Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob er ihn vor und ließ ihn los. Der Kaufmann dienerte und reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein altes Hasenprofil mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise.
„Wenn die Herren es erlauben —“
Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die aussah wie sein Fell, rund und klein machte.
„Sie haben eine Tochter?“ fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede schmunzelte bescheiden.
„Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.“
„Es wäre nicht nötig gewesen.“
„Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt sie gern ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr als wir andern, von der Welt weiß und von gewissen Dingen, die“ — mit der Hand auf dem Herzen — „uns andern zu groß sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht schlafen lassen. Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: ‚Papa, jetzt ist er unterwegs hierher!‘ ‚Wer, Töchterchen?‘ ‚Er, der Cavaliere Giordano.‘ Und tatsächlich, bedenkt man es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht recht geben, und ist es nicht ein wahres Wunder, daß ein Mann, den siein Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlägt, um gerade uns zu erwählen? Kaum glaubt man es, daß er hier sitzt, mitten unter uns, wie einer von uns!“
„Tatsächlich“, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat meinte:
„Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel anzubringen.“
Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten:
„Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!“
Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, nach allen Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann:
„Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer Tochter meine bevorstehende Ankunft enthüllt hat? Sie hat diese Kenntnis nicht aus sich selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat nichts zu bedeuten?“
Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die Bauern nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komödianten hätte loswerden wollen, noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher Ehrgeiz siegte, und er hob die Schultern.
„Welch Zufall denn wohl, — da nur der Maestro darum wußte. Sagen Sie selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!“
„Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es mir genützt,“ — und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und zornig — „da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!“
Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein Murmeln der Trauer ging durch den Kreis der Bürger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer Geste von leichter Erhabenheit.
„Fürchten Sie nichts!“ sagte er, machte eine Pause und stellte sich die Gedenktafel vor, „ich werde bleiben.“
„Ah!“
„Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern ist, die mir verhängnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen als in Parma, wähle ich statt des Lebens den Ruhm;“ — und er senkte die Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen beiden und schüttelte sie wild.
„Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie für mich tun!“
Er stammelte mit feuchter Stimme:
„Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren —“
„Sie werden bleiben“, ergänzte der Kaufmann. „Das wissen wir, ohne meine Tochter zu fragen.“
Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung der Gagen, sobald das Theater ausverkauft wäre. Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem Fräulein Italia Molesin verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen Freund. Sie und der Advokat sahen errötet aneinander vorbei.
„Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,“ sagte der Kaufmann, „sind wir sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen werden.“
Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller Überraschung vor dem spöttisch blinzelnden Kaufmann die Lider.
„Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger auf!“ verlangte der Kapellmeister und trat von einem Fuß auf den andern. „Meine Herren, ich mache Sie dafür verantwortlich, wenn wir —“
„Schließlich hat der Maestro recht“, sagte Italia, denn der Advokat trat sie zu stark, und sie stand auf. Auch die übrigen machten sich fertig. Nello Gennari allein blieb sitzen.
„Ich kann noch nicht singen“, behauptete er hartnäckig. „Ich muß vorher allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich muß allein sein.“
Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr zu sprechen. Die Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden des Tabakhändlers Polli zu verlängern.
Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die am Boden mit Steinchen warfen. Er riß sie auseinander und verlangte, daß sie den Platz räumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und sie verzogen sich im bunten Getöse des Mittagläutens.
Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen der Treppengasse um und rief: „Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können keinen Fremden bei der Probe gebrauchen.“
„Versteht sich“, rief der Advokat zurück. „Sie werden nicht kommen, ich bürge dafür, sie sind bei Polli.“
Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege lag. Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg.
„Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen“, sagteder Advokat. Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, stiegen sie zwischen den schwarzen Häusern fort, aus deren Türen Rauch schwankte.
„Gut, daß wir dableiben,“ sagte Italia, und lachte; „ich hätte nicht gewußt, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.“
„Wie? Aber hat denn der Baron nicht —?“
Er schlug sich auf den Mund.
„Wer?“ fragte sie.
„O, niemand!“
Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schüttelte lachend die Schultern und sprang höher. Er keuchte, rechts und links winkend, hinterdrein.
„Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hält man mich für einen mächtigen Mann . . . Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen Sie den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist das größte und schönste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat abgefunden wurde, gehört es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur Hälfte. Ich habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern —“
Der Advokat blieb stehen und schmatzte.
„— und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Fräulein: wenn Sie mich besuchen wollen, — o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines Ehrenmannes;“ — und er stellte die Hand steil zwischen sie und sich. Italia lachte, aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen Verhältnisse darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag!
„Nach der Probe will ich Sie besuchen“, sagte sie, „und mirIhre schönen Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer“, setzte sie hinzu und zögerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte sie sich einen bescheiden lockenden Senkblick. Er lächelte galant und führte seine welke Hand ans Herz.
„O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.“
Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er hielt immer wieder an.
„Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem Anblick —“
„Da ist er! Und die Eier?“ rief es aus dem Hause herab; und eine große Frau mit einem rot verschnürten Sammetmieder und kurzen Hemdärmeln stand im Fenster und drohte mit dem Finger.
„Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er Hungers sterben lassen: er aber, immer mit den Frauen.“
„Meine Liebe,“ sagte der Advokat hinauf, „es gibt gewisse Dinge, die du nicht beurteilen kannst.“
„Immer derselbe, der Advokat!“ — und die Schwester breitete verzweifelt die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strähnen fielen, lächelte bewundernd.
„Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! geh, Taugenichts, unterhalte dich! Laß deine Familie ohne die Eier!“
„Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. Aber merke dir, meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit haben werde für deine Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschäftigt bin.“
„Man sieht es“, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurückzog. Der Advokat bemerkte:
„Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.“
Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurück.
„Bei Ihrem Anblick“, fuhr er fort, „fühle ich deutlicher als je, daß große Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Künstler bestimmt? Ah! haben Sie je über das Schicksal nachgedacht?“
Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter in abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen Greisenaugen schien er über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war, bewegte dabei die Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, die Linke am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut.
„Es ist nichts“, erklärte der Advokat. „Es ist der Brabrà: so nennen sie ihn nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer Alter, etwas verrückt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann von meinen Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal —. Aber nein: da ich Ihnen begegnet bin!“
Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm.
„Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; — und dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig namens — Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die einen Liebhaber hatte.“
„So streng war er!“ — und Italia sah ehrfürchtig an der wilden schwarzen Mauer hinauf.
„Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die Nonnen haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen Unterröcke . . . Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu werfen! Sie sehen von hier zweiunddreißigOrtschaften. Welch wollüstiges Blau: würde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt? Wer die Einkünfte besäße aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der hätte jährlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.“
„Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!“
„Für eine Frau würde ich es ausgeben!“ rief der Advokat, in Feuer, und kroch ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen Palast. „Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine Frau zu allem fähig.“
Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab.
„Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .“
Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der Kapellmeister.
„Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die ‚Arme Tonietta‘ niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!“
„Sie haben recht, Dorlenghi“, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der Hand. „Wir kommen, gleich sind wir da.“
„Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!“
Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben.
„Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen, was ich dir schenke.“
Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er fort . . .
Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese Wege, die nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles, was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den leeren Platz hin, mit seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten sie sie wieder. Was das für ein Leben war! Und in ein solches war Nello gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken, daß sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt. Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße Gesicht — hatte es nicht genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam.
Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gabihm ein Zeichen! Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die betrügerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden warf, daß nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf die Stufe. Ein Geräusch — er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Café und überquerte den Platz mit ihrem Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte sie das Haus, den Spalt in der Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verächtlich gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief. Dann warf er zornig die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der Primadonna klappten schon in der Treppengasse.
So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in ihrem langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem schmutzigweißen Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und davon, um die Ecken, über die engen Plätze zwischen zwei Stiegen, — und sooft durch eine Lücke der Häuser ihr Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen saß, richtete sie den Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. „Laßt mich durch!“ — und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie hin.
Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslichtnoch blind, alles schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches.
„Entschuldigen Sie!“ sagte jemand.
„Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?“
„Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich der Probe bei.“
„Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?“
„Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!“
Da fiel er hin.
„Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.“
Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt an.
„Wir sind falsch gegangen“, entschied Flora Garlinda. „Wir wollen umkehren, und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden . . . Diesen Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht mit drinnen?“
„Konnte ich denn? Ließ man mich denn?“ — und der Stimme des Advokaten hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. „Dorlenghi ist verrückt geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein Fremder! Der Vorsitzendedes Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er selbst hier fremd ist und daß wir ihn fortschicken können.“
„Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich werde Ihnen helfen.“
„Ah! Sie werden —. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß Sie eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem Tabakhändler —“
„Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.“
„Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde es erraten haben, daß ich nicht —, daß dieser Maestro mich —“
„Wir sind da“, sagte Flora Garlinda.
Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft.
„Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.“
„Das ist immerhin etwas“, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür.
„Was für ein schlecht erzogener Mann!“ sagte sie. „Mich hat er bereits Idiotin genannt.“
Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen.
„Maestro,“ — ganz sanft — „ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten Belotti. Er möchte uns zuhören.“
Der Kapellmeister fuhr auf.
„Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!“
„Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,“ — und der Advokat trat mit Würde vor.
„Also nochmals,“ schrie der junge Musiker zitternd, „der Herr bin hier ich. Wer nicht gehorchen will —“
„Nun?“ — und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen.
„Kann gehen“, ergänzte er viel leiser. Sie nickte.
„Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.“
„Erst gestern“, stieß er hervor, „hat mir die Fusinati geschrieben.“
„Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden —“
„O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,“ — und der Advokat trat von einem Fuß auf den andern. „Sind wir nicht alle Freunde?“
„Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu singen, vor wem ich will.“
„Es liegt mir fern —. Wir haben uns mißverstanden —.“
Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf Schreckliches gefaßt.
„Überdies“, begann sie wieder, „bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu verhandeln.“
„Sehr richtig“, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf das Klavier. „Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht genüge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei singe ich ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß, daß meine Partie der Piero wäre!“
„Kurz: was will man von mir?“
Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider.
„Man will einen Regisseur, beim Bacchus“, sagte der Bariton.
„Der bin ich! Der bin ich!“
„Meine Herren,“ stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen, „ich möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen —“
„Maestro!“
Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter.
„Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nichtnötig, es zu gestehen: diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es, der die Ausstattung beschafft hat.“
Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den Bariton.
„Und ich,“ klagte der Kapellmeister, „ich habe den Chor zusammengebracht und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.“
Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum.
„Wer sagt das?“ — und Flora Garlinda folgte ihm. „Aber weil Sie ein Mann von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.“
„Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß“, hörte man den Bariton sagen.
„Er verlangt fünfzig Lire“, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses:
„Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?“
Da er den Atem einzog und anhielt:
„Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in Mailand. Wir —“
Sie knixte tief.
„— sind für Sie nur Staffeln.“
„O!“ machte er, aufgeblüht und gütig. „Sie nicht, Flora Garlinda: Sie nicht. Sie werden größer werden als ich.“
„Glauben Sie?“ fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück.
„Aber solange ich Dirigent bin,“ rief er den anderen zu, „darf ich vielleicht verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt erkläre?“
Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich.
„Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.“
„Dann also, Cavaliere,“ rief der Kapellmeister, „noch einmal von vorn, bitte: ‚Seid fruchtbar, meine Kinder . . .‘“
Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne von sich zu geben.
„Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch meine Enkel sollen es bebauen.“
„Hören Sie ihn etwa?“ — und der Kapellmeister warf sich, die Stirn trocknend, auf seinem Sitz umher. „Und dies ist nur ein Klavier! Was wird das Orchester von seiner Stimme übriglassen?“
Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen.
„Ich habe doch alles verstanden“, versicherte Italia Molesin mitleidig und sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte fest:
„Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.“
„Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler —“ sagte der Advokat mit Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den Kopf.
„Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts! Ich stehe für nichts!“
Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die Tasten.
„Fräulein Flora Garlinda!“
„Hier bin ich.“
„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine solche Gewissenlosigkeit?“
„Nun ja“, meinte Gaddi. „Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen, und das wird ihm zu denken geben.“
„Einen Vermouth!“ — und der Kapellmeister stieß die Luft aus.
„Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken! Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda, Sie, die Sie zuletzt gekommen sind!“
„Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?“ — und sie wandte sich ab.
„Steckt er bei einer Frau?“ raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm.
„Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!“
Sie fiel ein:
„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .“
Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben, aber ein kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog Schmerz sie. Die Sängerin hatte abgebrochen.
„Es ist unnütz“, sagte sie. „Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner fehlt.“
„Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was Sie wollen!“
„O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wennich ihn nicht neben mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes. Geben Sie mir den Advokaten!“
„Herr Advokat!“ — und der Kapellmeister streckte die Hand hin. „Wir bitten Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?“
„Aber wie denn, Maestro!“
Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf.
„Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie starren in das Abendrot!“
Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte mit den Füßen.
„Sind wir soweit?“ fragte der Kapellmeister scharf; — und er nickte der Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.
„Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier, der sie zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis Phonographen.“
„Schweigen Sie!“ schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht.
„Aber er ist kaput“, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.
Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.
„Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!“
„Knien Sie!“ befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten, aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu behalten.
„Knien Sie doch hin!“ — und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte.
„Au, au!“ machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine.
„Und würde sterben für dich!“
„Sie sind zu gütig“, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen los. Der Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte:
„Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in diesem Augenblick, in diesem!“
Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.
„Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.“
„Warum denn“, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn.
„Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!“
Und er war fort. Man sah sich an.
„Nun also, gehen wir essen!“ meinte der Bariton. „Wollen Sie nicht aufstehen, Advokat?“
Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat verschwunden waren.
„Schon“, sagte der Bariton; und der alte Tenor:
„Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es empfehlenswert, jung zu sein.“
„Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?“ fragte Flora Garlinda.
Die beiden Männer riefen einander noch nach:
„Um fünf im Café!“
Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò bediente sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der Gevatter Achille die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres Zeltdaches sich langsam vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte eine übelriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk einen kleinen Papierfächer.
In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes, Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig in die Höhe gezogen und hielt die Arme steif.
„Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot“, rief Gaddi ihm entgegen. Der junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.
„Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!“
Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust.
„Nichts“, brachte Nello hervor.
„Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die Probe versäumt?“
Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand des andern:
„Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!“
Er preßte, fiebrig bittend, die Hand.
„Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.“
„Du bist krank.“
„Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe die Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.“
Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.
Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut: der Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand, halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr, was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war.
Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der Apotheker aus:
„Und der Advokat?“
Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die Hände.
„Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.“
„Wir?“ fragte Gaddi.
„Ich weiß“, erklärte Mancafede; „meine Tochter hat es mir gesagt.“
Nello machte sich steif.
„So wiederholen Sie es doch!“
Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.
„Wir haben keine Ahnung“, sagte der Cavaliere Giordano.
„Raten Sie nur!“ — und der Apotheker legte den Finger an die Nase.
„Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .“
„Die“, behauptete der Bariton, „kann es nicht sein. Sie ist äußerst anständig.“
„Und doch, und doch —“
Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf die Brust.
„Ich habe es aus erster Quelle.“
Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und auf dem Sofa saß die Frau.
„Ah! Ihr Herren, der Advokat!“
Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein.
„Ich kann es nicht glauben“, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere Giordano zu; „eine so anständige Person wie unsere Italia.“
„Eure Italia!“ rief Polli und schlug sich auf die Schenkel.„Ah! reden wir ein wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.“
„Hat er sie geschlachtet?“
„Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion davon haben wird, — und wer hat es geholt? Niemand anders als die Schwester des Advokaten Belotti.“
Der Sekretär spreizte die Hände.
„Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß Erfindungen.“
Polli und der Apotheker hoben die Arme.
„Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!“
„Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,“ — und Camuzzi strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. „Ah, man stelle sich vor: ein Kind vom Advokaten.“
„Schon?“ fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. „Bisher steht nur fest, daß der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat. Der Advokat hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte erkennen, daß er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde aber schlüpfte die Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.“
„Ah! der Advokat.“
„Orgien: wie ich euch sagte!“ — und der Apotheker schlug zwischen die Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er erhob die Stimme.
„Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die beiden —; wie oft der Advokat sie —: ihr versteht mich.“
Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der Leutnant und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, — und auf einmal entließen sie mit Geknatter dieLuft aus ihren aufgeblasenen Backen. Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins Gesäß. Der Leutnant stieß ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker brach von Minute zu Minute in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch sammelte. Plötzlich rief eine schrille Stimme:
„Da sind sie!“
Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen; zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ, entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die Menge, die ihm huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; — und dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das Spalier zu führen. Der junge Savezzo war da und applaudierte.
Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei jedem Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:
„Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!“
Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie mußte zugeben, daß sie ermüdet sei.
„Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten“, erklärte sie.
„Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben —“
„Sst!“ machte er.
„Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.“
„Darauf hat er sich immer verstanden!“ schrie Polli. „Er hat immer das zarte und volle Fleisch zu finden gewußt.“
Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht genügend beleuchtet.
„Und der Baron“, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte es gehört und flüsterte zurück:
„Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm aufgesetzt hat, bist du es.“
„Du bist groß, Advokat!“ sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.
Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im Genuß der Huldigungen.
„Da haben wirs!“ — und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des Konditorlehrlings. Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hörte den Chor lachen.
„Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.“
„Was meinen Sie denn, Camuzzi?“ fragte der Advokat, immerhin betroffen. „Ich habe keine Ahnung.“
Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz legte.
„Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.“
Der Sekretär nickte ingrimmig.
„Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in Gefahr!“
„Das ist doch wohl übertrieben“, meinte der Advokat; und da er in den Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf.
„Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller abspült. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr Herren, seht hier, seht den Priester!“
Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte, sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren schon davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog, besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten und schrien. Die Bürger waren empört.
Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:
„Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!“
„Wenn man ihn selbst einmal —“ schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe.
„Solche Verbündete“, stellte der Advokat fest, „hat der Herr Camuzzi. Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.“
„Die moralischen Gesetze“, versuchte der Sekretär einzuwenden, „verlieren dadurch nicht an Wert, daß —“
„Ach was!“ — und der Advokat schob seine Tasse weit fort. „Lassen Sie doch die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen huldigen —“
Er sah auf Italia.
„— ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere Verneinung!“
„Bravo, Advokat!“ sagte der Cavaliere Giordano.
„Er hat gut gesprochen“, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu und schielte auf seine Nase:
„Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn nicht der Advokat es täte!“
Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker in den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an.
„Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube; weil ich nicht glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen kann.“
Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:
„Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.“
Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich:
„Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.“
„Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?“ fragte der Sekretär.
„Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen, die ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor Mittelmäßigkeiten.“
Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
„Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.“
Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine, einsame Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse.
„Hier ists kühl“, sagte er aufatmend; und über sie geneigt:
„Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.“
„Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.“
Er biß sich auf die Lippe.
„Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist gegen mich.“
Da sie Luft durch die Nase stieß:
„Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!“
Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.
„Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!“
„Aber auch ich —“ und er schluchzte trocken auf, „— habe nun etwas Einziges, etwas Großes —“
Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:
„— für das ich leben will, — für das ich sterben will.“ Ihre Miene ward unruhig.
„Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!“
„Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.“
„Und so paßt es für dich“, sagte sie befriedigt.
Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die Rechte aufs Herz und begann zu singen. „Sieh, Geliebter, unser um —.“
Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag.
„Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es nicht.“
„Da Sie es singen, Fräulein,“ sagte Polli galant, „brauche ich meinen Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.“
„Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?“ fragte Camuzzi; und gerade wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die Hand ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.
„Es wird niemand darin sein“, sagte der Kaufmann.
„Ich habe beobachtet,“ sagte Polli, „wenn der vorige Tag zu gut war, dann kommt gar nichts.“
„Da wir das Fräulein schon unter uns haben“, und der Advokat verbeugte sich vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß.
Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der Treppengasse. Der Apotheker fluchte.
„Es ist unbegreiflich,“ bemerkte der Advokat, „wo diese Mädchen sich umhertreiben. Was mögen sie —“
Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron Torroni.
„O,“ machte der Leutnant, „man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .“
Der Sekretär lächelte unbekümmert.
„Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.“
„Tatsache ist,“ sagte Polli, „daß der Advokat gewisse Rechte des Barons nicht ganz —“
Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:
„Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben —. O! seid ihr schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!“
Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.
„Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens, daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.“
„Immerhin muß man wissen,“ sagte der Apotheker, „daß heute früh ein Bauer aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat. Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.“
„Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!“ rief Polli; „und da du mit dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?“
Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf seinen Arm.
„Keine Dummheiten, Advokat!“
Und etwas weiterhin:
„Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron —? Trotz allem glaubst dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich Unglückliche!“
Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser kritischen Lage vorbei.
„Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!“ sagte er.
Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem Baron den Anfang gemacht.
„Du lügst!“ — und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung, weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas Falsches zuschob. „Was hast du gesehen?“
„Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte, warum.“
„Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist, war der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt habe.“
Der Advokat murmelte:
„Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz“ — und nachdem er überlegt hatte:
„O Weiber! Und das soll ich dir glauben?“
Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten alle ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft! Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es schmeichelhaft, der erste zu sein, — und sofort nahm er sich, kühn gemacht, vor, sie dafür zu verlassen.
„Ich liebe nur dich“, sagte Italia versöhnlich.
„Eh!“ machte er und kehrte um.
„Liebst du mich nicht mehr?“ fragte sie. Er sagte herablassend:
„Du bist ein gutes Mädchen.“
Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:
„Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah wohl, daß sie Furcht um dich hatte.“
„Du glaubst?“ — und der Advokat strich sich den Schnurrbart.
„Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen“, begann der Leutnant wieder, „von sehr sonderbaren Fällen . . .“
Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? „Mit ihr kam ich gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht geträumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!“ Und er errötete bei der Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge gerühmt habe. „Ich bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie ein wenig Staub, den ihr Fuß aufhebt.“ Aber hundertmal hatte schon in seinem Herzen die Gewißheit geschlagen, er werde sie lieben und keine Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt! „Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.“
„Wo bleibt der Maestro?“ fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit starre Augen gehabt hatte. „Die Chorprobe müßte aus sein.“
„Wohl“, sagte Gaddi. „Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer. Welche ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer seine Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?“
Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht sah und hineilte, umihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er murmelte:
„Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?“
Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust unter dem alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, — trank nicht, rauchte nicht und riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, anzusehen wie ein böses Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel ab.
Der Advokat streckte die Hand aus.
„Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen hinaufsteigen sah —“
Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf.
„Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der guten Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd, die mannstoll war, eine schöne Person —“ Italia unterbrach die Erzählung.
„Advokat,“ sagte sie zitternden Tones, „der Blick des Priesters, als er uns begegnete!“
„Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er Unglück bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen Augen an . . .“
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
„Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu beichten.“
Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:
„Auch ich werde beichten.“
Man stutzte.
„Sie sind fromm?“
„Warum nicht“, erwiderte Gaddi. „Auch beim Theater sind wir anständige Leute.“
„Ich komme gern mit mir ins reine“, erklärte sie und bewegte die Augen hell vom einen zum andern. „Habe ich dort im Schatten gekniet und alles ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir bestimmt ist.“
Der Advokat hielt sich nicht mehr.
„Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden vergeben kann?“
„Wenn er stark genug wäre?“ sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. „Aber fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.“
„Sie sind eine sonderbare Person“, bemerkte der Tabakhändler.
„Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch“ — und sie erfaßte Italias weißen Arm. „Sie sind schwierig, — und die Priester sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl und sagte: ‚Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die Zucchini, die, obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch längst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machteich ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da ließ sie sich die Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten für das Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!‘“
„Welch guter Witz!“ rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora Garlinda lächelte in die Runde.
„Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.“
„Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen“, sagte der Cavaliere Giordano.
Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, — und alle die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein hergewehter Schwarm fremder Insekten.
Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr:
„Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung haben!“
„Aber auch unsere Damen“, fügte er hinzu, „sind nicht zu verachten, und nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute. Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!“
Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des schönen Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner Weste. Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht trafen.
„Die kleine Paradisi“, raunte er, „hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber. Nur Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.“
„Ich glaube sie schon zu kennen“, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert hatte: „Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde dieselben Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, die ich gestern gesehen habe?“
„Gewiß,“ sagte der Advokat, „und sogleich wird auch die Hühnerlucia da sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung, und die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, was wir haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles geändert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.“
Er sah sich nach Beifall um.
„Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt machen, unter der Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei anderen Komödiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die große Gelbe hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück der kleine Polli hat! Sie müssen wissen, mein Herr, daß der Severino Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten Pferde. Ich liebe zu sagen, daß er dasväterliche Geschäft vergrößert hat, denn sein Monokel ist größer als die Goldstücke des Alten.“
Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:
„Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich wie jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen Klängen der Höhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr weißes Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!“
„Die Hühnerlucia!“ rief der Advokat und schüttelte ihn. „Da ist sie!“
Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, über den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. Die Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den Händen um sich, man kreischte, man floh . . .
Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.
„Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig Jahren, und es bleibt immer komisch.“
„Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro“, rief er.
„Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater“, erklärte der Advokat seiner Umgebung. „Alles in Ordnung, Maestro?“ rief er durch die Hände.
Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café „zum Fortschritt.“
„Es ist gut gegangen,“ sagte er und nahm die Hände, „ich bin zufrieden.“
„Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?“ fragte Italia.
„Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.“
Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, — lehnte den Kopf an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso zog. Jetzt aber gehörte er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschäftigteste Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die große, unerhörte und feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es sprang zu hoch.
„Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein“, sagte er und seufzte.
„Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann“, erwiderte der Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und lieben! Die Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen Ruck an Flora Garlinda.
„Niemand sang doch ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ so gut wie Livia Damanti“, sagte er und schöpfte Atem.
Flora Garlinda lächelte.
„Sie finden?“
„Sie hatte so viel Gefühl.“
Flora Garlinda krümmte die Lippe.
„So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die Livia gehört?“
„Letzten Winter“, sagte er rasch und errötete. „In Parma.“
„Sie ist seit einem Jahr in Amerika.“
Und immer mit ihrem reglosen Lächeln:
„Übrigens ist das ‚Sieh, Geliebter‘ nicht ihr Fach, denn sie singt Contralto.“
Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute bei der Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte. Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah weg.