Zur Charakteristik litterarischer und verwandter Blätter.

Zur Charakteristik litterarischer und verwandter Blätter.

An der Spitze unserer Revuen und litterarischen Zeitschriften marschiert noch immer die von Julius Rodenberg gegründete und geleitete »Deutsche Rundschau«, der in Inhalt und Ausstattung die »Revue des deux Mondes« als Vorbild gedient hat. Erreichte sie auch nicht die Verbreitung und den Einfluß ihrer französischen Schwester, so hat sie doch alle Eigenschaften, die sie als ein vornehmes Organ im besten Sinne charakterisieren, das die Lobsprüche, welche ihm anläßlich des 25jährigen Bestehens, im November 1899, gewidmet wurden, durchaus verdient. In gewissem Abstande folgen »Nord und Süd«, herausgegeben von Paul Lindau, und die »Deutsche Revue«, von denen sich die letztere in neuester Zeit besonders durch ihre zahlreichen und umfangreichen Bismarckpublikationen hervorgethan hat.

Mehr dem Gebiet und dem Geiste der »Gartenlaube«, des »Daheims« u. s. w. nähern sich »Westermann's Monatshefte«, eine sehr konservativ gehaltene Zeitschrift, und »Velhagen und Klasings Monatshefte«, die dem litterarischen Schaffen unserer Tage, besonders dem der Tagesgrößen, aufmerksame Beachtung schenken und das Publikum gern einen Blick in die litterarischenWerkstätten thun lassen. Nicht für das große Publikum berechnet ist die »Neue Deutsche Rundschau«, die aus der »Freien Bühne« hervorging, eine der »freiesten« Monatsschriften, in der sich oft die wagehalsigsten Geschichtchen im Stile der Allermodernsten finden. Sie hat den Erfolg Hauptmanns und seine litterarische Stellung mit begründen helfen und uns mit einer Reihe Ausländer, namentlich nordischer Schriftsteller, bekannt gemacht, die ohne dieses Organ schwerlich in Deutschland zu Gehör gekommen wäre. Die »Neue Deutsche Rundschau« hat in den 90er Jahren im Litteraturleben fast dieselbe Stellung eingenommen, wie im vorausgegangenen Jahrzehnt »Die Gesellschaft«. Als die Sturm- und Drangperiode der 80er Jahre inauguriert wurde, scharten sich die neuen Streiter, alles was in Litteratur machte und revoltierte, aber keinen Verleger finden konnte, um das Banner der »Gesellschaft«, an deren Spitze M. G. Conrad und Karl Bleibtreu standen. Wie die Mitarbeiter der »Neuen Deutschen Rundschau« in S. Fischer, Berlin, so fanden die Jüngsten der »Gesellschaft« in Wilhelm Friedrich, Leipzig, ihren Verleger. Als die Bewegung, deren Bedeutung man nicht unterschätzen darf, wenngleich ihre Haupthelden viel gethan haben, sich um allen Kredit zu bringen, in ein ruhigeres Fahrwasser glitt, als man das Geschrei von der Wolle sonderte, da sank auch die »Gesellschaft« von Stufe zu Stufe, trieb sich, ohne festen Fuß fassen zu können, bei allen Verlegern umher und ist jetzt endlich im Verlage von E. Pierson, Dresden, vor Anker gegangen. Sie büßt nun ihre litterarische Vergangenheit, und es wird der energischen, zielbewußten Leitung des jetzigen Redakteurs,Dr. Ludwig Jacobowskis, bedürfen, sie in litterarischen Kreisen wieder »gesellschafts«fähig zu machen.

Mehr auf politischem als litterarischem Gebiete liegt die Bedeutung der »Grenzboten« und der »Preußischen Jahrbücher«. Ihre Glanzperioden gehören der Vergangenheit an, und namentlich die erstere, die früher auch in Österreich eine Rolle spielte, ist jetzt nur der Schatten von ehedem, als noch Gustav Freytag auf dem Redaktionssessel saß. Als gut geleitete, angesehene Zeitschriften sind noch die Zolling'sche »Gegenwart« und die »Nation«, das Organ des freisinnigen Abgeordneten Dr. Barth, zu nennen. Den gleichen Rang, nur mit stärkerer Betonung des politischen Teiles, nehmen in Österreich »Die Zeit« und die von Dr. Rudolf Lothar geleitete »Wage« ein. Zu ihnen hat sich seit April 1899 »Der Kyffhäuser«, eine von Hugo Greinz geleitete Monatsschrift, gesellt, die ihre Hilfe und Unterstützung den bedrohten nationalgesinnten Deutschen leiht. Von geringer Bedeutung und wohl nur in Litteratenkreisen begehrt, ist die »Wiener Rundschau«, eine von Constantin Christomanos und Felix Rappaport geleitete Halbmonatsschrift, die einen starken Zug nach Mystik und Symbolismusà laStrindberg und Maeterlinck bekundet.

Eine Ausnahmestellung nimmt der »Simplizissimus« ein, der ebenso wie die Münchener »Jugend« nur bedingungsweise in diese Übersicht gehört. Die »Jugend« hat sich nicht so ungebärdig gezeigt, wie das Langensche Blatt, obwohl sie schon durch ihren Titel ein größeres Recht auf Ungebundenheit herleiten könnte. Manch hübsche Zeichnung und manch guter Beitrag ist in ihren Spalten erschienen, und der frische,fröhliche Zug, der durch das Ganze geht, haben ihr, trotz manches Minderguten, das man schon der »Jugend« zu gute halten mußte, viele Freunde und Anhänger geschaffen. Anders der »Simplizissimus«, der seiner Zeit mit dem Anspruche auftrat, ein deutsches Familienblatt zu sein, in seinen Spalten die politischen und socialen Verhältnisse in humoristischer und satirischer Form widerzuspiegeln und lachend die Wahrheit zu sagen. Selten ist zwischen einem Programm und seiner Ausführung ein so großes Mißverhältnis eingetreten, wie dies beim »Simplizissimus« der Fall ist, selten ist das Wort Humor so falsch verstanden und interpretiert worden, wie bei dieser Zeitschrift. Die Mitarbeiter, die sich um die Fahne des neuen Blattes sammelten, sind fast sämtlich bei den Franzosen in die Schule gegangen und haben dort alles, was deutsch an ihnen war, weit hinter sich gelassen. »Die deutsche Sprak ist eine zu arme Sprak, eine plumpe Sprak« und das deutsche Wesen ein zu schwerfälliges, zu gründliches, als daß man es für ein Blatt hätte brauchen können, das in erster Linie auf starke Effekte berechnet war. Eine »Gartenlaube« oder ein »Daheim« hätte die Zeitschrift nicht zu werden brauchen, aber noch weniger das, was sie geworden ist: ein in deutscher Sprache geschriebenes französisches Skandal-Boulevardblatt. Was dem Blatte vor allem fehlt, ist der sittliche Ernst, den man auch aus Witz und Humor herausfühlen muß und der uns sagt, daß die Absicht des Zeichners wie des Dichters, trotz der stark aufgetragenen Farben, eine gute war, daß sie nichtnurauf Skandal und Effekthascherei ausgegangen ist. Daß dieses Gefühl in uns nicht aufkommt, dafürsorgen die fast in jeder Nummer enthaltenen echt französischen Cochonnerien, die, man mag mit noch so viel gutem Willen versuchen, in sie etwas hineinzulegen, nichts anderes bleiben als »Caviar« für Lebemänner im Sinne des Herrn Grimm in Budapest[6]. – Vom »Simplizissimus« zur »Zukunft« ist trotz der großen Verschiedenheit der inneren und äußeren Gestaltung beider Blätter kein allzuweiter Schritt: sie begegnen sich in der destruktiven Tendenz, die gegen alles Bestehende gerichtet ist und ihre Freude nur am Negieren und Verreißen hat. Wo der »Simplizissimus« grob und derb zugreift, da finden wir die »Zukunft« und ihren Herausgeber in stiller Minierarbeit thätig. Harden ist zweifellos ein begabter und tüchtiger Journalist mit einem Stich ins Exotische und einer feinen Witterung für das Aktuelle. Er geht selten gerade aufs Ziel los, aber er versteht es, in Gleichnissen, Bildern und Allegorien sein Ziel sicher zu treffen. Dabei besitzt er eine erstaunliche Bekanntschaft mit Büchern, die außer ihm kein Mensch kennt, oder vielleicht richtiger, die Gabe, seine gesamten Kenntnisse in jedem einzelnen Artikel in kursfähige, kleine Münze umzusetzen. Er ist ein Mann nach dem Herzen des Staatsanwalts, der schon wiederholt verlangend die Arme nach ihm ausgestreckt hat, ein Mann, dem der Erfolg und der Effekt über alles gehen, der sich in Gegensatz zur herrschenden Partei schon aus Freude an der Opposition überhaupt stellen würde.Maximilian Harden ist aber noch mehr. Er ist vor allem der Geschäftsmannpar excellence, der sein Publikum kennt und weiß, was er ihm vorzusetzen hat. Er vertritt das monarchische Prinzip, aber er mag den Kaiser nicht, er ist für Verfassung, aber sie paßt ihm nicht, er ist ein glühender Verehrer Bismarck's, aber er wäre es kaum, wenn Bismarck noch amtiert hätte, als seine Zeitschrift zu erscheinen begann. Auf diese Weise sammelte er die Partei jener um sich, die, wenngleich gute Monarchisten, mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, jene vor allem, die es als nicht in den Kreis der Herrscherpflichten fallend erachten, wenn ein Kaiser nicht nur ein guter Regent, sondern auch ein guter Redner sein will. – Völlig bedeutungslos ist die vonDr.Wrede herausgegebene »Kritik« geblieben, die ursprünglich als Konkurrenz der »Zukunft« gegründet wurde. Trotz aller polemischen Versuche Wredes, die oft komisch genug ausfielen, hat sich die »Kritik« nie mit dieser ganz aus Persönlichem heraus geschaffenen Zeitschrift auch nur entfernt messen können. Harden ist auch als Journalist Schriftsteller und ein geistreicher Kopf, während sich Wrede von den Brosamen nährt, die von des Reichen Tische fallen.

[6]In den gegen Ende 1899 gegründeten Zeitschriften »Münchhausen« (inzwischen wieder eingegangen) und »Satyr«, von denen die letztere auch schon wiederholt konfisziert wurde, hat der »Simplizissimus« bereits würdige Nachfolger gefunden.

[6]In den gegen Ende 1899 gegründeten Zeitschriften »Münchhausen« (inzwischen wieder eingegangen) und »Satyr«, von denen die letztere auch schon wiederholt konfisziert wurde, hat der »Simplizissimus« bereits würdige Nachfolger gefunden.

[6]In den gegen Ende 1899 gegründeten Zeitschriften »Münchhausen« (inzwischen wieder eingegangen) und »Satyr«, von denen die letztere auch schon wiederholt konfisziert wurde, hat der »Simplizissimus« bereits würdige Nachfolger gefunden.

Zu unseren bestgeleiteten Zeitschriften gehört der von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß herausgegebene »Türmer«, der den Untertitel: Monatsschrift für Gemüt und Geist führt. »Der Türmer« will die Sehenden zu Schauenden machen, »umsaust von Schlagworten, von Parteien und Schulen umhergezerrt, will er den stillen Winkel bieten, wo ein jeder nach dem harten Tagewerk in Feierabendstimmung die Flut der Erscheinungen dessocialen und künstlerischen Lebens erörtern und verarbeiten kann«. Diesem Programm hat der »Türmer« mit Erfolg gerecht zu werden versucht. Er ist kein Organ für Freidenker, wie sich das bei dem Herausgeber und dem lyrisch-religiös angehauchten Verlage von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, von selbst versteht, und es ist nur zu wünschen, daß er nicht im Laufe der Zeit in eine kirchlich-reaktionäre Strömung gerät, die ihn aus dem jetzigen Interessentenkreis hinaus in die enge Stube des Pfarrhauses trägt. – Einen vornehmen Anstrich hat sich auch die von Karl Emil Franzos herausgegebene »Deutsche Dichtung« bewahrt, ohne daß man ihr jedoch einen besonderen Einfluß auf unser Geistesleben zugestehen könnte. – Zu erwähnen wären hier noch zwei politisch-litterarische Zeitschriften, die vor Jahresfrist gleichzeitig unter dem vielverheißenden Titel: »Das neue Jahrhundert«, die eine in Köln, die andere in Berlin, erschienen, sowie die von August Scherl herausgegebene »Woche«, auf die die Tendenzen des »Berliner Lokalanzeigers« – eine gesinnungstüchtige Parteilosigkeit – litterarisch-künstlerisch gefärbt, übertragen wurden. Die Auflage der »Woche« ist infolgedessen binnen kurzem auf über 400 000 gestiegen.

Sieht man von einigen kleineren Blättern ab, von denen man nicht weiß, ob sie bei Ausgabe dieses Werkchens noch existieren werden, so bleiben von jenen Zeitschriften, die man in den Katalogen als »Revuen für Kunst, Wissenschaft und öffentliches Leben« aufgeführt findet, die große Kunstzeitschrift »Pan«, einsam in stolzer Höhe thronend, für das Kunstverständnis und den Geldbeutel aller jener zu hoch, für die sie ins Leben gerufen wurde, und die im Oktober 1899 gegründete Zeitschrift »Die Insel« übrig. »Pan« hatdie Erwartungen, die sich an sein Erscheinen knüpften, in keiner Weise erfüllt, er ist – ohne jede feste, zielbewußte Redaktion – so unverständlich und geheimnisvoll geblieben, wie sein Ahn, der große »Pan«, und wohl nur der Opferwilligkeit einiger Bankiers und sonstiger wohlsituierter Leute, die ihr künstlerisches Interesse durch Hergabe einiger Goldfüchse zu bethätigen suchen, ist es zu danken, daß er – wenn auch fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit – noch erscheint. – »Die Insel«, herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, A. W. Heymel und R. A. Schröder, von der jetzt 4 Hefte vorliegen, scheint sich nach Ausstattung, Inhalt und Preis – Jahresabonnement 36 Mk. – mehr an die Liebhaber und Sammler, als an die wirklichen Litteratur- und Kunstfreunde zu wenden. Die litterarischen Beiträge sind ohne jede Bedeutung, einzelne direkt albern, der »Bilderschmuck« primitiv wie der einer Kinderfibel und die Druckschrift soverschnörkeltund entartet, daß nur Leute, die über viel Zeit verfügen, als Leser in Frage kommen können. Alles in allem: schade um das schöne Papier.

Zwei Zeitschriften nicht rein litterarischer Art, aber für Kunstfreunde von besonderem Interesse sind die »Zeitschrift für Bücherfreunde« und »Bühne und Welt«. Die erstere hat sich die Aufgabe gestellt, alles in ihren Kreis zu ziehen, was für Bibliophilen besonderes Interesse hat. Ist auch diese Gemeinde in Deutschland gegenüber ihrer Verbreitung in anderen Ländern, besonders in Frankreich und England, noch eine bescheidene, so scheint es dieser Zeitschrift doch gelungen zu sein, festen Fuß zu fassen. Noch jüngeren Datums ist »Bühne der Welt«, die anfangs tastend und schwankend ihren Weg suchend, nach kaumJahresfrist sich zu einer unserer vornehmsten Revuen aufgeschwungen hat, in deren Spalten sich das Kunstleben unserer Tage getreulich widerspiegelt. Sie kann sowohl denen zur Lektüre empfohlen werden, die unsere Bühnenkünstler »bei der Arbeit« und zu Hause sehen wollen, als auch dem Kreis derer, die sich für die dramatische Produktion der Gegenwart interessieren.

Übergehend zu den rein litterarischen Zeitschriften wären vorerst noch der »Kunstwart«, der den Untertitel »Rundschau über Dichtung, Theater, Musik und bildende Künste« führt, die »Deutsche Zeitschrift« (Fortsetzung des »Kynast«), Monatschrift für Politik und Volkswirtschaft, Kultur und Kunst, und die »Heimat« (Neue Folge des »Boten für die deutsche Litteratur«) zu nennen. Der »Kunstwart« hat vor Jahresfrist eine vollständige Umgestaltung erfahren, die nicht nur eine Änderung des äußeren Gewandes, sondern vor allem eine bedeutende Vermehrung des Textes unter gleichzeitiger Beigabe von Kunst- und Musikbeilagen herbeiführte. Sein Herausgeber Ferdinand Avenarius besitzt in künstlerischen Dingen ein feinsinniges Urteil, das er auch bei der Wahl seiner Mitarbeiter, zu denen Adolf Bartels, Oscar Bie, Schultze-Naumburg u. a. zählen, bekundet. So ist der »Kunstwart« eine unserer gediegensten künstlerischen Zeitschriften, trotz aller Vielseitigkeit von Einseitigkeit im Urteil nicht freizusprechen, aber ehrlich und vornehm geleitet. – Die von Ernst Wachler herausgegebene »Deutsche Zeitschrift« bezweckt vorzugsweise die Pflege und Förderung unserer National- und Kulturinteressen im Geiste der Politik des Fürsten Bismarck. Gleich der »Heimat«, deren Gründung Ende 1899 erfolgte, sucht sie Kunst und Dichtung vonder Ausländerei freizumachen und nationalen Zielen zuzuführen.

Von den rein litterarischen Blättern stand das »Magazin für die in- und ausländische Litteratur« jahrelang an der Spitze, und es verdiente diese Stellung noch anfangs der achtziger Jahre, als Wilhelm Friedrich, Leipzig, noch Verleger des Blattes war, das seinen Ursprung bis auf das Jahr von Goethes Tode zurückführt. Seinem alten Programm, eine Übersicht über die Litteratur aller Länder und Völker zu geben, ist es ganz untreu geworden, eine redaktionelle Leitung, trotzdem oder weil? drei Herausgeber (Rudolph Steiner, Otto Erich Hartleben und Moritz Zitter) vorhanden sind, ist kaum noch wahrzunehmen; das »Magazin für Litteratur«, wie es sich jetzt nennt, bringt Artikel aus allen möglichen Gebieten kunterbunt durcheinander ohne jede Bezugnahme zu seinem Titel. Seit Wilhelm Friedrich, Leipzig, den Verlag des Blattes nicht mehr führt, ist es fast immer »unterwegs« auf der Suche nach einem Verleger gewesen. Hin und wieder ist ein neues, wenn auch schwächliches Reis dem alten Stamme aufgepfropft worden, ohne daß die Lebenssäfte des Blattes durch diese Okulation gewonnen hätten; auch die Beigabe der »Dramaturgischen Blätter« konnte dem steten Sinken des »Magazins« keinen Einhalt thun. Ob jetzt das Blatt im Verlage von S. Cronbach, Berlin, eine Heimstätte gefunden oder ob auch dieser nur eine Durchgangsstation bedeutet, vermögen wir nicht zu entscheiden.

An die Stelle des »Magazins«, was Einfluß und Bedeutung anlangt, sind die »Internationalen Litteraturberichte« (Herausgeber Emil Thomas) getreten, die auch der Abonnentenzahl nach die anderen Litteraturblätter weit hinter sichlassen. Sie haben sich die Aufgabe gestellt, alles in ihren Kreis zu ziehen, was an litterarischen Bestrebungen im In- und Auslande in Erscheinung tritt und es in Artikeln, Übersichten, Einzelbesprechungen etc. festzuhalten. Eine Konkurrenz ist ihnen durch das im Verlage von F. Fontane & Co., Berlin, erscheinende »Litterarische Echo« erstanden, das gut geleitet ist und eine Fülle von Notizen bringt, unter denen die Übersichtlichkeit etwas leidet. Ob und inwieweit sich für die Dauer die ständige Berücksichtigung kleinerer Litteratur- und Sprachgebiete, wie des Polnischen, Czechischen u. s. w., für die in Deutschland nur ein ganz bescheidener Interessentenkreis vorhanden ist, empfiehlt, wird der Herausgeber, z. Z.Dr.Ettlinger, bald herausfinden. – Eine besondere Erwähnung, wenngleich infolge ihres unregelmäßigen Erscheinens kaum noch als Zeitschrift aufzufassen, verdienen die »Jahresberichte für deutsche Litteraturgeschichte«, die in übersichtlich geordneten und zusammenhängenden Abschnitten zeigen wollen, welche Bücher, Aufsätze, Artikel und Kritiken auf dem Gebiete der jüngsten Geisteswissenschaft erscheinen, und was sie Neues und Wertvolles enthalten. – Fast ganz auf wissenschaftliche Kreise und Bibliotheken beschränkt war das 1850 von dem hervorragenden Leipziger Germanisten Prof. Friedr. Zarncke gegründete »Litterarische Centralblatt«, das lange darauf verzichtend, eineÜbersichtder deutschen Litteratur zu geben, fast ausschließlich Rezensionen einzelner Werke brachte und es dem Einzelnen überließ, aus diesen Bruchstücken sich das Gesamtbild der Litteratur zusammenzusetzen. Erst seit Januar 1900 erscheint eine Beilage zum »Centralblatt«, die vor allem größere zusammenfassende kritische Übersichten der verschiedenen Gattungen dichterischerWerke und orientierende Aufsätze allgemeinen Inhalts enthält.

Dem »Litterarischen Centralblatt« verwandt sind »Euphorion«, die »Deutsche Litteraturzeitung«, das »Allgemeine Litteraturblatt« (das früher unter dem Titel »Österreichisches Litteraturblatt« erschien), die »Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte« und die vor kurzem vonDr.Erich Bischoff gegründete »Zeitschrift für wissenschaftliche Kritik und Antikritik«. Sie sind alle auf einen kleinen Kreis beschränkt und ein wirklicher Einfluß auf unser Litteraturleben ist ihnen kaum zuzusprechen. Die »Blätter für litterarische Unterhaltung«, eine sehr alte und angesehene Zeitschrift, ist seit Januar 1899 aus den Reihen der Litteraturzeitungen verschwunden; selbst der Klang der Weltfirma F. A. Brockhaus, Leipzig, war nicht stark genug, um sie am Einschlafen zu behindern. – An der Spitze der katholischen Litteratur stehen der »Litterarische Handweiser« und die »Deutsche Rundschau für das katholische Deutschland«, beide – sehr oft zum Schaden einer objektiven Kritik, – bemüht, litterarische Interessen mit religiösen Fragen zu verquicken.

Von der Aufzählung der Winkel- und Cliquenblättchen, die ein kärgliches Dasein fristen, um – nachdem Drucker und Verleger um einige Erfahrungen reicher und ein paar Hundertmarkscheine ärmer – wieder in den Orkus zu versinken, wollen wir Abstand nehmen: der Litteratur nützen sie so wenig wie ihren Herausgebern, die da hofften, durch sie eine litterarische Position oder pekuniäre Vorteile zu erlangen.


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