7. Bild Christinas am Cölner Dom.7. Bild Christinas am Cölner Dom.
7. Bild Christinas am Cölner Dom.
Der Prior von Dazien, Bruder Nikolaus Heinrich, kam vierzehn Tage später in Cöln an und brachte dem Bruder Petrus die Weisung, sich zur Vollendung seiner Studien nach Paris zu begeben. Der Prior reiste ohne Verzug weiter nach Paris zum Generalkapitel, dessen Definitor er war. Petrus konnte noch nicht allsogleich abreisen und folgte seinem Prior einige Tage später nach. Als Reisegefährten hatte er den Bruder Mauritius. Sie gingen über Stommeln, weil es nicht weit ablag von der Hauptstraße, die von Cöln nach Paris führte, um von den dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Sie übernachteten in Stommeln und reisten am folgenden Tage nach dem Mittagessen weiter. Der Pfarrer Johannes von Stommeln sowie Christina und mehrere Andere begleiteten die beiden Brüder bis Ingendorf (Engendorp), wo sie tiefgerührt voneinander Abschied nahmen. Am Freitage vor Pfingsten, das auf den 12. Mai fiel, kamen die beiden Brüder in Paris an, also noch vor Zusammentritt des Generalkapitels, zu dem auch Thomas von Aquin aus Italien herübergekommen war. Im Kollegium von St. Jakob, das zur Zeit der großen französischen Revolution den führenden Männern als Versammlungsort diente und ihnen den Namen Jakobiner eingetragen hat, hielt der berühmte Aquinate in diesem und im folgenden Jahre philosophische und theologische Vorlesungen und gerade in diesem Kollegium nahm Petrus von Dazien Wohnung.
Während der vierzehn Monate, die Petrus in Paris zubrachte, wurde zwischen ihm und Christina ein Briefwechsel in lateinischer Sprache geführt, der uns über Christinas Zustände einigen Aufschluß gibt. Christina scheint das Lateineinigermaßen verstanden zu haben. Sie führt einmal einen Hexameter an, ein anderes Mal läßt sie eine Stelle aus dem prächtigen Osterhymnus der Cölner Kirche einfließen und von der Uebersetzung eines Briefes sagt sie, daß sie dadurch zu vollerem Verständnis desselben gekommen sei.[38]Hätte sie das Latein nicht verstanden, so hätte sie auch nicht unter den Psalmen gerade diejenigen als Lieblingsgebete auswählen können, die auf ihre Lage ganz besonders paßten.
Christinas Briefe, die sie dem Pfarrer Johannes und später dem Schulmeister Johannes diktierte und die diese dann lateinisch niederschrieben, sind gewöhnlich kürzer gehalten als die des Petrus, die sich meist in frommen Betrachtungen und Tröstungen ergehen. Christinas Briefe, die für uns wichtiger sind, geben wir dem Wortlaute nach vollständig wieder, die des Petrus nur auszugsweise. Die Ausdrucksweise dieser Briefe ist die des dreizehnten Jahrhunderts, die, was Herzlichkeit anbelangt, die jetzt herrschende Form bedeutend überbietet. Auch lehnt sich die Sprache mitunter an die des Hohen Liedes an.
Seit der Abreise des Petrus bis zum Dreifaltigkeitssonntage befand sich Christina wohl, dann litt sie einige Zeit hindurch an dreitägigem Fieber und danach kamen neue Plagen des Teufels. Kurz nach Johannis Geburt schrieb hierüber Christina an Petrus folgenden Brief:
„Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet seine Tochter Christina in Stommeln ihre Gebete im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu sollen, daß Euere Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und meiner geringen Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr würdet mich beerdigen. Ihr habt mich um Einiges gefragt, worüber ich Euch keine Auskunft gegeben habe und das tat mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere mitgeteilt hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit dem Feste des h. Johannes des Täufers weder beten noch beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit einem glühenden Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich dauern bis Mariä Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer Treue viele Freunde erworben; auch jetzt wollet mich, ich bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen. Durch den Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien haben zugehenlassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen. Wenn Ihr immer einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund; ich will ihn erfüllen. Lebet wohl, Teuerster. Der Herr Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch wiederzusehen. Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“
„Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet seine Tochter Christina in Stommeln ihre Gebete im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu sollen, daß Euere Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und meiner geringen Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr würdet mich beerdigen. Ihr habt mich um Einiges gefragt, worüber ich Euch keine Auskunft gegeben habe und das tat mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere mitgeteilt hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit dem Feste des h. Johannes des Täufers weder beten noch beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit einem glühenden Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich dauern bis Mariä Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer Treue viele Freunde erworben; auch jetzt wollet mich, ich bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen. Durch den Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien haben zugehenlassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen. Wenn Ihr immer einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund; ich will ihn erfüllen. Lebet wohl, Teuerster. Der Herr Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch wiederzusehen. Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“
Diesen Brief erhielt Petrus am Feste Mariä Himmelfahrt. Er aber hatte gleich nach seiner Ankunft in Paris an Christina einen Brief geschrieben, um sie zu trösten über den Schmerz des Abschiedes. Dieser Brief, den Bruder Mauritius nach Stommeln überbrachte, hatte sich mit Christinas Brief gekreuzt. Auf diesen Brief des Petrus schickte Christina etwas nach Kreuz Erhöhung folgendes Antwortschreiben:
„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber, daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war. Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung. Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mitdem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde. Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen möchte.Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h. Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte, zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten, daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir, ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen, daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung, wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände. Später wurde meiner Schwester Gertrud, alssie bei mir im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete, seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt, kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und sozusagen nicht wußte, wo ich war.Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen. Sie standen da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu erscheinen und nannten ihre Namen. Sie bekannten, wenn auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen Erlaubnis gegeben habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto größere Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich unerschrocken: „Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens Christi: warum habt ihr mich so verbrannt?“ Sie erschienen und antworteten, weil Gott meine Sinne für das Fest habe reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben, wandte ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie weinten und entflohen dann mit einem solchen Getöse, als ob sie das Dach mit sich genommen hätten. Tags darauf sah mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen, Nase und Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen vor, als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine Aussätzige und von Gott Geschlagene. Auch vorher hatte ich viele Mißhandlungen im Angesichte erlitten, wovon noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war, erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden. Ich fragte ihn, was er wolle, und warum er mich verfolge. Er antwortete: „Ich verfolge dich, um dich zum Zorne zu reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest gleich deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er aber ist barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich mich vergeblich.“Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends in meinem Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die h. Kommunion vorzubereiten, die ich am kommenden Morgen zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte auf dem Stuhl, der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in Gestalt meines Bruders, der inCöln wohnt, und in sein Wamms gekleidet, herein. Er machte den Eindruck eines stark Verwundeten und war voll Blut. Er sprach zu mir: „Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege, kamen feindliche Menschen und verwundeten mich. Hilf mir also meine Wunden verbinden und mache, daß Mutter nichts davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum Gebete, erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige Bestie, was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe, du hast wieder andere Ratschläge; diese Wunden hast du mir verursacht.“ Bei diesen Worten verschwand er. Als ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war, wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet, verlor meine Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön ausgeziert habt,[39]wurde entwendet und ist fort. Infolge der erlittenen Verwundung konnte ich acht Tage lang nicht gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott herzlich danket für alle seine Wohltaten; denn er kommt mir stets in der Trübsal zu Hülfe und führt alles zu einem guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und andere Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend für mich heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl, ja tausendmal wohl! Es grüßt Euch bestens der Pfarrer, meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir einige Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle. Es grüßen Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge, meine Nichte Hilla, die blinde Aleidis und ihre Nichte Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse ich Euch einige Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich sonst noch etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so würde ich es Euch gerne schicken. Hilla vom Berge sendet Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei der Liebe Gottes, wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset es mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie lange Ihr dort bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis nicht daran denken. Auch möchte ich gerne wissen, wie es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch bald darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes, wenn Ihr aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn Ihr es bewirken könnt, nicht lange nach Euch in dieser Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet wohl! Empfehlet mich getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen grüßen Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet fürBruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und man fürchtet, daß er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer Beistand.“
„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber, daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war. Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung. Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mitdem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde. Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen möchte.
Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h. Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte, zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten, daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir, ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen, daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung, wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände. Später wurde meiner Schwester Gertrud, alssie bei mir im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete, seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt, kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und sozusagen nicht wußte, wo ich war.
Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.
In derselben Nacht waren mir auch vier Dämone erschienen. Sie standen da, wie wenn sie gezwungen gewesen wären, zu erscheinen und nannten ihre Namen. Sie bekannten, wenn auch ungern, daß der Allerhöchste ihnen Erlaubnis gegeben habe, solches an mir zu tun, sie aber dafür desto größere Pein zu leiden haben würden. Schließlich sprach ich unerschrocken: „Ich beschwöre euch in Kraft des Leidens Christi: warum habt ihr mich so verbrannt?“ Sie erschienen und antworteten, weil Gott meine Sinne für das Fest habe reinigen wollen. Als sie nun anfingen, mich zu loben, wandte ich mich zum Gebete. Da nun taten sie, als ob sie weinten und entflohen dann mit einem solchen Getöse, als ob sie das Dach mit sich genommen hätten. Tags darauf sah mein Gesicht ganz verbrannt aus. Wangen, Augen, Nase und Stirne, alles war voller großer Brandblasen. Ich kam allen vor, als hätte ich kein Angesicht mehr; ich war wie eine Aussätzige und von Gott Geschlagene. Auch vorher hatte ich viele Mißhandlungen im Angesichte erlitten, wovon noch Narben zu sehen sind. Nachdem dies alles vorüber war, erschien mir der Dämon zweimal in Gestalt eines Begarden. Ich fragte ihn, was er wolle, und warum er mich verfolge. Er antwortete: „Ich verfolge dich, um dich zum Zorne zu reizen oder zu anderen Sünden. Du aber erhebest gleich deine Hände zu Gott und betest um Nachlaß der Sünden. Er aber ist barmherzig und vergibt dir, und so bemühe ich mich vergeblich.“
Am Mittwoch nach Kreuzerhöhung befand ich mich abends in meinem Kämmerlein, damit beschäftigt, mich auf die h. Kommunion vorzubereiten, die ich am kommenden Morgen zu empfangen gedachte. Ein Licht brannte auf dem Stuhl, der neben meinem Bette stand. Da kam der Dämon in Gestalt meines Bruders, der inCöln wohnt, und in sein Wamms gekleidet, herein. Er machte den Eindruck eines stark Verwundeten und war voll Blut. Er sprach zu mir: „Erschrecke nicht, geliebteste Schwester! Siehe, da ich hierher kommen mußte, wie ich es mitunter zu tun pflege, kamen feindliche Menschen und verwundeten mich. Hilf mir also meine Wunden verbinden und mache, daß Mutter nichts davon gewahr wird.“ Ich warf mich nieder zum Gebete, erkannte, daß es der Dämon war und rief aus: „Blutdürstige Bestie, was verfolgst du mich?“ Er entgegnete: „Ich sehe, du hast wieder andere Ratschläge; diese Wunden hast du mir verursacht.“ Bei diesen Worten verschwand er. Als ich neulich in der Kirche im Gebete hingestreckt war, wurde ein Teil der Türe zertrümmert, ich wurde verwundet, verlor meine Schleier, und das Buch, das Ihr mir so schön ausgeziert habt,[39]wurde entwendet und ist fort. Infolge der erlittenen Verwundung konnte ich acht Tage lang nicht gehen und ich fürchte, daß ich das Schmerzgefühl nicht los werde. Dies alles schrieb ich Euch, damit Ihr mit mir Gott herzlich danket für alle seine Wohltaten; denn er kommt mir stets in der Trübsal zu Hülfe und führt alles zu einem guten Ende. Ich habe niemanden, dem ich diese und andere Vorgänge lieber mitteile als Euch; denn es ist anscheinend für mich heilsam, wenn Ihr davon wisset. Lebet wohl, ja tausendmal wohl! Es grüßt Euch bestens der Pfarrer, meine Mutter und mein Vater, deren Schulden mir einige Sorge machen und die ich deshalb Eurem Gebete empfehle. Es grüßen Euch meine Schwester Hilla und Hilla vom Berge, meine Nichte Hilla, die blinde Aleidis und ihre Nichte Engilradis. Durch den Ueberbringer lasse ich Euch einige Geschenke zugehen: ein Biret zum persönlichen Gebrauch und ein Käppchen. Es ist Gewürz darin zum essen. Wenn ich sonst noch etwas hätte, was Eueren Wünschen entspräche, so würde ich es Euch gerne schicken. Hilla vom Berge sendet Euch ihren Schleier. Ich bitte Euch bei der Liebe Gottes, wenn Ihr etwas von mir zu erhalten wünscht, so lasset es mich wissen. Es quält mich sehr, daß ich nicht weiß, wie lange Ihr dort bleiben müßt, und ich kann ohne Betrübnis nicht daran denken. Auch möchte ich gerne wissen, wie es mit Euerer Gesundheit steht. Schreibet mir doch bald darüber. Auch bitte ich Euch bei der Liebe meines Gottes, wenn Ihr aus dieser Welt scheidet, so lasset mich, wenn Ihr es bewirken könnt, nicht lange nach Euch in dieser Verbannung zurück. Noch einmal: Lebet wohl! Empfehlet mich getreulich Euern Freunden ins Gebet. Die Reklusen grüßen Euch bestens. Betet für sie; denn sie tun mir Gutes. Betet fürBruder Gerhard vom Greif; denn er ist sehr krank, und man fürchtet, daß er stirbt. Er ist mir ein sehr treuer Beistand.“
Petrus erwiderte den Brief Christinas mit einem längern schönen Antwortschreiben, in dem er darauf hinweist, daß nur die Liebe Christi ungeteilt unser Herz beherrschen muß. Er schließt mit den Worten: „Es lebe und wachse in Euch die Liebe Christi, es lebe die Demut, es lebe die Freundschaft, deren Ziel in den Worten ausgesprochen ist: Betet für einander, damit ihr selig werdet.“ Christina erhielt diesen Brief des Petrus mit andern am 18. Dezember 1269. Um diese Zeit, es war ja der Advent, war sie wiederum heimgesucht von allerlei neuen schrecklichen Plagen, die eine Steigerung alles bisher Dagewesenen darstellen und sich sogar bis zu einer Art Besessenheit (obsessio) erhoben, in der der Teufel sich der Sprachorgane Christinas bediente, um zu sagen, was dieser innerlich ganz und gar widerstrebte. Hierüber machte sie in den Weihnachtstagen dem Petrus Mitteilung, wie folgt:
„Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in Christo, dem Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet seine Tochter Christina den Ausdruck ihrer großen Liebe und ihr Gebet. Teuerster, ich kann Euch nicht genug danken für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir mehrmals geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht darin, von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch Euere Briefe nicht lesen hören ohne Tränen zu vergießen. Ich habe sie alle noch beisammen und verwahre sie bis zu Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem Sonntag Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde darüber, daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die zugesandten Geschenke und über meinen Zustand. Das ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß der Bote zu schnell wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen Zustand unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.[40]Ich danke Euch herzlich für denselben.Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr gerne etwas erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich vor Allerheiligen vierzehn Tage hindurch eine eigenartige Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich alles, was ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei der Erhebung der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht sehen, sondern der Dämon kam mir vor dieAugen und sprach: „Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott bin.“ Und wenn ich meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig auf die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am Mittwoch vor dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der Kirche war, kam der Dämon, raffte zwei Häringe aus einer Schüssel, beschmutzte diese und warf sie mit dem Schmutze in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war, aus der Klausur des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische Schillinge herausgeholt und sie in die Abortsgrube der Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem so war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen Befreundeten in der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon alle Glieder und nahm mir einen Schuh vom Fuße weg, den er dann später im Hause meines Vaters vor meinen Augen dem Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder fast wahnsinnig wurde. Einmal als ich betete, verletzte er mich an der Nase, sodaß sie blutete. Am Vorabende von Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll und unter Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf und der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen und sagte, er heiße Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb ich ohne alle göttliche Tröstung und auch nachher habe ich solche selten genossen.Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu leiden, was mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen nämlich in meinem Herzen ohne Unterlaß Gedanken auf über Gott, als ob er gerade so sei wie ein anderer Mensch. — Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein. — Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere Gedanken, so daß es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner nicht würdig. Und doch war mir dieses überaus widerwärtig und betrübte mich über die Maßen. Er wollte nämlich, daß mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere. Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja gehört, wie der Dämon deutlich aus meinem Munde heraus wider Gott redete. Und hierbei kam mir mein Bräutigam, der mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein Nichtswürdiger, der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus Mund und Nase hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir gerade so. Welche Bitterkeit mir das verursachte, könnt Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem getreuen Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung an meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und daß an Stelle von Tröstung und Freude nunmehr gänzliche Bitterkeit mein Anteil sei. Eine andere Versuchung betraf meinen Herrn Pfarrer. Wasimmer er tat, mochte er nun meine Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel mir, und er selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu alle dem hatte ich noch eine Versuchung, die ich weder dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen offenbaren konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott für mich beten.Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen: Gleich nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und warf die Türe meines Kämmerleins so ins Haus hinein, daß diejenigen, die darin waren, meinten, das Haus stürze ein. Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben hin und her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich an. Dann warf er denselben der Schwester des Pfarrers, Gertrud, an den Kopf und unserm Knechte in die Seite, band ihm dann denselben an den Hals und ließ ihn schließlich bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in Aufregung.Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem geliebten Vater nach dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers Schwester, verwundete er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die gerade hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich nicht unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem schweren Stein an den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute meines näheren Bekanntenkreises so verletzte. Später warf er einen großen Stein zwischen die beiden Brüder Heinrich von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß er elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von Muffendorf brachte er eine große Wunde bei. Den Pfarrer biß er in die Hand. Einem andern Mönche[41]brachte er fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus Brauweiler und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran, warf mir mit einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete mich so am Kopfe viermal, nach den Knien sechsmal, wobei er mich einmal verwundete, fünfmal auf den Rücken, und kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen Steine zwischen die Schultern, so daß ich Blut spie, mit fünferlei andern Steinen und mit Tierknochen. Fünfmal schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger und Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte er mir wie mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen, daß unter den Nägeln das Blut hervorquoll. Desgleichen preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe verrenkte. Eine besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden in den Rücken biß undimmer wieder mit den Zähnen in die Wunden einhackte, so daß das Blut von den Seiten und vom Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die Füße, daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen. Er tat das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er den Biß in die Fersen und Fußgelenke wiederholte. Jene, die das Blut fließen sahen, konnten sich des Weinens nicht enthalten.In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze, drückte sie mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin stecken. Am folgenden Tage steckte er mir den Kopf einer Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei so voll Blut, daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß mich mit den Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen nicht losbekommen konnte. Im Beisein der Brüder verbrannte er mein Oberkleid am Rücken und lies ein kleines Stück daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im Beisein anderer weg, als ich es auszog. Er goß mir auch unsichtbaren Schwefel in den Mund, so daß ich nur solchen Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine Flamme erschien mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich als Ungeheuer mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er mich verschlingen wollte. Stimmen ließen sich vernehmen wie die eines Ochsen und eines Schafes, was mir großen Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch es gebricht mir die Zeit, Euch alles zu schreiben.Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir dies alles verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit getreuen Helfer, in meinen Leiden nicht bei mir hatte. Unzählige Tränen vergieße ich bei der Erinnerung an Euere Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand. Wiederum muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn ich kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit so versteht, wie Ihr. Doch beginnt der helle Tag in etwa zu leuchten.Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt. Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner Euch bekannten Scheu.“
„Ihrem vertrautesten Freunde und getreuesten Vater in Christo, dem Bruder Petrus von Dazien in Paris, entbietet seine Tochter Christina den Ausdruck ihrer großen Liebe und ihr Gebet. Teuerster, ich kann Euch nicht genug danken für die Briefe, die Ihr seit Euerer Abreise mir mehrmals geschickt habt. Mein größter äußerlicher Trost besteht darin, von Euch etwas zu vernehmen. Darum kann ich auch Euere Briefe nicht lesen hören ohne Tränen zu vergießen. Ich habe sie alle noch beisammen und verwahre sie bis zu Euerer Rückkunft. Im Briefe vom Mittwoch nach dem Sonntag Gaudete (3. Sonntag des Advents) führt Ihr Beschwerde darüber, daß Euch keine Mitteilung geworden sei über die zugesandten Geschenke und über meinen Zustand. Das ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß der Bote zu schnell wegging. Ich würde Euch weit häufiger über meinen Zustand unterrichten, wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte. Den Verbrüderungsbrief Eueres Ordens besitze ich nunmehr.[40]Ich danke Euch herzlich für denselben.
Ihr erkundigt Euch nach meinen Leiden, von denen Ihr gerne etwas erfahren möchtet. So wisset denn, daß ich vor Allerheiligen vierzehn Tage hindurch eine eigenartige Versuchung hatte. Es kam mir vor, als ob ich alles, was ich betete, im Namen des Dämons betete. Das verursachte mir großes Leidwesen. Was ich sagte, sagte auch der Dämon. Bei der Erhebung der Hostie konnte ich den Leib des Herrn nicht sehen, sondern der Dämon kam mir vor dieAugen und sprach: „Schau! nun siehst du, daß ich dein Gott bin.“ Und wenn ich meine Knie beugen wollte, so stieß er mich so heftig auf die Knie, daß ich nicht von der Stelle konnte. Als ich am Mittwoch vor dem Feste (das auf den Freitag fiel) in der Kirche war, kam der Dämon, raffte zwei Häringe aus einer Schüssel, beschmutzte diese und warf sie mit dem Schmutze in die verschlossene Beginenklause. Auch sagte er mir, er habe einer ältern Begine, die mir nicht wohlgesinnt war, aus der Klausur des Beginenhauses ungefähr zehn Cölnische Schillinge herausgeholt und sie in die Abortsgrube der Dominikaner geworfen. Diese fand denn auch, daß dem so war. In der Nacht blieb ich mit meinem Vater und meinen Befreundeten in der Kirche. Da zerdrückte mir der Dämon alle Glieder und nahm mir einen Schuh vom Fuße weg, den er dann später im Hause meines Vaters vor meinen Augen dem Knechte an den Kopf warf. Auch warf er ein Fenster ins Haus hinein mit solch schrecklichem Getöse, daß mein Bruder fast wahnsinnig wurde. Einmal als ich betete, verletzte er mich an der Nase, sodaß sie blutete. Am Vorabende von Allerheiligen entwich er mit gewaltigem Gebrüll und unter Besudelung der Klause in Gegenwart der Hilla von Ingendorf und der Reklusen. Auch nannte er seinen Namen vor ihnen und sagte, er heiße Barlabam. Am Feste Allerheiligen blieb ich ohne alle göttliche Tröstung und auch nachher habe ich solche selten genossen.
Seit jener Zeit bis Weihnachten hatte ich fortwährend zu leiden, was mir sonst niemals widerfahren ist. Es stiegen nämlich in meinem Herzen ohne Unterlaß Gedanken auf über Gott, als ob er gerade so sei wie ein anderer Mensch. — Diese Plage darf kein anderer wissen, als Ihr allein. — Aus dieser Vorstellung entstanden dann wieder andere Gedanken, so daß es mir vorkam, mein Geliebter sei meiner nicht würdig. Und doch war mir dieses überaus widerwärtig und betrübte mich über die Maßen. Er wollte nämlich, daß mein Herz ihm fluche und seinen heiligen Namen lästere. Mehrere, auch einige von Eueren Ordensbrüdern, haben ja gehört, wie der Dämon deutlich aus meinem Munde heraus wider Gott redete. Und hierbei kam mir mein Bräutigam, der mir soviel Gutes erwiesen hat, vor, wie ein Nichtswürdiger, der voller Eifersucht ist. Im Widerstande gegen diese Versuchungen habe ich derart gelitten, daß mir Blut aus Mund und Nase hervordrang. Bei der Kommunion ging es mir gerade so. Welche Bitterkeit mir das verursachte, könnt Ihr Euch denken. Ich klage Euch das als meinem getreuen Beistande. Bestürzung befiel mich auch bei der Erinnerung an meine früheren Beziehungen zu meinem Bräutigam, und daß an Stelle von Tröstung und Freude nunmehr gänzliche Bitterkeit mein Anteil sei. Eine andere Versuchung betraf meinen Herrn Pfarrer. Wasimmer er tat, mochte er nun meine Beichte hören oder mir den Leib des Herrn reichen, nichts von dem, woran ich doch früher soviele Freude hatte, gefiel mir, und er selbst kam mir vor wie ein Nichtswürdiger. Zu alle dem hatte ich noch eine Versuchung, die ich weder dem Herrn Pfarrer noch einem andern Menschen offenbaren konnte. Ihr wollet ihrethalben, wie ich vertraue, zu Gott für mich beten.
Mit meinen äußern Leiden verhielt es sich folgendermaßen: Gleich nach dem ersten Adventssonntage kam der Dämon und warf die Türe meines Kämmerleins so ins Haus hinein, daß diejenigen, die darin waren, meinten, das Haus stürze ein. Hierauf brachte er einen Totenkopf, warf denselben hin und her und grinste mich aus seinen Augen heraus schrecklich an. Dann warf er denselben der Schwester des Pfarrers, Gertrud, an den Kopf und unserm Knechte in die Seite, band ihm dann denselben an den Hals und ließ ihn schließlich bei uns liegen. Fast die ganze Pfarre kam hierüber in Aufregung.
Später warf er mit fürchterlichen Steinen meinem geliebten Vater nach dem Kopfe und brachte ihm zwei Wunden am Arme bei. Gertrud, des Pfarrers Schwester, verwundete er schrecklich an der Stirne. Eine Jüdin, die gerade hinzukam, nichts nach ihm fragte und sagte, er würde sich nicht unterstehen, ihr so etwas anzutun, warf er mit einem schweren Stein an den Kopf. Es tat mir wehe, daß er Leute meines näheren Bekanntenkreises so verletzte. Später warf er einen großen Stein zwischen die beiden Brüder Heinrich von Bedburg und Nikolaus. Dem Prior von Brauweiler biß er elf Wunden in die Hand. Auch dem Bruder Johannes von Muffendorf brachte er eine große Wunde bei. Den Pfarrer biß er in die Hand. Einem andern Mönche[41]brachte er fünf Bißwunden bei. Auch biß er eine Begine aus Brauweiler und Eueren Sohn Adolf, den Scholaren des Herrn Dechanten der Cölner Domkirche. Auch an mich machte er sich heran, warf mir mit einem Steine nach dem Kopfe, und verwundete mich so am Kopfe viermal, nach den Knien sechsmal, wobei er mich einmal verwundete, fünfmal auf den Rücken, und kratzte mich neulich wund am Knie mit der Scherbe eines Trinkkruges. Endlich warf er mich mit einem vierpfündigen Steine zwischen die Schultern, so daß ich Blut spie, mit fünferlei andern Steinen und mit Tierknochen. Fünfmal schnürte er mir in Gegenwart von Knaben die Finger und Fußgelenke so fest zusammen, daß Blut floß. Auch preßte er mir wie mit eiserner Hand die Zehen derartig zusammen, daß unter den Nägeln das Blut hervorquoll. Desgleichen preßte er meinen Arm so, daß er ihn beinahe verrenkte. Eine besondere Plage, welche die ganze Adventszeit hindurch andauerte, bestand darin, daß er mir ungezählte Wunden in den Rücken biß undimmer wieder mit den Zähnen in die Wunden einhackte, so daß das Blut von den Seiten und vom Rücken herabfloß. Auch biß er mich derartig in die Füße, daß die beiden Zahnreihen unter der Haut aufeinanderkamen. Er tat das mit aufgesperrtem Maule, und zwar so, daß er den Biß in die Fersen und Fußgelenke wiederholte. Jene, die das Blut fließen sahen, konnten sich des Weinens nicht enthalten.
In der letzten Woche brachte er eine geschundene Katze, drückte sie mir mit Gewalt in den Mund und ließ sie darin stecken. Am folgenden Tage steckte er mir den Kopf einer Katze in den Mund, und mein Mund wurde dabei so voll Blut, daß die Umhersitzenden dasselbe herausfließen sahen. Auch stopfte er mir Fleisch von Thieräsern in den Mund. Er stieß mich mit den Füßen so gegen einen Sessel, daß man diesen nicht losbekommen konnte. Im Beisein der Brüder verbrannte er mein Oberkleid am Rücken und lies ein kleines Stück daran am Halse übrig. Auch mein Unterkleid verbrannte und zerriß er. Mein besseres Unterkleid nahm er mir im Beisein anderer weg, als ich es auszog. Er goß mir auch unsichtbaren Schwefel in den Mund, so daß ich nur solchen Geschmack im Munde hatte. Etwas wie eine Flamme erschien mir die ganze Nacht hindurch und es kam mir vor, als ob er sie mir in den Mund brächte. Zuweilen zeigte er sich als Ungeheuer mit fürchterlichen Zähnen und tat, als ob er mich verschlingen wollte. Stimmen ließen sich vernehmen wie die eines Ochsen und eines Schafes, was mir großen Schrecken einjagte. Oefters führte er hohe Gespräche über Glaubenssachen und führte dabei Schriftstellen an. Doch es gebricht mir die Zeit, Euch alles zu schreiben.
Teuerster, Ihr könnt Euch nicht denken, welche Qual mir dies alles verursacht hat, zumal ich Euch, meinen allezeit getreuen Helfer, in meinen Leiden nicht bei mir hatte. Unzählige Tränen vergieße ich bei der Erinnerung an Euere Güte, Euer Mitleid und Euern hülfreichen Beistand. Wiederum muß ich Euch die Abwesenheit meines Geliebten klagen; denn ich kenne keinen Menschen, der mich in dieser Bitterkeit so versteht, wie Ihr. Doch beginnt der helle Tag in etwa zu leuchten.
Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt. Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner Euch bekannten Scheu.“
Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben folgende Nachschrift bei:
„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler — es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern und noch mehrere andere — rief der Dämon laut und allen vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er heiße „Schütterich“ (scutericht). Auch von den andern Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist reichlich zu ihr zurückgekehrt.“
„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler — es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern und noch mehrere andere — rief der Dämon laut und allen vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er heiße „Schütterich“ (scutericht). Auch von den andern Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist reichlich zu ihr zurückgekehrt.“
Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen, die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen Lebens behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden wiedergeben zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des Tages u. dgl. Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem Hefte von vier Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über ihren Zustand zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem Petrus folgendes Schreiben:
„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder Schwester[42]in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie sehr ich Euchim Herzen Jesu Christiliebe und wie ich danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen, daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudembitte ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete, worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit (2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen, ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie verbrannt hatten.Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben. Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder Schwester[42]in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie sehr ich Euchim Herzen Jesu Christiliebe und wie ich danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen, daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudembitte ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete, worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit (2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen, ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie verbrannt hatten.
Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben. Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand (29. April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers Johannes. Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas, Mitteilung davon, daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag), während Bruder Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die fünf Wunden sowie die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt wurde. Am Karfreitag erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen, sowie an der Seite und Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden Jahren. Vor Pfingsten hatte Christina drei Nächte nacheinander ein merkwürdiges Gesicht. Sie schaute und gewahrte alle Peinen der Hölle: Heulen und Weinen, Hammerschläge, Qual der Hitze und der Kälte, Kröten und Schlangen, Gestank und Qualm und viele andere, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Infolge dieses Gesichtes überfiel sie eine große Angst wegen ihrer Sünden, da sie sah,welch unerträgliche Qualen in der Hölle und im Fegfeuer den Menschen treffen wegen der Sünden, die so bald vollbracht sind. Sie wünschte deshalb, sofern es dem Willen Gottes entspreche, daß eine von den Schlangen, die sie gesehen, sie quäle für ihre Sünden und sie reinige, damit sie so den Strafen des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat, die Schlange kam auf sie zu, zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre Glieder und zernagte ihre Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst und Schmerz. Zwei Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand die Schlange und die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit einem Becher in der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke; dann wirst du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als Honig dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.
8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.
Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder Petrus werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst am Sonntage nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet von Bruder Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria Himmelfahrt in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina einen kurzen Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes, ein Fasttag, den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster Zurückgezogenheit zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf, noch am selben Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das Fest zu begehen. Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen, der neun Jahre hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen, befand sich gerade in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln weilte, und Hiddo war deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser riet den beiden Brüdern, in Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage des Festtages. Sie folgten dem Rate, übernachteten auf dem Hofe des Cäcilienstiftes und gingen am Maria Himmelfahrtstage nach Tisch mit Bruder Hiddo nach Cöln.
Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf erwidert: „Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden,zu bleiben.“ Als die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und Bruder Nikolaus, der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen zu sein scheint, am darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte, wurde er in der Nacht von einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn sieben Wochen lang ans Bett fesselte und fast an den Rand des Grabes brachte. Während dieser Zeit kam Petrus eines Tages auf einige Stunden nach Stommeln. Bruder Mauritius nämlich und Bruder Andreas von Esch (acsiensis) mußten studienhalber nach Paris reisen. Sie gingen über Stommeln und Petrus gab ihnen bis dahin das Geleit, mußte aber noch am selben Tage nach Cöln zurück, um die Nacht hindurch wieder bei dem kranken Gefährten Nikolaus sein zu können. In jenen Tagen kam Christina einmal nach Cöln und während sie dort war, raubte ihr der Teufel acht cölnische Schillinge (solidi), die sie dem Petrus geben wollte, damit er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne. Denn sie hatte gesehen, daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt Petrus, der Teufel störte sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine Dürftigkeit.“
„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael mich mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie im Laufe des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt von mir scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis: sage nur, wenn du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen Liebe?“ Ich wurde stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der Bewirker und Urheber unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft ist.“ Sie entgegnete: „Daran zweifle ich nicht; allein ich möchte wissen, ob dir in dieser Hinsicht ein unzweifelhaftes Kennzeichen und eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden ist.“ Ich suchte einer Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht die Unwahrheit sagen wollte, und andererseits Vorwürfe des Gewissens fürchtete. — Petrus hatte nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein Malzeichen in der linken Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten hatte. — Christina aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer Trennung und meiner Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare ich dir ein Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilthaben würde. Erinnerst du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit Bruder Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe; ich saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach er weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird es auch fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du sollst für ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst. Wisse auch, daß er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das nun, Bruder Petrus, ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb ich so vertraut gegen dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte ich Gott unter Tränen, daß er mich zum Freunde einer solchen Person hatte machen wollen und zum Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse. Doch habe ich dies, was mir Gegenstand innigster Tröstung gewesen, in meinem Herzen verborgen gehalten ... Ich hoffe aber durch Christi Freundin Christina Verzeihung der Sünden und Gnade zur Ausübung guter Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem Tage des h. Hieronymus d. J. 1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von Stommeln ab. Bruder Johannes Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus der Provinz Dazien, wie auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud, Hilla vom Berge und Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten uns eine Strecke Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt, übergab sie mir den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf meinen Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für mich tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir zwei nun des Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die andere wegen der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste Christina, es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“ Als sie das hörte, antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit demMantel ihr Gesicht, setzte sich auf die Erde und weinte reichlich und bitterlich. Da ich sie so weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der etwas vorangegangen war, er möge zurückkommen, um sich von Christina zu verabschieden, damit wir dann weiter reisen könnten. Als dieser zurückkam, stand Christina auf. Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen uns einander ins Gebet und setzten dann die Reise fort. Bruder Nikolaus aber schenkte der Christina seinen Rosenkranz, den er vier Jahre hindurch getragen hatte. Er war nämlich durch Christinas Anblick, wie er gestand, mit großer Verehrung gegen sie erfüllt worden. Als wir weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf die Erde, bedeckte ihr Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“
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Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.
Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:
„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen, im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene. Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre, der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse mehr als irgend einemMenschen auf Erden anvertraut haben, wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt, weshalb.Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt. Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute, und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist, tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“ Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch. Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons sollst Du keinen Glauben schenken.“Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben. Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen, was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.Ihr führtet gern den Spruch im Munde:Pluribus intentus minor est ad singula sensus.Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengtund mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43]danke ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir, als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden; und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch, daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch, wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch, daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen; denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen. Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch, Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den Schreiber dieses Briefes.“
„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen, im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene. Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre, der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse mehr als irgend einemMenschen auf Erden anvertraut haben, wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt, weshalb.
Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt. Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute, und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.
Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist, tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“ Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch. Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons sollst Du keinen Glauben schenken.“
Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben. Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen, was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.
Ihr führtet gern den Spruch im Munde:Pluribus intentus minor est ad singula sensus.Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.
So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengtund mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43]danke ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir, als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.
Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden; und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch, daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch, wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch, daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen; denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen. Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch, Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den Schreiber dieses Briefes.“
Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes Schreiben von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet. Christinas Trauer und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise benutzte Satan dazu, um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu entsagen. Ihr Herzeleid und ihre Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus folgendermaßen: