III

„Ich werde mich geirrt haben“, sagte er und schluckte hinunter. „Auch zählt, seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die Wahrheit.“

„Wahrheit oder nicht“ — und sie lachte kameradschaftlich, „wir kennen uns schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?“

„Über mich? über mich?“ — mit der Hand auf dem Herzen:

„Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der —“

Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.

„Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er gedrungen.“

„Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat“, sagte der Kaufmann Mancafede.

Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase. Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.

„Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines Geschäftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.“

Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.

„Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! — und doch, ich fühle eine Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses Volkes zu hören, das wartet.“

„Und Sie, Herr Savezzo?“ fragte Flora Garlinda.

„Ganz so!“ sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren die gestern gebrannten Locken noch unzerstört. „Ganz so! Als ich über die Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Albabloß ihr Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im Geist erblickt.“

„Der Ehrgeiz!“ sagte der Kapellmeister. „Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich, Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende! Nirgends fremd, überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!“

„Tausend Geliebte!“ — und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. „Ich sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten Damen sich mir —“

Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie weiß zu machen.

„Die Herren verstehen sich“, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd, gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber seine empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt durch dies Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte:

„Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für diesen Vermouth.“

Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: „Ists möglich, daß sie mich mit diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl gar nicht. Ich werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter Musik kommen, werden mir immernur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch nach gefälschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.“

Er betrachtete ihr Lächeln.

„Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben! Sie ist böse, ich hasse sie! — und würde doch keinen Menschen so gern an mich glauben machen wie sie!“

Aus ratloser Pein sagte er:

„Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?“

Sie hob die Schultern.

„Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist alles, was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco zurückkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, mag sein sieben muß ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber —“

Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.

„Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, — und meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.“

Sie stand auf.

„Ich will meinen Spaziergang machen.“

„Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden“, sagten die Bürger.

Sie lachte und ging.

Der Kapellmeister sah vor sich nieder. „Ihr gehört die Zukunft; darum braucht sie die Träume nicht, die vorauseilen.“

Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin:

„Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.“

Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen.

Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß rascher in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen schwenkten sich lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines Feuerrades. Plötzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch die Schleier der Dämmerung schwang sich vom Turm das Ave.

Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des Tenors Nello Gennari, beim Café ein.

„Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!“ schrie er erzürnt. „Was fällt ihm ein!“ — denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.

„Im übrigen,“ sagte er, „die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.“

„Aber die Personen,“ sagte Nello, „die zum Dom gingen, waren nicht dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.“

Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig gesenkten Stirne hervor.

„Ach ja,“ sagte er, „dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.“

„Was meint dieser Herr?“ — und Nello tat einen raschen Schritt.

„Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.“

Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.

„Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr meinen Vortrag über die Freundschaft hersage.“

„Was hat er?“ ward gefragt, als er fort war.

„Ich verstehe nicht —“ stammelte Nello. Der Advokat bewegte den Zeigefinger.

„Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind. Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn eines Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte. Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich beneidet und haßt.“

„Er ist ein junger Mann von großem Genie“, wandte Polli ein. Der Advokat versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub vor. Darauf erwiderte er:

„Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.“

„Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft“, sagte der Perückenmacher Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden.

„Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!“

Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.

„Eh! eh!“ machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.

„Wenn ich gewußt hätte,“ versicherte der Barbier und drückte die Pickelflöte fester unter seinen Arm, „ich wäre gekommen und hätte den Herrschaften ein Ständchen gebracht.“

„Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?“ fragte der Bariton Gaddi.

„Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.“

„Ihr meint den Chiaralunzi“, sagte der Apotheker. „Aber wir alle wissen, daß er ein sehr braver Mann ist.“

Der Barbier hüpfte auf.

„Der Schneider — ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt, Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt sich nicht beim Wein.“

„Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.“

„Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit seiner Bande zu viel trinkt.“

„Da haben wirs“, bemerkte der Advokat. „Ihr neidet euch gegenseitig die Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön, Nonoggi.“

Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden.

„Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.“

Der Advokat legte den Kopf zurück.

„Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind.Um euch zu versöhnen, werden wir euch beiden einen Vermouth anbieten.“

„Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!“

„Wie?“ fragte der Kapellmeister aufschreckend.

Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken, und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte er sie Schritt für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem.

„Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?“ fragte er und setzte das Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem Auge.

„Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen? Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der Nachtluft wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens den Hals zu schützen.“

„Und die Probe?“ fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.

„Ja, die Probe.“

„Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora“, sagte der Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt und streckte die Hand hin.

„Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts. Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schöpfen.“

„Aber — die Probe? Sie sind der Maestro!“

Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.

„Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein Einfall.“

Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der Schneider sprang entsetzt zurück.

„Im Café! Was denkt Ihr denn?“

Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen, zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten, baumelnden Schnurrbartes.

„Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute“, entschied er endlich und nahm sie herab. „Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus. Entschuldigen die Herren!“

Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm zuckten sie die Achseln.

„Verliebt, der Arme!“

„Die Orchesterpartitur“, sagte der Kapellmeister, „liegt noch in meiner Wohnung, ich muß eilen.“

Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.

„Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus vorbei?“

Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er:

„Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi hat seine Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der Schneidersfrau, und Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich könnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript Ihrer Oper.“

„Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .“

Der Kapellmeister griff sich an den Hals.

„Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .“

Der alte Tenor lächelte mild.

„Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, — die er mir geschenkt hat.“

Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:

„Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.“

Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam, hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und starre, feuchte Augen.

Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus „zu den Verlobten“ und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf das Dach der Schmiede.

„Dort oben.“

Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:

„Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es hier nicht.“

Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen.

„Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es in meinem Bett ein wenig kalt haben.Aber das macht nichts. Tagsüber ist mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich durch den Himmel; — und aus den Glockentönen, die mir darin entgegenschweben, aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber vielleicht ist es schlechte?“

Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen. Der Kapellmeister hielt nicht stand.

„Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens den Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!“

Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.

„Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich —? Aufs Bett? . . .“

Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht. Der berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte:

„Bravo, Maestro!“

Darauf atmete der Kapellmeister wieder.

„Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu improvisieren“ — und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem Zeigefinger den ersten Ton an.

„Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!“

Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens. Endlich sah er, rosig lächelnd, auf.

„Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.“

Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: „Wo habe ich heute morgen meine Ohren gehabt?“ Nie hatte sie tremoliert. Der Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers.

„Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!“

Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit immer neuem Entzücken:

„Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!“

Der alte Tenor lächelte klug.

„Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im ‚Don Carlos‘ das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.“

„Ihm selbst haben Sie vorgesungen!“

„Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.“

„Ein Verdi!“

Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere Giordano trat an das Fenster.

„Hier hat man einen weiten Horizont“, bemerkte er. „Die vielen Dächer bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie haben es gut, Maestro, Sie sind jung.“

„Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!“

„Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit Säcken voll Dollars zurückzukehren.“

„Sie waren drüben, Cavaliere.“

Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den geringeren.

„Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der Krim. Während der ‚Gioconda‘ kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem Mustafà und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in Vallicella den Sant’ Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Gläubigen wütend zu klatschen und ‚bis‘ zu schreien. Die bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie beruhigen.“

„Als Sie zwanzig waren“, wiederholte der Kapellmeister.

„Ja“, sagte der Alte; und als sei er allein:

„Es ist nun bald fünfzig Jahre her.“

Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal unnütz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als sonst. „Nur das Glück, meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein Gehör, — und vielleicht wollte ers bestechen?“ Dem Kapellmeister kam der Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. „Es ist wahr, ich habe ihn auf der Probe bloßgestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich, ein Anfänger, — und seinen Namen kannte eine Welt.“ Er war froh der Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen ließ, wie tief er errötet war: über sich, über ihn, über den menschlichen Stolz.

„Ich muß eilen“, murmelte er. „Das Orchester wartet auf mich.“

Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.

„Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.“

Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht allein zu sein. Aber er blieb zurück.

An der Ecke beim Wirtshaus „zu den Verlobten“ trat, als der Kapellmeister heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon vorüber und rief zurück:

„Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.“

Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an.

„Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.“

Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte:

„Dort oben wohnt eine.“

„Auch hier habe ich eine einquartiert“, bemerkte der Advokat ein Stück weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und den weit vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und Reisig trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie wieder neugierig, wie alsKinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um über die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo Choristinnen mit ihren Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler Vittorino Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei der nächsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann:

„Er hat recht.“

„Auch für andere ist noch etwas da“, erklärte der Advokat und klopfte ihn auf die Schulter.

„Aber woher kommen sie alle?“ setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. „Man weiß doch, daß es nur dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.“

„Überall riecht es nach Puder“, sagte der Apotheker mit seiner biederen Stimme. Die anderen beiden schnupperten.

„Sie verlieren ihn in der Luft,“ sagte der Advokat, „wie Insekten ihren Flügelstaub“ — und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte sich eine: eine große, — und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn erkannt.

„He! Olindo! Willst du hervorkommen!“ — und er stieß mit dem Zeigefinger nach dem Pflaster.

„Soll ich dich holen, du frecher Bengel?“

Der junge Polli zeigte sich am Gitter.

„Papa,“ stotterte er, „das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.“

„Augenblicklich kommst du herunter!“

Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine rotenHaare und das verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn, laut lachend, an.

„So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!“

Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte:

„Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.“

Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der bauchigen Rundung des Hauses hin.

„Ah! er will entwischen.“

Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, — und nun schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei.

„Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame bestimmt. Da hast du, da hast du! — und sage zu Hause deiner Mutter, ich ließe sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.“

Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte er das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das Keuchen des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward angst.

„Seid vernünftig“, bat er, „und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie wir sind? Kommt fort!“

„Aber es ist geradezu die Schönste“, sagte der Advokat und war nicht vom Fleck zu bringen. „Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem Platz. Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit uns“, flüsterte er durchdringend hinauf, „wird das Fräulein vielleicht im Gasthaus „zum Mond“ ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.“

„Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren“, erwiderte sie. Man sah sie drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend, die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand sogleich dem Tabakhändler hin.

„Ihr Sohn ist ein Kind“, sagte sie; „Sie aber, mein Herr, sind ein wirklicher Mann.“

„Wir wollen es hoffen“, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln, das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den Arm zu bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er schnaufte.

„Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt“ — und lauter:

„Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste, und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.“

Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.

„Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, — und rasch machte sie sich wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan hatte.

„Welch ein Weib!“

Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er schlug heftig gegen die Mauer. „Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten für sie begehen könnte.“

Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:

„Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia, ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier trotz ihren gelben Haaren fehlt.“

„Soll ich dir etwas sagen?“

Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers.

„Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde treu sein können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich schrecke vor dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.“

Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging, und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die im Corso verschwinden wollten.

Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem strohbesäten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien. Polli schlug auf einen Tisch.

„Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.“

Der Advokat stellte die Hände um den Mund.

„Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige Schüssel voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel aufträgst; dann Escaloppes in Madeira . . .“

„Sie werden zufriedengestellt werden“, sagte der Wirt und dienerte speckig. „Meine Frau wird für eine solche Gesellschaftsogar Hühner à la Villeroy machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.“

„Und Leber in Öl will ich“, erklärte das Mädchen.

„Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!“ empfahl der Advokat, als der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:

„Sorge für den Zabajone!“

Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof:

„Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!“

„Was schreit er?“ sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er zuckte die Achseln.

„Sie werden sich betrinken wollen.“

„Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn unermüdlich?“

„Unsere Ankunft“, sagte Nello, „hat belebend gewirkt auf die Einwohner dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in Freiheit zu setzen.“

„Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe gefunden zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben Tage noch —“

Italia hatte eine feuchte Stimme.

„Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.“

„Wem sagst du es“, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen.

„Aber dich hat doch niemand betrogen?“ fragte sie. Er murmelte:

„Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen müssen.“

„Als ob wir dafür engagiert wären!“

„Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.“

„Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!“ verlangte die Frau des Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte unter ihrem grünen Augenschirm ringsum. „Und er wird droben bleiben und ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr verdammtes Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel eine Messe zu feiern.“

„Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes“, sagte der Schlosser Fantapiè und bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte die Augen.

„Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein, bevor der Böse dir den Hals bricht!“

„Wie wir Guten wenige sind!“ bemerkte Frau Acquistapace. „Sollte man die Unglücklichen nicht zurückhalten?“

Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock.

„He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der ewigen Verdammnis.“

Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte durch den Lärm der Glocken zurück:

„Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn übrigens eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.“

Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah trostlos um den Platz, der leer lag.

„Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!“ sagte der Schlosser. „Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!“

„Ach was, man muß handeln!“ behauptete Frau Acquistapace. „Beachtet Don Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.“

Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des Corso kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die Matratze zu. Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu jagen, da drückten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten über die Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte.

„Welche Schande für unseren Beruf!“ rief Frau Nonoggi dem jungen Druso nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin?

Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus, als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff doch in seinem zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein reines Gewissen hatte.

„He! Nonoggi,“ — und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber das geschlossene Auge verhinderte es.

„Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine Klarinette fehlte.“

Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange.

„Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,“ erklärte er den beiden Schlossern, die nachkamen, „aber ein Barbier hat noch andere Rücksichten zu nehmen.“ „Au!“ rief seine Frau, denn sein freundschaftliches Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich wieder wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der Treppengasse.

„Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten“ — und Frau Nonoggi machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten einander stumm.

„Nun sind wir noch vier“, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies, aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke.

„Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge dafür, daß er weiter Pillen macht.“

Man nickte einander verbissen zu.

„Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!“ sagte die Pipistrelli. „Soll man ihm nicht zu trinken bringen?“

Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich die Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er:

„Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.“

Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete sich auf.

„Was wollen Sie von mir?“ schien er zu fragen; — und im Getöse des Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen ausstoßen, die Fäuste schütteln unddie Gesichter wie nach Zeugen blind umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben:

„Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.“

„Eine Kapelle!“ schrie der Advokat. „Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie, mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?“

Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme:

„Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!“

Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er die Rechte auf das steife Hemd:

„Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes —“

„Wer ist das Volk?“ fragte der alte Fantapiè und trat breit an den Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er tief Atem.

„Das Volk bin ich!“ sagte er mit Überzeugung. „Und hütet euch, daß ich nicht die ‚Glocke des Volkes‘ läute!“

„Auch wir haben Zeitungen“, sagte Don Taddeo.

„Auch wir sind das Volk“, behauptete drohend Frau Acquistapace.

„Und mein Mann“, kreischte die Pipistrelli, „wird wohl mit den heiligen Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder singen.“

Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konntenbeide recht haben, denn Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser.

Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen.

„So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr Beauftragter mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine Theatervorstellung es ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.“

Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig.

Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme.

„Soll mans geschehen lassen, Reverendo?“

Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin.

„Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu warten.“

Frau Acquistapace begriff ihn.

„Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten, zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?“

„Schien es doch auch mir“, machten die andern.

„Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo, kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .“

Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse.

„Von allen guten Familien“, schrie die Frau des Kirchendieners, „haben nur die Nardini dem Übel widerstanden . . .außer dem Hause Acquistapace,“ setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah.

„Auch die gute, heilige Frau Camuzzi“, sagte der Schlosser Fantapiè, „bleibt der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus verlassen habe.“

Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch Wahrheit, was die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten der Komödianten wissen wollte?

Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn weiß und wirr.

„Wir werden alle verderben,“ stammelte er, „und jene, die sie Italia nennen, ist von allem Unheil das ärgste!“

Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè rief aus:

„Sie ist das Weib von Babel.“

„Beim Bacchus,“ bemerkte der Schlosser Scarpetta; „nachdem schon der Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn selbst die Reihe kommt.“

Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich hin. Alle schwiegen, — und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht gewußt,daß sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses „zum Mond“ sehen ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . .

„Don Taddeo“, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her. „Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.“

Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane hörbar um die Beine schlug.

„Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des Hirten“, sagte die Pipistrelli.

„Aber der Baron“ — und man spähte ihm nach — „geht ins Theater, das sieht man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch einen Kampf sie hinter sich hat!“

„Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!“

„Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?“ fragte seine Frau. „Ich bin sicher, daß sie ihn bedrohen!“

„Wir sind Männer“, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace setzte hinzu:

„Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!“

Siesetzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz.

„Don Taddeo hat noch Streiter“, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der Treppengasse hinauf:

„Wir werden sehen!“

Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und flüsterte durchdringend:

„Komm! Wir sind befreit.“

Ein rauher Freudenschrei, — und der alte Acquistapace drang hervor, stelzend, daß der Platz davon hallte.

„Sst!“ machte der Advokat. „Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.“

„Und ich,“ jubelte der Apotheker, „der ich unter meinem Arbeitskittel schon den schwarzen Rock anhatte!“

Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus.

„Ah! alter Esel, der du bist!“

Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten der andern. Der Advokat sah zurück.

„Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.“

Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb.

„Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.“

Acquistapace flehte wie ein Knabe.

„Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du —; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden hat.“

„Eh! man sagt vieles“ — und der Advokat kicherte fett.

„Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?“

„Wie? du hättest —?“

„Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker beieinem Mann wie mir! Er sieht nun, daß mich das nicht hindert —.“

„Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.“

„Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem Priester noch?“

„Nicht lange. Deine Artikel in der ‚Glocke des Volkes‘ werden gewirkt haben.“

„Also du glaubst. Ich sage dir, ich —“

Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust.

„— daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens unterrichtet.“

„Aber er —“

Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand.

„— er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die Augen bewegt, eure Madonna, — und fast hätten sie ihn gesteinigt.“

Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen.

„Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die ‚Arme Tonietta‘ sehen?“

„Das wollen wir: ah! das wollen wir.“

Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen.

„Sst!“ machte der Advokat. „Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden; aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter dem Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre wartet; sie ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer,dorthinten unter den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als kämen statt des Lärmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen, die bezahlt haben.“

„Wir wollen auch hören“, antwortete das Volk.

Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe.

„Um so besser“ — und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; „da die Lampe gerade hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast unbegreiflich, daß diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des Theaters für ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig Erziehung haben . . .“

„Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; — und welch stolzerroter Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!“

„Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu hintertreiben. Welch alter Spitzbube!“

Sie betraten den engen Gang um die Logen.

„Guten Abend, Vater Corvi!“ — und da der Schließer die Hand hinhielt: „wir haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.“

„Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr Acquistapace muß ihn bezahlen.“

Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht dieHerren zynisch an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang.

„Keine Dummheiten, Corvi“, sagte der Advokat. „Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.“

„Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen, denn ich habe sie nicht.“

„Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,“ — und der Advokat begann zu tanzen und die Luft zu klopfen, „dann brauchtet Ihr heute abend die Leute nicht um Karten zu belästigen.“

„Gott hat es so gewollt“, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte.

„Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre Empfehlung für die öffentliche Wage.“

In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia; aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht sah, wer dahinter saß.

„Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!“ rief es ganz oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch entließ, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht entgangen! Er mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an, indes sie sich über das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die ärgste Klatschbase!

Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles wußte; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der Komödiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran, seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und er es sich gewiß nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener anderen Komödiantin, Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren Nello: den schönen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb, konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natürlich hatte sie es so eingerichtet, daß sie neben der Loge des Klubs saß. War es zu glauben, daß Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwände anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten Ärgernis erregten, waren armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhändler hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog!

„Rina! Nicht hinunterfallen!“ riefen alle.

„Sie hört nicht; hier ist ein Lärm —!“ Der Gevatter Achille schreit aus seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: „He! Nonò, bist du es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient werden?“ Keine Möglichkeit.Sie stimmen ihre Instrumente. „Dieser Nonoggi trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem Bombardon, daß die Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie wird also wirklich die Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein Mädchen es wagen würde. Soll man pfeifen?“

„Die Arme, wie sie hübsch ist!“ sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè. Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu:

„Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina blutig sein.“

„Ah, Nina, du Liebe!“ riefen die Mädchen. „In ihrem weißen Kleid, wie sanft sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist verliebt in sie, möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich verrückt geworden, der schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als wären alle nur gekommen, um ihn zu hören.“

„Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.“

„Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.“

„Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das Fenster hinter dir!“

„Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.“

„Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den Priester machen. Nieder mit den Priestern!“

„Ruhig dort oben!“ rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf:

„Hast du mitgeschrien, Klothilde?“

Seine Magd rief zurück:

„Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!“

„Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!“

Die Logen waren belustigt.

„Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik abgenommen, und so rächt er sich nun.“

Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der des Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin — und plötzlich quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her:

„Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den Kopf herein, — und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt vor ihr herum: Pappappapp . . .“

Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm sprachen.

„Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne Eifersucht abzugewöhnen.“

Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen, die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre auseinander.

„Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.“

Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und man hörte nur Galileo Belotti, der sagte:

„Guten Abend, die Gesellschaft!“

Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm aus Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie mußte ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich.

„Bravo Serafini!“ rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf den Fingern.

Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der Stadtzolleinnehmer Loretani unddie beiden Fräulein Pernici samt dem Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte hinzu, um seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften den Gang, so daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem Bäcker Crepalini abfällige Bemerkungen aus, — indes Mama Farinaggi kleine Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie kniff. Dazu schrie es von der Galerie:

„Lauretta hat den schönsten Hut!“

Und:

„Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!“

Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten, die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! Es klapperte von Loge zu Loge: „Skandal!“, sprang über den Rang: „Skandal! Skandal!“ — und die Männer im Stehparterre riefen: „Skandal! Skandal!“ und mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder, ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den drei Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino Salvatori, der sein Monokel imParkett umherführte, kam und stellte sich zwischen sie und die drei.

„Danke, mein Herr,“ sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, „danke für Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.“

„Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt der alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.“

„Ah! — und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er wird nicht mehr angestellt werden.“

„Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.“

Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums beklagen. Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der numerierten Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht verdenken, daß er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte.

„Wir haben Mühe genug gehabt,“ erklärte der junge Salvatori, „den Streich abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini; und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde. Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine Loge verzichten müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.“ Von rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu.

„Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht etwas tun, um ein Ende zu machen?“

„Für nichts in der Welt“, sagte Frau Camuzzi. „Ich würde sofort nach Hause gehen.“

„Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese Glocken.“

„Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.“

Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz sicher schien, mit allen Männern kokettierte.

„Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt werden sollte, — und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen Intrigantin!“

Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; — aber man bemerkte, daß eine halbe Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr Fiorio schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er irgend etwas nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der Tür . . . Plötzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? Welch ein Übergriff! „Wir sind recht sehr zurück in Italien!“ Bekam man wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und gemessen, hinter dem Advokaten her. „Fontana! Capaci!“ rief erhalblaut, und seine beiden Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre großen Federn trug, die Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen.

„Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!“ bemerkte der Kutscher Masetti, der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der Barbier Bonometti setzte hinzu:

„Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.“

Dabei drängte er mit den andern hinterdrein.

„Was denn“, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. „Was wollt ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist? Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!“

Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links eine Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, ob man sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr — und in der allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz — im Falle der Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren Nachbar, den Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, der den Baß strich.


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