Chapter 6

„Teufel.“

„Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.“

Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fuß der Stufen, die hinabführten. Unsichtbar rief er:

„Gaddi, das Stichwort!“

„Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?“

Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe:

„Ich bin früher gekommen.“

„So werden wir weiter suchen“, sagte Gaddi ehern.

„Unnötig“, — und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trällerte er:

„— da ich sehe, daß ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb dieser Stein. Seid ihr glücklich, wird er euch weich sein.“

Dabei hüpfte der alte Sänger aus dem Bogen hervor: hüpfte auf einem Fuß schief zur Seite, — und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die Hälften des Mantels wie gebrochene Flügel.

„Hahaha!“ machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte.

„Ist das komisch! Gut, daß etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will das.“

Der Cavaliere Giordano war zurückgewichen; die Hand hatte er an der Stirn.

„Wie? Sie lachen? Aber das ist —!“

Er schluckte hinunter und kam näher.

„Wenn Sie denn lachen —. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?“

Er ging, den Kopf gesenkt, umher.

„Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!“

„Daß der Tenor etwas hat,“ sagte der junge Savezzo, die Brauen zusammengezogen, „das werden Sie uns nicht ausreden.“

„Was soll er haben?“ erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem Lauf den Vorhang entlang, war er plötzlich stehen geblieben, das Ohr geneigt, als unternähme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort draußen eine einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im Gesicht, daß der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rütteln.

„Es war ihre Stimme!“ dachte Nello. „Sie ist nicht in der Loge, und dennoch habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehört. Ist sie denn tot? Spricht denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener Äbtissin in Parma? Mein Gott, es ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die Märchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir ferner, als wäre sie vor hundert Jahren gestorben.“

Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des Freundes.

„Sieben Tage der Angst“, murmelte er. „Wie man hoffen kann! Es ist lächerlich. Immer zitternd in ihrer Nähe, niesie sehen, — und im Herzen wissen, daß der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich ihr dort hinauf alles, alles —“

„Still, Nello!“

„Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?“

„Schweig! Man hört uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang rechts“, rief Gaddi den andern entgegen. „Warum steht sie leer im ausverkauften Haus? Ich muß sagen, daß auch mich —“

„Das ist ja die Loge der Familie Nardini“, erklärte Polli.

„Aber —“ machte der Advokat von fern.

Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhändler zu.

„Ist das wahr?“ fragte er.

„Eh! Beim Bacchus!“

Da faßte, zwischen seinen gesträubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor ins Auge. Seine pockennarbige Nase hüpfte frohlockend ein wenig auf, und er sagte:

„Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenüber, der sie beanspruchte —“

„— und dem man sie hoffentlich nicht geben wird“, setzte der Herr Giocondi hinzu.

„Ich habe für das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk?“ fragte der Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff.

„Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht“, sagte der Savezzo noch, — da sah man den jungen Sänger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurückgesprungen, nur Gaddi beugte sich über ihn. Als sie dann herandrängten: „Was hat er?“ — schnellte der Bariton wütend auf.

„Man darf wohl nervös sein, hoffe ich. Ich selbst bin abergläubisch, und jene einzige leere Loge gefällt mir nicht.“

„Ja,“ sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, „sie sind zarter Natur, die Künstler.“

„Man sollte einen Arzt holen“, verlangte der Cavaliere Giordano.

„Aber es ist nichts“, behauptete der Apotheker.

„Man weiß nicht“, meinte der Advokat. „Auch ich habe einmal —“

„Einen Arzt!“ rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften. Laufend erschien der Kapellmeister.

„Was ist geschehen?“ — und er war tief erbleicht.

„Gar nichts“, sagte Gaddi und rüttelte Nello. „Bringen Sie Wasser, Dorlenghi!“

Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Plötzlich warf er sich neben dem Ohnmächtigen auf die Knie.

„Wird er singen können? Sagen Sie nur das eine!“

Er sprang wieder auf.

„Mein Gott, ich bin verloren!“

Der Herr Giocondi stieß den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte er zu.

„Übrigens, Maestro,“ äußerte er, „hat auch die Primadonna sich geweigert, weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?“

Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es nötig, mit ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm nicht kannte, zu schreien:

„Wußte ichs nicht? Wußte ichs nicht?“

Gaddi richtete sich von Nellos Schläfen auf, die er rieb. „Werden Sie nicht schweigen? Merken Sie nicht, daß mansich über Sie lustig macht? Auch dieser hier hat schon die Augen geöffnet!“

„Gleichviel“, machte der Advokat. „Wer, wie ich, außergewöhnlichen Gemütsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie fühlen Sie sich, mein Freund?“

„Einen Arzt“, rief der Tabakhändler hinter den Kulissen. Er war falsch gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die große gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem Entzücken preßte. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den Armen vorwärts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Füße eingesunken. Dann tat er einen Satz.

„Wie? Du bemerkst mich und läßt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen, ob ich noch dein Vater bin!“

Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das maßlose Enttäuschung malte.

„Ich liebe sie so sehr“, stieß er, wirr jammernd, aus. „Ich will sie heiraten.“

„Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!“

„Aber warum schlagen Sie ihn?“ fragte das Mädchen. „Was ist Schlimmes dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!“

„Fort! Beine!“ — und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen zu wenden und ihm den Fuß in das Gesäß zu setzen. Als er ihn abgeschnellt hatte:

„Ich verbiete Ihnen, mein Fräulein —“

„Du bist doch nur eifersüchtig, mein Alterchen“, sagte sie und griff ihm unter das Kinn. „Aber ich liebe noch immer nur dich.“

„Hoffen wirs! Du darfst übrigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe, wenn meine Frau drinnen gewesen wäre . . .Auf morgen um drei! — aber wenn du mir den Jungen nicht in Ruhe läßt, sind wir keine Freunde mehr.“

„Das wäre schrecklich“, rief sie ihm nach. „Und die Zigarette?“

„Unglücklicher, was tust du noch hier?“

Denn Olindo saß auf einem Versatzstück und weinte.

„Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert dieser Unglückliche um eine Komödiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die dir niemals treu sein würde!“

„O ja! das wäre sie!“

„Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!“

„Das ist nicht wahr!“ — und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurück; er setzte sich den Finger auf die fette Brust und lächelte breit.

„Dann frage sie also nach mir!“

Darauf ließ Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter.

„Da du hier so gut Bescheid weißt, zeige mir, wo es hinaus geht!“

Durch die kleine Tür unter der Bühne gelangten sie ins Orchester, das leer war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saßen ineinander versunken bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklärte der Tabakhändler jedem:

„Wir brauchen einen Arzt, auf der Bühne ist einem etwas zugestoßen.“

Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelächter, das Galileo Belotti entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte.

„Sie sind ja bucklig“, sagte Galileo mit erhobenen Brauen.

Der Kleine schrak auf.

„Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.“

„Ich aber habe sogleich erkannt, daß Sie bucklig sind“ — und Galileo hielt unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet.

„Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf“, schrie der Krüppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschüttete die Hälfte des Wassers.

„Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen,“ antwortete Galileo, „darum sind Sie aber immer noch bucklig.“

„Wie viel Witz er hat!“ sagten die Pächter und drängten herzu.

„Aber ich rufe die Carabinieri herein!“ kreischte der Verwachsene.

„Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben bucklig“ — und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und seine Zechbrüder brüllten. Von draußen eilten die Leute herein, um mitzulachen.

„Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefängnis! Was! Ich bringe Sie um!“

Das lange Gesicht des Zwerges war grün. Mit seinem Höcker schlug er taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Händen, die sich krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum.

„Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen,“ erklärte ihm Galileo, „bucklig sind Sie, und bucklig bleiben Sie.“

Unerschüttert sah er ringsum, während sein Opfer sich am Boden wälzte. Der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn hinaus.

Vor der Tür standen große Gruppen. Am Rande der Terrasse,in der lauen dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mädchen, die sich in Ketten umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mütter und Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der „Tonietta“, mit den ernst und selig schwebenden Tönen des Duetts: „Sieh Geliebter, unser umblühtes Haus . . .“ „Welche Musik!“ sagte einer der jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern. „Es geschieht viel Trauriges in dem Stück, und dennoch, wenn man die Musik hört, scheint es einem, daß es keine Unglücklichen mehr auf der Welt gibt.“

„Trotzdem bringen sie dort einen“, sagte ein anderer; und alle zusammen:

„Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber des Notars in Spello. Ich war für meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er in seinem Zustand die drei Stunden zurückgehen? Hat er Geld, um zu übernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, müßt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.“

Der Wirt „zu den Verlobten“ weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert.

„So gebe ich eine!“ sagte der junge Mann. „Und ich bin ein Arbeiter, der zwei Lire fünfundsiebzig am Tag verdient.“

Er schlug sich auf die Brust und sah umher.

„Auch ich gebe eine.“

„Auch ich.“

Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelächter. Die Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Fräulein Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen:

„Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persönlichkeit, aber auch er hat großes Talent.“

Galileo kugelte, die weißen Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges umher und polterte.

„Pappappapp, man wird sich wohl einen Spaß machen dürfen! Und du, Polli,“ sagte er zu dem Tabakhändler, der sich die Seiten hielt, „du wolltest einen Arzt? Für den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.“

„Doktor!“ rief er in die erste Parterreloge rechts, „auf der Bühne stirbt jemand. Rasch! Sie müssen hin.“

„Ich kann nicht“, rief der Doktor zurück und stellte sich vor seine Frau. „Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!“

„Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!“

Galileo schrie so sehr, daß es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Körper war ihm nicht groß und breit genug, um die kleine demütige Frau vor allen diesen Augen zu verdecken.

„Sie sollten gehen,“ sagte neben ihm Mama Paradisi, „es scheint ernst.“

Drüben sah er Frau Salvatori einen mißbilligenden Blick mit Frau Malandrini wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fächer hart auf die Brüstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es:

„Laßt ihn! Er ist kein Arzt für die Lebenden, er ist einer für die Toten.“

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung griff Ranucci plötzlich nach seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in Bewegung.

„Holt mir den schönen Alfò!“ verlangte er. „Ich brauche ihn, denn ich selbst bin nicht schön genug.“

Und als er ihn hatte:

„Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.“

Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter ihrem Fächer ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine kurzbeinige Kratzfüße machte und der schöne Alfò eitel in den Saal lächelte. Man erhob die Hände gegen ihn, als wollte man klatschen, man stieß sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi in seiner Loge gerade gegenüber platzte lärmend los:

„O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee: ja, gewiß, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.“

Sogar die entlobte Rosina schüttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in den Arm.

„Du bist ein unbezahlbarer Papa!“

Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob.

„Und die Miete, Ottone?“ fragte sie blechern. „Wie soll ich sie bezahlen?“

„Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.“

Aber die Töchter waren auf einmal still.

„Welch gute Erfindung“, rief der Vater fröhlich. „Daß dieser Tenor krank werden mußte! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich nicht.“

Die Töchter sahen sich, die Zähne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an. Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin.

„Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?“

Da sie weiter schwiegen:

„Denn daß ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch nicht Krankheit nennen.“

Er ließ die Backen hängen und hatte einen bettelnden Ton.

„Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden gewettet, ich würde dreißig kleine Vögel essen, und habe die Wette gewonnen?“

Plötzlich schlug er sich wieder auf die Knie.

„Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine ganz andere Komödie, als die der Komödianten. Man müßte dabei sein. Was meint ihr, wenn ich hinginge?“

„Bleibe lieber da“, sagte Frau Giocondi. „Wer weiß, was der Doktor tut, wenn er zurückkommt . . . Da ist er schon.“

Man hielt den Atem an, und man hörte den Doktor Ranucci sagen:

„Was tun Sie?“

Er griff sich an den Kopf.

„Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder auf den Beinen ist, und inzwischen —“

Unversehens rötete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der schöne Alfò wich — und sein törichtes Lächeln verging ihm — bis an die Brüstung zurück. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinüber und sprang in den Saal.

„Bravo, Alfò!“ rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen unverfroren weiterpolterte.

„Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schönes Stück Frau . . .“

Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinemMunde, und mit der andern griff er ihm ans Gebiß. Galileo brüllte dumpf: — da schwang der Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und Ranucci mußte sich verbeugen. Galileo war verschwunden.

„Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wäre?“ sagte Frau Giocondi. Ihr Mann hatte die Hand an der Wange, als wäre der Eingriff bei ihm selbst vollzogen worden. Er suchte die Augen der Töchter. Rosina hielt die ihren im Schoß, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dünnes, spitzes Lächeln. Der Vater stieß mit dem Fuß einen Schemel fort und schalt:

„Nun, eine Krankheit wäre auch das noch nicht!“

Das Lachen ging in Stößen durch den Saal; wenn es oben endete, begann es unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefüllt hatte, rief man:

„Wie er tüchtig ist, der Doktor!“

Und die Väter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der Klubloge:

„Es scheint, daß der Doktor Ranucci den größten Erfolg des Abends hat.“

Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle Bemitleidungen ab und sagte:

„Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.“

„Wie man vom Lachen heiß wird!“ bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede wegsah, nahm sie ihr Fläschchen und befeuchtete sich unter den Achseln.

Frau Polli schlug mit ihrem Fächer mächtige Luftwellen.

„Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?“

„Und die Haushälterin des Herrn Ortensi“, flüsterte derTabakhändler, „hat ein gewisses Parfüm an sich —! Ich weiß wohl, daß er blind ist, aber hat er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mädchen auf der Bühne roch so stark. Du weißt, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben würde, ist, daß auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, daß du dich nicht aus deiner Ecke rührst!“

„Das Theater ist zu voll“, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute unter ihrer Loge. „Die Düfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte nicht erlauben, daß hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen setzt.“

Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die große Raffaella war des Pächters schräg hinter ihr sicher und bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi ihr zu Ehren in sein Bombardon stieß. Aber der Mechaniker Blandini stach ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette.

„Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen“, sagte Lauretta zu Theo. „Er schneidet dir Gesichter.“

Sie antwortete:

„Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem den Mut, auf andere zu hören. Ah! ihm würde ich nicht nein sagen. Die Madonna wird nicht erlauben, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist.“

„Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe!“ wimmerte Mama Farinaggi ganz süß und fromm; aber die beiden Fräulein Pernici fuhren dennoch zurück, gegen den Leutnant Cantinelli.

„Wie übrigens unsere heilige Religion es vorschreibt“, setzte die Eigentümerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Büste allen Umsitzenden zu, während sie sich bekreuzte.

Über die Galerie ging plötzlich ein Raunen.

„Man sagt, Pomponia, daß er tot ist, der Tenor.“

„Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme, aus Liebe zu ihr ist ihm so übel geworden.“

„Hast dus von deiner Herrin?“

Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schloß sich mit dem Finger die Lippen.

„Also er liebt die Primadonna“, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau Malandrini. „Die Evangelina weiß es. Übrigens sieht man an seinem ausdrucksvollen Spiel, daß er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und behandelt ihn schlecht.“

Die Frau des Steuerpächters neigte sich zu der Schwester des Unterpräfekten.

„Die Primadonna hat ein Kind, wie ich höre, von dem Tenor. Die guten Sitten finden sich nicht auf dem Theater.“

„Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es nicht, weil es die Illusionen verhindern würde.“

Frau Camuzzi erklärte:

„Dieser Tenor: wie heißt er noch —“

Sie sah auf dem Zettel nach.

„Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er völlig ohne Empfindung.“

„Aber mir scheint,“ wandte der Gemeindesekretär ein, „daß er gerade infolge von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.“

„Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren: hat das Komitee sie bei dem Künstler bestellt, oder hat er selbst gefühlt, daß es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig nachzuhelfen?“

„Wie viel Geist die gnädige Frau hat!“ sagte der junge Salvatori. Der junge Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehässige Aufleuchten in den Augen der Dame.

Die alte Frau Mandolini berührte ihren blinden Freund mit dem Fächer.

„Orlando, ich denke immer an jene Aufführung der ‚Celimena‘ im Pagliano zu Florenz: sind es nicht fünfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als sie jung war.“

„Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hörte, während jenes junge Mädchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurückkehren, wie in einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.“

„Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint, man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano hätte besser getan, sich nicht hören zu lassen.“

„Denn es ist, als sänge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst nun sind.“

„Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den großen Zeiten zu wissen.“

„Aber sie ist nicht schön“, sagte die Haushälterin des Blinden. Er rief:

„Nicht schön? Wunderbar schön ist sie!“

„Sie sehen sie doch nicht.“

„Aber wie schön muß sie sein!“

„Heraus!“ rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli.

„Maestro!“

Und plötzlich trampelte und schrie die ganze Galerie.

„Macht man sich über uns lustig? Es ist eine Schande!“

Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblößte mit einer Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk.

„Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!“

Es ward still, und da hörte man in der letzten Parkettreihe den Bäcker Crepalini:

„Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich aber, der ich sechs Plätze —“

„Schweig!“ — und droben wurden Fäuste geschüttelt. „Du hungerst uns aus. Er ist der einzige Bäcker, weil er die Herren bezahlt; und dafür darf er uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!“

„Denn“, keuchte der Advokat, „wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel Jahren. Dann der Unglücksfall, den die Herren verzeihen mögen, mit jenem jungen Künstler, der so viel Talent hat . . .“

„Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben“, riefen die Frauen.

„Aber wir werden alles tun, was möglich ist, und in fünf Minuten, o meine Herren, werden Sie befriedigt werden.“

„Bravo, Advokat!“ — und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief:

„Er ist ein großer Mann, der Advokat!“

„Da ist Brabrà! Bravo, Brabrà!“ — und plötzlich lachte alles. Die jungen Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern sagten:

„Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein aufdem Platz und machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst Musik hören, Brabrà!“

Und der Advokat mußte sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn, das Volk grüßte. Er führte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen über die Ränge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fuß aus, — und unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn feierte.

„Aber der Mittelstand wird gefährlich!“ sagte Frau Camuzzi zum Baron Torroni.

Denn der Bäcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebiß im Parterre sich abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wütenden Schlägen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften.

„Warum steht Ihr hier unten und laßt Euch stoßen, Gevatter Felipe? Ihr wißt es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt „zum Mond“, Ihr seid der Wirt „zu den Verlobten“; eine Loge aber ist nur für ihn da. Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der Tabakhändler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine Großnichte des Bürgermeisters ist!“

„Die Herren halten zusammen“, sagte der Schlosser Fantapiè, der mit dem Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; „und der einzige, der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.“

Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf.

„Man kann sagen, daß wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmädchen, sich geweigert hat, zu tun, wasder Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen Ansprüche . . .“

„Die Herren!“ schnaubte der Bäcker, und der dicke Nußknackerkopf wackelte vor Zorn auf seinen engen Schultern. „Wenn es noch Herren wären! Aber seht nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der fünftgrößte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine Pastecaldi und Schwägerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine übrig ist, läßt man sie lieber leerstehen, als daß man sie einem Manne wie mir gibt.“

„Die Herausforderung gilt mir“ — und der alte Schenkenheld Zecchini schob seinen Bauch in den Haufen. „Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man Bankerott gemacht hat, muß auch ich eine bekommen.“

„Was denn? Welche Loge?“ polterte Galileo Belotti. „Wißt ihr denn nicht, daß jene leere Loge dem Advokaten gehört? Denn sonst hätte er nur die unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift wohl, daß ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte nötig hat.“

Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten.

„Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Cäsar hatte“, erklärte er. „Ist das nicht genug? Aus Bewunderung für unsern großen Mann verschmerze ich es leicht, daß meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben mußten, weil keine Loge für sie da war.“

„Man müßte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo,“ sagte der alte Seiler Fierabelli, „um nicht zu sehen, daß keine Gerechtigkeit in der Welt ist.“

Der Barbier Druso bestätigte es; der Barbier Bonometti wandte ein:

„Der Advokat tut viel für das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er ist ein großer Mann.“

„Was, großer Mann!“ — und Galileo hüpfte auf. „Wenn einer den Advokaten kennt, bin ich es, und ich sage dir, daß er noch nicht einmal der Dreck eines großen Mannes ist!“

Frau Malagodi mischte sich ein:

„Ich habe meinen Hut abnehmen müssen, der nicht weniger gekostet hat als das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trägt. Aber sie sitzt in einer Loge.“

„Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge?“ schrie ihr Gatte. „Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!“

„Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo“, wiederholte hartnäckig der Schlosser Fantapiè. Der Bäcker brach vor:

„Ich weiß noch einen, der mir hilft, und das bin ich.“

Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzplätzen und schob die ganze Herde vor sich her.

„Wohin, Crepalini?“

„Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehört. Komm mit, Malagodi!“

Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen.

„Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird!“ rief der dicke Zecchini und hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug Wogen, die aufbrüllten.

„Seid ihr dort unten etwa verrückt geworden?“ rief die Galerie. „Ruhe! Du willst wohl Prügel, Volksaushungerer? Keinen Ton hört man. Lauter, Maestro! Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!“

Die meisten bemerkten erst jetzt, daß der Kapellmeister da war und daß er dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getöse und ließ, geneigten Kopfes, ganz sanft die Arme schweben,als sei er mit seinem Orchester allein. Der Bäcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr zurück, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der Schuster Malagodi fühlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und droben jubelte eine Jungenstimme:

„Ins Zentrum!“

Auf einmal erstickte der ganze Lärm: es war dunkel, keine Lampe brannte mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein unterdrücktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas Drohendes wälzte sich heran! „Was gibt es!“ In den Logen sprang man auf. Eine Frau rief:

„Himmel! man ermordet mich.“

Und Stimmen auf der Galerie:

„Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.“

„Nicht doch!“ schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den Advokaten Belotti. „Es ist nichts, lassen Sie mich machen!“

Der Herr Giocondi brach plötzlich in tobendes Lachen aus; seine Töchter mußten ihn auf dem Stuhl halten; — und darauf begriff auch die Galerie:

„Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spaßvogel, geh! . . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!“

„Seht ihr jetzt, daß er ein großer Mann ist?“ rief der Barbier Bonometti, — indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte.

Da es schon wieder hell war:

„Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.“

„Ruhig! Man spielt!“

„Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schön.“

„Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!“

„Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.“

„So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie fortgejagt und nicht auf uns gehört, denn sie war unschuldig, sonst will ich blind werden!“

„Noch einmal! Noch einmal!“

„Wie er bleich ist, Dante!“

„Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben, was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel, und weint . . . Er singt. O Cölestina, höre das, höre! Ich weiß nun wieder, wie es war, als ich glaubte, du betrügest mich!“

„Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!“

„Sprich nicht! Was wird geschehen?“

„. . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin außer Atem: sie hat ihn erkannt!“

„Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu verkaufen, nicht, um über erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht über sie, sondern über mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist, und mein Söhnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir ist, als steige ich wieder in den Trümmern umher. Und doch will ich nicht fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.“

„Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!“

„Es ist ein wenig spät. Ich würde sie nicht mehr nehmen.“

„Du hast keine Poesie, Malandrini. Höre doch, was sie einander vorsingen. Ihnen scheint, daß sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht, unter den Ölbäumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche Einbildungen, wenn man liebt.“

„Woher weißt du das?“

„Da, Polli, wieder ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘.“

„Aber es ist entschieden kein Vergleich möglich mit unserem Phonographen. Das ist übrigens gut: Laß uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett: alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, daß sie sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so aufführen werden, daß wir Olindo hier lassen können? . . . Was gibts, Giocondi?“

„Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an, Töchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm Ratschläge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!“

„Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.“

„Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder hörst du es durchklingen: ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen‘ . . .“

„O Nina, deine Harfe!“

„Man würde nicht glauben, daß man noch auf Erden ist.“

„Es würde sich lohnen, unglücklich zu sein, um dann so glücklich zu werden, wie diese.“

„Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist zu.“

„Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, daß sie spielen werden, bis die auf der Bühne sich ausgeruht haben und wieder singen.“

„Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch nichts.“

Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern nickten, die Arme verschränkt, einander in die Augen.

„Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es möglich? SolchLeben! So also wird es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.“

„Dies aber,“ — und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme aus, „o dies geht hinaus über die glückliche Liebe jenes Volkes, das einen Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende Herrlichkeit des Helden, der das Land verläßt, das er erkämpfte. Die Liebe der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?“

Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand.

„Wie schade,“ sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi, „daß der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewiß hätte er sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhöre, als sähe ich wieder dem Helden selbst ins Gesicht.“

Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase.

„Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal, werde triumphieren über die, die mich niederhalten, und werde mächtig und berühmt sein . . . Diese Musik hätte ich machen können; auch sie hat man mir geraubt.“

Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch machte, wippte der Advokat Belotti mit den Absätzen, suchte unruhig auf dem Fußboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Gründung einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglückung. „Niemals fühlte ich, wie sehr ich ihr gehöre!“ Seine Augen, die sich verschleierten, irrten von unten über die Hüften der Doktorsfrau, als seien es die Plätze der Stadt, und bis auf das entblößte Stück ihres gepolsterten Nackens. Sie wandte sich um, und er sagte:

„Wer diese Musik geschrieben hat, der wußte, was ein großer Mann ist.“

Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still.

„Frau Camuzzi? Unmöglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund sollte sie haben, zu schluchzen?“

„O! jede Frau findet dazu Grund“, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat erkannte mit Genugtuung, daß ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses Flehen war.

„Bravo, Maestro!“

Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab führte er jedesmal, als nötigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flüchtig und bedeutungslos über seine Mitarbeiter im Orchester hin.

„Zum Schluß klang es dennoch wieder tragisch“, stellte Rosina Giocondi im stillen fest. „Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . . Natürlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte Tancredi, der damals die Tonietta verführt haben soll. Dem Piero dagegen, der nun Schuhe flicken muß, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hält ihm ihren Fuß hin, sie verführt ihn. Die Tonietta drüben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder aus, meine Lieben, mit dem Glück. Das kennt man. Man hofft zu leicht; — aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst hätte er in der langen Pause der Mama einen Besuch gemacht.“

„Paß doch auf, Piero!“ rief jemand auf der Galerie. „Er nimmt sie dir weg!“

„Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gäste gehen: jetzt bekommt sie das ihre.“

„Was, Dante! Wie kannst du so böse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine Cölestina, verstehe sie zu gut.“

„Du verstehst, daß sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrügt?“

„Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich war unschuldig.“

„Auch er aber hat recht: ‚Seither warst dus um so weniger!‘ Denn sie war eine Dirne, wie?“

„Hat ers anders gewollt?“

„Gut! Er schließt sie ein und geht. Das verdient sie.“

„Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen!“ rief Cölestina so laut, daß Nello Gennari den Fuß anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten mehrere. Eine Sekunde lang spähte er mit dem düsteren Blick seiner Rolle durch den Saal, dann stieß er beide Fäuste hinter sich und trat in die Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda stützte sich dort vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: „Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu wissen.“ Es war ihre schönste, und sie sang sie wie ein Engel: ganz sicher mußte sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und sie wurden zum Schweigen gebracht. „Die Leute sind neugierig. Sie fühlen eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine Stimme ist mehr im Saal, kein Geräusch. Ja, starrt her! Gaddi ist aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er schwenkt, indem er die Hose höher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft meiner Tonietta aus dem Fenster, führt sie auf die Straße, will sie fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid überzeugt, sie wird mitgehen: ich habe Unglück.“

„Mein Lieber,“ sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon abgeschminkt war, „was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen Sie nur!“

Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken.

„Gaddi ist großartig. ‚Ich bin nicht eifersüchtig wie er; mir gefallen die Dirnen‘: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rührt sich. Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen. Aber du vergißt, daß wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glühen! Mir scheint, ich fühle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verräterin, mich rufen; ich werde vorstürzen, ich werde sie beide —. O Alba!“

Er zog die Schultern in die Höhe, schüttelte, mit geschlossenen Lidern, heftig den Kopf und stieß das Gesicht in die Hände.

„Ist es möglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?“

„Da bin ich!“ — und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehässigen Elends, er fühlte, daß es von ihm auf eine unbekannte Menge übergehe, auf die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verführer und Herrn kämpfte, empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, — und da jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder.

„Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!“

„Gnade!“ rief eine Frau von oben, aber er stach zu.

„Ich habe nur dich geliebt, Piero,“ hauchte die sterbende Tonietta; und auf der Galerie die Geliebte des Schusters: „Hörst du es, Dante?“

„Bravi! Alle heraus! Maestro!“

Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine drückte, merkte er, daß sie Flora Garlinda gehöre. Sie verbeugte sich, wie sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lächeln zärtlicher Unterwürfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bühne gedrängt, klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als daß er sich niederdrücken und wieder emporreißen ließ von dem Cavaliere Giordano, der abgeschminkt, aber noch im Kostüm des Bettlers, unermüdlich zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal.

„Bravo, Cavaliere!“ rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurück, um den Beifall zu Ehren des berühmten Sängers zu verstärken.

Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der Tür ihrer Loge und versperrte sie ihr.

„Gnädige Frau,“ — und er sah ihr in die Augen, „die Ohnmacht des Tenors war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.“

Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine Nase. Frau Camuzzi trat zurück.

„Warum sagen Sie mir das?“ fragte sie halblaut. Er drückte die Hand auf die Brust.

„Ausschließlich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, daß ich der erste bin?“

Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den jungen Severino Salvatori. „Er wollte die Nardini heiraten,“ dachte sie; „und er kann fechten. O Verräter! ich werde dich töten lassen . . .“

Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich.

„Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. Übrigens ist ein Duell unmöglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen Skandal verwickelt hat. Er ist einflußreich, und mein Mann verliert seinen Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!“

Sie klatschte; sie rief:

„Bravi! Bravo der Gennari!“

„Ich brauche einen Menschen,“ dachte sie, „der etwas Stärkeres hat als seine Eitelkeit: einen Haß wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld der Nardini muß ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken Salvatori; er muß arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.“

Da überraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrümmte Mund des Savezzo, die graue Blässe seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glück zu versprechen, die Muskeln seiner verschränkten Arme erquickten sie. In seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprünge: da entschloß sie sich.

„Mein Mann wird mich draußen suchen. Jetzt müssen Sie mich begleiten, Herr Savezzo.“

„Es lebe der Advokat!“ rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich umsah, machte auf der Bühne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten, der Advokat Belotti seine Kratzfüße. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau Camuzzi lächelte ihm heiter zu.

„Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretär!“

„Bravo, Advokat!“ — und auf der Galerie hing alles in einem Knäuel hoch über seinem Kopf. Er sah verklärt hinauf.

„O Volk!“ murmelte er.

„Weine nicht mehr, Cölestina“, sagte droben der Schuster Dante Marinelli. „Sie konnten nicht länger leben; es ist besser, daß der Piero ein Ende gemacht hat.“

„Aber ist nun etwa sie schuld?“

„Oder er? Es war ihr Schicksal.“

„Und was wird unseres sein, Dante?“

Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander gedrängt, verschwanden sie darin.

„Das Theater hat sich geleert“, sagte die alte Frau Mandolini. „Wir können aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, daß sie dich stoßen. Nimm meinen Arm: wir sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.“

„Der Schluß war wirklich aufregend“, sagte die Haushälterin und erwiderte über die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi.

„Er war mehr als aufregend“, sagte der Blinde. „Diese Vorgänge, nicht wahr, Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragödie in unserm Dorf, unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge groß?“

„Daß ein Volk sie mitfühlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehört, wie sie jenen Unglücklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn, dem gelbbärtigen Herrn?“

„Ein Zeichen also!“ rief der alte Literat. „Ein Zeichen für das, was wir getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs neue wird die Menschheit Herren zu stürzen haben, wird der Geist sich messen müssen mit der Macht.“

„Wir werden zur Stelle sein.“

Der Alte warf den Kopf zurück.

„Aber dieser Piero tötet auch seine Tonietta. Heißt das, daß wir vergeblich gekämpft haben werden und daß das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem Tod?“

„Gleichviel,“ erwiderte seine Freundin, „wir werden kämpfen.“

Sie gelangten ins Freie.

„Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.“

„Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?“

„Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.“

„Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen“ — und die Haushälterin drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. „Nehmen Sie, Herr Ortensi!“

Und streng flüsternd:

„Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich nur um sie bekümmert.“

Die alte Frau lächelte barmherzig.

„Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.“

Und sie stiegen langsam ins Dunkel.

Der Tabakhändler rief plötzlich:

„Wo ist Olindo?“

Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der Treppengasse.

„Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?“

Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: „Eh!“ — und seine Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.

„Wehe ihm, wenn er heimkommt!“ schloß Polli.

Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte. Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen wieder oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte unvermittelt in zwei Teile.

„Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!“ riefen die Freunde hinauf aus einem Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt hinterlassen hatte.

„Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die ‚Arme Tonietta‘ ohne uns, frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!“

Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür.

„Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?“ fragten die Freunde. „Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und Nonoggi bläst seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er schneidet! Ihr seid große Künstler!“

Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln.

„Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!“ sagte der Tapezierer.

„Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute“ — und der Kapellmeister streifte die Hände nur und sah niemand an.

„Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.“

Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.

„Wie?“ sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die Faust auf ein Notenpult fallen ließ.

„Er wird verrückt geworden sein“, meinte Blandini. „Den ganzen Abend schien er mir seltsam.“

„Hat er nicht auch —?“ fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand etwas in den Mund zu gießen.

Der Schneider fand Worte.

„Ein böser Mann ist er!“ sagte er schwer. „Ich irrte mich, als ich ihn für einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.“

„Hört den Schneider!“ rief Nonoggi. „Er versteht mehr als der Maestro und wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.“

„Ein böser Mann,“ wiederholte Chiaralunzi, „mein Tenorhornsolo fand er nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.“

„Sogar das Fräulein!“ höhnte der Barbier. „Ein Fräulein zum Lachen. Es heißt, daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit, Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!“

Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

„Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst hält der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!“

Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.

„Gut, mein Lieber“, sagte er und lachte sonderbar. „Alles ist gut gegangen; ich bin zufrieden.“

„Aber der Schneider —“

Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.

„Er hat also doch getrunken“, bemerkte der Barbier. „Ich dachte es gar nicht.“

Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine.

Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem, aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. „Ich habe also ein Volk gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. Ich wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es erfindet für uns, dies Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der ‚Armen Tonietta‘ hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein so gründereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete sie mitten im Drang der Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tönende Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen zu sein. Sie liebten einander. Und wir — und wir —“

„Ein Betrunkener?“ sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.

„Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.“

„Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba allein: ich bin ihre beste Freundin, — soweit man die Freundin einer armen Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat dieser Komödiant Halt gemacht . . . Denn — wir dürfen nicht hoffen, uns zu irren — er hat sie verführt. In diesem Augenblick und aufgeklärt durch Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her in die Stadt zurückkehrte.“

Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus:

„Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an, die —, genug: eine Nacht.“

„Was tut das mir“, sagte er zwischen den Zähnen.

„Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet werden muß und daß Sie sie retten müssen?“

„Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.“

„O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, ihren Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und Alba zu warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu beseitigen.“

Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte rasch:

„O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.“

Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner zu.

„Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, — obwohl ich gewohnt bin, daß Sie unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die ‚Arme Tonietta‘ des Maestro Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette? Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns nicht rühren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der Fortschritt?“

Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort. Der andere feixte lautlos.

„Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?“

Und der Advokat, nach Luft schnappend:

„Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein Land groß ward?“

Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister schob es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch:

„Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen wir es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus der dunklen Stadt steigen Stimmen: ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ —. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein? Werden sie mich groß nennen, — weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie mir!“

„Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein berauscht, sondern von seiner Musik, derArme. Sie aber, Herr Savezzo, haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten Zweckes willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung beibringen, der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der Täter? Wie leicht und wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß Sie es waren; — und inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o, nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, — aber doch genug, um ihn im Augenblick unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu nehmen nach den Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.“

Er lachte hart.

„Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.“

Frau Camuzzi seufzte.

„Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins Elend führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie für mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoßen.“

„Es tut nichts“, schrie der Advokat. „Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit Freund Camuzzi halte. Denn,Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir werden finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege gesträubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen verschafft? An die kaum beendeten Kämpfe um das elektrische Licht und das Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend etwas geschähe. Man kann sagen, daß Sie, Herr Camuzzi, der Geist der Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!“

„Aber mein Mann“, sagte droben Frau Camuzzi, „trägt einen besser gemachten Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?“

Savezzo erwiderte:

„Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt haben,“ — und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen — „dann würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert, was er von den Damen der Stadt weiß.“

Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem Fächer spielte.

„Und auch von den Männern?“ fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem offenen Lächeln den Kopf.

„Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen, können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen Frau, wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt —“

Er fiel ein:

„— unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen, ein großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem fühle ich mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der hervorragt.“

„Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß man heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.“

„Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend gegeneinander so offen macht?“


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