Chapter 5

Acquistapace antwortete:

„Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum Schweigen.“

„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, wiederholte die junge Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen Mullkleid hervor.

In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten Literaten Ortensi.

„Beatrice,“ sagte er und kicherte, „man bringt den Priester zum Schweigen. Das erinnert an die guten Zeiten.“

„Wir sind noch am Leben, Orlando“, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen weißen Gesicht nur die schwarzen Augen.

„Nicht möglich!“ rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß ausbrach. Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses alles, was vorging, und feindselig stießen sie einander an.

„Alle wie Papa“, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder.

„Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.“

„Ich habe es satt, mich zu verheiraten“, sagte die entlobte Rosina. Da ging die Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen Bauch herein. Die Augen funkelten ihm.

„Alles geht gut“, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen. „Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes haben, und wollt ihr einenMarsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit gestern habt ihr euren Papa zurück.“

„Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser“, jubelte Cesira und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande unbeachtet ließ, sah weg und dachte: „Da läßt die Gans sich streicheln und schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen zu seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen; und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung zurücklegt . . .“

„He, Zecchini, wie steht es?“ rief ihr Vater ins Parterre. „Er läutet also immer noch?“

„Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht in den Turm!“ — und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften zurück, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen, deren weiße Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er gezwungen, sich zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von draußen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge, die zurückweicht, und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom Parterre zur Galerie rauschend ein „Ah!“

„Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!“

Jemand rief:

„Es lebe der Advokat!“

„Was denn? Welcher Advokat?“ — und Galileo Belotti arbeitetesich ab mit Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an.

„Da habt ihrs!“ schrie der Bruder. „Wenn ich euch doch sage, daß er ein Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den Kopf —“

Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul, Pfeifen und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand. Frau Camuzzi bekreuzte sich.

„Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!“ — und der Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen.

„Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt sichs um unsere Logenplätze und unser Geld.“

„Mein Gott, wohin nun,“ seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom Apotheker Acquistapace allein gelassen war; „wir Frauen sind hier geopfert.“

Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen:

„Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen; Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.“

„Was wollen sie nur?“ fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht, das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über die Menge. Die Leute warenaufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die Priester an, denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie hoch leben ließen, denn nütz? „Weder der Belotti noch Don Taddeo werden mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.“

Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte sich. Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge; sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein Ausspruch.

„Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.“

„Bravo!“ — und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte:

„Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu. Deine Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum Glück hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der öffentlichen Wage verschaffen.“

„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, flüsterte die junge Amelia, mit ungleich geröteten Wangen.

„Es lebe der Advokat!“ schrie die Galerie.

„Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen“, sagte der Gemeindesekretär Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In der Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre zischte: es war der Bäcker Crepalini.

„Zur Tür!“ rief die Galerie.

„Wie?“ antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. „Ich habe sechs Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine Meinung sagen?“

„Er hat recht, der Bäcker“, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um.

„Ihr möchtet eine Tracht Prügel?“ fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe.

„Die Hymne!“

„Sieh mal an!“ sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. „Wir werden dem da nichts mehr zu tun geben.“

„Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel“, jammerte der Kaufmann Mancafede, „und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit seiner Hymne.“

„Das alles ist nicht gut“, — und Frau Camuzzi drückte sich in den Schatten. „Was wird Don Taddeo sagen?“

Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und dort hinten das Volk schlug.

„Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!“ machte Galileo Belotti immer wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Plötzlich hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn.

„Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!“

Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon.

„Der Advokat ist bei der Jole“, sagte man rundum. „Es ist also wahr . . . Wie entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.“

„Signora,“ sagte der Advokat, „ich bin gekommen, um die Huldigung, die dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.“

Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß man sie sehe.

„Hätte ich nur ein Pflaster da“, sagte sie girrend, „für Ihren Finger, der blutet.“

Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor.

„Mitbürger!“ schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen; „der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen: jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der Freiheit begrüßte, sooft er —“

„Was denn! Welche Hymne!“ keifte Galileo Belotti.

„Ich brauche keine Hymne!“ rief der Bäcker Crepalini. „Ich brauche eine Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!“

„Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht“, schrie der Advokat.

„Nichts kennst du, Buffone!“

Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat sich zurück. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem letzten Kratzfuß die Tür der Loge schloß.

„Was ist denn geschehen?“ fragte er draußen und wischte sich die Stirn. „Was haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses Glück!“

Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab, wäre gern ins Freie geflüchtet, — aber vor dem Theater wartete wieder nur übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte eben zum Apotheker:

„Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist er!“

Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen.

„Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum Verhängnis.“

Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder.

„Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen“, sagte es neben ihm verzückt, und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur.

„Die Gunst des Volkes“, sagte er, „ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat es erfahren.“

Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in seine Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da rief die launige Stimme des Herrn Giocondi:

„Und die ‚Arme Tonietta‘?“

„Freilich, die ‚Arme Tonietta‘“, antwortete die Galerie, und im Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu:

„Genug mit den Buffonen!“

„Maestro! Maestro!“

Auf der Galerie stampfte es.

„Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde“, stellte der Kaufmann Mancafede fest. Drüben sagte Frau Polli:

„Diese Komödianten machen sich über uns lustig.“

Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln.

„Wir wollen die ‚Arme Tonietta‘!“

„Was liegt mir an der ‚Armen Tonietta‘“, dachten der Advokat Belotti und die entlobte Rosina Giocondi.

„Maestro! Maestro!“

Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte ironisch, man machte „Ah!“

Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war äußerst bleich.

„Der arme junge Mensch!“ sagten die Damen.

„Die Kanaille!“ dachte er. „Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, — indes ich hinter einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .“

Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern.

„Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri, geben Sie Obacht auf ihre Quinten!“

„Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich“, dachte der Kapellmeister. „Alle denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht —“

Er mußte sich nach ihm umwenden.

„— für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns hört . . . Alfò!“ flüsterte er wild, „wenn du deine Pauke nicht ruhig hältst, weiß ich nicht, was ich tue!“

Ganz sanft fügte er hinzu:

„Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.“

Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren Stille, in die Luft gehoben.

„Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!“

„Die Hymne!“ schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. „Wir wollen die Hymne!“

„Zur Tür! Zur Tür!“

„Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!“ — und der Kapellmeister fuhr so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte.

. . . Und endlich konnte der Stab sich senken.

„Was denn, Präludium!“ murrte Galileo Belotti. „Wir sind gekommen, um zu sehen!“

Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der Vorhang auseinander.

Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie.

„Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie die Mädchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu Komödianten? Abersie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Höre, Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, daß die große Gelbe zu etwas anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was für einen Lärm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der ärgste. Mir dröhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der Kinder übrig bleiben. Das ist, wie wenn ein großer Gewittersturm plötzlich aus ist, und du hörst ein Vögelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto, der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du könntest dort stehen und das Paar beglückwünschen. Laßt uns klatschen!“

„Bravo!“ und der dicke alte Zecchini stieß sich im Stehparterre mit seinen Zechbrüdern an. „Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen, Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!“

Die Pächter vorn erklärten einander:

„Er will, daß das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht, aber es scheint, daß er ein vernünftiger Mann ist . . . Natürlich muß eine Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er hätte lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schönes Mädchen, schöner als die andere.“

„Das sieht der Italia ähnlich“, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner Loge. „Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermählten: die Tonietta habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem Advokaten und den andern.“

„Schweig!“ sagte Frau Malandrini, drückte ihr Kinn auf dem Halskragen breit und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. „Schweig doch! Du weißt nicht, was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche —“

Sie biß sich auf die Lippen.

„Was wollte ich denn da sagen?“ dachte sie. „Diese Musik macht, daß man den Kopf verliert und plaudert.“

Auf der Galerie kicherte es.

„Sieh die Mädchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der Neuvermählten. Aber es ist gewiß nicht wahr, daß die Tonietta getan hat, was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist das eine Sache, die traurig macht?“

Auch Mama Paradisi und ihre Töchter ließen Tränen fließen, und die Witwe Pastecaldi schluchzte kindlich.

„Es ist nichts. Es ist die Musik“, erklärte der Advokat.

„Aber nun muß das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!“

„So jung!“

Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase über ihre Schwester Rosina.

„Gewiß hat auch die Tonietta so viel von ihren Möbeln gesprochen, wie du von den deinen, — und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.“

Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerührt einander zu; nur die große Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pächter links hinter ihr. Mama Farinaggi flüsterte ihr feucht in den Nacken:

„Hast du denn kein Herz?“

Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach der Handlung fragte.

„Schweig! du hast kein Herz.“

Und sie kehrte zurück zu dem Tenor.

Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von Blumen bunten Landhause neben seinerTonietta gestanden, und wenn er den Arm um die Geliebte legte, schloß Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte eine Strähne auf seiner Stirn, über dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er war bleich in seinem weißen Anzug; und seine Blässe und sein schwarzer, niemals lachender Blick machten, daß er in der Fülle seines Glückes, er allein unter den Fröhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das bevorstand.

Und er stürzte vor, weil er die Kameraden hörte, die von seiner Frau schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er biß sich in die Knöchel der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe; — und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine Arie. „Ich bin betrogen,“ sang er, „nun soll ich lieben, die mich verriet. Ich werde glücklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem Liebhaber, und das Glück ist aus . . .“

„Aus“, dachte Frau Camuzzi. „Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte doch, ich sei schön und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem Mittagessen in das dunkle Gelaß unter der Treppe einschleiche, werde ich zu ihm kommen. Nie hat er es getan; — und statt meiner soll er andere lieben: die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glück. Mein Mann könnte doch sterben; ich könnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; — und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich hindert!“

„. . . das Glück ist aus zugleich mit der Lüge. Es dauert eine Nacht. Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht!“

„Die kostbare Nacht!“ wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die drohenden und schmerzvollen Töne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte zwischen den Feldern ins Dorf zurück, wo es Abend läutete; und ihm voran ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flöte der Pifferari laut, die unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise bliesen, in der, groß im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden tobte. Nun war er auf der Bühne allein, hielt eine letzte Note aus; — und indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei wiederholte, umfaßte der Piero mit beiden Händen seine Schläfen, tat zwei stürzende Schritte und schüttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal blieb es noch so still, daß das Schnarchen der Frau Giocondi hörbar ward; aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hände in der Luft und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen Tönen her. Daß das Orchester weiter wollte, erbitterte sie.

„Noch einmal! Noch einmal!“

„Willst du still sein!“ zischte Frau Camuzzi über die Schulter ihrem Gatten zu.

„Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe“, sagte der Gemeindesekretär. „Alle finden es.“

„Ich nicht“, und sie zerbiß sich die Lippe. „Er ist glücklich,“ dachte sie; „aber ich werde mich rächen.“

Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lächeln, an der Kulisse.

„Noch einmal! Noch einmal!“

Frau Camuzzi wandte sich liebenswürdig nach ihrem Gatten um.

„Du bist zu gutmütig, mein Lieber. So glücklich dein Charakter eine Frau machen kann, im öffentlichen Leben solltest du vielleicht rücksichtsloser sein. Warum hast du dich gefügt, als der Advokat Belotti diese schlechten Komödianten herholenwollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest, dann mußtest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.“

„Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, daß ich an das Gelingen nicht glaubte. Ich war sicher, der Advokat würde sich blamieren . . . Ist dein Fächer zersprungen? Ich hörte ihn krachen.“

„Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don Taddeo stärken. Es ist die gute Sache; — und warum soll man den Advokaten so groß werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehört, daß der Bäcker Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in Verbindung, mein Ghino!“

„Welch schöner Gedanke“, sagte der Gemeindesekretär, schob die Hände in die Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau, seine schlanke Büste zur Geltung. „Auf diese Weise würde man sehen, ob im Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhält. Ich glaube nicht, daß diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich berechnet, daß wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden außer Betrieb setzen müssen.“

„Was wirst du also tun?“

„Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapiè sprechen, der ein Anhänger des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten wird.“

„Also geh, mein Freund!“ — und kaum war er hinaus, ließ Frau Camuzzi ihren zerbrochenen Fächer fallen und trat darauf. „Das ist ein Mann!“ Sie grüßte lächelnd mit zusammengebissenen Zähnen die Herren, die herübergrüßten.

„Noch einmal!“ rief es unablässig.

Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Körper, alsgaloppierte er, als müßte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie brachte ihn zum Stehen. Erschöpft ließ er den Stab sinken; das Orchester brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurück; und der Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die klatschenden Hände holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wußte nicht, ob gewährend oder bittend. Er nahm seinen früheren Platz ein. Der Chor kehrte zurück und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die jungen Leute im Stehparterre, mit den großen Hüten und bunten Halstüchern, sahen beruhigt und glücklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der Kraft ihrer Hände, die die Zeit besiegt und zurückgestellt hatten, noch einmal vollzog.

Als der Piero fertig war, überschrie die Galerie das Tenorhorn.

„Bravo! Gut!“

Viele sahen sich um, stolz, als hätten sie selbst gesungen. Der Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an:

„Noch einmal!“

Sofort ahmten die Familiensöhne in der Klubloge ironisch nach:

„Noch einmal!“

Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre klatschten, um ihn zu rächen. Die Logen entrüsteten sich. Ein Kampf der Zungen und der Hände durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr kleines gedrücktes Gesicht hatte funkelnde Augen.

Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lächelte dabei voll tiefen Hohnes.

„Wir wollen die Tonietta hören!“ rief es von der Galerie; — und da merkten die meisten erst, daß sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause, mit einer Schulter nach dem Saal.

„Das ist ja das Gebet!“ rief der alte Giocondi. „Still doch.“

Nun verstand man sie, und daß sie, indes ein Mondstrahl aus Bäumen hervor auf ihrem offenen Haar zerstäubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glückes bat. Der Lärm sank von ihrer Stimme zurück, wie die fleischliche Hülle von einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Münder halb offen, weich glänzenden Auges ihrem Fluge nach. „O Gott!“ seufzte da und dort eine Frau. Nachher hängten sie sich über die Galerie und langten mit den klatschenden Händen recht tief hinunter, damit sie näher dem kleinen Geschöpf wären, das sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich von den Knien erhoben, lässig, wie ermüdet von ihrem Aufschwung und noch gleichgültig gegen das Irdische.

„Welche Stimme! Noch einmal!“

„Erst jetzt sieht man, daß sie schön ist! Ihr Haar glänzt wie ein goldenes Fell. Noch einmal!“

Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und grüßte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und dann die Logen. Ihr Lächeln hatte etwas Ungreifbares; es gehörte allen und keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den Kapellmeister.

„Noch einmal! Noch einmal!“

Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen! Mochten sie lärmen!

„Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hört: ich lasse ihn zu Ende spielen.“

Er sah die Primadonna überlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten ihres Umherlächelns, aufstampfte. Plötzlich lief sie — und abgewendet stieß sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten — zum Hause zurück und kniete hin.

„Brava! Da seht ihrs, daß sie von vorn anfängt!“

Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich, von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf:

„Noch einmal! Noch einmal!“

„Morgen noch einmal!“ rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends auf.

Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre geöffneten Münder und hörte nichts.

„Von vorn! Die Tonietta!“

Die Primadonna führte ihren hellen Blick über das Publikum, senkte ihn verächtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern. Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tödlich. Einen Augenblick schien ihm, als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt. Ermüdeten sie und blieben zurück? . . . Also gut! Er war im Begriff gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte er sich die Stirn.

„Man hört nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!“

„Ruhe! jetzt kommt ja das Schönste!“ rief die joviale Stimme des Herrn Giocondi. Von droben kamen die der Mägde:

„Achtung auf die Harfe der Nina!“

Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe beugte sich vor, um verklärten Gesichtesdurch die Saiten der Harfe zu spähen. Dahinter saß, weiß wie eine Blüte, ihr Kind und machte, daß alle schwiegen. „Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme sehr weiß.“ Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas Töne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war gewiß auch von der Bühne droben der Mondschein gelöscht und Tonietta und Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klänge möchten enden.

„Wenn Luciano endgültig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt über seine Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!“

„Siehst du,“ sagte nebenan Lauretta zu Theo, „ich wußte, daß diese Tonietta ein anständiges Mädchen sei und keine —. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie das rührend ist!“

„Aber sie wollen sterben.“

„Das sagt er; die Männer sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange man noch wenig Erfahrung hat.“

Mama Paradisi neigte sich, von ihren Töchtern ungesehen, über die Wand der Nachbarloge, und sie seufzte.

„Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglück lieben.“

Der Kaufmann Mancafede nickte — in der Hoffnung, seine Kommis würden es nicht bemerken.

Rosina Giocondi wandte sich ab. „Wie viele Lügen! Und wenn sie nicht das Haus als Mitgift hätte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus!“ Ein Flüstern ging um.

„Ah! Da ist es. Ich warte schon längst darauf . . . Still doch, Elenuccia, etwas Schöneres wirst du niemals hören . . . Eine Minute, Signora: dies Duett ist das berühmteste Stück in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bäume? Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!“

Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau Mandolini:

„Dieses Stück ist gut, denn es macht, daß mir Ideen kommen. Ich sehe zu wenig, um die Bühne zu unterscheiden; aber in diesen Klängen erweitert sie sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hält sich umschlungen und verbrüdert sich. Es hat gütigere, geistigere Gesichter, als sonst Menschen haben. O! nun öffnet es sich, und hervor tritt ein Engel . . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?“

„Aber wir hatten es ja!“ erwiderte die Alte. „Noch immer haben wirs, Orlando!“

„Kein Vergleich mit unserem Phonographen“, sagte der Tabakhändler Polli zu seiner Frau. „Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben diese armen jungen Leute?“

Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf:

„So viel Liebe! Gibt es das? Wie muß man sein, was muß man tun?“

„O Rina!“ flüsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapiè; „wenn du mich nicht liebst, werde ich mich töten.“

„Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde?“ — und der Doktor Ranucci stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. „Ich sehe dir an, du denkst an den Tenor. O, wären wir nie hergekommen!“

Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schüchtern die Schultern.

„Bravi! Noch einmal!“

Das Parkett war auf den Füßen. Über die beiden Fräulein Pernici hinweg, die weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, außer sich, zu Mama Farinaggi, der Hausfrau aus der Via Tripoli:

„Das ist geradezu göttlich!“

„Wie? Wir haben es gehört!“ — und die jungen Leute hinten, mit den großen Hüten und den bunten Halstüchern, schüttelten die Hände der Bauern um Galileo Belotti. Er schalt:

„Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!“

Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund Acquistapace zur Schwester Artemisia.

„Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schönste? Und ich bin der erste gewesen, der es gehört hat: schon auf der Probe! . . . Signora,“ und er dienerte über die Scheidewand zur Frau Mandolini, „ich hätte Ihnen den Erfolg dieses Duettes vorhersagen können, denn ohne mich rühmen zu wollen —“

Sie hörte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnsüchtig nach seinem Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini saß, hatte er doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht neben sich den Camuzzi, der gewiß alles für schlecht erklärte?

„Ein schöner Schwindel, der Komödiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!“ dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri:

„Das alles tut Nina, meine Ninetta!“

„Heraus! Noch einmal!“

Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. „Wie sie wollen! Dann verbringen wir hier also dieNacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch mehr machen, es zu hindern.“ Er befragte die Sänger mit dem Blick und ließ sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher vergaßen viele zu klatschen; sie schüttelten die Köpfe. „Es war noch schöner. Man würde es nicht glauben.“

Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und in der Mitte gaben die Hände, an denen sie sich hielten, einander manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht.

„Zur Tür!“

Die Bühne stand leer, und das Orchester spielte.

„Das einzige Mittel,“ erklärte der Unterpräfekt hinter der vorgehaltenen Hand dem Steuerpächter, „um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.“

In der Klubloge überlegte der junge Savezzo:

„Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello über: da wirkt sie schon weniger platonisch, — und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich werde eine Oper schreiben.“

„Sst!“ machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester schluchzte so laut, daß es bald durch alle Musik zu hören sein mußte. Sie brachte hervor:

„Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt hätte, er lebte noch!“

Drüben sann Jole Capitani weich:

„Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.“

Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und ließ die ihren rasch in den Schoß fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan denen des Olindo Polli, und plötzlich zuckte ihr etwas zum Herzen, erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; — indesder Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mädchen wand, das den ihren auf die Galerie stützte, und ihr in das staubige Haar sprach.

„Ich kenne doch diese Musik, Cölestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?“

Die große Raffaella wendete ihre spöttische Miene langsam durch den erhitzten Saal.

Im Stehparterre schüttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola die Köpfe.

„Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi können nur wenig spielen, wie jeder weiß.“

„Was denn! Gar nichts können sie“, behauptete Galileo Belotti.

„Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, daß auch wir, wenn wir statt ihrer —. Es ist eine Ehre für den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut, Nonoggi!“

Auf den vordersten Sitzplätzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi:

„Hört Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen aufblasen, als ob etwas besonderes los wäre, aber dann lärmen auch die andern; den meinen dagegen hört man immer heraus, und er schneidet lustige Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person hier, könnt Ihr mir glauben.“

Die Frau des Schneiders sagte, still lächelnd:

„Wenn mein Mann einmal tüchtig loslegen wollte —“

Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prüfte schon längst die Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rückte umher und machte sich wieder heran. Endlich wagte sie:

„Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf sein, die höchste Person im Stück, und wenn erdazukommt, wird die Handlung tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.“

Frau Malagodi blinzelte sie verständnislos an, aber die Gattin des Sängers vollendete:

„Daß jetzt die Musik so böse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse steht. Ich weiß es.“

Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke.

„Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewiß werden seinetwegen die armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten haben. Das gefällt mir nicht.“

Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar.

„Bravo Maestro!“ riefen die jungen Leute dahinten. „Noch einmal das Orchester!“

„Was denn!“ antwortete es. „Wir wollen sehen, was kommt.“

„Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.“

„Aber er hat ein Stück Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein Herr.“

„Welche Fäuste! Welche Stimme! Was für ein Messer! Der arme Piero! Gerade kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun. Verdammt, der schlägt auf den Tisch, er will Wein.“

„Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, daß er in der Hauptstadt seine Käse verkauft hat. Ein schöner Herr!“

„Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der ConteFossoneri in Calto aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni —“

„Aber die Stimme des Piero ist immer über seiner, er mag schreien, wie er will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!“

„Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund bist du! Pfeift! Pfeift doch!“

„Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.“

„Nieder mit ihm!“

„Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Männer dumm sind!“

„Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen singt man nicht, zum Teufel!“

„Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spät ist?“

„Ach! welch Unglück. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von Sinnen! Ja, natürlich bist du sein Weib, er dürfte das nicht tun! Knie nur vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon reißt er sie den Hügel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tür. Lauf zu ihm, Tonietta, er ist dein Vater! . . . Ist es möglich, er läßt dich nicht ein? Die Männer stecken alle zusammen, das ist es!“

„Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bäumt! So sang man in unserer Jugend, Orlando. Ich habe Herzklopfen.“

„Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Cölestina?“

„O Dante, schon wieder willst du mich quälen!“

„Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Männer sind alle gegen sie, und die dummen Mädchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen. Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der großen Gelben! Recht, sie verdient es. Ach! die ist stärker; und nun die nächste. Tonietta, es nützt nichts, laß ab!“

„Sind die im Orchester verrückt geworden? Mich selbst macht es verrückt, ich muß schreien!“

„Ruhig dort oben! Zur Tür!“

„Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint. Seht ihr nun, daß sie nicht schlecht ist?“

„Ich habe nie etwas Böses von ihr geglaubt, Pomponia.“

„Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie sie weint. Man muß mitweinen.“

„Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlägt sie über den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloßen Füßen, die arme Kleine.“

„Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!“

„Wie? Der Vorhang fällt? Aber wohin geht sie denn? Das muß man doch wissen!“

„Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm Heuschrecken und geht doch nicht an.“

„Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!“

„Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte das Gesicht in den Händen.“

„Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe —“

„Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, daß man ihn bereut.“

„Eh!“ machte der Tabakhändler Polli zu seinem Sohn Olindo, „solche Dinge kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaßen, merke dir das!“

Der alte Giocondi mischte sich ein.

„Ich weiß sogar, aus Rom, einen ganz ähnlichen Fall. Ein Bauer hatte —“

„Bravi! Bravo Maestro!“

„Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!“

„Rauchen wir draußen eine Zigarette?“

„Bravi!“

„Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu beglückwünschen“, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein Holzbein hervor.

„Auch ich gehöre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen nicht mehr.“

Soeben schloß sich die Gardine im Vorhang zum fünftenmal hinter dem Kapellmeister und seinen Sängern. Flora Garlinda riß sogleich ihre Hand aus seiner.

„Danke,“ — und sie fauchte ihn an.

„Wofür?“ fragte er, tief errötet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer mit dem Lächeln, das er den Zuschauern gezeigt hatte.

„Sie fragen?“

Die Primadonna setzte die Hände auf die Hüften und warf die Büste nach vorn. Über die entblößte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war in die Länge gezogen von Haß und Wut.

„Ich weiß freilich, daß Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, daß Sie überhaupt kein Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?“

Er wich erbleicht zurück.

„Aber das könnten Sie trotzdem wissen, daß man bei einem Beifall wie dem meinen die Arie wiederholen läßt!“

„Wir haben das Duett wiederholt“, sagte er und zog an seinen Fingern.

„Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem andern teilen muß? Dem Nello werfe ich nichts vor.“

„Wie? Was soll ich?“ fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im Vorhang loszulassen.

„Nichts . . . Er muß Ihnen sehr unschädlich vorkommen, da Sie seine Arie wiederholen lassen und meine nicht.“

„Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.“

„Weil niemand es hören wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.“

Sie flog davon. Die Tür ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister vorüber.

„Schließlich hat sie recht . . . Man ist Künstler oder nicht . . . Sie konnten das voraussehen, Maestro.“

„Auch ich würde es mir nicht gefallen lassen“, sagte Italia mit großen Fächerschlägen. Der Kapellmeister warf die Arme empor.

„Aber keiner der Herrschaften läuft Gefahr, etwas wiederholen zu müssen!“

„Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?“

„Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro“ — und Italia lachte verächtlich. Der alte Tenor erklärte:

„Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich, in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat —“

„Was ist dahinten für ein Lärm?“

Der Bariton eilte hin.

„Was sehe ich — Herr Advokat?“

„Ich habe dem Herrn gesagt,“ rief der Inspizient, „man betrete die Bühne nicht.“

„Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees“, ächzte der Advokat und hob sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraußes zusammen.

„Das Fräulein Flora Garlinda muß sich in der Person geirrt haben“, bemerkte er.

„Oder sie ist gerade bei schlechter Laune“, meinte Gaddi. Der Apotheker nahm dem Freunde die Blumen ab.

„Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Fräulein Italia bringen.“

„Ah, meine Herren,“ — und der Unterpräfekt Herr Fiorio erschien mit dem Steuerpächter, „auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an. Kann man unsere Primadonna sehen?“

„Es wird ihr eine hohe Ehre sein“, erwiderte der Advokat mit einem Kratzfuß. „Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswürdig —“

Da ging ihre Tür auf: die Sängerin streckte ein strahlendes Lächeln hervor.

„Herr Präfekt,“ — und sie knixte tief, „Eure Exzellenz möge meine Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begrüßen. Herr Advokat —“

Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rücken nach oben, und er drückte eifrig den verlangten Kuß darauf.

„Ein Mißverständnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung einer Anfängerin. Auch werden Sie mir glauben, daß ich Ihr Lob nicht vermissen möchte . . . und auch Ihre Blumen nicht“, setzte sie mit einem schelmischen Blick hinzu.

Herr Fiorio war dabei, der Künstlerin seine volle Bewunderung auszudrücken.

„Aber — sie haben ein wenig gelitten“, stotterte der Advokat. Sie streckte die Hand aus.

„Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde“, — und sie entriß dem Apotheker die Blumen.

„Wenn ich je Gelegenheit habe, der größten Sängerin zu nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte —“ sagte der Unterpräfekt.

„Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.“

Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen hinterdrein, aber beim Betreten der Bühne hielten zwei Arbeiter ihn auf; alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die hereingeschoben ward, wäre ihm fast gegen den Schädel gefahren. Flora Garlinda war plötzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen großen Schreck bekommen.

„Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!“

„Sie werden mich rächen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen, daß Sie es sind, der den Bericht für die ‚Glocke des Volkes‘ schreibt. Sie werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrücken, als die feige Tat kennzeichnen, die er ist.“

„Mit Vergnügen,“ erwiderte er, „das heißt, um Ihnen gefällig zu sein. Aber freilich auch die Verdienste des Maestro dürften nicht —“

„Herr Advokat —“

Sie trat einen Schritt zurück.

„— ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre Überzeugung zuschreiben. Wenn Sie ihn loben, weiß ich, daß Sie seinen Haß gegen mich teilen. Wir haben uns in diesem Falle nichts mehr zu sagen.“

Da er bestürzt abwehrte:

„Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenüber, der nicht wie die anderen ist und der für die Wahrheit ein Opfer bringen kann? Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant; wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich für etwas anderes aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; — und Sie sollten wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewußtsein finden, daß Sie einer Frau Gerechtigkeit verschafft haben?“

Der Advokat warf sich in die Brust und preßte die Hände darauf.

„Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben“, sagte die Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschämte Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines Kindes.

„Ich habe nichts als meine Kunst“, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr Stolz wankte. Der Advokat haschte erschüttert nach ihrer kleinen Hand.

„Niemand weiß besser als ich, Fräulein Flora Garlinda, wie einem Manne zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gestützt, für eine große Sache gekämpft hat, um endlich durch unfaßbare Intrigen und den Wankelmut eines Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber wirkliche Größe zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke machen uns zu Verbündeten. Zählen Sie auf mich, Fräulein Flora Garlinda!“

Er bückte sich tief und hatte, zurücktretend, noch immer ihre Fingerspitzen an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, ließ er sie los, und die Sängerin verschwand, denKopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stieß ihn schon wieder etwas von hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurück und dachte: „Die Frauen! Sie geben uns große Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber, wer weiß —“

Und sein Gang ward schwänzelnd.

„Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?“

„He! Advokat!“ rief Polli ihm nach, aber vor Hämmern und Poltern hörte man nicht.

„Lassen Sie“, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. „Ich weiß hier Bescheid.“

Der kleine alte Giocondi stapfte fröhlich nach dem Hintergrund.

„Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.“

Munter pfeifend klopfte er an eine Tür, blinzelte den beiden andern zu und öffnete.

„Wer ist da?“ rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf. „Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von mir?“

„O gar nichts, entschuldigen Sie nur“, plapperte Giocondi noch immer, als die Tür schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte:

„Aber das ist ja ein Dämon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, daß sie zweiundzwanzig Jahre alt ist. Sie hat uns getäuscht, indem sie sich anmalte.“

„Das ist eben die Kunst“, sagte der junge Savezzo. „Man sieht, daß die Herren keine Künstler sind.“

Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor. Er klopfte und wartete dann in gebückter Haltung, mit baumelndem Schnurrbart und ehrfürchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrauß streckte er sorgfältig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurück, ohne daß er wankte.

„Ach Ihr“, sagte sie, und ihre Miene spannte sich plötzlich ab. „Sogar Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr mögt mir die Kämme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut geblasen. Wenn Ihr blast, hört man, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid.“

„Wer ist denn bei ihr?“ fragte Polli. „Mir ist doch —“

„Wer wirds sein“, sagte Giocondi. „Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so empfangen. Versteht sich, wir störten.“

„Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist?“ versetzte der Savezzo mit düstrem Neid.

Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bühne. Drüben zwischen den Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die ihre mehlweiß und braun gescheckten Ärmchen vor ihm umherwendeten, süße Augen und schiefe Köpfe machten und ihm plötzlich ins Gesicht lachten. „Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht ist, daß ich ein kaffeebraunes Kleid tragen muß!“

„Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch tapferer Mann!“

„Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschuß abschlägt“, — mit ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie fort und strecktedie Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine kleine Puderwolke.

Polli raunte dem Advokaten zu:

„Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne sprechen hören. Wer mag es sein?“

Der Advokat wehrte diskret ab.

„Wer weiß es.“

Er holte Atem.

„Übrigens komme auch ich von drüben. Ich bin quer über die Bühne gegangen und darum ein wenig früher angekommen als Ihr.“

Polli riß die Augen auf. Als er sich gefaßt hatte:

„Ah! Advokat!“

„Ich habe nichts gesagt“, — und der Advokat glänzte groß.

Gerade gingen der Apotheker und der Unterpräfekt vorüber, und Acquistapace trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von hinten kam, Fächer schlagend, Italia. Der Unterpräfekt verbeugte sich zuerst.

„Fräulein, Sie sind sicherlich die größte Sängerin, deren Anfängen ich beiwohnen durfte.“

Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten in die Seite; er verdrehte die Augen.

„Aber —“

„Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen,“ sagte Herr Fiorio, „das ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostüm! Sie stellen eine Romagnolin vor?“

„Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara, den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich über meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne macht.“

„Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, daß Sie in Wirklichkeit dazu fähig wären“, bemerkte der Unterpräfekt. Die Bürger lachten beifällig, am lautesten der Advokat.

„Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mädchen: mir können Sies glauben, mein Herr!“

Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gespräch ins Unpersönliche.

„Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht und traurig. Nicht einmal das schöne Kostüm dürfte ich anhaben, denn eine Wirtin in einer großen Stadt wie Rom geht natürlich angezogen wie alle andern. Aber soll man denn ganz auf die Schönheit verzichten?“

„Gewiß nicht“, sagte der Unterpräfekt ernst und warm; und nach kurzem Zögern: „Ich komme sogar ausdrücklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie vereinigen wahrhaftig Schönheit und Kunst. Ihr Leben, Fräulein, muß voller Genugtuungen sein.“

„Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich über manches zu beklagen. Würden Sie glauben, daß mir der Maestro noch soeben eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafür aber habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden Verspätung; bei der zweiten Aufführung solle ich meine Arie wiederhaben. Was nützt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die Arie streicht? Der Garlinda läßt der Maestro jede Note; und er wird sehen, wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .“

„Wie sehen sie sich wieder?“ fragte Polli.

„Versteht sich, auf der Straße“, erklärte Giocondi.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Unterpräfekt. Italia verzog den Mund.

„Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie verliebt ist.“

„Er sucht sie,“ fuhr Giocondi fort, „weil er sie nicht vergessen kann, der Unglückliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist eine klägliche Geschichte.“

„Was denn!“ keuchte der Advokat. „Das ist unmöglich! Der Maestro verliebt in die Primadonna?“

„Warum nicht. Es nützt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder —“

Italia machte ein angewidertes Gesicht.

„— sie hat unnatürliche Neigungen.“

„O, gar so unnatürlich werden sie nicht sein“, erwiderte der Advokat mit heiterer Stirn.

„Da sich mir Gelegenheit bietet, der größten Künstlerin zu nützen, deren Anfängen ich beiwohnen durfte —,“ und der Unterpräfekt verbeugte sich gegen Italia, die vor ihm die Hüften hin und her drehte, „so spreche ich also wegen Ihrer Arie, Fräulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause. Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hören.“

Er verbeugte sich endgültig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war herzugekommen und sagte:

„Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird bösartig.“

Man hörte sie noch sagen:

„Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstück verbunden.“

Herr Fiorio bot ihr den Arm.

„Ich werde stolz sein, mein Fräulein, Ihnen das Ihre zurückzubringen.“

„Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!“

„Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der Unterpräfektur, liebe Kleine.“

Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurück. Die Bürger sahen ihm bewundernd nach.

„Ah! er weiß genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im Saal. Welche Geschicklichkeit!“

Der Apotheker Acquistapace hielt nicht länger an sich; er fluchte laut. Wie Italia zurückkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen.

„Wissen Sie, Fräulein, daß jener Mann Sie belogen hat?“

„Aber Romolo!“ sagten die Freunde.

„Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der Primadonna wörtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Fräulein Italia?“

„Aber für mich wird er doch handeln?“ sagte Italia, eingeschüchtert durch seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe.

„Ich bin ein alter Soldat Garibaldis“, rief er und ging, um zu atmen, ein Stück weiter. „Auf das Ränkeschmieden verstehe ich mich nicht!“

Da sie ihm bittend gefolgt war:

„Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.“

„Herr Apotheker,“ sagte sie schmeichlerisch, „glauben Sie, auch ich träume zuweilen von einer großen Leidenschaft . . .“

„Kein Glück, der arme Romolo,“ — und der Advokat feixte still und heftig.

Polli fragte:

„Sollte man nicht seine Frau holen?“

Der alte Giocondi bemerkte:

„Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch. Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; draußen müssen sie ihn wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.“

„He! Herr Nello!“ rief der Advokat.

„Lassen Sie ihn“, sagte Gaddi. „Es ist sein gewohnter Zustand am ersten Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.“

Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begrüßen, mit einer Verbeugung, großartig und dabei zitternd, den durchlöcherten Filz von seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfärbten Mantel gerollt, machte er kleine, schlürfende Schritte, die ihn nicht von der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein großer Brillant auf.

„Nun?“ fragte er, atemlos vor Anstrengung, „erkennen Sie, Gaddi, wie es sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren —“

Er kam hastig herbei mit einem starren Lächeln von einem zum andern und kleinen bedrängten Handbewegungen.

„— im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.“

Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte:

„Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, daß er eine gefallene Majestät ist.“

„Wie? Stellen Sie denn einen König vor?“

„Ich will sagen, daß er große Tage gesehen hat und sich eines ungewöhnlichen Geschickes bewußt ist. Als die Liebenden ihn unter seinem Bogen aufstören: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in dem die Tragik desStückes und auch des Lebens sich enthüllt. Ich darf sagen, daß ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich: weinen werden Sie!“


Back to IndexNext