Plastik im Zimmer.Eine edle Plastik im Zimmer zu haben, ist immer eine Angelegenheit kunstfroher Geister. Die Porträtplastik kommt im Hause zur hervorragenden Geltung. Ebenso wie die nach dem Leben gearbeitete Medaille. »Bloß zu beider Art Monumenten kann ich meine Stimme geben«, sagt Goethe. »Was hat uns nicht das fünfzehnte, sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert für köstliche Denkmale dieser Art überliefert, und wie manches Schätzenswerte auch das achtzehnte! Im neunzehnten werden sich gewiß die Künstler vermehren, welche etwas Vorzügliches leisten, wenn die Liebhaber das Geld, das ohnehin ausgegeben wird, würdig anzuwenden wissen. — Leider tritt noch ein anderer Fall ein. Man denkt an ein Denkmal gewöhnlich erst nach dem Tode einer geliebten Person, dann erst, wenn ihre Gestalt vorübergegangen und ihr Schatten nicht mehr zu haschen ist. Nicht weniger haben selbst wohlhabende, ja reiche Personen Bedenken, hundert bis zweihundert Dukaten an eine Marmorbüste zu wenden, das doch das unschätzbarste ist, was sie ihrer Nachkommenschaft überliefern können.Mehr weiß ich nicht hinzuzufügen, es müßte denn die Betrachtung sein, daß ein solches Denkmal überdies noch transportabel bleibt und zur edelsten Zierde der Wohnung gereicht, anstatt daß alle architektonischen Monumente an den Grund und Boden gefesselt, vom Wetter, vom Mutwillen, vom neuen Besitzer zerstört und, so lange sie stehen, durch das An- und Einkritzeln der Namen geschändet werden«.Plastik von Prof. Franz Metzner.Porträtplastik von Prof. Franz Metzner.Fünfzig Jahre später lebte noch ein Abglanz dieses überragenden Geistes. Die Großelternzeit lebte in Goethe. Vom idealen Zimmer Adalb. Stifters wurde schon erzählt. Ein Fernrohr durfte nicht fehlen, denn das ist die Art der Dichter, daß sie immer wie durch Fernrohre sehen. In die Zukunft hinein. Da ist die Rede von weißen ruhigen Marmorbildern alter Zeit, die den Gipfel seiner Wünsche bilden.Salonecke von Arch. Maurice Herrgesell.Die Wiener Kunstwanderungen erschlossen die Wohnungen, die den Kunstsinn der letzten zwanzig bis dreißig Jahre offenbarten. Die Sache war lehrreich genug. Von wirklich edler Plastik war wenig zu sehen. Kaum hie und da eine Porträtplastik. Dagegen hatte die Galvanoplastik einen breiten Raum. Man denke MichelAngelos’ Moses in einer elektro-chemischen Wiedergabe, natürlich gegen das Original gemessen aufs winzigste verkleinert, einem Tafelaufsatze nicht unähnlich. Gypsstatuen mit Goldbronze belegt, standen umher.Jeder Sinn für Echtheit ward verleugnet. Es war die Art, wie man in der Zeit des Parvenü- und Protzentums die Kunst verstand und pflegte. Der ganze Götterhimmel, der den Bildungsbezirk des Großbürgertums umstand, hatte eine Wendung ins Operettenhafte gemacht. Soweit Offenbach’s »Schöne Helena« von der Iliade entfernt ist, soweit entfernt sich der Kunstverstand des Mrs. Jourdains anno 1870 von der Erkenntnis Michel-Angelesker Größe.Sitzecke von Arch. Karl Witzmann.Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.Heute ist das Kunstgewissen weiterer Kreise wieder empfänglicher geworden. Man lächelt über die Geschmacklosigkeiten unserer jüngsten Vergangenheit. Man sagt sich wieder, das plastische Kunstwerk muß sich in den Raum einordnen, soll an bedeutsamer Stelle steh’n, einen Augenruhepunkt bilden und dem prüfenden Blick standhalten können. Nachbildungen von räumlich größeren Kunstwerken sind durchaus verwerflich. Größere plastische Werke haben im Wohnraum nicht Platz, sie fallen aus dem Rahmen, sie stören die Harmonie empfindlich, wenn sie mit der räumlichen Umgebung nicht im Einklang stehen. Die Kleinplastik nahm in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Sie liefert den plastischen Schmuck unserer Wohnung, wofern es nicht auch eine gute Porträtplastik sein kann. Aber was die Bazare an kleinplastischem Schmuck liefern, ist selten von künstlerischem Wert, meist nur süßliche allgefällige Publikumsware. Man gewöhnt sich also schon allmählich daran, zumKünstler selbst zu gehen, wie es in den besten Kunstjahren war. Man braucht den Zwischenhändler nicht, der ja niemals künstlerische Interessen, sondern nur Handelsinteressen hat, oft zum Schaden des guten Geschmackes. Der Bevormundung durch den unwissenden Verkäufer, der den ärgsten Plunder unter dem Schlagwort »Modern« oder »Sezzessionistisch« den Kunden aufschwatzt, hat sich das deutsche Publikum noch nicht zu entziehen gewußt. Irgend ein einzelner Gegenstand ohne Kunstwert, in irgend einem Laden gekauft, kostet meistens ebensoviel, als ein kleines Originalwerk im Atelier. Die Segnungen einer solchen Kunstfreude würden nicht lange ausbleiben und ihr erster Erfolg wäre der, daß Leute, die nicht in der Lage sind, solche Kunstsachen zu besitzen, den häßlichen Plunder der Bazare, der fälschlich für Wohnungsschmuck ausgegeben wird, lieber nicht aufstellen, und wenigstens durch diese Enthaltsamkeit die erfreulichen Zeichen eines gesunden Geschmackes geben, anstatt durch lächerliche Surrogate das peinliche Gefühl wachzurufen, daß das Gewollte doch ganz anders sein müßte.Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.SalonschrankSalonschrank von Arch. Max Benirschke.
Eine edle Plastik im Zimmer zu haben, ist immer eine Angelegenheit kunstfroher Geister. Die Porträtplastik kommt im Hause zur hervorragenden Geltung. Ebenso wie die nach dem Leben gearbeitete Medaille. »Bloß zu beider Art Monumenten kann ich meine Stimme geben«, sagt Goethe. »Was hat uns nicht das fünfzehnte, sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert für köstliche Denkmale dieser Art überliefert, und wie manches Schätzenswerte auch das achtzehnte! Im neunzehnten werden sich gewiß die Künstler vermehren, welche etwas Vorzügliches leisten, wenn die Liebhaber das Geld, das ohnehin ausgegeben wird, würdig anzuwenden wissen. — Leider tritt noch ein anderer Fall ein. Man denkt an ein Denkmal gewöhnlich erst nach dem Tode einer geliebten Person, dann erst, wenn ihre Gestalt vorübergegangen und ihr Schatten nicht mehr zu haschen ist. Nicht weniger haben selbst wohlhabende, ja reiche Personen Bedenken, hundert bis zweihundert Dukaten an eine Marmorbüste zu wenden, das doch das unschätzbarste ist, was sie ihrer Nachkommenschaft überliefern können.Mehr weiß ich nicht hinzuzufügen, es müßte denn die Betrachtung sein, daß ein solches Denkmal überdies noch transportabel bleibt und zur edelsten Zierde der Wohnung gereicht, anstatt daß alle architektonischen Monumente an den Grund und Boden gefesselt, vom Wetter, vom Mutwillen, vom neuen Besitzer zerstört und, so lange sie stehen, durch das An- und Einkritzeln der Namen geschändet werden«.
Plastik von Prof. Franz Metzner.
Plastik von Prof. Franz Metzner.
Porträtplastik von Prof. Franz Metzner.
Porträtplastik von Prof. Franz Metzner.
Fünfzig Jahre später lebte noch ein Abglanz dieses überragenden Geistes. Die Großelternzeit lebte in Goethe. Vom idealen Zimmer Adalb. Stifters wurde schon erzählt. Ein Fernrohr durfte nicht fehlen, denn das ist die Art der Dichter, daß sie immer wie durch Fernrohre sehen. In die Zukunft hinein. Da ist die Rede von weißen ruhigen Marmorbildern alter Zeit, die den Gipfel seiner Wünsche bilden.
Salonecke von Arch. Maurice Herrgesell.
Salonecke von Arch. Maurice Herrgesell.
Die Wiener Kunstwanderungen erschlossen die Wohnungen, die den Kunstsinn der letzten zwanzig bis dreißig Jahre offenbarten. Die Sache war lehrreich genug. Von wirklich edler Plastik war wenig zu sehen. Kaum hie und da eine Porträtplastik. Dagegen hatte die Galvanoplastik einen breiten Raum. Man denke MichelAngelos’ Moses in einer elektro-chemischen Wiedergabe, natürlich gegen das Original gemessen aufs winzigste verkleinert, einem Tafelaufsatze nicht unähnlich. Gypsstatuen mit Goldbronze belegt, standen umher.Jeder Sinn für Echtheit ward verleugnet. Es war die Art, wie man in der Zeit des Parvenü- und Protzentums die Kunst verstand und pflegte. Der ganze Götterhimmel, der den Bildungsbezirk des Großbürgertums umstand, hatte eine Wendung ins Operettenhafte gemacht. Soweit Offenbach’s »Schöne Helena« von der Iliade entfernt ist, soweit entfernt sich der Kunstverstand des Mrs. Jourdains anno 1870 von der Erkenntnis Michel-Angelesker Größe.
Sitzecke von Arch. Karl Witzmann.
Sitzecke von Arch. Karl Witzmann.
Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.
Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.
Heute ist das Kunstgewissen weiterer Kreise wieder empfänglicher geworden. Man lächelt über die Geschmacklosigkeiten unserer jüngsten Vergangenheit. Man sagt sich wieder, das plastische Kunstwerk muß sich in den Raum einordnen, soll an bedeutsamer Stelle steh’n, einen Augenruhepunkt bilden und dem prüfenden Blick standhalten können. Nachbildungen von räumlich größeren Kunstwerken sind durchaus verwerflich. Größere plastische Werke haben im Wohnraum nicht Platz, sie fallen aus dem Rahmen, sie stören die Harmonie empfindlich, wenn sie mit der räumlichen Umgebung nicht im Einklang stehen. Die Kleinplastik nahm in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Sie liefert den plastischen Schmuck unserer Wohnung, wofern es nicht auch eine gute Porträtplastik sein kann. Aber was die Bazare an kleinplastischem Schmuck liefern, ist selten von künstlerischem Wert, meist nur süßliche allgefällige Publikumsware. Man gewöhnt sich also schon allmählich daran, zumKünstler selbst zu gehen, wie es in den besten Kunstjahren war. Man braucht den Zwischenhändler nicht, der ja niemals künstlerische Interessen, sondern nur Handelsinteressen hat, oft zum Schaden des guten Geschmackes. Der Bevormundung durch den unwissenden Verkäufer, der den ärgsten Plunder unter dem Schlagwort »Modern« oder »Sezzessionistisch« den Kunden aufschwatzt, hat sich das deutsche Publikum noch nicht zu entziehen gewußt. Irgend ein einzelner Gegenstand ohne Kunstwert, in irgend einem Laden gekauft, kostet meistens ebensoviel, als ein kleines Originalwerk im Atelier. Die Segnungen einer solchen Kunstfreude würden nicht lange ausbleiben und ihr erster Erfolg wäre der, daß Leute, die nicht in der Lage sind, solche Kunstsachen zu besitzen, den häßlichen Plunder der Bazare, der fälschlich für Wohnungsschmuck ausgegeben wird, lieber nicht aufstellen, und wenigstens durch diese Enthaltsamkeit die erfreulichen Zeichen eines gesunden Geschmackes geben, anstatt durch lächerliche Surrogate das peinliche Gefühl wachzurufen, daß das Gewollte doch ganz anders sein müßte.
Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.
Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.
SalonschrankSalonschrank von Arch. Max Benirschke.
Salonschrank von Arch. Max Benirschke.