggi.
„Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.“
„Da ist sie!“ — und die Mägde Fania und Nanà zogen sie aus der Laube, wo der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge lobte ihn dafür. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt.
„Sie hat eisige Füße, die Arme!“
Die Frauen rieben sie ihr.
„Wer hätte es gedacht, daß die Komödiantinnen ehrbar sind“, sagte der alte Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapiè. „Wer einen Sohn hätte, könnte ihn ihr zum Manne geben.“
Der Schneider Coccola rief:
„Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu geben!“
„Das ist nicht recht von Euch“, sagten die Männer; und die Frauen:
„Ihr beleidigt uns alle.“
Der Tabakhändler wollte entwischen, aber sie stellten ihn.
„Da sieh, wie sie sich lieben!“ — und die Menge zog Olindo mit der Gelben hinter dem Schuppen hervor, sie führte die beiden dem Vater zu. Polli rötete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge riß ihn zurück; er zappelte wütend. „Ihr wollt wohl sagen, daß auch diese ehrbar ist?“
„Warum nicht?“
„Aber wenn doch ich selbst sie —“
Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu.
„Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.“
Und von allen Seiten:
„Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!“
„Man muß die Mädchen nicht nach dem Gelde fragen“, riet der Herr Giocondi, im Gedanken an die eigenen Töchter. „Sieh nur auf das Herz!“
„Gib ihnen deinen Segen!“ rief das Volk; — und da dorthinten schon ein unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschloß sich Polli.
„Mir hätte statt dessen das Haus abbrennen können“, brummte er. „Da die Nacht nicht ohne ein Unglück vorübergehen soll —“
Aber beim Zusammenlegen der Hände kniff er seinen Sohn so heftig in den Arm, daß Olindo aufhüpfte. Die große Gelbe fächelte sich erstaunt.
„Welche sympathische Familie!“ rief das Volk und klatschte.
„Alle hinaus!“ befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten. „Der Schornstein wird ins Haus fallen.“
Gaddi aber zog Nello hinter die Tür.
„Nello, du bist in Gefahr.“
„Ich weiß es, aber ich war heute schon in größerer, und man gewöhnt sich daran.“
„Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worüber. Ich bin den Verdächtigungen nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand beim Dom mit Frau Camuzzi.“
Und da Nello aufzuckte:
„Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Haß einer Frau. Höre, Nello: flieh! Flieh sogleich!“
„Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.“
„Das ist nicht früh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat, beweist dir das nicht, daß sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich vernichtet hat?“
Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes:
„Ich sehe dich verloren, Freund.“
Nello senkte die Stirn.
„Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio“ — und er drückte die Hand des Freundes, „kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und es heißt Alba. Oh! nie mehr wird es anders heißen . . . Du weißt nicht —“
Mit heißeren Händedrücken, voll hastigen Glückes:
„Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint für immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, — ich verziehe noch, ich verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio! wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei mir, wohin immer das Leben uns führt . . . Und wenn es —“
Er warf den Kopf zurück, breitete leicht die Hand hin und lächelte rein.
„— wenn es selbst zum Tod führt, mit ihr!“
Eine Pause; das Klatschen und Gelächter der Menge.
„So willst du nicht fliehen?“ fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf und schlug in die Hände.
„Du bist gut! Fliehen, — wenn ich doch im Schutz meinerHeiligen stehe. Frau Camuzzi mag die Ratschläge der Hölle selbst haben: was kann sie gegen Alba!“
Er drängte den Freund hinaus ans Frühlicht.
„Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen können nicht lange böse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!“
Denn der Advokat ging umher und zeigte, daß er lachte. Seiner Schwester Pastecaldi raunte er zu:
„Ich bitte dich, Artemisia, laß das Weinen! Es wird mich kompromittieren. Ein öffentlicher Mann muß heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts verloren.“
„Der Advokat auf die Galeere?“ — und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem weißen Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte „Schü! Schü!“ Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand.
„Hast du wenigstens meine Perücke mitgebracht?“ zischelte er. „Daß du sie mir auch gerade gestern abend wegnehmen mußtest, um sie zu kämmen . . . Gottlob, da ist sie.“
Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mütze abzuziehen.
„Das alles wäre mir vielleicht nicht zugestoßen, wenn ich nicht diese gesegnete Mütze aufgehabt hätte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen folgenschweren Zufällen . . . Es geht mir schon besser,“ — und er kam mit der Perücke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer Schürze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem Kratzfuß gegen Flora Garlinda, die herzukam.
„Sie sind ein tapferes Mädchen, Sie haben sich frisiert!“
„Sie haben einen Mißerfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie werden Sie sich rächen?“
„Indem ich meine Pflicht tue“, antwortete der Advokat undstieß die geöffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spöttischen Lächeln:
„Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zügellos. Aber wenn es demütig wäre, möchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es verachten würde, — und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch verächtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht . . . Nicht doch!“ rief er in einen Kreis von Bürgern hinein, worin die Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten, der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte.
„Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht geübt wird in der Welt, desto besser ist es!“
„Ihre Sache“, sagte Flora Garlinda. „Ich war nur gekommen, um Ihnen zu Ihrer Rache zu verhelfen.“
„Wie?“
„Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst für Ihren Artikel in der ‚Glocke des Volkes.‘ Sie werden sehen, daß niemand zu kurz kommt, der meine Partei nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt, dieses Haus angezündet zu haben. Was würden Sie sagen —“
Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen Regenmantels öffnete und schloß sie die Hände.
„— wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen würde?“
Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und ließ die Laute, jeden für sich, leicht und klar in die Luft gehen:
„Es ist Don Taddeo, der Heilige.“
Der Advokat prallte zurück. Er sah sie ruhig die Lippen schließen, als ob alles entschieden sei: — da begann er wild den Körper umherzuwerfen, den Hals nach allen Seiten hinauszustoßen; die Augäpfel quollen ihm hervor, und er stöhntemehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schweiß; er atmete zischend aus.
„Es wäre unnötig. Wer würde mir glauben? . . . Übrigens glaube ich selbst es nicht.“
Sie ließ ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten.
„Er ist es, Don Taddeo“, wiederholte sie mit einem Lächeln, das sie schön machte. Der Advokat brauste auf:
„Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?“
„Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht lag.“
„Und daraus, daß er ein Held ist; denn man muß die Wahrheit sagen: er ist ein Held, dieser Priester, und wäre er nicht ein Feind des Staates, würde ich ihn einen guten Bürger nennen: — daraus also ziehen Sie den Schluß, er habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Fräulein.“
„Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, daß es ihm gut stehen würde . . . Entrüsten Sie sich nicht, Advokat! Es würde ihm so viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krümmen und quälen sah, kenne ich ihn; und wenn wir jetzt über den Brand, Italia und das übrige miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir würden uns verständigen.“
„Ah! Ah!“
Der Advokat legte sich breit zurück und stieß ein tief beruhigtes Lachen aus.
„Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, daß Sie eine Künstlerin sind.“
Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu küssen.
„Eine große Künstlerin!“
„Wie es Ihnen gefällt“, schloß Flora Garlinda und hob die Schultern.
„Haltet ihn!“ schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der Brigadiere Capaci über sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die Ecke.
„Hast du den Salame?“ rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der zurückkehrte. Seine Hände waren leer, die Buben jubelten, und der alte Zecchini schlug seinen Zechbrüdern vor, den Keller des Wirtes zu untersuchen.
„Wer weiß, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.“
„Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es scheint, die Geschäfte gehen schlecht.“
Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah.
„Welche Furcht wir gehabt haben müssen!“
„Gina, was hättest du getan, wenn die Stadt gebrannt hätte?“
„Gib dein Ohr her: ich wäre zu Renzo gelaufen.“
„Flüstere nur, ich habe es doch gehört; und wir wären uns auf halbem Wege begegnet, Gina.“
„Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen, um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen, ein Mann sei bei ihr!“
„Ah! sind unsere Männer tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum jammerst du? Deine Betten sind ein wenig naß geworden, das ist alles; aber deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.“
„Sie lag im Schuppen!“
„Und du knauserst mit dem Wein? Du Glückspilz? Unsere Männer haben geschwitzt für dich!“
„Mein Mann schwitzt am meisten von allen“, sagte die Frau des Baritons Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdärmel.
„Man muß sagen, daß auch die Komödianten tapfer waren; sogar der junge, der doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im Gefängnis?“
„Redet keinen Unsinn!“ sagte der Schneider Chiaralunzi. „Als der Balkon herabfiel, wäre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.“
„Nein, das war Virginio“, sagte Nello.
„Die Post geht ab!“ rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er die Komödianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei? Ob er so gottlos sei, daß er nicht zuerst die Messe hören wolle, zum Dank für die Rettung der Stadt?
„Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Künstlern“, setzte der Schneider hinzu. „Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz, wir sind gerade nicht genug Leute: ‚Fasse einer mit an!‘ rufe ich; und jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rührt sich?“
Die Menge betrachtete mißbilligend den Kapellmeister, der, eine große Rolle fest unter dem Arm, von einem Fuß auf den andern trat. Der Schneider hatte sich dunkelrot gefärbt.
„Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen will.“
Auch der Kapellmeister war rosig überzogen. Er stieß den freien Arm in die Höhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend:
„Was wißt ihr?! Laßt mich gehen!“
Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi:
„Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er möchte Euch aus der Stadt verdrängen, denn am liebsten wäre er selbst der Maestro. Der Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.“
„Was kann ich tun?“ sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. „Sollte ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie nicht aus der Hand lassen. Schließlich, wie auch Sie wissen, war es möglich, daß die Stadt abbrannte.“
„Er ist ein böser Mann,“ — und Chiaralunzi schnob, daß sein langer Schnurrbart aufflog. „Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut genug, sie ihm aufzuführen, dann dürfen wir verbrennen, wenn es uns gefällt.“
Blandini und Allebardi erklärten, sie sähen es wohl und hätten keine Lust mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen.
„Geben Sie mir recht, Herr Mancafede!“ rief der Kapellmeister und fuhr sich durchs Haar, daß der Hut hinabfiel. „Sie selbst waren in Sorge um Ihr Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem Untergange aussetzen? Ich weiß, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem Volk, das dieselbe Musik gefühlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien, gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!“
Der Kaufmann Mancafede lächelte von unten, indes die andern murrten.
„Immerhin“, äußerte Polli, „zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre hundertfünfzig Lire, sondern wir.“
Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann maß er schweigend den Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat:
„Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, daß diese beiden braven Leute sich hassen?“
„Ich benachrichtige die Herren, daß der Kaffee fertig ist“, rief der Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. „Man hat nicht geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen, indem ich meinen Kaffee extra stark machte.“
Er stellte sich in die Mitte.
„Alle ins Café ‚zum Fortschritt‘!“
Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstürzen sehen; denn er ragte kahl und ungestützt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und schiefer. Alles wartete gedrängt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt fiel über sie her, aber man rief ihm zu:
„Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prügelst oder nicht. Wir haben durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns unterhalten.“
„Auch deine Frau hat sich unterhalten!“
Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Plötzlich:
„Er fällt! Hoho! Rettet euch!“
Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hände um die Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da und spendete ihm Trost; — und obwohl es vergeblich war, ließ erauch den Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurück.
„Armer Freund, man sieht es ihm an, daß er sich nicht gern an meiner Seite zeigen würde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben schwierig.“
Gleich darauf zuckte er zusammen.
„Da ist Camuzzi!“
Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stöberte in den Trümmern. Wie er sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretär ihn an:
„Guten Morgen, Herr Advokat!“
Der Advokat kam zögernd hervor. Der Sekretär hatte seinen neuen Herbstmantel an, frisch glänzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schließen, es fand sich aber kein Knopf mehr.
„Sie hier, Herr Camuzzi“, brachte er hervor.
„Ja, ich bin ein wenig früher aufgestanden. Die Leute erzählen einem Fabeln; können nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen ist?“
„Sie haben geschlafen?“ fragte der Advokat und behielt den Mund offen.
„Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestürzt ist, habe ich offenbar wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwätzern zu verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frühstück denken?“
Er kehrte wieder um.
„Sie konnten schlafen!“ wiederholte der Advokat, ergriffen.
„Vielleicht hätte ich nicht geschlafen,“ erklärte der Sekretär, „wenn ich an den Brand geglaubt hätte.“
„Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben geläutet! Der Himmel war rot!“
„Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewöhnt, wie ich es bin, an die Übertreibungen dieses Volkes: — denn dies Volk, Sie wissen es wie ich, lebt von Übertreibungen, Dunst und Lärm, und es bereitet dem nüchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es meine Überzeugung, daß der Eifer der guten Bürger dem Hause Malandrini größeren Schaden zugefügt hat als das Feuer.“
„Eh! Eh!“ — und der Advokat arbeitete, ohnmächtig krächzend, mit Schultern und Händen.
„Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie sie! Ich antworte Ihnen nur, daß ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.“
Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
„Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen, sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.“
Der Advokat begann mit künstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach dem Gesicht seines Begleiters.
„Ich sehe, daß Sie mich für unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen gestehen, daß ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich gebracht, daß wir uns im öffentlichen Leben zuweilen gegenübergestanden haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?“
„Die Nacht der Dichter“, sagte der Sekretär.
„Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreißig Jahren all seine Tätigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie eines schönen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als reine und strenge Logik hinnehmen.Aber auch Don Taddeo soll sie angezündet haben. Sie haben richtig gehört: Don Taddeo!“
Er lachte so stürmisch, daß mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen traten. Der Sekretär begnügte sich mit verächtlichem Feixen.
„Man muß sich vor dem Landstreicher schämen,“ bemerkte er, „der das Feuer vielleicht gelegt hat: — falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer war. Er wird uns alle für verrückt halten.“
„Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!“
Aber der Advokat seufzte plötzlich tief.
„Das alles soll nicht heißen, daß ich mich den Verantwortlichkeiten zu entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn es Rechenschaft von mir fordert über die Ablehnung der Dampfspritze.“
Er drückte beide Hände auf die Brust und nickte.
„Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Götter? Hier sehen Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes höher gestiegen war, als die meisten, und den ein Fehltritt herabgestürzt hat. Das Volk aber, weit entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fuß auf die Brust. Und doch bemitleidet es oft Unwürdige. Vielleicht haßt es mich nur, weil wir uns zu sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht groß genug war?“
Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretär die Frage unentschieden ließ, ging er weiter.
„In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches Versäumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Größerem, die Dampfspritze ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fällt mir zur Last, sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt ließ, die Ungeschütztheit dieses Volkes, das mir vertraute!“
Der Sekretär wiegte den Kopf. Er stellte lächelnd die Hand gegen den Advokaten.
„Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, daß mit der Dampfspritze, die auch ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wäre? Ich glaube es nicht, und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. Übrigens halte ich es mit dem Satze, daß die Dinge ihr Maß in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.“
Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen hinein:
„Dies ist das Prinzip des Übels: daß ich zu stürmisch den Fortschritt wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu können. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet. So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, über mich! der Bürgerkrieg.“
„Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm!“ — und beim Café „zum heiligen Agapitus“ war alles auf den Beinen. Der Advokat, am Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den Augen, und sein Begleiter sah Tränen rollen.
„Nicht das Unglück ist meine Strafe, sondern die Reue“, stöhnte der Advokat.
Dort hinten überschrien sie einander, — indes beim Café „zum Fortschritt“ eine tödliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte Acquistapace hielt den Kopf gesenkt.
„Die Freunde, verführt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und hassen mich dafür. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, daß ich nur noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben Mut!“
„Pöh!“ machte der Sekretär. „Da ich an das öffentliche Lebennicht glaube, wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen —“
Der Sekretär befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer.
„— wäre dies nicht der Augenblick für Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?“
Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaßten Blick.
„Was bleibt?“ antwortete er. „Ich will nicht von den Werken sprechen, die vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten, werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schließlich ist es für einen Mann wie für ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne Tat.“
Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.
„Sie fliegen auf und setzen sich wieder“, sagte der Sekretär. „Das ist der menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.“
„Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .“
„Gleichviel.“
„Gleichviel“, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. „Wir sind uns wenigstens einmal begegnet, — als wir denselben Fehler machten. Lassen Sie uns Freunde sein!“
Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café „zum Fortschritt.“ Von der anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom Tisch der Herren blieb sie stehen.
„Ich grüße die Dame“, rief der Gevatter Achille. „Wünscht Don Taddeo etwas Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?“
„Ja, wie geht es ihm?“ fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich nicht unter der Haube; sie sagte:
„Ist der Herr Giocondi da?“
„Was gibts?“ fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still durchdringenden Augen an.
„Kommen Sie mit mir, Herr“, sagte sie. „Der Reverendo will Sie sprechen.“
„Wie?“ — und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. „Irrt Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.“
„Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.“
Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen, und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er sich einen Ruck.
„Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war . . .“
„Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie“, sagte ihm der Gevatter Achille noch, und die andern riefen ihm nach:
„Auch den meinen, weißt du.“
Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant Cantinelli wagte zu sagen:
„Eine sonderbare Geschichte;“ — und der Kaufmann Mancafede, wispernd:
„Was mag er wollen?“
„Eh!“ machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:
„Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie man weiß.“
Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber.
„Was gibts?“ fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori und Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.
„Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem Giocondi zu tun?“
„Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!“
„Die Sache ist einfach“, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß ihn auf das Pflaster. „Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat gesehen, wessen der Advokat fähig ist.“
Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, — indes der Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.
„Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?“
„Der Advokat!“ und der Herr Salvatori lachte bitter auf. „Wissen Sie, daß er meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die Freiheit wären?“
„Bezahlen Sie also die Freiheit!“ sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede wimmerte:
„Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.“
„So wenig wie ich“, behauptete der Gevatter Achille. „Der Advokat hat uns alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein andererMann, Sie haben dem Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.“
Der Leutnant Cantinelli sagte:
„Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben. Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; — und ich habe eine Frau.“
„Der Advokat wird sie trösten“, sagte der Savezzo.
Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er schrie erstickt:
„Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!“
„Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten“, sagte der Savezzo.
„Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große Gelbe selbst zu heiraten!“
Camuzzi bemerkte trocken:
„Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die Herren ruhig geschlafen hätten wie ich —“
„Was denn!“ murrte der Herr Salvatori. „Man kann nicht schlafen, wenn in der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, — fragen Sie nur meine Frau, ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet haben.“
„So ist es!“ und alle riefen durcheinander. „Wir sind in den Händen eines Räubers.“
„Wer rettet uns!“ wimmerte Mancafede.
„Wir sind schon gerettet“, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär neben ihm verstand, was er murmelte.
„Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß leben . . .“
„Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,“ äußerte der Gevatter Achille, „daß Sie der einzige sind, der uns retten kann.“
Angstvolles Schweigen; — aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die Schenkel und ließ sich Zeit.
„Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in derPolitik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und ihn fürchtet.“
Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine Arme.
„Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.“
„Wie oft“, — und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, „haben wir untereinander dem Advokaten geflucht!“
„Wäre nicht der Advokat gewesen,“ rief der Gevatter Achille, „niemand hätte uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.“
Und alle durcheinander:
„Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen und Sie bei den Gemeindewahlenvon der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!“ — und der Kaufmann Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. „Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen, sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.“
„Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!“ rief der Herr Salvatori und schwang anfeuernd den Arm.
„Einen Künstler,“ setzte der Gevatter Achille hinzu, „der so gut auf dem Bleistift bläst!“
„Ah!“ machten alle, — indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase schielte.
„Was verlangen Sie?“ fragte der Herr Salvatori. „Wir sind bereit, den Advokaten zu opfern;“ — und Polli bestätigte es.
„Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?“
„Wir liefern ihn aus!“ schrie Mancafede in der Fistel. „Ich bin der erste gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf die Galeere!“
„Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat“, meinte der Gevatter Achille. „Nur müssen wir Zeugen haben.“
„Eure Sache, sie zu finden“, ließ der Savezzo vernehmen. „Beseitigt den Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.“
„Wir haben Zeugen, so viele wir wollen“, riefen sie; der Kaufmann packte sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.
„Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wiedie ganze Stadt weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.“
Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.
„Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht manches vergehen.“
Sogleich fuhren alle gegen ihn los.
„Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?“
„Noch niemand“, — und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den Sekretär, „hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück bringen!“
Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.
„Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie sich, Herr Camuzzi!“
Der Gemeindesekretär wehrte ab.
„Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.“
Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:
„Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?“
Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:
„Nun, was sagt Don Taddeo?“
„Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?“ fragte der Leutnant.
„Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?“
„Nichts“, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah weg. „Nichts. Er ist verrückt geworden.“
„Wie? Von wem sprichst du?“
„Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.“
Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte Polli und zog die Stirn in Falten:
„Versteht sich, er ist ein Heiliger.“
Der Herr Giocondi fuhr fort:
„Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don Taddeo, und er will zahlen.“
Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf seinem Holzbein um den Tisch.
„Er wird nicht zahlen“, meinte zögernd der Herr Salvatori.
„Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.“
Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn Giocondi:
„Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!“ rief er über den Platz, „da ist ein Spion des Advokaten!“
Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café „zum heiligen Agapitus“ sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot vor Entrüstung:
„Ich ein Spion? Ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘ bin ich, und wenn mir jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.“
„Er weiß, was er zu tun hat!“ brüllte der Apotheker, „und der Advokat bleibt ein großer Mann!“
„Und warum will er zahlen?“ fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:
„Und warum will er zahlen?“
„Ah das —“ und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, „das ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘.“
„Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!“
Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der Herr Giocondi schob sie weg.
„Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht zum Teufel! . . . Zum Teufel!“ schnob er den Männern zu, die ihn bedrängten.
„Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!“ riefen sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.
„Wir sind verraten!“ keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens griff um sich.
„Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der Advokat wird uns aus Rache aushungern.“
„Wo ist Don Taddeo?“ kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf. „Sie halten ihn gefangen!“
„Das ist ein wenig stark,“ sagten die Männer, daß es an den Mauern hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:
„Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!“
Und drüben beim Rathaus eine andere:
„Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.“
„Wir sind verloren!“
„Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!“
„Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!“
Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn vorgestreckt, der Savezzo.
„Lügen!“ brüllte er rauh und unförmlich. „Alles Lügen! Ich hole euch den Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder ich selbst auf die Galeere!“
Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: „Unser Heiliger! Wer ihn uns nehmen will, ist tot!“ Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: „Sprich, Don Taddeo!“ Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen selbst zu flehen.
„Sprich, Don Taddeo!“
Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich — und gleich fiel es wieder. Er war fort.
„Er hat etwas gesagt? Was ist es?“
„Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.“
„Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird sterben.“
„Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!“
„Alle in den Dom!“
Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel, Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel Volkes waren hinweg; — und beim Café „zum heiligen Agapitus“ stand, das Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.
Beim Café „zum Fortschritt“ sahen sie noch immer versteint einander an. Der Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt Polli:
„Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was man jetzt tut.“
„Deixel, man geht in die Predigt“, meinte der Herr Giocondi. „Vielleicht, daß Don Taddeo von der ‚Gegenseitigen‘ spricht.“
Der Herr Salvatori äußerte starr:
„Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er nur angezettelt.“
„Wenn man es wüßte!“ sagte der Leutnant. „Für die bewaffnete Macht ist es schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.“
Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.
„Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.“
„Auf jeden Fall scheint es, —“ und Polli kratzte sich den Kopf, „daß wir uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.“
Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.