IX.Geschlechtsgenossenschaft und Muttergruppe.

IX.Geschlechtsgenossenschaft und Muttergruppe.

S

So wenig ein mehr oder weniger dauernder Weiberbesitz den Namen einer Ehe verdient, so wenig stellt er die erste Stufe dar, auf welche die Menschheit aus der ursprünglichen Ungebundenheit sich emporschwang. Dazwischen lagen vielmehr noch verschiedene Durchgangsstufen, die im Vorstehenden unbeachtet blieben, da es sich zunächst darum handelte, das Irrtümliche jener Ethnologenschule zu beleuchten, welche durch geradezu sinnverwirrende Dehnung der Begriffe den modernen Wilden in den Kreis unserer Gesittungsmarken einzubeziehen strebt, ein Beginnen, das um so überflüssiger ist, als die Einheit unseres Geschlechtes keinem Zweifel begegnet. Auch wird ja nicht die Befähigung selbst der rohesten Menschen zur Kultur bestritten, sondern nur, dass sie sich dieses oder jenes ihrer Elemente schon angeeignet hätten. Auf die übersprungenen Entwicklungsstadien ist nunmehr zurückzukommen.

Die urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaften, auf welche der ungebundene Verkehr beschränkt gedacht werden muss, sind vielleicht einem Rudel Hirsche vergleichbar, die mitunter paarweise sich zusammenfinden, die Gefährten wechseln und wieder auseinander laufen. Unmöglich aber kann man sich dieselben besonders kopfreich vorstellen.[293]Weil aber noch keine zweite Gruppemit der Geschlechtsgenossenschaft in irgend einer Art Organisationsverband stand, vielmehr um jede einzelne sich noch die Grenze der Fremdfeindlichkeit zog, so war jede Gruppe betreffs der geschlechtlichen Bedürfnisse auf sich selbst angewiesen; es herrschteEndogamieals der natürliche, weil einzig mögliche Zustand der Dinge bei dieser Art von Menschenrudeln, welche das Fehlen jeglicher gesellschaftlichen Gliederung, sowie des Eigentumsbegriffes zur Voraussetzung hat. Innerhalb dieser Geschlechtsgenossenschaften stand das Weib dem Manne gleich selbständig und unabhängig gegenüber. Auch war das Weib der Urzeit, wenngleich körperlich dem Manne niemals überlegen, doch keineswegs das schwache Geschöpf, zu dem es mit der steigenden Gesittung geworden. Vorgeschichtliche Knochenfunde verraten, dass der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Kraft dereinst ein verhältnismässig geringerer gewesen sein müsse als in unseren Tagen, daher denn auch das Weib für sich allein im stande war, sich und ihr Kind zu erhalten. In jener Zeit, als es noch keine Werkzeuge und Waffen gab, in deren Gebrauch er grössere Fortschritte machen konnte, war der Mann in betreff des Nahrungserwerbes dem Weibe in nichts voraus; er konnte einem vorstellbaren Haushalte nichts bieten, was die Frau nicht selbst — eine kurze Unterbrechung abgerechnet — zu sammeln vermochte; das Leben niederer Stämme zeigt heute noch, dass die Mutter durch die Bürde des Kindes von keiner Arbeit zurückgehalten wird.[294]Mutter und Kind, das waren auch, wieLippertsehr richtig betont,[295]die einfachsten Elemente der ältesten Urorganisation. Das Verhältnis von Mutter und Kindalleinist von der Natur gegeben, das Band zwischen beiden wird durch den Zwang aller Umstände einer einfachen Lebensweise und durch die mehr oder weniger entwickelteMutterliebegeknüpft, jenennatürlichenInstinkt, der durch die Jungenbeschützung die Art sichert, welche allen übrigen Interessen stets vorangeht. Anfänglich hat allerdings auch diese ursprünglichste aller Gefühlsregungen beim Menschen wahrscheinlich in keinem wesentlich höheren Grade bestanden, als in der Tierwelt, nämlich so viel als erforderlich ist, das Aufkommen der Brut zu sichern; aber dies genügte.

Neuerdings hat man sich wieder erschrecklich viel Mühe mit dem Nachweise gegeben, dass das naturgemässeste aller Gefühle, die Mutterliebe — im Sinne des heutigen Mutterbegriffes — den niedrigeren Stämmen der Gegenwart in gleicher Stärke innewohne, wie den Gesitteten. Bei sehr vielen trifft dies auch zu, was nicht überraschen kann, wenn man erwägt, dass auch sie schon eine vieltausendjährige Vergangenheit hinter sich haben, in welcher die ursprünglichen Instinkte sich stärker und in immer schärferer Ausprägung vererben konnten. Um so mehr Gewicht gewinnen die glücklicherweise seltenen Beispiele, welche die Gegenwart von nur schwacher Ausbildung der Mutterliebe bietet. So hat der schon mehrfach erwähnteWilfred Powellgesehen, dass bei einem Kampfe eine verfolgte Neubritannierin, welche mit einem Säugling und einem Bündel „Tabu“ belastet war, um zu entkommen, lieber ihr Kind als ihr Muschelgeld fallen liess;[296]ähnliches erwähnt auch ein neuerer Beobachter[297]. Bei den Miranha-Indianern am Japura in Brasilien giebt die Mutter eine Tochter für ein paar Ellen Kattun, ein Halsband von Glasperlen und etwas Messingtand fort, ebenso wie der Mann sein Kind gern und willig für zwei bis drei Beile verkauft.[298]Bei sehr vielen Völkern erstreckt sich die Mutterliebe nicht über die ersten Lebensjahre der Kinder hinaus; das als Instinkt vorhandene Gefühl der Fürsorge für die Jungen ist noch nicht veredelt durch Erziehung, Schrifttum und Überlieferung. So hat der italienische SeeoffizierGiacomo Bovesichergestellt, dass bei den Feuerländern, welche nachWallisihre Kinder doch liebkosen und mit ihnen spielen, die Mutterliebe nur etwa so lange dauert, als das Kind an der Brust liegt. Mit sieben bis acht Jahren hört der elterliche Einfluss bald ganz auf, denn sobald der Sohn imstande ist die Eltern zu entbehren, trennt er sich von ihnen. Das einzige Gefühl, welches sie leitet, ist Liebe zum eigenen Ich.[299]Auch die Zärtlichkeit vieler Australierinnen erstreckt sich bloss auf die erste Jugendzeit ihrer Kinder, also etwa bis in deren drittes Lebensjahr. Später hört jeder familienartige Zusammenhang auf und dies geht bei einigen Stämmen soweit, dass Eltern und Kinder ihr gegenseitiges Verhältnis entschieden vergessen, und in dieser Beziehung das Ganze sich also nicht über den Standpunkt der Tierwelt erhebt. So berichtetRichard Oberländer,[300]der nicht weniger denn vierzehn Jahre in Australien zubrachte, und neuerdings hatA. W. Stirling, ein ganz moderner Reisender, die geringe Mutterliebe der Australierinnen in Nordqueensland bestätigt.[301]Ähnlich verhält es sich bei den doch ungleich höher stehenden Kariben Südamerikas. Hat der Knabe das Alter der Mannbarkeit erreicht, dann bekümmert sich die Mutter nicht weiter um ihn und er ist für sie ein Fremdling geworden.[302]

Solche Beispiele liessen sich noch häufen. Das Gesagte genügt indes um darzuthun, dass auf sehr niedrigen Stufen der urwüchsige Instinkt der Mutterliebe das für die Erhaltung der Art notwendige Mass noch nicht überschreitet. Empfindsamkeit ist unbekannt in diesen embryonalen Gesittungskreisen und die im Menschen schlummernde Bestialität noch nicht im Zaume gehalten durch Moral, Achtung und Strenge der Satzungen. Wohl liebt und herzt auch der Naturmensch seine Kinder, wenn nicht der Hunger zu laut spricht, vor allem aber gilt ihm der Heischesatz:Primo vivere.[303]Innerhalb dieser Grenzen erscheint aber die Mutterliebe überall, und wohl zu allen Zeiten von Urbeginn an, stärker und früher, als die Neigung zum Manne, und bleibt auch für das Kind eines wenig oder gar nicht geliebten Vaters diegleiche, wie denn auch in unseren Kreisen eine Mutter den geliebtesten Gatten rascher vergisst, als das durch den Tod entrissene Kind. In der Urzeit vereinigte aber noch kein Band der Liebe das Weib mit dem Manne, welcher seinen und ihren erotischen Trieben Befriedigung brachte. Das Kind selbst war die blosse Frucht mütterlicher Lust, welche je nach Laune den Kindern verschiedene Väter gab. So bildete denn Mutter und Säugling von Natur aus dieerste, wenn auch winzige Gesellschaftsgruppe, die freilich nicht nur keinen Vater, sondern auch keine Dauer besass, weil das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit zwischen Mutter und Kind beiderseits schon frühzeitig erlosch, die Kinder gewissermassen in der Horde sich verloren oder darin aufgingen. Will man auf diese Gruppe nun die Bezeichnung „Familie“ anwenden, so ist in diesem Sinne ihr Begriff allerdings älter als der der Ehe. „Die Familie spielt ihre kulturgeschichtlich bedeutsame Rolle lange vor dem Ehebunde, und obgleich jene sekundäre Vergesellschaftung auf einem ganz anderen Prinzipe beruht, so ist es doch derThatsachenach vorzugsweise die Familie, welche jene Gesellschaften gleichsam dem Materiale nach schafft.“[304]Freilich wäre es besser und verständlicher, diese erste Grundlage unserer späteren geschichtlichen Familienformen von dieser durch ein eigenes Wort zu unterscheiden, weshalb ich jene erste, auf Mutter und Kind beschränkte Gruppierung alsMuttergruppebezeichne. Vermöge dieser schärferen Unterscheidung ist auch leichter eine Verständigung möglich in dem übrigens ziemlich müssigen Streite, ob die Familie oder der Staat das Urspüngliche gewesen. Für die letztere Annahme, der auchKautskybeistimmt, indem er im „Stamm“ die erste Menschenvereinigung erblickt,[305]spricht der Umstand, dass die Wahl einer zeitweiligen Gefährtin seitens des Gefährten oder, umgekehrt, einen schon irgendwie beschaffenen „Haufen“ Menschen voraussetzt, der den beiden Geschlechtern ihre gegenseitige Ergänzung bot. Schon aus dieser Annahme folgt, wieFrerichsbemerkt, dass die Familie erst inzweiter Linie sich bilden konnte.[306]In einer lebhaften Begeisterung für die Familie hat man, wieFrerichsmeint, ihre Bedeutung gar oft überschätzt, indem man sie für die Grundlage aller geselligen und sittlichen Ordnung ausgab. Der wahre Verlauf sei aber der entgegengesetzte gewesen. Es musste sich zuerst die Gesellschaft, der Staat ausbilden, und erst nachdem dieser letztere feste Formen angenommen hatte, konnte aus ihm und durch ihn die Familie werden. Seine rechtlichen und sittlichen Anschauungen, seine geselligen Ordnungen übertrugen sich auf die Familie, nicht aber bestimmte diese umgekehrt jenen.[307]Für die geschichtliche Familie ist dies wohl zuzugestehen, aber ohne die Muttergruppe — diese Urfamilie, wie unvollkommen sie uns bedünken mag, — ist ein Zustand der Menschen auf Erden überhaupt nicht denkbar, undLipperthat an dem Beispiele der Bienen und Wandervögel gezeigt, dass man in gleichem Sinne auch beim Menschen die Familie als die Grundlage aller gesellschaftlichen Organisation, als Ausgangspunkt aller gesellschaftlichen Fürsorge betrachten dürfe.[308]Die Muttergruppe, wie ich fortfahren will sie zu nennen, war zweifellos schon bei Bildung des Stammes vorhanden, aber die Muttergruppe deckt in keiner Weise den Begriff der vollen Familie späterer Zeit, unddiesewar wirklich noch nicht vorhanden, als die Stammesbildung sich vollzog. In der Muttergruppe, diesem gesellschaftlichen Erstlingszustande der Menschheit, ist dieMutterfolge, d. h. die Bedingung der Zugehörigkeit durch die Abstammung von derselben Mutter, das aufbauende Grundprinzip, und da nun das Kind ein Teil der Mutter selbst ist, so hat diese an ihm auch einRecht, so unzweifelhaft, wie es noch kein zweites Rechtsverhältnis der Urzeit bietet.[309]Das Kind ist das unbedingte Eigentum der Mutter, ihre „Sache“.[310]

Die Muttergruppe erwuchs also inmitten des ungebundenen Geschlechtsverkehres der Horde; da diese mit der Familie inweiterem Sinne zusammenfiel, so bildete auch Blutsverwandtschaft noch kein Hindernis des Verkehrs; die Natur der Sache verbot noch den die Wahl beschränkenden Begriff der Blutschande. Vielmehr war die Muttergruppe auf die engere Inzucht in der Geschlechtsgenossenschaft angewiesen. Man sieht, dieser Urfamilie fehlt alles und jegliches, um sie nach unseren Begriffen zur „Familie“ zu stempeln. Nun lassen sich in der Entwicklung derselben wiederum zwei Stufen, eine ältere und eine jüngere wahrnehmen, sofern es sich wenigstens um das Mutterrechthandelt. Erst in der zweiten, jüngeren Periode erscheint dasselbe in strengerem Sinne ausgebildet. Nach dem Vorgange des niederländischen ForschersWilken, welchem die Aufhellung der Anfänge der Familie schon so vielfache Förderungen verdankt, lege ich ihr die Benennung „Matriarchat“ bei, während ich der älteren Stufe der Mutterfolge die Bezeichnung „Muttergruppe“ bewahre. Nicht immer wird zwischen diesen beiden Stufen scharf unterschieden, und so kommt es, dass manche Gelehrte das Mutterrecht gänzlich in Abrede stellen, andere das Matriarchat für eine notwendige DurchgangsstufeallerVölker erklären. In Wahrheit lässt sich mitBachofenund Dr.Lothar Dargun[311]behaupten: jeder Volksstamm müsse notwendig eine Zeit durchleben, wo ihm alle Verwandtschaft allein durch mütterliches Blut vermittelt ward. Diese Zeit war aber jene der Muttergruppe.

Oben ward bemerkt, dass die Urzeit, in welcher die Muttergruppe ein von Natur aus Gegebenes war, auch das Eigentum noch nicht kannte. Der Begriff desEigentumsist in der That der Menschheit eben sowenig angeboren, als sich die Einrichtung überall und zu allen Zeiten findet. Ja, es lässt sich noch mehr behaupten undLipperthat es erfolgreich bewiesen: die Ansammlung von Eigentum widerstrebt dem Urmenschen, und die ganze Einrichtung stösst auf so viele Hindernisse, dass sie sich nicht ohne harten Kampf gegen die mächtigsten Einflüsse endlich doch behaupten kann. Soweit von Gütern in jenen entferntenEpochen die Rede sein kann, herrschte naturgemäss allgemeine Gemeinschaft. Alles auf der Erde gehörte noch allen in gleicher Weise, beziehungsweise jedem, der es ergriff — nur die Werkzeuge waren ausgesondert.[312]So sehen wir den ersten Anfang zu einem persönlichen Eigentum darin, dass einzelne Gegenstände des beweglichen Vermögens, welche eine hervorragende Beziehung zu einem einzelnen Geschlechtsgenossen haben, als diesem allein angehörig betrachtet werden. Unser Wort „Leib“-Waffe bezeichnet noch recht natürlich die auserlesen enge Verbindung dieser Gegenstände mit dem Menschen; sie sind ein Teil von ihm. Persönliches Eigentum entsteht also zuerst am beweglichen Vermögen, während beim unbeweglichen Besitze noch lange die ältere Gütergemeinschaft bestehen bleibt. Noch heute ist die Gemeinsamkeit des Grundeigentums bei niedrigen Stämmen über die ganze Erde verbreitet; bei Völkerschaften, die ein Jäger- oder Nomadenleben führen, kann man von einem „Grundeigentum“ überall nicht sprechen; es finden sich an dessen Stelle nur abgegrenzte Jagd- und Wanderungsbezirke, wie solche z. B. in Brasilien und Australien vorkommen. Da alle heutigen Wilden ausnahmslos — es kann dies nicht genug oft erinnert werden — dem Urzustande schon weit entrückt sind, so ist bei ihnen „absoluter Kommunismus“ nirgends mehr zu finden, und sie gegen diesen in Schutz zu nehmen, wie Dr. W.Schneiderthut, heisst offene Thüren einrennen. Mit diesem siegreichen Beweise wird aber die Thatsache nicht beseitigt, dass ein starker kommunistischer Zug noch durch diese Völkerschaften weht,[313]wie die von den verschiedensten Reisenden aufgezeichneten „Anekdoten“ — womit Dr.Schneiderdiese Angaben zu entwerten versucht — deutlich darthun. Wenn er den Australiern nachrühmt, die Rechte des Eigentümers an Grund und Boden würden so sehr geachtet, dass niemand daselbst ohneErlaubnis einen Baum fällen oder ein Feuer anmachen dürfe,[314]so verschweigt er, dass „der Eigentümer“ kein einzelnes Individuum, sondern der ganze Stamm oder die Horde ist. Die Australier haben eben nur den Gemeinbesitz (Kollektiveigentum), die älteste Form des Eigentums, in welcher der Kommunismus wurzelt. Jagd und Fischfang werden gemeinsam betrieben, das persönliche Eigentum an beweglichen Dingen auf wenige Geräte und Gegenstände beschränkt. Jede einem Einzelnen zugedachte Gabe wird sofort unter allen Hordenmitgliedern verteilt,[315]und an diesem kommunistischen Zuge scheitert jeder Versuch, auf dasdivide et imperasich stützend, die Australier durch eine ungleiche Auszeichnung leichter zu beherrschen.Darwinmeldet desgleichen von den Pescheräh, es werde selbst ein Stück Tuch, was dem einen gegeben wird, in Streifen zerrissen und verteilt, und kein Individuum wird reicher als das andere.[316]Mag immerhin Dr.SchneideraufGeorg Forstersich berufen,[317]der den Wilden zu sehen begehrt, welcher, ohne blödsinnig zu sein, von Mein und Dein gar keine Begriffe habe, was ohnehin niemand behauptet, so viel ist unumstösslich, dass die Begriffe der Menschen über das Mein und Dein sehr verschieden sind. Die Indianer achten z. B. kein Besitzrecht eines andern an Lebensmitteln; sie brechen überall ein, wo Mais oder sonst ein Lebensmittel wächst, und „stehlen“ — nach dem Begriffe der Europäer; sie selbst haben diesen Begriff nicht. Ebenso lernten die Weissen die meisten Südseeinsulaner als die frechsten Diebe kennen; sie suchten sich alles anzueignen, was ihnen gefiel, und wenn sie ertappt wurden, ärgerten sie sich sehr. Aber dieser Ärger führte nicht zur Entwicklung eines Schamgefühls, denn sie ärgerten sich nicht über ihre That, sondern über deren Misslingen. Den arabischen Beduinen sind Geben, Betteln und Plündern wechselseitige und notwendig zusammenhängende Handlungen, die der Hauptsache nach aus demvollständigen Mangel eines Begriffes von Eigentum hervorgehen.[318]Ein gewisser kommunistischer Zug kennzeichnet sogar noch solche Völker, welche das Einzeleigentum schon sehr wohl kennen. Hat der Bergkalmyk keine Kleidung oder keine Speise, so erhält er sie vom reicheren Nachbar, denn sämtliche Bewohner einer Gegend bilden gleichsam eine Familie, und der Reiche ist nur reich, um alle ihn umgebenden ärmeren Faullenzer mitzufüttern.[319]

In der eigentumslosen und jedenfalls lange hindurch eigentumsarmen Urzeit brauchen wir uns die Geschlechtsgenossenschaften auch nicht notwendig unter der Gewalt irgend eines Oberhauptes zu denken; sehr wahrscheinlich fehlte es in den meisten Fällen an einem solchen und keinesfalls kam demselben, wenn vorhanden, eine grössere Bedeutung als dem Leittiere in der Herde zu. Zweifelsohne entwickelte sich indes allmählich aus dieser Führerschaft das Häuptlingstum, welches zuerst in den allgemeinen Kommunismus Bresche legt und dadurch der Grundpfeiler aller späteren Gesittung wird. „So lange,“ sagtCharles Darwin, „nicht im Feuerland irgend ein Häuptling aufsteht, welcher Kraft genug hat, irgend einen erlangten Vorteil, wie z. B. domestizierte Tiere, zu bewahren, scheint es kaum möglich, dass der politische Zustand des Landes verbessert werden kann“.[320]In der ersten Zeit war aber der spätere Häuptling nichts weiter als ein Gleicher unter Gleichen.

Fasst man das über die älteste Urzeit Gesagte zusammen, so darf man wohl mitMoriz Wagner[321]behaupten: Der Mensch war in seiner frühesten Entwicklung während der vergangenen geologischen Perioden den gleichen Faktoren der Naturzüchtung unterworfen, wie die übrigen Organismen. Die ältesten Menschenrassen bildeten sich, analog der ihnen somatisch am nächsten verwandten Typen der Säugetiere, durch fortgesetzte Inzucht vereinzelter Gruppen in räumlich gesonderten Wohnbezirken oder Kolonieen. Die Fortbildung seines Sprachvermögens ermöglichte dem Menschen indes den Übergang vom Zustande der geselligen Horde, die wir auch bei anderen Tierarten sehen, der Geschlechtsgenossenschaft, in den Zustand der sich besser schützenden, organisierten und für ihre Bedürfnisse sorgenden Horde oder desStammes.[322]Auch durch den Druck der äusseren Verhältnisse, der auf die Horde wirkt, wird diese zu einer langsamen Entwicklung getrieben. So können wir etwa annehmen, dass die eine oder die andere Geschlechtsgenossenschaft gewisse Listen oder Fertigkeiten erwirkt, die ihr vielleicht für die Erjagung des Wildes oder für die Bereitung der Waffen nützlich sind. Diese bleiben ihr Eigentum und werden als wichtige Hilfsmittel sorgfältig gewahrt. Durch dieselben aber ist die Besitzerin anderen gegenüber im Vorteil. Sie erhält sich leichter und besser und wird dadurch zahlreicher. Mit der Zahl ihrer Mitglieder aber wachsen ihre Kräfte, mit diesen wiederum ihre Fähigkeit sich zu erhalten, zu gedeihen und weiter zu wachsen. Die grössere Genossenschaft ist kräftiger als die kleine, sie unterdrückt diese oder nimmt sie in sich auf. Auf diese oder auf irgend eine andere Art der natürlichen Entwicklung bilden sich allmählich aus den vielen kleinen, wenige grössere Horden, die nun in den Stamm übergehen.[323]

Auf diesem langen Wege der Entwickelung der Horde zum Stamme musste in einer schon etwas jüngeren, aber immer noch ehelosen Zeit mit ihrer Muttergruppe, Mutter und Kind, eine erste kindliche Spekulation das Band befestigen, welches den werdenden Stamm zusammenhielt. Sie gehört ohne Zweifel zu jenen, welche der gesamten Menschheit ohne Ausnahme eigen waren, also wohl in frühester Zeit erworben sein mussten. Dem Urmenschen stellte sich nämlich fest, dass es die Gleichheit oder vielmehr dieEinheit des Blutesin ganz wörtlichem Sinne ist, welches dasjenige begründet, was wirVerwandtschaftoder genauer, von der alten Auffassung selbst noch Zeugnis gebend, die Blutsverwandtschaft nennen, und dass diese Gleichheit des wesentlichsten Stoffes in der Mutter und nur in dieser ihre Quelle habe. Alle sonach, die, in welcher Generation immer, von derselben Urmutter stammten, natürlich stets nur in mütterlicher Linie gerechnet, waren im Besitze ein und desselben Blutes; sie waren alle Blutgenossen, im wirklichen Sinne „blutsverwandt“.

Lippert, welcher diese sehr richtigen Ansichten ausspricht,[324]so sehr richtig, dass selbst die eingefleischten Gegner aufsteigender Entwicklung trotz ihrer gewundenen Deutungen zu ziemlich übereinstimmenden Endergebnissen sich gedrängt sehen,[325]weist zu deren Bekräftigung mit Recht auf die dermalen noch weitverbreitete Sitte der „Blutbruderschaft“ hin. „Dass Blut die Seele und das Leben sei, darauf bauen sich noch sämtliche Kultformen des Alten Testamentes auf. Brüder sind nur deshalb Brüder, weil in ihren Adern dasselbe Blut fliesst, und echte Verwandte sindconsanguinei. Nicht Redensarten drehten sich den Alten darum; sie nahmen es genau und bewiesen das durch Thaten. Wenn ein Zusatz von Blut die Verwandtschaft begründet, so können auch Wildfremde Brüder werden — durch Blutmischung. Läge dieser seltsame Gedanke nicht in so notwendiger Folgerichtigkeit, so wäre es undenkbar, dass derselbe Brauch der Blutmischung und Blutbrüderschaft in allen Teilen der Erde, deren Bevölkerung kaum je in irgend eine Art gegenseitiger Berührung kommen konnte, Verbreitung gefunden hätte.“ Nirgends aber ist diese Sitte vielleicht fester eingewurzelt als in Afrika, was, um es vorneweg zu bemerken, an sich nicht ohne Bedeutung ist. Noch in der Gegenwart wird bei den Schwarzen jenes Erdteiles die Blutbrüderschaft für ein Unterpfand des freundlichen und friedlichen Verkehres betrachtet. „Im Frieden stehen wir uns einander bei, im Kriege schonen wir uns gegenseitig,“ so lautete der Wahlspruch der Vertragschliessenden im Bezirke Nabanda-Juru des Niamniamlandes, woGeorg Schweinfurthzum ersten Male Zeuge dieser Sitte wurde, die er eine barbarische nennt.[326]Zu solchen Schutz- und Trutzbündnissen verhilft nur ein Blutaustausch. AuchStanleyauf seiner Kongofahrt stiess allenthalben auf den eigentümlichen Brauch, welchem sich mehrere seiner Begleiter, darunter der EuropäerPocockunterwerfen mussten. JaStanleyselbst trank Blutbrüderschaft mit dem gefürchteten Araberfeind und Ruga-RugaführerMirambo, dem „Mars von Afrika“. NachdemManwa Sera, der eingeborene Führer derStanleyschen Expedition beide einander gegenüber hatte niedersetzen lassen, machte er in ihre rechten Beine einen kleinen Einschnitt, aus dem er das Blut entnahm, und indem er dies unter ihnen austauschte, rief er laut aus: „Wenn einer von euch beiden diese jetzt zwischen euch geschlossene Brüderschaft bricht, so möge der Löwe ihn verschlingen, die Schlange ihn vergiften, möge Bitterkeit in seiner Nahrung sein, mögen seine Freunde ihn verlassen, möge seine Flinte in seinen Händen zerspringen und ihn verwunden und alles Böse ihm widerfahren, bis dass er stirbt.“[327]Darauf wurden zwischen den neuen Brüdern Geschenke ausgetauscht. In Rubunga, bemerktStanley, ist das Blutbrüderschaftschliessen eine viehisch-kannibalische Zeremonie, die aber doch sehr eifrig begehrt wird, sei es nun um den Blutdurst zu befriedigen, oder weil damit ein Austausch von Geschenken verbunden ist, bei dem die Rubungaleute notwendigerweise den grössten Vorteil hatten. Nachdem ein Einschnitt in jeden der beiden Arme gemacht war, beugten beide Brüder ihre Köpfe nieder und man konnte bemerken, wie der Eingeborne mit der grössten Gier das Blut einsog; es dürfte aber schwer zu entscheiden sein, ob ihn Blutliebe oder ein Übermass der Freundschaft dazu veranlasste.[328]Die Entscheidung kann indes nicht schwer fallen. Manche Schwarze ersetzen nämlich beim Trinkender Blutbruderschaft das Blut durch Milch. Es ist also nicht Blutdurst, sondern lediglich die Vorstellung des an die Zeremonie sich knüpfenden neuen Verwandtschaftsbandes Anlass der seltsamen Sitte. Es wird in solchem Falle auf die Milch die Rolle übertragen, welche ältere Vorstellungen dem Blute beimassen.[329]

An der Vorstellung festhaltend, dass Blut allein die erste Verwandtschaft der Menschen unter einander begründe, war in dieser Verwandtschaft eigentlich ihrem Grundprinzipe nach keine weitere Abstufung denkbar; jedes erste wie letzte Glied besass, in welcher Ableitung immer, dasselbe Blut; den ganzen Stamm umschloss ein und dasselbe Verwandtschaftsband, und nur dieUnterschiede der Altersstufenkonnten sich geltend machen. Denn wer nicht stammfremd war, der gehörte zur Geschlechtsgenossenschaft, und weil es darin nureinBlut gab, so war auch jeder dem ersten wie dem letzten derselben ingleicherWeise verwandt oder, wenngleich mit einem Fremdworte, richtiger ausgedrückt:konsanguin, „gleichen Blutes“, „ebenblütig“ möchte ich sagen. Noch heute stehen manche Völker auf dieser Stufe der Anschauung, wie namentlich des AmerikanersLewis H. Morgansgrosse Arbeit[330]ganz unwiderleglich dargethan. Ihre Sprachen haben keinen Anlass gehabt, Lautformen zur Bezeichnung von Ebenblütigkeitsgradend. h. von Verwandtschaftsgraden in unserem Sinne zu entwickeln. Was innerhalb derselben ebenblütigen Geschlechtsgenossenschaft unterscheidbar war, das waren bloss die Generationsstufen, und so entstand, im Gegensatzezu der in unserer Kulturwelt üblichen beschreibenden, dieklassifikatorischeEbenblütigkeitsbezeichnung. Mit Unrecht wird dieselbe als jene einesVerwandtschaftsystemes aufgefasst. Die Wahrheit ist, dass es auf der StufedieserBezeichnungen den Begriff der Verwandtschaft in unserem Sinne gar nicht giebt. Die Namen, mit denen wir jetzt vielleicht mit Recht unser Vater, Mutter, Kind u. s. f. übersetzen, hatten ursprünglich gewiss keinen solchen Sinn, sondern bezeichneten lediglich die Generationsstufen innerhalb der allgemeinen und gleichen Ebenblütigkeit.[331]So nennt der Mortlockinsulaner einen Bruder oder SchwesterPui(Puim,Puinu. s. w.) und betrachtet einen jeden Menschen für seinen Puin, wenn die Mutter des letzteren von demselben Blute war, wie seine eigene. DurchPuipuibezeichnet er das Verwandtschaftsverhältnis selbst und dann die ganze Gesamtheit seiner Verwandten von mütterlicher Seite. Die Verwandten von väterlicher Seite gehören nicht zu dem Puipui. Letzteres entspricht also dem Begriffe „Stamm“ und ist die eigentliche Basis, von welcher alle Erscheinungen des mortlockschen Lebens ihren Ursprung nehmen.[332]

Das einfachste dieser Systeme findet sich noch auf Hawaii und fast identisch auf den Kingsmill-Inseln. Beide kennen bloss fünf Abstufungen: Geschwister, Grosseltern, Eltern, Kinder und Enkel. Die Bezeichnungen Oheim, Muhme, Neffe, Nichte, Vetter, Base sind dort unbekannt. Es gelten aber die aufgezählten Verwandtschaftsgrade nicht bloss für diejenigen Verwandten, für die sie bei uns gelten, sondern für ganze Klassen von Personen. Alle Geschwister von Egos Grosseltern oder deren Vorfahren sind ebenfalls Egos Grosseltern. Alle Geschwister von Egos Eltern sind seine Eltern, also die Brüder seines Vaters und die seiner Mutter seine Väter, die Schwestern seines Vaters und die seiner Mutter seine Mütter. Alle Kinder seiner Geschwister sind Egos Kinder. Alle Kinder und weiteren Nachkommen seiner Kinder,ob wirklicher oder Geschwisterkinder, sind Egos Enkel. Alle Kinder von Geschwistern sind wieder Geschwister, ebenso deren Kinderin infinitum. Es sind also z. B. die Urenkel des Bruders von Egos Urgrossenkel seine Brüder. Deren Söhne sind demnach auch Egos Söhne und zugleich die Brüder seiner leiblichen Söhne.[333]Diese Eigentümlichkeiten sind nicht etwa durch Wortarmut der Kanakensprache zu erklären, denn in derselben werden genaue Unterschiede in Verwandtschaftsbezeichnungen gemacht, die sich bei uns nicht finden. So heisst z. B. auf Hawaii, wenn der Sprechende ein Mann ist, der ältere BruderKaikuaana, der jüngereKaikaina, die SchwesterKaikuwahina. Spricht dagegen eine Frau, so nennt sie ihren BruderKaikunana, die ältere Schwester dagegenKaikuaana, und die jüngereKaikana.[334]

Sehr ähnlich sind die Verwandtschaftsbenennungen derHovaauf Madagaskar. Die Wörter für Vater:Ray, und Mutter:Rényhaben eine sehr weite Bedeutung und werden nicht nur für die eigentlichen Eltern, sondern auch für den Stiefvater und die Stiefmutter, sowie für Oheim und Muhme und deren Gatten und Gattinnen angewendet. Es giebt demzufolge im Madagassischen keine einzelnen Wörter, die unserem „Onkel“ und „Tante“ entsprächen; man sagt Vaterbruder, Vaterschwester, Mutterbruder, Mutterschwester. Hieraus folgt dann weiter, dass Sonderbezeichnungen für „Neffe“ und „Nichte“ ebenfalls nicht vorhanden sind; diese heissen sämtlichZánakad. i. „Kinder“ und werden zur genaueren Bestimmung in Kinder der Brüder oder Schwestern des Vaters oder der Mutter unterschieden.Ray, Vater, scheint im Madagassischen nicht, wie in vielen semitischen Sprachen, in dem Sinne von Schöpfer, Macher oder Verfertiger einer Sache gebraucht zu werden, sondern im weiteren Sinne jeden Älteren oder Höhergestellten zu bezeichnen; wohl aber nimmtRény, Mutter, häufig die Bedeutung „Urheberin einer Sache“ an. Ein gleichwertiger Ersatz für unser Wort „Eltern“ ist nicht vorhanden. Die ZusammensetzungRay-aman-drényd. i. „Vater und Mutter zusammen“ wird für alle Höherstehenden, Älteren oder Gönner beiderlei Geschlechts gebraucht, das WortZánakadient aber auch als Bezeichnung und Anredeform für jüngere Personen, gerade wieRayundRényfür ältere. In den Bezeichnungen für „Bruder“ und „Schwester“ finden sich dagegen Unterscheidungen, die unsere Sprache nicht besitzt;Rahalakybedeutet nämlich „Bruder eines Bruders“,Anadahy„Bruder einer Schwester“,Rahavany„Schwester eines Bruders“ undAnabavyendlich „Schwester einer Schwester“. Dieselben Wörter werden auch für Vettern und Basen gebraucht, für welche ebenfalls keine Sonderbezeichnungen vorhanden sind. Die Verwandtschaft zwischen Geschwisterkindern wird aber als so nahe und diejenige zwischen wirklichen Geschwistern so gleichstehend betrachtet, dass es auch aus diesem Grunde ohne genaue Erkundigungen meist nicht möglich ist, die Verwandtschaftsgrade zu erkennen, in denen die einzelnen Mitglieder einer Hovafamilie zu einander stehen. Für Enkel oder Grosskinder hat man die BezeichnungAfyoderZafy, die man auch für „Nachkommen“ im weiteren Sinne gebraucht. Die Wörter für Grossvater und Grossmutter sind den unserigen fast gleichbedeutend:Raibé(Be=gross) undRenibé. Es scheint jedoch keine besonderen Bezeichnungen für höher hinaufreichende Verwandtschaftsgrade zu geben; dieselben werden sämtlich mit dem allgemeinen AusdruckeRazanad. i. „Vorfahren“ bezeichnet.[335]

Dieses klassifikatorische System steht in mancher Hinsicht in schroffem Gegensatze zu unserem heutigen Verwandtschaftssystem, welches einfach die Verwandtschaftsgrade als solche nach ihren Abstufungen bezeichnet und worin der Vetter ungefähr den fernsten Grad bildet, der noch bestimmt wird. Darüber hinaus fängt die Familie an sich aus den Augen zu verlieren. Das klassifikatorische System, welches die Geschlechtsfolgen gruppenweise in den Bezeichnungen zusammenfasst, strebt dagegen dahin, die vermeintliche Einheit des Geschlechts festzuhalten, die Geschlechtsgenossenschaft zusammenzuhalten und zu verengen, indem sie die nach unseren Begriffen entfernten Grade auf nähere zurückführt und unsereSeitenverwandten immer wieder in die direkte Linie der auf- und absteigenden Geschlechtsfolge hineinzieht. Bei den Irokesen z. B. wird der Bruder der Mutter Vater genannt, sein Sohn (der Vetter) wird dadurch zum Bruder und dessen Sohn zum eigenen Sohn, Enkel zum Enkel u. s. w. Die Muhme heisst Mutter, ob väterlicher- oder mütterlicherseits, während der Oheim, als Bruder des Vaters, die Bezeichnung Oheim bewahrt. Bei den Kingsmill-Insulanern heisst auch der väterliche Oheim Vater, die Muhme, ob mütterlicher- oder väterlicherseits, Mutter, wogegen z. B. wieder bei den Tamulen die mütterliche Muhme Mutter heisst, die väterliche aber Muhme. Es finden sich nun noch eine Menge sonstiger Variationen. Bei den Delawaren oder Leni-Lennape z. B. heisst der Vetter nicht Bruder, sondern nur Stiefbruder, sein Sohn bei den Tschiroki heisst bereits Enkel; bei den Japanern wurde der Oheim „kleiner Vater“, bei den Krih der mütterliche Oheim älterer Bruder genannt. Die Bezeichnungen älter oder jünger kommen überhaupt vielfach vor und beruhen eben auf genauer Scheidung der Verwandtschaftsgrade. Die Geschwister unter sich bezeichnen sich, wie z. B. bei den Chinesen, vielfach als ältere oder jüngere; so auch bei den Magyaren, welche sehr genau den „Batya“, den älteren Bruder, vomÖcsoderÖcse, dem jüngeren Bruder, sowie dieNéne, ältere Schwester, von derHug, der jüngeren Schwester, unterscheiden, während bei uns die Bezeichnungen oft sehr lose und wechselnd sind. Im allgemeinen sind bei den Indianern alle Nachkommen desselben PaaresConsanguineid. h. Blutsverwandte. Blut- und Heiratsverwandte werden unter besonderen Bezeichnungen begriffen; die Nebenlinien gehen in der geraden Linie auf. Die Kinder der Brüder sind Brüder und Schwestern zu einander; die Kinder der Schwestern sind ebenfalls Brüder und Schwestern zu einander; die Kinder der Schwestern und Brüder stehen aber in entfernter Verwandtschaft. Die Bezeichnung Oheim ist auf der Mutter Brüder und die Brüder der Scheinmütter beschränkt, desgleichen die Bezeichnung Schwestern auf des Vaters Schwester. Neffe und Nichte sind dem Manne Kinder der Schwester, nicht des Bruders, umgekehrt dem Weibe Kinder des Bruders, nicht der Schwester; die Bezeichnung istwechselseitig. In der Linie folgen: Ururgrossvater, Ururgrossmutter, Urgrossvater, Urgrossmutter, Grossvater, Grossmutter, alle zusammen als „Ahn“. Dann Vater, Mutter, Tochter, Enkel, Enkelin, Urenkel, Urenkelin, Ururenkel, Ururenkelin, älterer Bruder von Mannesseite, ältere Schwester von Mannesseite, jüngerer Bruder, jüngere Schwester, Bruder, Schwester.

Wenn wir uns in diesem Systeme, welches übrigens nur nach der einen Richtung hin uraltertümlich ist, während es nach einer andern Richtung schon die Verwandtschaft durch den Vater angenommen hat, als „wir“ in die Mitte stellen wollen, so haben, wieLippertsehr richtig bemerkt, die verschiedenen Benennungen einst zweifelsohne nur bedeutet: die Ältesten, die Alten, wir, die Jungen, die Jüngeren oder Kleinen, die Kleinsten. Alle auf unserer Geschlechtsstufe Stehenden, die in „wir“ Eingeschlossenen, sind die „Brüder“. Solches sind aber immer die Mitglieder derselben Geschlechtsstufe, alle Grossmütter, alle Väter untereinander, während sich die übrigen Bezeichnungen natürlich verschieben, je nach der Geschlechtsstufe, auf welcher der Sprechende steht. Damit waren zugleich die einzigen natürlichen Abhängigkeitsstufen der dem Blute nach Gleichgestellten in der Geschlechtsgenossenschaft genügend gekennzeichnet, und unter den Nordindianern ist es heute noch üblich, dass die Redenden ihre gegenseitigen Titulaturen nach diesem Altersverhältnisse wählen.[336]Lippertbefindet sich in dieser seiner Auffassung des klassifikatorischen Systems durchaus in Übereinstimmung mitKarl Kautsky, welcher schon vor ihm zu dem Schlusse gelangte, dass dasselbe gar kein Verwandtschaftssystem in unserem Sinne sei, weil es nicht auf der Abstammung beruht, dass daher auf der Kulturstufe, die es hervorbrachte, eine Familie in unserem Sinne nicht existierte. Auch ihm bedeuten die Bezeichnungen jenes Systems nicht Grade der Abstammung, sondern der Generation. Es entstand zu einer Zeit, als weder der Zusammenhang zwischen Vater und Kind, noch auch der viel klarere zwischen Mutter und Kind eine Bedeutung hatte, so dass man diesen Zusammenhang nicht beachtete und ihn nicht eigensbezeichnete.[337]So bleibt denn kein Anhalt, rings um die Muttergruppe eine andere Beschränkung des Verkehrs der Geschlechter sich vorzustellen, als wie sie allenfalls die Natur selbst gebot. Nur insoweitdiesejeweilig die jüngsten und die ältesten Geschlechtsfolger ausschloss, kann sich der Verkehr immer nur innerhalb weniger der nächstliegenden Generationsschichten bewegt haben. Innerhalb dieser Schichten und in der Geschlechtsgenossenschaft verkehrte der Mann mit mehreren Weibern, das Weib mit mehreren Männern. Ja, es haben sich sehr sprechende Rudimente bis in späte geschichtliche Zeiten erhalten, aus denen hervorgeht, dass diese Übung einst als ein Rechtszustand aufgefasst wurde.[338]

Gegen diese Deutung, die er eine „verwegene“ nennt, wendet sich der jüngste, glaubensstarke Anwalt der Naturvölker, Dr.Schneider, und es verlohnt der Mühe, den Bocksprüngen eines von vorne herein in der Entartungslehre befangenen Geistes zuzusehen. „Wir selbst,“ sagt unser Kämpe, „gebrauchen die Bezeichnungen Onkel und Tante, Vetter und Cousine, Neffe und Nichte ohne Rücksicht auf die Blutnähe, nennen Schwager sowohl den Bruder der Frau, als den Mann der Schwester der Frau, und Schwägerin die Frau des Bruders, wie die des Bruders der Frau, und dennoch verbinden wir mit diesen Worten stets ein bestimmtes Verwandtschaftsverhältnis. Aus dem Umstande, dass das leibliche Band zwischen Eltern und Kindern durch die Sprache nicht bezeichnet wird, folgt keineswegs, dass dasselbe überhaupt nicht erkannt oder anerkannt wird.“[339]Bis dahin kann man dem Autor folgen, da sich in der That aus dem Mangel sprachlicher Ausdrücke nicht mit Sicherheit auf die gänzliche Abwesenheit der entsprechenden Begriffe schliessen lässt. Kein vorurteilslos denkender Forscher vermag ihm aber zuzustimmen, wenn er sagt: „Statt der empörenden Annahme beizupflichten, welche darin einen Rückstand urzeitlicher Gemeinschaftsehe verteidigt, würden wir lieber auf jede Erklärung verzichten.“[340]Dass dieses Zurschautragen sittlicher Entrüstung nicht die Sprache wissenschaftlicher Denkweise sein kann, bedarf keiner Erörterung. Die Wissenschaft kennt keine „empörenden“ Annahmen, wird durch nichts empört, durch nichts begeistert; sie sucht nach Wahrheit, gleichgültig, wo und wie sie dieselbe findet. Die Wahrheit ist aber an sich weder gut noch böse, weder schön noch hässlich, weder sittlich noch unsittlich, sondern nichts als wahr. Dr.Schneiderist indes im Besitze einer in seinen Augen sehr befriedigenden Erklärung: „Die in Rede stehenden Verwandtschaftssysteme hören auf, widersinnig oder unverständlich zu sein“ — (dies sind sie auch uns nicht) — „sobald dieselben aus ihren Grundgedanken und Zwecken erklärt und durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse der urzeitlichen Menschheit beleuchtet werden.“ Sehr richtig; den „Grundgedanken“, den „Zweck“ und die „gesellschaftlichen Bedürfnisse“ des Urmenschen erblickt Dr.Schneideraber in folgendem: „Denselben ist offenbar die Absicht zu Grunde zu legen, das höhere Ansehen und mit ihm die Verantwortlichkeit aller Glieder der älteren Geschlechterreihen über die der jüngeren zu befestigen, die letzteren in der Ehrfurcht und im Gehorsam gegen das Alter zu erhalten und endlich die Genossenschaft vor Zersplitterung in Seitenzweige zu schützen. Dadurch, dass die Bezeichnungen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Schwester ohne Rücksicht auf die Blutnähe angewendet wurden, bildeten die einzelnen Familien einer Sippe in Wirklichkeit nur eine einzige, deren sämtliche Angehörige sich als nächste Blutsverwandten betrachteten.“[341]Man sieht, in seinem Eifer gelangt unser Gegner zur nämlichen Auffassung der Geschlechtsgenossenschaft wie wir, nur erscheint diese ihm, statt als Ausgangs-, als Endpunkt der klassifikatorischen Bezeichnungsweise. Wessen Phantasie fähig ist, den Urmenschen mit den ihm vom Verfasser unterschobenen Absichten und dem Begriffe von Verantwortlichkeit und Fürsorge auszustatten, bringt am Ende wohl auch die weitere Schlussfolgerung fertig. Die Verwandtschaftsbezeichnungen wurden bei den Irokesen bekanntlich auf die einzelnen Nationen ihres Bundes ausgedehnt, und dies belehrt unsnach Dr.Schneiderdeutlich, „dass das so übel missdeutete Verwandtschaftssystem innerhalb der Clanschaft zu keinem andern Zwecke diente, als innerhalb des Staatenbundes, nämlich zur Bezeichnung des Ranges, zur Sicherstellung der Autorität und zur Stärkung des Stammesbewusstseins.“ Dass man, wenn z. B. die Onondaga „die Väter“, die Cayuga „die Kinder“ hiessen, damit die Stämme nach ihrem Alter einfach als ältere und jüngere bezeichnen wollte, wie sie es in der That auch waren, — daran scheint Dr.Schneidergar nicht gedacht zu haben. Ganz Köstliches leistet er aber in folgendem: „Aus der instinktiven Bereitwilligkeit, mit welcher der einzelne Naturmensch auf alle Sonderinteressen verzichtet und in der Familie oder Sippe aufgeht“, — (also doch!) — „wird niemand folgern wollen, das individuelle Bewusstsein sei in der Urzeit vom Kollektivbewusstsein nicht“ — — „geschieden gewesen; ebenso wenig kann durch die sprachliche und thatsächliche Verschmelzung mehrerer Familien zu einer einzigen die begriffliche Abwesenheit der Einzelfamilie glaubhaft gemacht werden.“[342]Was hierunter sich zu denken sei, ist nicht recht verständlich. Unter Verschmelzung versteht man doch ein Einswerden derart, dass die einzelnen Bestandteile als solche aufhören erkennbar zu sein. Hat nun eine solche Verschmelzung thatsächlich stattgefunden, wie sollte und könnte sich in der Geschlechtsgenossenschaft die Einzelfamilie erkennen, wie könnte der Begriff einer solchen vorhanden sein? Der Leser mag nach dem Gesagten entscheiden, ob den Ausführungen Dr.Schneidersund seiner Anhänger auch nur die geringste Spur von Wahrscheinlichkeit innewohne.

Es ist also wohl ein durchaus vergebliches Bemühen, der Urzeit die Ehe, die Verwandtschaft und die Familie in unserem Sinne retten zu wollen. Ohne Begriffsvermischung kann innerhalb der urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaft von „ehelichen“ Verhältnissen nicht die Rede sein. Wir kommen nicht über die auf Mutter und Kind beschränkte Muttergruppe hinaus, die inmitten der liebeleeren Ungebundenheit stets von der Natur gegeben war und in welcher die Mutterfolge herrschte, herrschen musste, solange es zu keiner bestimmten Vaterschaft kam. Deswegen kann ich auf die Urzeit des sonst so gewiegten und vorsichtigenEdward TylorMeinung nicht ausdehnen: „Selbst bei den rohesten Völkern, vorausgesetzt, dass sie nicht durch Laster oder Elend verkommen sind, finden wir eine Vorstellung von der sittlichen Bedeutung des Familienlebens.“[343]Diese Voraussetzung bricht zusammen, sobald man die Liebe aus dem Bereiche der niederen Kultur hinwegräumt, wie sogar noch heute lebende, unberührte Menschenstämme zu thun gestatten. Die Wahrheit ist, dass wo die Familie überhaupt noch nicht vorhanden ist, es auch keine Vorstellung von ihrer sittlichen Bedeutung geben kann.

In allen Weltteilen, bei den verschiedensten Völkern und durch alle Zeiten ist das Vorhandensein eheloser Ungebundenheit des Geschlechtsverkehrs und damit der Muttergruppe nachweislich. In diesen allerältesten Zeiten liess sich die Vaterschaft natürlich nicht feststellen, das Kind gehörte unzweifelhaft der Mutter, und zwar der Mutter ganz allein. Freilich der römische Rechtssatz:mater semper certa est, etiamsi vulgo conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant, konnte damals noch keine Geltung haben, und es ist irrig, spätere Erscheinungen daraus abzuleiten, dass man den Frauen keine Treue zutrauen konnte, da ja der Begriff der Treue noch gar nicht bestand; immerhin ist anzuerkennen, dass die Unsicherheit der Vaterschaft, was freilich niemanden interessierte, thatsächlich vorhanden war. Wenn nun einige Forscher, wiePostundWilken, meinen, dass in der ersten Urzeit selbst die dauernde Beziehung zwischen Mutter und Kind so gut wie unbekannt war, und das Kind, keiner bestimmten Person angehörend, in der Horde aufging,[344]von der es einen Teil ausmachte, daher auch seiner natürlichen Mutter nicht näher verwandt galt, als irgend einem andern Stammgenossen oder wenigstenseiner Klasse von andern Stammgenossen,[345]so kann doch dieser Zustand begreiflicherweise nicht lange gedauert haben. Es lässt sich hören, dass bei den indischen Naïr kein Sohn seinenVater, kein Vater seinen Sohn kennt; das von der Natur umMutterundKindgeschlungene Band musste jedenfalls sehr bald seine Rechte geltend machen, und diese Naturwahl trug dazu bei, dasselbe immer inniger und fester zu gestalten. Alle Beispiele rascher Entfremdung zwischen Mutter und Kind, womit die moderne Völkerkunde uns versieht, betreffen auch stets nur den ohnehin überall von der Familie sich frühzeitig ablösendenSohn, niemals dieTochter, welche bis zum mannbaren Alter fast ausnahmslos bei der Mutter bleibt, ein Verhältnis, für das man sich in der ganzen übrigen Welt der Lebewesen vergeblich nach einem Beispiele umsieht. Aber auch beim männlichen Kinde kann die Entfremdung und das Aufgehen in die Horde nicht allzurasch vor sich gehen.

Nichts in der That, bemerktLippert, ist hilfloser als das neugeborene Kind; nicht Wochen und Monate, sondern Jahre bedarf es seiner Mutter zur Ernährung, und somit ist schon ein dauerndes Verhältnis zwischen Kind und Mutter begründet. Auch lange nach der Entwöhnung bleibt selbst den Kindern in unseren Zivilisationskreisen die Milch der wichtigste und hauptsächlichste Teil ihrer Nahrung. Wir ersetzen diesen Mangel durch Kuhmilch; den Völkern, welche keine milchspendenden Haustiere besitzen, wie z. B. die Amerikaner und die Schwarzen Zentralafrikas, fehlt natürlich dieses Surrogat, und zur Aufbringung des Kindes kennen sie kein anderes Mittel, als das der möglichsten Erstreckung der natürlichen Ernährungsweise und ein entsprechendes Hinausschieben der Zeit des Überganges. Damit trifft zusammen, dass die Ernährung aus dem mütterlichen Busen für die Sitte und Lebensweise der Urzeit wie der Unkultur zugleich die leichteste, bequemste ist. Aus diesem Grunde erstreckt sich die Zeit des Nährens bei allen Völkern niederer Kultur auf ungewöhnlich grosse Zeiträume. Drei bis vier Jahre des Säugens und mehr sind nichtsSeltenes,[346]und es giebt Völker, bei welchen halb herangewachsene Buben ihre Spiele unterbrechen, um nach der Mutterbrust zu verlangen, welche manche von ihnen schon mit der glimmenden Zigarre vertauschen.Lippertglaubt nun, dass alle Völker einmal durch die Schule der langen Nährfrist gegangen, weil eben die Erfindung der besten Ersatznahrung erst ein spätes Ereignis sei. Allein die Richtigkeit der letzteren Behauptung auch zugegeben, so kann dieselbe doch nicht der ausschliessliche Grund der beregten Sitte sein, denn bekanntlich beschränkt sich die Nahrung des Kindes bei jenen Völkern, welche die Säugezeit ungebührlich lange ausdehnen, durchaus nicht auf die mütterliche Milch, sondern es werden dem Säuglinge schon frühzeitig andere Stoffe zugeführt. Im nordwestlichen Amerika gewöhnen die Tlinkit und Koljuschen ihre Kinder schon nach zehn Monaten an den Genuss eines Seetieres, und die Eskimokinder, welche noch nicht sprechen können, verzehren mit ungeheurer Gefrässigkeit grosse Fett- und Fleischklumpen vom Walross,[347]während die Kinder der Chippeway-Indianer beständig mit dem Essen von Musetier- und Elenfleisch sich beschäftigen, wenn sie nicht gerade am mütterlichen Busen saugen.[348]Es ist also bei den Urvölkern, wie Dr.Plossmit grösserer Wahrscheinlichkeit annimmt, die Bequemlichkeit, die Einfachheit und Billigkeit dieser Ernährungsweise, dann die Gewohnheit, und endlich auch die Fähigkeit, jahrelang ohne Nachteil stillen zu können, massgebend.[349]

Sei dem indes wie immer, Thatsache ist, dass die meisten Wilden ungemein lange Nährfristen beobachten, und dies musste die Folge üben, dass in der Urzeit das Kind selbst schon mit erwachenden Sinnen auch des Bandes bewusst ward, das es an die Mutter knüpfte. So zeitigte die Mutterliebe im Kinde diejüngere Frucht der Kindesliebe, der Liebe zur Mutter.[350]Weil weit weniger erforderlich zur Erhaltung der Art, ist dieses Gefühl auch weniger verbreitet und viel schwächer als die Liebe der Eltern zu den Kindern. Den Tieren ist es völlig unbekannt; der kulturarme Wilde empfindet es meist nur leise und selbst beim Gesitteten vermag es in der Regel an Kraft sich mit der elterlichen, besonders der mütterlichen Liebe nicht zu messen.[351]Immerhin dürfen wir erwarten, dass in den Zeiten der Muttergruppe die Kinder der nämlichen Mutter für längere Dauer eine der Art der Zusammengehörigkeit sich bewusste Gemeinschaft um die Mutter bildeten und dass die Töchter an dieser Gemeinschaft noch festhielten, wenn die Söhne der Paarungstrieb oder der Hunger davonführte. Hingegen war der Einfluss jener Grundsitte des jahrelangen Nährens auf das Verhältnis von Mann und Frau, sowie auf dessen Dauernichtgünstig. Darin muss manLippertbeistimmen, nicht aber in seiner Begründung der beobachteten Thatsachen. Ihm zufolge gebietet nämlich ein physiologisches Gesetz für die ganze Dauer der Muttersorge strenge Entsagung, wodurch der Mann sich vollständig vereinsamt sah und der Bund durch Trennung der beiden Erzeuger wieder gesprengt war. Frühzeitig soll die Erfahrung dieses Gesetz der Enthaltsamkeit gelehrt haben, welches gar bald auch zur menschlichen Satzung ward, auf deren Übertretung ein schwerer Fluch lastete. Starb gar das Kind während der üblichen langen Säugeperiode, so erweckte dies die Vermutung, dass die Frau die Gemeinschaft des Mannes den Mutterpflichten vorgezogen habe. Das Entsagungsopfer, welches für die Existenz des Kindes gebracht wurde, zerstörte aber für die ferneren Zeiten der Urgeschichte die Möglichkeit einer dauernden und einpaarigen Ehe.

So legt, anschliessend anLubbock, der geistvolleLippertden Sachverhalt dar.[352]Richtig ist, dass unter manchen kulturarmen Völkern der Geschlechtsgenuss dem Weibe so lange untersagt ist, als sie ihr Kind säugt. Allein diese Vorschrift hat durchaus nicht allgemeine Gültigkeit. Bei den marokkanischen Arabern z. B. pflegen die Mütter ihre Kinder zwei Jahre lang zu nähren und während dieser Zeit leben sie zumeist allein; doch ist es ihrem Manne nach Ablauf von drei Perioden gestattet, sie wieder zu besuchen und mit ihnen Umgang zu pflegen.[353]Ferner ist es wohl eine durchausirrigeVoraussetzung, dass Entsagung ein physiologisches Gesetz und vollends, dass sie zur Erhaltung des Kindes notwendig sei. Vielmehr ist in der überlangen, sich nicht selten auf vier bis fünf, ja mitunter bis zu zehn und zwölf Jahren erstreckenden Nährfrist eine derUrsachen der übergrossen Kindersterblichkeitzu suchen, während sie zugleich eine frühzeitig eintretende Hinfälligkeit und Abgelebtheit der Mutter nach sich zieht. Man kann also nur so viel sagen, dass unter günstigen Verhältnissen die kräftigen Mütter wilder und halbwilder Völker ihren Kindern eine nach unseren Begriffen ungemein lange Zeit die Milch ihrer Brust als fast ausschliessliche Nahrung darreichen können, ohne dass sie selbst oder ihre Sprösslinge dadurch besondern Schaden erleiden. Allerdings beobachtet man auch vielfach, dass wilde Mütter durch ein mehrere Jahre lang dauerndes Säugen frühzeitig welken und altern.[354]Von einem „Entsagungsopfer“ ist vollends keine Rede. Es ist vielmehr die blosseFurcht vor der Geburt, welche die Weiber so lange stillen lässt, um einer frühzeitigen Wiederholung der Schwangerschaft zu entgehen, denn in der That sind sie in der Lage, während des Säugens geschlechtlich zu geniessen unter verringerter Gefahr des Empfangens. Freilich hilft das Mittel nicht immer. Bei den Serben stillt die Mutter so lange, als sie nicht von neuem schwanger wird, ein Beweis, dass sie also in der Nährzeit den Geschlechtsgenuss sich nicht versagt. Alle glauben aber, dass sie nicht schwanger werden könnten, so lange sie säugen, ein Punkt, in dem sie sich freilich oft irren.[355]Wenn die Arawakenfrauendie Kinder mehrere Jahre fortstillen, bis das nächste Kind da ist, so ist damit gleichfalls ausgesprochen, dass das Säugen die Empfängnis nicht hindert; auch bei den Negerinnen in Altkalabar dauert das Säugen bis zu einigen Monaten in die nächste Schwangerschaft hinein, es hat also während desselben Befruchtung stattgefunden. Im allgemeinen darf man aber wohl annehmen, dass die Gefahr einer neuen Schwangerschaft durch eine lange Säugeperiode verringert werde, ja bei einigen Frauen ist die Meinung verbreitet, dadurch gänzliche Unfruchtbarkeit herbeiführen zu können; wenn auch nicht diese, eine Verringerung der Kinderzahl hat sie jedenfalls zur Folge, denn es tritt durch lang fortgesetztes Säugen Atrophie des Uterus ein.[356]Dr.Ploss, der diesen Fragen jahrelanges Studium gewidmet hat, hält den thatsächlich unrichtigen Gedanken, dass Ausübung der Begattung der Säugenden oder dem Säuglinge schaden könne, für einen den wilden Völkern allzu ferne liegenden; ich glaube mit Recht, denn es lag sicher nicht im Wesen des gedankenarmen Urmenschen, das Wohl des kommenden Geschlechtes fürsorgend durch sein eigenes zu erkaufen. Wie der Zweck der Natur mit dem Erscheinen des Kindes erreicht ist und dieselbe sich nicht weiter um die Eltern bekümmert, welche sie oft grausam ihrem Schicksale überlässt, so lebt als wirksames Gegengewicht in jedes Menschen Brust der egoistische Erhaltungstrieb, der zuvörderst auf das eigene Wohl bedacht ist. Die lange Säugezeit auf niedrigen Gesittungsstufen bedeutet also nicht nurkeinEntsagungsopfer des Weibes, sondern vielmehr das geradeGegenteil, nämlich das Streben, den Geschlechtsgenuss sich zu sichern mit thunlichster Vermeidung seiner Folgen. Doch soll nicht geleugnet werden, dass in der That Enthaltsamkeit während der Stillungsperiode vielfach auf niederen Stufen geübt wird; nur liegen ihr nicht die vonLippertvermuteten Gefühle zu Grunde. Vielmehr darf man wohl mit Dr.Plossannehmen, dass nach allgemeiner Volksstimmung die weibliche Person, so lange sieüberhauptin einer geschlechtlichen Verrichtung begriffen ist, als im Ausnahmezustand befindlich gilt, derfüranderedann eine gewisse Gefahr darbietet, wenn sie sich mit der darin Befindlichen in zu nahe Berührung einlassen.[357]Die Enthaltsamkeit geht also nicht vom Weibe, sondern vom Manne aus, und was diesen zurückhält, ist gemeine Furcht. Zu Gunsten dieser Ansicht spricht, dass bei den meisten Wilden und Halbwilden das Weib während der Katamenien als „unrein“ gilt und eine unerschöpfliche Liste von Vorurteilen und darauf gegründeten Sitten diese Momente des Geschlechtslebens in den dunkelsten Zeiten umgab und noch umgiebt. Nur der hochgestiegene Europäer ächtet das Weib weder in dieser Zeit, noch wenn sie schwanger oder gar Wöchnerin ist.Mantegazzaerzählt von einem seiner Bekannten, welcher seine eigene Frau so sehr liebte (?) dass er schon in der ersten Woche nach ihrer Entbindung zu ihr kam. Drei Tage nach derselben war sie von neuem in der Hoffnung und neun Monate darauf schenkte sie einem zweiten Kinde das Leben.[358]

Ich muss mich also vonLippertetwas trennen in der Deutung der urzeitlichen Entsagung und darin nicht so sehr einen Triumph der auf die Erhaltung der Nachkommenschaft bedachten Mutterliebe, als einen Ausfluss der auf Beschränkung der Brut abzielenden Eigenliebe erkennen, eine Beschränkung, die derselben andererseits freilich wieder zum unbeabsichtigten Vorteile gereicht. Für die Urzeit ist diese Deutung, däucht mir, die weitaus glaubwürdigere, und vielleicht wird auchLippertsich ihr anschliessen, wenn er die beigebrachten Gründe auf ihre Wichtigkeit und Tragweite hin sorgsam prüft. Das Kind war für die Mutter zuerst unter allen Umständen eine Last, und war sie auch in der Lage, dasselbe selbständig aufzubringen, so erschwerte sich ihr doch sehr erheblich der Kampf ums Dasein mit der wachsenden Kinderzahl. Der allerursprünglichste Grad von Fürsorge für das Eigenwohl wies daher das Weib auf deren Beschränkung hin, und die Entsagung mochte ihr desto leichter fallen, als die Lust an Geschlechtsfreuden noch weniger ausgebildet war. Die fürsorgende Entsagung während des Stillens im Hinblick auf die Nachkommenschaft gehört wohl erst einer späteren Epoche an, wie sie manche Barbaren der Gegenwart darstellen mögen. So betrachten es auf den Vitiinseln z. B. die Angehörigen der Frau als eine offenbare Beleidigung, wenn diese vor Ablauf der üblichen drei bis vier Jahre wieder ein Kind bekommt, und halten es dann für ihre Pflicht, sich in derselben offenkundigen Weise zu rächen.Berthold Seemann, welcher 1860 den Vitiarchipel besuchte, erzählt von einem Weissen, welcher auf die Frage der Eingebornen nach der Zahl seiner Geschwister, offenherzig mit: „Zehn“ antwortete. „Aber das ist ja nicht möglich,“ meinten die Insulaner, „eine Mutter kann kaum so viele Kinder erzeugen.“ Belehrt, dass diese Kinder in jährlichen Zwischenräumen zur Welt gekommen und dass dies ein in Europa häufiges Vorkommnis sei, fanden die dem Kannibalismus huldigenden Naturkinder dies ungemein anstössig und meinten, dies erkläre zur Genüge, warum so viele Weisse blosse Knirpse seien.[359]Auf diesen fortgeschritteneren Stufen ist übrigens die Beschränkung der Geburten gar nicht die Folge von Entsagung, sondern künstlich bewirkt. Von den Chewsuren im Kaukasus meldet Dr.Gustav Radde, selten werde man mehr als drei Kinder in einer Familie finden, denn „es ist bei den verheirateten Chewsuren eine grosse Schande, wenn dem jungen Paare vor Ablauf der ersten vier Jahre ein Kind geboren wird. Aber später darf erst im Verlaufe von abermals wieder drei Jahren eine zweite Geburt statthaben; die Leute meinen, dass bei der raschen Aufeinanderfolge der Kinder das jüngere dem älteren die nötige Pflege rauben würde. Die also mit dem zwanzigsten Jahre eingegangene Ehe bleibt vier Jahre lang unfruchtbar und das absichtlich“, nicht aber auf dem Wege der Enthaltung.[360]Immerhin bleibtLippertsFolgerung zu Recht bestehen, dass die mit der langen Nährfrist in irgend einer Weise zusammenhängende Enthaltsamkeit den Wechsel der Frauen seitens der Männer bedinge; er hätte hinzufügen können: wie jenen der Männer seitens der Frauen. Denn spätestens nach der Geburt des Kindes schied der Mann, um seine Freuden in den Armen eines andern Weibes zu suchen, die Mutter aber blieb während der langen Nährzeit auf sich selbst angewiesen. Bei dem geringen Vorrate an Zärtlichkeit, welcher den niederen Gesittungsstufen eignet, ist kaum anzunehmen, dass die Neigung des Weibes zum nämlichen Manne die Probe der Jahre zu bestehen vermochte. So lange sich das Weib nicht in den Besitz eines einzigen Mannes gab, — und bis dahin war noch ein weiter Weg — fiel sie leicht in den verschiedenen Zeiten ihrer Freiheit Verschiedenen zu. Hatte sie doch, so lange sie frei für sich in ihrer eigenen Gewalt stand, für niemanden ihre Unberührtheit zu wahren.[361]Die wenigen Kinder, welche das Weib in langen Zeitabständen gebar, dürften also nur selten vom gleichen Vater stammen. Denn der Trieb nach Fortpflanzung verlangt eben so heftig nach Wechsel, wie der Trieb nach Erhaltung der Gattung nach Dauer in dem Verhältnis von Mann und Weib. So ist also schon in der Natur der Zwiespalt zwischen Begierde und Familie gegeben, und nicht im Manne kann von Anfang an der Antrieb gelegen sein, sich dem Weibe zuzugesellen, um der Versorger ihrer Kinder zu werden.[362]


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