000Vierzehntes Kapitel.______Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279.

„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir, mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt, und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte, als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270) bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dichwürdig gelobt hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“ Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer. Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“

„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir, mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt, und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte, als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270) bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dichwürdig gelobt hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“ Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer. Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“

Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei, in der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert wird. Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich am Vorabende vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich entfernte mit den Worten: „Louvelois scheindhof“ (schmähliche Hofschinderin), mir ward Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit Schande weiche ich zurück und werde die verdiente Strafe empfangen.“

Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein Interdikt über die Gegend verhängt worden sei — Erzbischof Engelbert von Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel — Christina mußte deshalb nach Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die Abtei Brauweiler unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina nun ausgehen wollte, um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr der Teufel, wenn sie nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen Plagen heimsuchen und dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie nun einmal in der Kirche zu Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und sich dann anschickte, zur h. Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich der Teufel die Schuhe von den Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er sie mit dem Kopfe gegen die Mauer und zog ihr die Haut von den Füßen. In diesem schmerzlichen Zustande ging sie zum Altare. Noch lange Zeit nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.

Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt, gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:

„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus, Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet Christina vonStommeln Heil im wahren Heilande. Da ich nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen, daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen geronnenen Blutes gespieen habe.Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine Freunde von mir geschieden.Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war, als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln. Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe anziehen — kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen — und so ging ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner. Nichts mehr fand sich dort vor; ich warwie eine Arme und Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald dort Unterkunft suchen.Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster, bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin, auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude, die niemand mir nehmen kann.In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon, wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne — Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen — mir ins Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt, mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus Christus.“

„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus, Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet Christina vonStommeln Heil im wahren Heilande. Da ich nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen, daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen geronnenen Blutes gespieen habe.

Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine Freunde von mir geschieden.

Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war, als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln. Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe anziehen — kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen — und so ging ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner. Nichts mehr fand sich dort vor; ich warwie eine Arme und Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald dort Unterkunft suchen.

Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster, bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin, auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude, die niemand mir nehmen kann.

In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon, wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne — Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen — mir ins Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt, mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus Christus.“

Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben der Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war ihr längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr, als ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des h. Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen und in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der Geruch davon sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein glühendes Eisen in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es ihr dann in die Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual. Sie hatte sich aber vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu gehen und sie sprach deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe, morgen meinen Geliebten zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er einen Dolch hervorzog: „Wenn Du das tust, so steche ich Dich in die Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“ Und da sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß der Teufel sie wirklich mit dem Dolch in die Zungeund ließ ihn darin stecken. Als sie morgens zur Kirche kam, floß das Blut noch aus dem Munde.

Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts Neues, enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den Zustand des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte. Sie geriet nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet wie folgt:

„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung. Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden sollten — ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt. In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das, was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde, wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben. In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal befinden.“ —

„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung. Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden sollten — ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt. In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das, was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde, wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben. In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal befinden.“ —

Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief diktierte, vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in fortwährendem Jubel befand.“

Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem er sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in ewiger Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte von Paris ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches Mitleiden mit ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem Ansturm solcher Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu, da ich Euch alsein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so hoffe ich zum Herrn, der die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen, daß er Euch Standhaftigkeit und Kraft von oben verleihe, um auszuharren bis zum guten Ende.“

Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland versetzt, wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete. Von dort schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem mit, daß auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte Jungfrauen erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h. Dominikus trügen, andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von diesen komme Freitags in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf Wunden. Die meiste Zeit bringe sie im Gebete und in der Betrachtung zu und dazu sei sie bemüht, Almosen zu geben und den Armen zu dienen. Diese begnadete Jungfrau habe eine innige Liebe zu Christina, nenne sie ihre Schwester und wünsche, sie kennen zu lernen und womöglich mit ihr zusammenzuleben. Auch habe sie ihm Einiges, was in Christinas Briefen enthalten war, lange vorher offenbart. „Wundert Euch nicht, so schließt Petrus seinen Brief, daß ich Euch seltener schreibe; denn ich habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief abzuschicken, weil ich tief ins Land hinein wohne, von wo aus selten Reisende und niemals Kaufleute hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die ich Euere Schwester genannt habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen ... Ich empfehle Euch die Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach meiner Rückkehr beide in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere Freunde, insbesondere den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter, alle Schwestern des Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die blinde Aleidis. Betet für mich.“

Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden Jahre gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und besonderer Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre Briefe geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (Westra-aros) überbrachte die Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In einem Schreiben vom Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober) ersuchte dann Petrus Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren Zustand zu machen. BruderLaurentius könne ihr als Schreiber dienen. Dieser Bruder Laurentius war gebürtig aus Swealand, dem mittlern Teil Schwedens, in dem Skeninge gelegen war, und studierte damals in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus, er möge der Christina seinen an sie gerichteten Brief verdolmetschen und auch die an ihn gerichteten Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine direkte Gelegenheit nach Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder Olaw aus Skara mit, der im Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun brachte Bruder Helinrich diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach Margaretentag, also am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder Laurentius ein Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein Brief von Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe, diesen ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen zu lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall sein werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich am folgenden Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die Arbeit stehen lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief übersetzte ich ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn entgegennahm, zeigten die Tränen, die sie reichlich vergoß.“

Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:

„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist wurde mit süßer Wonne erfüllt und dieQualen, die der menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht, ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten könnte.Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44]. Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange. Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen. Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große Tröster in der Qual“.[45]Lebet wohl, liebster Vater, mein einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals: Lebet wohl!“

„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist wurde mit süßer Wonne erfüllt und dieQualen, die der menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.

Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht, ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten könnte.

Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44]. Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange. Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen. Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große Tröster in der Qual“.[45]Lebet wohl, liebster Vater, mein einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals: Lebet wohl!“

In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein mächtigesFeuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an, was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig; nur die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde von den herabstürzenden Balken hart getroffen.“

Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter. Petrus wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum Lesemeister dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland ernannt, weshalb er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.

9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.

9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.

Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen, zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus, (nach Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu erlangen. Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte ich von der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon lange gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß man für mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die glorreichen Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und Jungfrauen, für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere Verehrung hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen und diese dann in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in Christo geliebte Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte, zu besuchen und sie im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und wie es meinem frommen und mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch andererseits von ihr Tröstung und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes Hülfe und (wie ich vertraue) durch Christinas Verdienste ist alles nach Wunsch glücklich von statten gegangen, und es hat sich bestätigt, daß „unverdrossene Liebe alles überwindet“.[46]Am Pfingstmontage also brach ich von Westeräs auf, kam dann nach Gotland,wo ich eine Zeitlang blieb, und gelangte schließlich nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der ich früher keine halbe Meile zurücklegen konnte, ohne zu ermüden, Einkehr zu nehmen und Halt zu machen, ging jetzt einen ganzen Tag, ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es war am Tage nach der Oktav des h. Laurentius (18. August). Am Tage der Oktav von Maria Geburt (15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang ersehnten, von Gott mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch die Frömmigkeit seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun diesem Dorfe näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach Hause gehen, — es war nämlich Freitag[47]— zuletzt aber gingen zwei Beginen. Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete, so hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen, in all ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein verklärender Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder, der mit frommem Sinne ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln konnte, Gottes Gnade und Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.

Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau des Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich: „Wie heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter: „Woher seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie gleich auf die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina! Christina! komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun auch wir auf die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die zurückkehrte, zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und Ergriffenheit kaum zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt Ihr?“ Ich antwortete: „Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“ Als mein Gefährte und ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in der Klause, wobei der Schulmeister Johannes den Gastgebermachte. Auch der Herr Pfarrer — Heinrich hieß er — gesellte sich zu uns. Als ich tags darauf nach der Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle auseinanderlegte: „Ein gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes Maß wird man Euch in den Schoß schütten“, kam sie derartig in Verzückung, daß sie weder zu Nacht speisen noch reden konnte. Ja, sie war derart in Gott versunken, daß sie gar nicht mehr achtete auf das, was gesprochen wurde. Sie war ganz mit ihrem Geliebten beschäftigt; sie hatte für nichts anderes Sinn und nur Worte der Andacht brachte sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen Liebe zu ihrem Bräutigam ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach sie währenddem in die Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn er ist überaus liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten für so viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in etwa zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte sie, wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte sie: „Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen. Wenn Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe dann; denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende Nacht hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags darauf fingen jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns an, darauf die Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie antwortete: „Gewiß, wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“ Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden Abende gesagt hatte. Wir blieben drei Tage in Stommeln und gingen dann nach Cöln, wo wir freundlich von den Brüdern aufgenommen wurden, besonders von denen, die mich von der Studienzeit her kannten, und ganz besonders von Bruder Johannes von Greif, der damals Unterprior war, und Bruder Johannes von Muffendorf. Bruder Gerhard vom Greif erkundigte sich nach Christina und belobte ihren Fortschritt auf dem Wege der Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen Monat lang in Cöln und wurde durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden geheilt. Auch verschaffte ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus der Gefolgschaft der h. Ursula) und eines von derthebäischen Legion. Unsere Cölner Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders Folkwin.

Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina. Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer Schwäche fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die Haut vom Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch dabei noch leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober, zeigte Petrus der Christina das früher am Sankt Christinatage an der linken Hand erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles, was im Quatern schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben worden war. Auch machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten Mitteilungen über Verwundungen, die man ihr während der Verzückung beigebracht hatte. Am folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von Stommeln zusammen und bereiteten den beiden Ordensbrüdern ein schönes Mittagsmahl. Auch der Pfarrer Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des Vogtes, und der Schulmeister Johannes gehörten zu den Gästen. Nach Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag über die geistige Freude unter Zugrundelegung der Schriftstelle:Laetare Jerusalem(Freue dich, Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er mit Bruder Folkwin wieder nach Cöln zurück.

„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und seine Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine war, zu Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam, die ich zu Cöln erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung gegen Reliquien bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte ich Euch gerne das Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln habe.“ Als ich darauf erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten, sagte sie: „Ich würde es Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie Ihr es bekommen könntet.“ Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe er dieses Hauptes entbehren soll, gehe ich selber lieber zu Fuß nach Cöln und hole es.“ Und das tat er auch wirklich. Am folgenden Morgen machteer sich in der Frühe auf und noch vor der Abenddämmerung war er wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse. Mit größter Freude nahm ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln bis Lübeck am Halse getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des Herzens bescheert wurde.

Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich in ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit munterer als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem Grunde ihrer Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich niedergeschlagener Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin unter dem Baume die Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des Herzens Gott anbefahl, sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich war mit Bruder Petrus, als er hierher kam; ich werde auch auf der Rückreise sein Führer sein.“ Auch sagte er: „In mir habe ich Euere gegenseitige Liebe gegründet und ich werde sie auch in mir erhalten.“ Diese Worte gaben mir Veranlassung, von der Süßigkeit der göttlichen Liebe zu reden. Christina wurde darob derart gerührt, daß sie wegging, vollständig entrückt wurde und starr und regungslos dalag. Am andern Morgen, dem Tage der hh. Krispin und Krispinian (25. Oktober), lasen wir Messe, frühstückten und darauf hielt ich eine Ansprache über die Schriftstelle:Convertere anima mea in requiem tuam, quia dominus benefecit tibi(Kehre in deine Ruhe ein, meine Seele, denn der Herr hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied von Christina und von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander dem Herrn und so reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre 1279.“

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Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck, schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb. Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten, verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines Herrn aus Herzensgrund lieben — wegen des Bräutigams selbst.“ Grund der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.

Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (Aslonia) einen ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag vor St. Urbanus (24. Mai) geschriebenhatte. Aus demselben ersehen wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise, ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde. „Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem, der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles, was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen.

Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“ antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ — Enttäuscht begannen nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.

Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten, und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen, suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nachtwieder, brachten immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält. Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt, dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion, empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen Heimsuchungen der 87. Psalm: „Domine Deus salutis meae.Herr, Gott meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden, wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina. Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten, wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden. Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h. Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.

In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische des Herrn, hatte aber in der vorhergehendenNacht Störung im Gebete verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.

Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob- und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.

Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.

Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält, vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den Dominikanerorden bezweckte.

Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb, um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährendeFenster und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt, verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes:Ascendit deus in iubilatione— Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. — Dem Briefe des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei:

„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (rector) der Knaben, der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet.Auch bitte ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet seid.Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“

„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.

Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.

Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (rector) der Knaben, der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet.Auch bitte ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet seid.

Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“

Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]

In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber viel früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde, berichtet Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli ab, an welchem Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer befreit wurde, bis zum Feste derh. Maria Magdalena ununterbrochen große Tröstung und Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während dieser Zeit sehr oft in Verzückung gekommen und in die Geheimnisse ihres göttlichen Bräutigams derartig vertieft gewesen, daß sie ihn, den Magister Johannes, wenn er mitunter in ihre Wohnung oder in ihr Kämmerlein eingetreten, nicht einmal bemerkt habe, obschon sie den Spinnrocken in der Hand hielt und recht fleißig spann oder sonst eine Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie mehrmals angeredet habe, so hätte sie doch nichts von dem gehört, was er gesagt, bis sie aus der Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.

In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen, also vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden, jedoch nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es war ihr, wie wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich nicht darüber klar war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien sei, beschwor sie in der dritten Nacht, als die Plagen aufhörten, deren Urheber mit den Worten: „Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister, im Namen des Herrn Jesus, daß ihr bekennet, ob dies alles durch euere Bosheit geschehen ist?“ Darauf erfolgte die Antwort: „Dienerin des allmächtigen Gottes, wir alle sind böse Geister, tausend an der Zahl; mit Zulassung des Allmächtigen haben wir dir diese Qualen unsichtbarer Weise zugefügt, um dich vom Gebete abzuhalten.“ Am folgenden Tage, dem Freitage vor Mariä Geburt, ging Christina zur Kirche, empfing den Leib des Herrn, kam in Verzückung, in der ihre Seele nach dem Maße der überstandenen Schmerzen die Wonne der göttlichen Tröstungen zuteil wurden (Psalm 90, 19).

Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina mit ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach Cöln reiste. — Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. — Als sie nun nicht mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war, spannten die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide gehen ... und legten sich zum Schlafe nieder. Christina aber stieg auf den Karren, setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald kam der Karren derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich gezwungen sah, abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub anzu beten. Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden Augen und fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen wollen. Sie aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr fort zu beten, ohne auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf Christinas Bruder, und es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem Munde Sigwins, damit Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann lief er auch auf die Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein ganzes Rudel Wölfe, fraß anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde und erfüllte die Luft mit wildem Geheul.

Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil er Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige Christina mit einem Wolfe darzustellen.

Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet, wenn auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien gepachtet zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder Ackerwirtschaft größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle Schulden beglichen zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig, ungestört der Pflege des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch es sollte durch Gottes Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt Magister Johannes, „hat seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde, die sie hatten, mit schwerer Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum unter großer Arbeit eingeheimst war, hat er zur allerschlimmsten Zeit, wo nämlich die Aecker zur Saat bestellt werden mußten, alle fünf Pferde an plötzlichen Erkrankungen eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen wurden sie alle, und zwar zwei an einem Tage, dann eines allein und darauf wieder an einem Tage die beiden übrigen abgedeckt. Infolge dessen befindet sich Euere Tochter in mehrfacher Trübsal. Zunächst drücken sie stark die Schulden, die sie binnen Kurzem bezahlen zu können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch immer gar sehr bekümmert wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt dieAckerwirtschaft drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt sie mit Geduld, indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ —

Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina das Wort und spricht:


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