„Er ist ein böser Mann“, sagte der Schneider. „Ich weiß es jetzt, — obwohl er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gönnt keinem andern etwas.“
„Und er hat von Eurem Mann gesagt, daß er schlechter spiele als alle.“
„Welche häßliche Lüge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er stärker als das ganze Orchester.“
„Seht Ihr, daß der Maestro böse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem Cavaliere Vergnügen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hört: wollt Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, — da Ihr doch so gern die ‚Arme Tonietta‘ singen würdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann braucht nicht eifersüchtig zu sein.“
Der Schneider lachte bieder.
„Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die ‚Arme Tonietta‘ bald besser singen als ich.“
Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lächelte sie albern. Flora Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen.
„Also ich schicke Euch den Cavaliere.“
Wie sie an ihrer Tür sich umdrehte, stand drüben noch der Schneider und blinzelte, als seien ihm die Augen müde vom langen Starren auf ihr goldenes Vlies.
Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen.
„Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzücken, Geschlechtern groß scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst fühlen? Werde ich glücklich sein?“
Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre gähnte plötzlich im Dunkel hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte.
„Warum muß ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn wirklich alle meine Feinde? Ach, daß ich böse bin!“
Mit grübelndem Ekel sah sie sich in die Augen.
Sie besann sich. „Das alles ist erledigt, ich habe gewählt.“ Über den kleinen eisernen Dreifuß gebeugt, goß sie sich das Flakon ins Haar. Aber sie fühlte sich linkisch dabei.
„Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schön für mich, es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht gehört, da ich es pflegen muß für die fernsten, spätesten Blicke und nie die Küsse des nächsten darauf empfangen darf.“
Sie ließ die Arme hängen und das Haar triefen.
„Wie seine Augen sich ängstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich glücklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!“
Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst?
„Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wäre!“
Da warf sie sich mit fliegenden Armen über das Bett. Unter ihrem weiten, nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; — und in dem ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fühlte sie das größte Glück ihres Lebens hervorbrechen. Sie wußte: „Es wäre das leichte Geschick der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine Härte.“ Dennoch weinte sie köstlich.
Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano:
„Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch Licht bei sich, und sie weint.“
Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen währte, blieb er genußsüchtig lächelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurück auf den Platz. Er setzte sich vor dem Café „zum Fortschritt“ an einen der mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr.
„Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: hätte ich nicht die Frau des Schneiders trösten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen könnte, wie damals in Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im ‚Rigoletto‘ kreierte. Sie war die schönste Frau von Rom, und sie nannte mich den schönsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre später sagte mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle, die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .“
Er saß, die Schläfe in der Hand, ganz reglos.
„Still: da ist jemand“, flüsterte Nello an Albas Ohr. Sie flüsterte:
„Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.“
Einander stützend, ließen sie langsam, langsam den Fuß von der letzten Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus.
„Wer ist es?“
„Der Cavaliere Giordano. Aber er schläft.“
„Sollen wirs wagen?“ — und sie schlüpften durch den Mondstreif in den nächsten Bogen.
„O Himmel! Er hat sich gerührt.“
„Warum die letzten?“ dachte der Alte. „Noch manche Frau hat mir gehört. Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehörten und jauchzten sie meinem Ruhm? Denn ich bin berühmt . . .“
Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello hielten den Atem an.
„Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir geträumt und Knaben sich an mir begeistert.“
„Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorüberkommen? Das Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen früh die Pförtnerin.“
„Auch hier, o Alba, lieben wir uns.“
Der Alte wendete das Ohr dem dünnen Plätschern des Brunnens zu.
„Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hände von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, — Giulietta aber ließ ihre Wäsche liegen und hörte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so rann es, und dies war meine Stimme . . .“
„Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.“
„O, daß mehr Gefahren kämen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine Geliebte!“
„Giulietta war fünfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an ihren bloßen Füßen diese rosigen Nägel? Wie sie auf meinen Händen welk sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich wollen, wenn sie meine Nägel sehen.“
„Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was weiß er, wie du küßt. Küsse mich, Alba!“
Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café „zum Fortschritt.“
„Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.“
„Mancafede ist erbleicht“, sagte der Herr Giocondi. „Welchen Schlag werden Sie uns versetzen?“
Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, — da kam aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte sich, die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte:
„Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.“
„Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren“, sagte der Sekretär.
„Gleichviel,“ — und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; „die Stadt: das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.“
„Ich leugne es nicht“, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich an.
„Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?“
„Herr Savezzo —“
Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen Mannes.
„Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?“
„Man hat ihn schwer beleidigt“; — und Savezzo hob unheilvoll die Schultern. Der Kaufmann bäumte sich wimmernd.
„Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie, Ihr Herren? Wir werden uns, dadas Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von ihm, wir werden ihn ausliefern.“
Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.
„Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht geben, will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.“
„Tatsächlich“, äußerte Polli, „weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt gehört, die ihn erobert hat.“
„Noch dazu mit Hilfe der Götter“, setzte der Herr Giocondi hinzu.
Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen.
„Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das ruhmreiche Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe . . .“
Der Apotheker fiel ein:
„Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.“
„Aber wir können appellieren“, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte:
„Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht dafür, daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.“
„Es gibt Leute,“ erklärte Polli, „die von den Komödianten genug haben. Es scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.“
Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.
„Wir kennen jetzt ihre ‚Arme Tonietta.‘ Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den Mund ausspüle, klingt es wie ‚Sieh Geliebte,unser umblühtes Haus.‘ Niemand will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommenund die Musik des Maestro Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.“
„Sollen sie sie singen“, sagte Polli. „Aber in den vier Wochen, die sie in unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines Weib ihm auf dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .“
Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte brutal den Fuß vor.
„Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß, daß auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt losgelassen?“
„Es sind Künstler!“ rief der Apotheker. „Sie hinterlassen uns eine Erinnerung an die Ideale.“
„Und Schulden,“ sagte der Gemeindesekretär, „— die ich übrigens vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.“
„Ein Dieb ist der Tenor!“ stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den Tisch strich. „Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn um“; — und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren Blick auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo folgte ihm. Im Gehen erklärte er:
„Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, — da er ja alles zum Parfümeur und zum Schneider trägt.“
„Welche Lebensweise!“ sagte Mancafede. „Aber alle sind jetzt verrückt. An dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient der Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf dem Wege, sich zu ruinieren.“
„Und sein Dämon ist der Advokat“, sagte Camuzzi. „Man würde glauben, daß dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.“
„Der Advokat!“ rief Acquistapace. „Er ist tapfer und hat große Gedanken. Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die Eisfabrik und das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir auf dem Platz, der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti errichten, des größten Bürgers der Stadt!“
Polli kratzte sich den Kopf.
„Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele wären.“
„Um Fremde herzuziehen,“ bemerkte der Herr Giocondi, „hat der Advokat die Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.“
Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand.
„Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie er die Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen geöffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Mansieht sich plötzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die Mäßigung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.“
„Tatsache ist,“ bemerkte der Tabakhändler, „daß heute früh in der Messe so viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.“
„Der Unterpräfekt soll dagewesen sein“, sagte Giocondi. „Man muß also vielleicht wieder hingehen?“
Der Apotheker schnob zornig.
„Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt, unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche Aristokratie eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die Wahrheit, mit Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war der Held zu groß, als er abdankte und uns verließ.“
„Sie haben recht“; — Camuzzi feixte — „unter Garibaldi und der Republik gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.“
Der Alte breitete die Arme aus.
„Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube. Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: — ah! die Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie ließe mir mein Bein wieder wachsen!“
Camuzzi erhob sich vornehm.
„Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.“
Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:
„Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit führen.“
„Wohin, Alfò?“ rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur, ohne sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die Rathausgasse.
„Was hat der schöne Alfò?“ fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. „Anstatt uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an Übles.“
Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu schlottern.
„Ich weiß alles, was du denkst,“ — und der Blick des Savezzo lastete dumpf auf ihm. „Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.“
„Aber wenn es wahr ist,“ sagte Alfò, scheu geduckt, „wenn er sie verführt hat, dann ermorde ich ihn.“
„Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.“
Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.
„Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße“, sagte er, düster lachend; und auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle:
„Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: ‚Du sollst die Madonna nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.‘ Dann schwor er ihr Treue, und sie versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich morgen, kaum daß die Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der Tasche!“ — und der Savezzo trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. Der schöne Alfò wich, leise winselnd, zurück.
„Da sind sie“, flüsterte der Savezzo vor Villascura. „Sieverstecken sich nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen, und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?“
Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.
„Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere“ — und der Savezzo zog sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und dazwischen, die Zähne gefletscht, spähte er.
Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen.
„Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur Geliebten, eine Dame der großen Welt.“
„Ich?“ sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor. „Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.“
„Wie deine Hände duften!“
„Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.“
„Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?“
Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.
„Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.“
„Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser Busch.“
„Alba, was tust du? Deine armen Hände!“
„Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe zu dir.“
„Und ich?“ rief Nello. „Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern gehe, muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund zu.“
Sie sah ihn, einsam grübelnd, an.
„Ich glaube dir nicht.“
„Du glaubst mir nicht?“
„Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt: deinetwegen, sagt man.“
Er schnellte auf.
„Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten, so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!“
„Ist das wahr?“ — und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, Gesicht und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern.
„Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?“
„Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen, worin du mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde zu dir, morgen früh!“
„Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien die letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, ich erschrak, wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, sehnte ich mich nach ihr.“
„Meine Alba!“
„Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die Kraft. Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen kamen sie?“
„Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert sind.“
„Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben wir alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin zurückkehren.“
„Alba! Was faßt dich an.“
Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er erblickte unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil, als stehe es drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf in die Luft:
„Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt sein. Das Echo deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das versteinen wird.“
Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in die Knie.
„Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!“
Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.
Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht.
„Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner, glaubst du, ich wüßtenicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? Laß dich bewundern!“
Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer blitzte. Nello lief; er lief und schrie:
„Hilfe! Mörder!“
„Auf die Terrasse!“ rief Alba. „Ins Haus!“
Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn verlangte nur noch, dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, schon schloß er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er sich mit Alba gestützt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stieß einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte eine Stufe. Hoch oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde der Grube, in die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und atmete. Er sah umher. Er atmete.
„Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.“
Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn.
„Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt,aber ihre Liebe ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.“
Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der Faust auf den Boden.
„Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich her brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!“
Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm stand das Kloster. Er suchte die Treppe.
„Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!“
Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder Frau zu. Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit und blau war.
Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch.
Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig.
„Ich grüße Sie, Signora“, sagte Nello.
„Guten Abend, mein Herr“, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des Blickens und Lächelns:
„Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?“
„Ich singe doch nicht mehr.“
„Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?“
Sie lächelte schärfer.
„Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?“
„Es ist wahr, ich soll singen!“
„Frau Zampieri,“ sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war, „denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen Sie den Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.“
„Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern —“
Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem raschen, tiefen Blick, — und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum.
„Sieh doch!“ dachte er, und: „Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder mehrere!“
Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung.
„Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder Spiel und Abenteuer; — und morgen gehts in die Welt hinaus.“
Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus „zum Mond“ hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters wich aus. „Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!“ dachte Nello. „Istdas Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr, daß er die Seelen rettet.“
Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des Treppengeländers und bettete die Stirn auf den Stein.
Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er, mit einer Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken spähte. Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die Hüften.
„Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?“
Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen!
„Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.“
Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er erschrocken ein. „Der elende Kitzel!“
„Schmeckt es Euch nicht?“ fragte die Alte. „Ist Euch übel?“
Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung reckte er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, erstarrt. „O mein Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet der Tonietta. Vor dem Schutzpatron derReinheit liege ich in einer letzten Anstrengung, — und was ich finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!“
Er schrie auf:
„Ich bin verloren!“
„Ihr habt geklopft?“ fragte die Alte. „Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den Waschtisch umgeworfen.“
Während sie den Boden trocknete:
„Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch. Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es schmutzig zu machen. Was tun wir nun?“ — und sie sah ihn plötzlich scharf an. Er wich bis an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen.
„Ich weiß nichts mehr zu tun“, sagte er und hörte seine Stimme metallisch und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des Sterbeglöckchens.
„Hier ist die Lampe“, sagte die Alte. „Möge das Licht Eure Gedanken zerstreuen.“
Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, — und hastig löschte er das Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem Fenster immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. „Sie! Ach sie!“ — und Don Taddeo brach zusammen.
Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er verloren sei.
„Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich.Wir haben uns berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester, der die Handlung seines Amtes entweihte — o! niemand als Gott weiß darum, und dennoch bin ich nun exkommuniziert.“
Er betastete sich, — und er warf die Arme in die Luft.
„Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich verstoßen wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und verdammt! Ach, über mich!“
Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus.
„Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat? Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen . . .“
Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend.
„Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters krallt, um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger, dem es nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche Lockung der einen; denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden heiß in meinen, sie sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!“
Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst.
„Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde richteten, von Gott abfielen undmeinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich erfüllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom Papst und von den Strafen? Es könnte weder Papst noch Gott geben; keine Ewigkeit könnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist — o! welche Erkenntnis und welche Niederlage — er bliebe heilig, und ich, der ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein der Hölle Verfallener.“
Er reckte die Arme hinauf.
„Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen: sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst — und alle, die hier sündigten: die Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!“
Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie Pfeile zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo fühlte sich verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von göttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er seufzte und öffnete die Augen. Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom Gasthaus „zum Mond“, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein Bett.
„Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?“
Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die Lider aufeinander und dennochsah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer betreten, sah sie die Kleider lösen,erblickte den Glanz des Fleisches. Er krümmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den Ohren Lärm.
„Sie muß brennen!“
Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über die Treppe, und draußen — niemand da? — huschte er auf die Schattenseite und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don Taddeo starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte Arm glänzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das Stroh zusammen . . .
Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?
„Weiß ichs?“ sagte Nello Gennari.
„O nein“, sagte Flora Garlinda, — und sie gingen weiter.
„Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello, daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend warst du geradezu erstaunlich.“
„Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.“
„Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.“
Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor:
„Aber sie klatschten auch heute abend.“
„Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist“, — und Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.
„Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen, wenn man —. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre ich fast ermordet worden.“
Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora Garlinda bog in die Gasse der Hühnerlucia.
„Fast ermordet: o! was für Abenteuer.“
Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde.
„Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen wird . . . Gute Nacht.“
Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:
„Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!“
Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum, stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich, langsam und zuckend: — da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte:
„Alba!“
Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.
. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger knallen und stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür des Cafés „zum Fortschritt“ entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück. Gleich darauf streckte er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er warf die Schultern in die Höhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor, nach dem Lichtschein um. Er schütteltelachend den Kopf; er drückte die Hände vor den Mund, woraus Jauchzen brach:
„Alba!“
Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.
„Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!“ Plötzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein, ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen jener Verrückte mit dem Messer hinter ihm her war. „Ein Verrückter, ja, und vielleicht schläft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die er mich beneidet; — aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott! Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch ich! Sie haben es gefühlt, als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es, die mich groß machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!“ Er hatte den Weg nun sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein Lufthauch wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. „Ihr Duft! Er kommt aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich auf meinen Kuß wartet!“ Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. „Ich werde sterben!“ Er schloß die Augen, bog den Kopf zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle hingebreitet, und mit geöffneten Armen:
„Alba!“
„Da bin ich, Nello!“ — und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände.
„Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!“
„Du kamst: ich wußte es, mein Nello!“
„Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen, mich zu bewaffnen.“
Sie ließ eine Klinge funkeln.
„Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden meines Geliebten!“
Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter:
„Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich verteidige. Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir teurer als dir.“
Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte:
„Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?“
Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer Gesichter.
„Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere Herzen gehen ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. Laß uns hinaussehen!“
Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen. Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.
„Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles vergessen, was nicht ich bin, o Glück!“
„Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?“
„Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn die Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.“
„Und ich dich, o Alba!“
„Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter, und daß wir immer glücklich sein werden.“
„O Glück!“
„. . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?“
„Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief; nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.“
„Sie ist tot!“
„Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist durch Liebe gestorben.“
„Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!“
„Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon verließen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten über dem Mondlande, die rote Sonne auf.“
„Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich nicht dahin, meine Geliebte?“
„Aber wenn es ein Brand wäre?“
„Ein Brand? Welcher? Wo?“
„In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch!. . . Links vom Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?“
„Alba! Es ist das Gasthaus!“
„Ich wollte es nicht sagen.“
„Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind verloren, was tun!“
„Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.“
„Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!“
„Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.“
„Was denn! Ja was denn!“
Und da sie schwieg:
„Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über die Gartenpforte.“
„Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.“
„Für immer“, rief Nello zurück.
Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge wurden flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der alle Hälse sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin. Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, riß zwei Männer an den Schultern auseinander und schrie:
„Platz! Platz für den Advokaten Belotti!“
„Was denn! Buffone!“ keifte die Stimme des Galileo Belottivon der Domtreppe herab. „Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als wir?“
„Der Advokat ist schon beim Gasthaus“, sagte jemand im Gedränge.
„Ich weiß es!“ rief Nello verzweifelt. „Ich habe einen Auftrag vom Advokaten und muß zurück zu ihm.“
„Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben“, sagte grollend der Schlosser Fantapiè. „Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze angeschafft! Jetzt brennen wir auf.“
„Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!“
Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen Inhalt ihres Ladens auf den Armen. „Fertig ist der Advokat!“ brüllte der Schlächter Cimabue. „Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf werfen.“
Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich sanfte Stimme.
„Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.“
Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. „Ich bin verloren!“ dachte er, ganz starr.
„Glauben Sie denn wirklich,“ fragte droben der Cavaliere Giordano, „daß die ganze Stadt aufbrennen wird?“
„Sprechen Sie doch nicht davon!“ flehte der Kaufmann Mancafede und rieb sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen anzuziehen. „Mein unversichertes Lager! — und mein Haus wird das erste sein, das brennt.“
„Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?“ meinte Frau Camuzzi mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter des Kaufmannes.
„Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.“
„Und Ihre Töchter?“ fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte, fessellos, mit der Hand ab.
„Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies Feuer ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren, ohne uns um die Religion zu kümmern.“
Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände.
„Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus, woran ich meine Gedenktafel haben sollte!“
„Ihre Gedenktafel!“
Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf.
„Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für Landstreicher.“
„Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken der Fürsten und der —“
Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich an den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er wisperte:
„Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt, denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi —“
Nonoggi rang nach Atem und tanzte.
„Nun?“ fragte Savezzo und nickte schwer.
„— hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich nicht sehen läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten der größte Mann der Stadt!“
Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete sich sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine Nase.
„Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,“ sagte er mit einer großen Gebärde. Und leiser:
„Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen. Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt sind. Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!“
„Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?“ fragte Frau Camuzzi. „Wird sie, wenn Ihr Haus brennt, herauskommen?“
„Was denken Sie?“ antwortete er gekränkt. „Neun Jahre sind es, daß sie nicht ausgeht . . . Wehe, wehe!“ — und er hielt sich, wieder ganz zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Straße durchbrach den Schrecken heller Jubel.
„Nun sage, Pomponia,“ rief die Magd Felicetta, „ob das nicht schöner ist als das Feuerwerk am Verfassungsfest!“
„Ich werde dir ein Feuerwerk machen!“ — und der Bäcker kniff sie, daß sie schrie.
„Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir mein Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!“
„Nieder der Advokat!“ rief man, „er hat den Eimer verloren! Don Taddeo gehört der Eimer!“
Der Barbier Bonometti widersprach allein:
„Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann, der Advokat!“
Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder stieß ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:
„Es lebe der Advokat!“
„Nieder der Advokat!“ schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:
„Nieder der Advokat!“
„Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die Komödianten hergerufen habt!“ — und die Pipistrelli schwang ihren Krückstock über der Menge. Es ward gemurmelt:
„Don Taddeo hat es vorausgesagt.“
Aber jemand rief:
„Da ist einer von ihnen!“
Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff ihm mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen.
„Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!“
Schon faßten Hände zu.
„Laßt mich!“ rief Nello. „Ich wohne im Gasthaus!“
„So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner Kleiner!“ — und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten Gesichtern, hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der Bariton Gaddi war daund verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den Freund ins Freie.
„Wir brauchen noch einen bei der Spritze“, erklärte er dem Leutnant Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von der Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie aber unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.
„He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?“
„Das Vieh ist aus den Ställen gezogen“, antwortete er.
„Aber die Gäste!“
„Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.“
„Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur zu rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen den beiden.“
„Man hat sie gesehen“, sagte Frau Nonoggi. „Die Felicetta und die Pomponia haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.“
Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz.
„Meine Frau!“ rief er. „Findet mir meine Frau wieder!“
„Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?“
„Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie ist fort.“
Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:
„Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben. Ich begreife das.“
„Die Kinder“, stöhnte der Wirt, „sind da, sie aber —“
„Au, au! O über uns! Rettet euch! —“ und die Weiber rannten, die Hände im Nacken, zurück, — indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der hölzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß.
„Der Schuppen!“ schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die Faust. „He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!“
„Ihr Komödianten,“ kommandierte der Apotheker, „und Ihr, Chiaralunzi, richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen, rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!“
Aber er selbst riß vergebens.
„Malandrini, den Schlüssel!“
„Gebt mir meine Frau wieder!“
„Das ist aber kein Spaß mehr!“ — und der Tabakhändler Polli brach sich Bahn. „Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!“
Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr Giocondi drang mit ein.
„Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht? Keine vier Wochen sinds, — und das ist nun dein Dank, daß du mir abbrennst!“
„Solange es sich nicht um mein Haus handelte,“ schrie Polli, „sondern nur um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? Niemand schläft wie ich . . .!“
„Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest!Ein schönes Geschäft für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.“
Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu.
„Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!“ schrie Polli. „Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! Ein Beil!“
Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten, ließen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden kleinen Alten.
„Kaltes Blut, Ihr Herren“, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu. „Freund Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt. Seht ihr nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, Acquistapace!“ — und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi und Polli betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. „Die Sachen gehen gut, ich verbürge mich dafür“, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die Brust. Da brachen sie los:
„Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!“
Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an.
„Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?“
„Darum also“, fiel der Herr Giocondi ein, „hat der Advokat die Dampfspritze abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So sehr liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!“
Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen Armen, wackelten sie laut scheltend um den Hof.
„Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.“
„Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!“ keifte es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote, gestrickte Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es schien, er wollte grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: „Achtung, Advokat!“ und spritzte ihm über die Füße. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen, als fröre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurück. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm rasch den Arm seines Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt ihm den Weg ab.
„Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch glänzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedämmt. Mag noch das Dach einstürzen: was kümmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterpräfekt?“
Da man ihn allein reden ließ, wurden die Gesten des Advokaten immer größer.
„Und auch das Dach würde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum Trocknen hingelegt hätte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt vom Speicher ins Haus. Welch Unglück, Herr Unterpräfekt!“
Er betastete seine rote Mütze. Der Unterpräfekt sah sich ungewiß um. Vom Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete:
„Nieder der Advokat!“ — und dahinten das Vieh brüllte unheilvoll.
Da entschloß sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar kühl, und er sagte:
„Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr Advokat? Möge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkühlen.“
Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Größe und sein Ruhm! Mit geschlossenen Füßen sprang er auf ein loderndes Stück Holz.
„Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzüglich dafür“, sagte der Unterpräfekt. Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur einen Überzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern:
„Müssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, daß das öffentliche Wohl mir keine Zeit mehr läßt, auf die Jagd zu gehen.“
Der Unterpräfekt sah wohlgefällig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er strich sich den Bart, warf dem Steuerpächter einen Blick zu und versetzte:
„Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefühlt, daß das öffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel anzuziehen.“
Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme:
„Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem öffentlichen Wohl diesen letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterpräfekt, sind nur Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt —“
„Nieder der Advokat!“
Eine Sekunde schloß er die Augen; dann:
„— werden wir unserer Würde am besten dienen, wenn wir ihm danken und gehen.“
Der Advokat wandte sich und verließ den Beamten. Im selben Augenblick brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wälzten sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; — plötzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien durcheinander:
„Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt lebendig!“
Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weißes.
„Meine Frau, da ist sie!“ — und Malandrini warf sich, die Arme erhoben, vorwärts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab.
„Die Treppe brennt. Man muß zuerst die Spritze hinaufführen.“
„Ersilia! Komm herab, Ersilia!“ schrie er, weinend und winkend.
„Es ist nicht Ersilia!“ antwortete dahinten eine Stimme. „Es ist die Komödiantin!“
Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf, das blöde und unwissend über die Köpfe hinging. Gleich danach zuckte es auf, ein Schrei zerriß es; und indes man es noch schreien hörte, verschloß schon wieder der schwarze Rauch es.
„Das Fräulein Italia!“ rief der Apotheker. „Helft mir sie retten!“ — und er stürzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife.
„Romolo!“
Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach rechts. Chiaralunzi und die Komödiantenwaren dabei, die Spritze über die Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; — da schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wußte nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, daß der Kutscher Masetti in einem Eimer saß, und er erklärte, Don Taddeo habe ihn hineingestoßen.
„Don Taddeo! Ah! Don Taddeo!“ — ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komödiantin fortriß. Er lud sie sich auf, er stürzte davon, eine Flamme schoß ihm entgegen. Man sah einander eine stürmische Stille lang in die Augen.
„Beim Bacchus!“ sagten die Männer.
„Er ist verloren, Don Taddeo“, sagten die Frauen; und:
„Wenn aber die Komödiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.“
„Man muß beten!“ — und der Chor schwoll an. Plötzlich:
„Da ist er! Wunder! Wunder!“
In einem mächtigen Stoß brach das Volk über die bewaffnete Macht hinweg in den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der Tür, aus der er die Komödiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hände auf ihn zustürmten, schloß er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd, laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf.
„Falle ihm zu Füßen! Wenn du ihm das Leben gekostet hättest, meinem Don Taddeo: weh dir!“
Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er ward, ohne daß er die Augen öffnete, ganz weiß, sobald ihre Lippen seine Hand berührten. Seine lange Nase ward weiß und zitterte; unter der zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig, daß ihre Lippen sie verloren.
„Würde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena?“fragten die Frauen, indes die Männer bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hände klatschten.
„Aber er muß ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da seht ihn an, ihr Männer! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mußte kommen, sonst war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, daß ich deinen Ärmel küsse, und meine kleine Pina wird gesund werden!“
Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berühren; ihre Masse trug ihn; — und erst, als sie ihn fortziehen wollten: „Nach Haus, Reverendo, Ihr müßt ruhen“, da merkten sie, daß er ohne Bewußtsein war. Sie legten ihn nieder, rieben ihn, baten und schalten ihn.