Das Speisezimmer.Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu — insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte, wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke mitten ins Gesichtzu setzen — herrlich! Natürlich war auch ein Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.Buffet von Arch. Max Benirschke.Schlägt man die Tageszeitungen auf, so findet man spaltenlange Annoncen, darin solche Intérieurs angepriesen werden. Man mag darausersehen, daß sie noch immer ein Publikum finden, das diese Mühe und Kosten verlohnt.Schrank von Arch. Max Benirschke.Ausgeführt in weiß, blau und schwarz gebeizt — und poliertem AhornholzStanduhr von Architekt Max Benirschke.Standuhr v. Arch. Max Benirschke.Beim Stuhl begann die Revolution. Man verlangte, daß er Bequemlichkeit gewähre, und bestimmte die Sitzhöhe nach dem körperlichen Maß. Eigentlich hat man das auch in Goethes Zeiten getan und vielleicht schon zu Moses Zeiten, aber man hat seit der Zeit, da man fremde Stile kopierte, darauf vergessen. Die Querleisten zwischen den Beinen wurdenals lästig empfunden und blieben weg. Dann kam die Lehne in Betracht. Hiebei ist die Atmung zu berücksichtigen. Geht die Lehne im Bogen, so muß sie unter den Schultern abschließen, sonst verursacht sie Atembeklemmungen. Geht sie höher, so schließe sie besser gerade ab. Doch soll sie möglichst niedrig sein, sonst bildet sie ein Hindernis beim Servieren. Von der Stuhlform hängt der Tisch ab. Die richtige Höhe ist bei Speisetischen sehr wichtig. Ausziehtische sind natürlich bevorzugt, wenn sie auf guten Rollen laufen. Die Zarge darf nicht so weit herabreichen, daß sie das Knie des Sitzenden beengt. Die Querstangen sind absolut zu vermeiden. Man hat neuestens den Tischfuß mit gehämmertem Messing umkleidet, darauf man unbekümmert die Füße stellen kann. Buffet, Teetisch, Serviertisch ergänzen das Mobilar. Das Ornament besteht höchstens in eingelegten Linien, im flachen Dekor. Glattepolierte Formen, die anmutige Reflexlichter erzeugen, den Glanz des Silberzeugs, die Weiße des Porzellans widerspiegeln, sind durchaus beliebt. DieTafelaufsätze sind niedrig, einfach und zweckvoll. Den Hauptschmuck bilden die Blumen, auf der Tafel und am Fenster. Dort hängen keine Stoffgardinen mehr, die Rembrandtstimmung ist dahin, alles ist auf Luft und Licht und Farbe gestimmt, auf helle, freundliche Farben. Durchsichtige Gardinen, seitlich aufzuziehen, hängen in geraden Falten herab. Die Wände sind natürlich auch hell, keine Tapeten, keine Dessinierung. Perlgrau zum Beispiel. Das Möbelwerk gebeizt oder lackiert. Mahagoni ist schön und teuer. Rot gebeiztes Holz tut es auch. Stühle und Tisch in diesem Ton, dagegen die Buffets, die Kaminverkleidung, der Blumenständer etc. weiß lackiert. Das gibt einen schönen Akkord. Unter Kaminverkleidung verstehe ich die Umhüllung des Gaskamins, mit Fächern zur Aufnahme von allerlei Kleinkunst. Für den Bodenbelag findet man heute schon gutes und billiges Zeug in geeigneten Farben, entweder einfärbig oder gestreift oder sonst mit einem ruhigen Linienornament. Wo elektrisches Licht ist, hat man den Vorzug einer gleichmäßig verteilten Deckenbeleuchtung. Auch bei den Beleuchtungskörpern lasse man es nur auf reine Zwecklichkeit ankommen und verschmähe allen ornamentalen und figuralen Kram, der sich in dieser Form immer wieder anpreist. Erst wenn man von jedem Ornament absieht, wird man zu ruhigen, einheitlichen Wirkungen und zu einer stillen und vornehmen Schönheit gelangen. Wenn man einmal so weit sein wird, die Farbe zu würdigen, die ungebrochenen einfachen Farben, nicht die schmutzig aussehenden, dann wird man im Raum glückliche Ergebnisse erzielen, die man nur andeuten kann.
Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu — insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte, wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke mitten ins Gesichtzu setzen — herrlich! Natürlich war auch ein Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.
Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.
Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.
Buffet von Arch. Max Benirschke.
Buffet von Arch. Max Benirschke.
Schlägt man die Tageszeitungen auf, so findet man spaltenlange Annoncen, darin solche Intérieurs angepriesen werden. Man mag darausersehen, daß sie noch immer ein Publikum finden, das diese Mühe und Kosten verlohnt.
Schrank von Arch. Max Benirschke.
Schrank von Arch. Max Benirschke.
Ausgeführt in weiß, blau und schwarz gebeizt — und poliertem AhornholzStanduhr von Architekt Max Benirschke.
Standuhr von Architekt Max Benirschke.
Standuhr v. Arch. Max Benirschke.
Standuhr v. Arch. Max Benirschke.
Beim Stuhl begann die Revolution. Man verlangte, daß er Bequemlichkeit gewähre, und bestimmte die Sitzhöhe nach dem körperlichen Maß. Eigentlich hat man das auch in Goethes Zeiten getan und vielleicht schon zu Moses Zeiten, aber man hat seit der Zeit, da man fremde Stile kopierte, darauf vergessen. Die Querleisten zwischen den Beinen wurdenals lästig empfunden und blieben weg. Dann kam die Lehne in Betracht. Hiebei ist die Atmung zu berücksichtigen. Geht die Lehne im Bogen, so muß sie unter den Schultern abschließen, sonst verursacht sie Atembeklemmungen. Geht sie höher, so schließe sie besser gerade ab. Doch soll sie möglichst niedrig sein, sonst bildet sie ein Hindernis beim Servieren. Von der Stuhlform hängt der Tisch ab. Die richtige Höhe ist bei Speisetischen sehr wichtig. Ausziehtische sind natürlich bevorzugt, wenn sie auf guten Rollen laufen. Die Zarge darf nicht so weit herabreichen, daß sie das Knie des Sitzenden beengt. Die Querstangen sind absolut zu vermeiden. Man hat neuestens den Tischfuß mit gehämmertem Messing umkleidet, darauf man unbekümmert die Füße stellen kann. Buffet, Teetisch, Serviertisch ergänzen das Mobilar. Das Ornament besteht höchstens in eingelegten Linien, im flachen Dekor. Glattepolierte Formen, die anmutige Reflexlichter erzeugen, den Glanz des Silberzeugs, die Weiße des Porzellans widerspiegeln, sind durchaus beliebt. DieTafelaufsätze sind niedrig, einfach und zweckvoll. Den Hauptschmuck bilden die Blumen, auf der Tafel und am Fenster. Dort hängen keine Stoffgardinen mehr, die Rembrandtstimmung ist dahin, alles ist auf Luft und Licht und Farbe gestimmt, auf helle, freundliche Farben. Durchsichtige Gardinen, seitlich aufzuziehen, hängen in geraden Falten herab. Die Wände sind natürlich auch hell, keine Tapeten, keine Dessinierung. Perlgrau zum Beispiel. Das Möbelwerk gebeizt oder lackiert. Mahagoni ist schön und teuer. Rot gebeiztes Holz tut es auch. Stühle und Tisch in diesem Ton, dagegen die Buffets, die Kaminverkleidung, der Blumenständer etc. weiß lackiert. Das gibt einen schönen Akkord. Unter Kaminverkleidung verstehe ich die Umhüllung des Gaskamins, mit Fächern zur Aufnahme von allerlei Kleinkunst. Für den Bodenbelag findet man heute schon gutes und billiges Zeug in geeigneten Farben, entweder einfärbig oder gestreift oder sonst mit einem ruhigen Linienornament. Wo elektrisches Licht ist, hat man den Vorzug einer gleichmäßig verteilten Deckenbeleuchtung. Auch bei den Beleuchtungskörpern lasse man es nur auf reine Zwecklichkeit ankommen und verschmähe allen ornamentalen und figuralen Kram, der sich in dieser Form immer wieder anpreist. Erst wenn man von jedem Ornament absieht, wird man zu ruhigen, einheitlichen Wirkungen und zu einer stillen und vornehmen Schönheit gelangen. Wenn man einmal so weit sein wird, die Farbe zu würdigen, die ungebrochenen einfachen Farben, nicht die schmutzig aussehenden, dann wird man im Raum glückliche Ergebnisse erzielen, die man nur andeuten kann.