000Neuntes Kapitel.______Achter, neunter und zehnter Besuch des Petrus zu Allerheiligen, im Advent und zu Weihnachten 1268. — Seelenjubel, Besudelung.

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Zu Allerheiligen lud der Pfarrer von Stommeln den Bruder Petrus und den Bruder Aldebrandino ein, herüberzukommen. Schon tags vorher in der Frühe machten sich die Beiden auf den Weg und kamen noch vor der Messe in Stommeln an. Als sie zu Tische gerufen wurden, fragte Aldebrandino, wo Christina sei. Man antwortete ihm, sie sei deshalb nicht gekommen, weil sie der Andacht und dem Gebete obliege, da sie am folgenden Tage zur h. Kommunion gehen wolle. Diese Entschuldigung gefiel dem Aldebrandino sehr wohl. Am Allerheiligentage empfing Christina während der h. Messe nach den übrigen die h. Kommunion und ging dann ihrer Gepflogenheit gemäß auf ihr stilles Plätzchen hinter dem Hochaltar, wo sie sich zur Danksagung in gewohnter Weise hinstreckte und bis lange nach der Komplet verblieb. Nach der Non wurde die Kirche geschlossen. Als die beiden Brüder mit dem Pfarrer zu Mittag gespeist, gingen sie mit diesem zur Kirche, um sich dort an Christina zu erbauen. Sie konnten jedoch nicht eintreten, weil der Küster mit dem Schlüssel nicht zur Hand war. Während sie wohl eine Stunde lang vor der Kirche warteten, vernahmen sie in der Kirche eine gar liebliche Stimme, die zwar dem Petrus als eine menschliche erschien, jedoch der Melodie nach und, was Schmelz und Zartheit anbelangt, menschliche Singweise übertraf. Man hörte deutlich, daß es nur eine Stimme war und daß die Töne, die süß wie Honigseim dahinflossen, sich zu einer Melodie zusammenschlossen, ohne daß jedoch artikulierte Worte damit verbunden waren. Als der Küster endlich gekommen war und die Kirche aufgeschlossen hatte, gingendie drei hinein und fanden dort niemanden als Christina. Sie lag noch an derselben Stelle, war empfindungslos und starr am ganzen Körper und hatte das Gesicht mit dem Mantel bedeckt. Der unterdessen verstummte Seelenjubel wurde nach einer Weile wieder vernehmbar und die drei beobachteten, daß er aus Christinas Brust herkam. In diesem Zustande blieb Christina bis zum Abendgottesdienste.

5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.

5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.

6. Gebetstäfelchen Christinas.6. Gebetstäfelchen Christinas.

6. Gebetstäfelchen Christinas.

Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten es infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln gehe, bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die Veranlassung zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist aber unschwer zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab. Der Pfarrer war nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus. Er hatte seine alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird seine Wohltätigkeit gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer wurde, die Auslagen des Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige Verweilen der beiden Dominikaner im Pfarrhause nun wird wegen der damit verbundenen Unkosten die besorgte alte Frau aufgebracht haben und die Schuld hiervon schob sie in ihrem Unmut Christina zu. Hiermit stimmt auch, daß Petrus bei seinem nächsten Besuche, der im Advent stattfand, nicht im Pfarrhause einkehrte und daß er sich dreimal bitten ließ, ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten Einladung Folge gab. Die Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich vergessen zu haben, daß sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen Ende des Jahres 1269 schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des Pfarrers und seine Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer zerfallen waren, hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln Nachreden, die sie über ihn und andere geführt, als Verleumdungen, zu denen der Teufel sie aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei denjenigen, vor denen sie dieselben vorgebracht.[34]Nach dem Tode des Pfarrers jedoch hat seine Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina erhoben, als ob diese daran Schuldgewesen, daß der Pfarrer keine größere Barschaft hinterlassen hatte.[35]

Mit den Seligen des Himmels hatte Christina am Allerheiligenfeste in der Verzückung gejubelt. In den finsteren, langen Nächten des Adventes sollte sie die tiefste Verdemütigung erdulden, die mit Gottes Zulassung Satan ihr zufügen konnte. Satan, den der Herr als unreinen Geist bezeichnet, hat sein Behagen am Schmutz jeglicher Art. Im Lande der Gerasener erbat er sich, als er vom Herrn aus dem Menschen ausgetrieben war, als besondere Vergünstigung die Erlaubnis, in die unsaubersten aller Tiere, in die Schweine, fahren zu dürfen. Besudelung des Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, verursacht ihm besonderes Behagen. Er ist es, der die Juden antrieb, das Antlitz unseres Heilandes in der Leidensnacht mit unflätigem Auswurf zu besudeln. Ist er es nicht, der jene verwegenen Diebe, die in Kirchen einbrechen, um die hh. Gefäße oder die Opfergaben der Gläubigen zu rauben, antreibt, dabei das Heiligtum in ekelhafter Weise zu besudeln, wie es auffälliger Weise auch heutzutage fast bei jedem Kirchendiebstahl festgestellt werden kann? Er hat auch Christina in den Nächten des Adventes des Jahres 1268 in der ekelhaftesten Weise mit Unrat besudelt. Hören wir den Bericht des Petrus, den wir jedoch, weil er allzu umständlich ist, in Kürze wiedergeben: „Kurz vor dem Advent, schreibt Petrus, kam Christinas Vater zu mir nach Cöln, ließ mich ins Kapitelhaus der Brüder rufen und sprach: „Christina, deine Tochter, läßt dich grüßen.“ Er machte den Eindruck der größten Niedergeschlagenheit. Ich antwortete ihm: „Rede nicht also; denn sie hat dich ja zum Vater.“ „Freilich, erwiderte er. Doch wenn du inniges Mitleiden mit uns hast, so komme uns besuchen; denn wir sind in Gefahr. Ein gar starker Feind ist bei uns angekommen, dessen Wut unsere Habe nicht nur, sondern auch unser Leben gefährdet.“ Diese Worte bewogen mich zum Mitleide, das ich jedoch zu verbergen suchte; denn ich wußte, daß er an schwere Plagen gewohnt war und um einer Kleinigkeit willen nicht zu mir würde gekommen sein. Doch entließ ich ihn mit den Worten: „Gehe in Gottes Namen, der Herr möge euch trösten.“ Traurig ging er weg, kam aber nach acht Tagen wieder und wiederholte mit noch größererBetrübnis seine Einladung. Ich entließ ihn wie früher und betrübt schied er von dannen. Nach sechs Tagen kam er abermals, suchte lange nach mir, und, nachdem er mich endlich gefunden, sprach er wehmütig: „Meine Tochter bittet dich bei der Liebe, die du im Herrn zu ihr trägst, zu ihr zu kommen. Auch ich und ihre Mutter bitten inständigst darum, wenn du nicht willst, daß der Teufel unser ganzes Anwesen durch Feuer zerstört.“ Diese Worte und noch mehr der rührende Ausdruck, womit sie gesprochen wurden, machten Eindruck auf Bruder Petrus. „Wenn ich Erlaubnis erhalte, so sprach er, will ich euch gerne besuchen.“ Auf diese Antwort schöpfte der Mann etwas Mut und entfernte sich. Petrus machte dem Bruder Aldebrandino Mitteilung von der Bitte des Vaters der Christina. Dieser erbat und hielt denn auch für sich und Petrus vom Prior Hermann von Havelbrecht die Erlaubnis zur Reise nach Stommeln. Da aber für Aldebrandino Hinderung eintrat, so erhielt Petrus zum Reisegefährten den Bruder Wipert von Böhmen aus der polnischen Ordensprovinz. Am Donnerstage in der zweiten Adventswoche gingen die Beiden nach Stommeln. Es regnete und die Wege waren stark aufgeweicht. Erst spät am Abend kamen sie recht müde, wenn auch fröhlichen Herzens, in Stommeln an und gingen ins Haus, wo Christina war, bei der sie den Prior Gotfrid der Abtei Brauweiler nebst dem P. Leonius, dem Kellermeister (cellerarius) derselben Abtei, sowie den Pfarrer Johannes von Stommeln vorfanden. Christina saß im Bette; denn sie konnte nicht liegen wegen der Plagen, die sie unablässig zu erdulden hatte. „Wir grüßten sie, schreibt Petrus, und alle, die bei ihr waren, und gingen dann wieder hinaus, um an dem Feuer, das vor der Türe des Kämmerleins brannte, unsere Kleider zu trocknen. Da wir nun so dasaßen und der Kellermeister, der sich zu uns gesetzt hatte, seinen mit dem Stiefel bekleideten Fuß zum Feuer hin ausstreckte, flog auf einmal vor unser aller Augen Kot auf den Stiefel des Kellermeisters. Darüber erstaunten wir, die wir eben angekommen waren und noch nicht wußten, was hier vorging. Der Kellermeister aber, der ein beherzter Mann war, sagte zu uns: „Brüder, wir müssen uns an solche Dinge gewöhnen.“ Kurz darauf hörten wir, daß auch jene im Kämmerlein miteinander Klagereden führten. Und als wir nach der Ursache fragten, vernahmen wir, daß der Teufel, wie er schon die ganze Adventszeithindurch getan, Christina eben besudelt habe. Auf diese unerwartete Nachricht standen wir alle, die draußen waren, auf, gingen hinein und fanden es so, wie man uns gesagt hatte. Ich stellte mich nun nahe vor das Bett Christinas, der Prior aber zu Häupten des Bettes, nämlich nach Osten, der Kellermeister zu Füßen, nach Westen, der Pfarrer neben mich nach Norden. Die Wand, an der das Bett stand, war nach Süden. So war das Bett gut mit Wächtern umstellt. Da geschah es nun unter unsern Augen, daß Christina nach meiner Zählung mehr als zwanzigmal auf verschiedene Weise am Gesichte, unter dem Schleier am Kopfe, und an sonstigen Stellen des Körpers besudelt wurde. Mit Sonnenaufgang hörte diese Plage auf. Der Prior kehrte mit dem Kellermeister nach Brauweiler zurück und ich ging mit meinem Gefährten zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Der Tag ging vorüber, ohne daß äußerlich eine Plage oder Belästigung zu bemerken war. Als aber die Sonne untergegangen war, und die Nacht mit ihrer Finsternis gekommen, da kehrte auch der Geist der Finsternis zurück und besudelte Christina in der gleichen Weise wie in der vorhergegangenen Nacht. Gegen Mitternacht fragte ich Christina, ob sie den Teufel sehe, dessen unsaubere Werke wir alle wahrnahmen. Sie antwortete bescheiden: „Ich sehe den Teufel immerfort, wenn ich auch meine Augen schließe oder sie mit dem Schleier verhülle.“ Ich fragte sie weiter: „Wie sieht er denn aus?“ Sie erwiderte: „Es ist unmöglich, zu beschreiben, wie vielfach und verschiedenartig die Gestaltungen sind, die er annimmt. Augenblicklich sehe ich nur ein scheußliches Gesicht, das einem menschlichen ähnlich sieht, nur daß es zwei Hörner hat.“ „Wo siehst du ihn denn?“ fragte ich weiter. „Dort, sprach sie, zwischen den beiden Mädchen“ und zeigte mit der Hand nach der nördlichen Seite, wo Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, saßen, die, als sie das hörten, erschraken und voneinander abrückten. Ich aber fragte Christina, ob der Teufel sich nicht entfernen würde, wenn wir das Zimmer mit Weihwasser besprengten. Sie sagte, er würde freilich fliehen, aber auch sogleich und zwar im selben Augenblicke wieder zurückkehren. Beim Anbruche des Morgens hörten die Besudelungen auf. Als nun die dritte Nacht kam, die Nacht vor dem dritten Adventssonntage, kam der Teufel wieder und quälte und besudelte Christina wie in den vorhergegangenen Nächten. Ich saßzu Häupten des Bettes, Bruder Wipert am Fußende und der Pfarrer vor dem Bette. Während wir miteinander sprachen, hörten wir alle ein Geräusch, das unter der Bank herkam, auf der Wipert saß. Das Geräusch war ähnlich so, wie wenn Eiweiß zu Schaum geschlagen wird. Bruder Wipert nahm seinen Rohrstock, den er aus Toskana mitgebracht hatte — er war nämlich erst vor Kurzem vom päpstlichen Hofe hergekommen — und stieß mit der Pike des Stockes heftig und öfters nacheinander unter die Bank, indem er sprach: „Nichtswürdiger Dämon, ich will dir die Augen ausstoßen.“ Das Getöse jedoch ließ nicht nach. Da sprach Bruder Wipert zum Pfarrer: „Teuerster, weißt du keine Beschwörungen, mit denen dieser böse Feind hier ausgetrieben werden kann?“ Dieser erwiderte: „Ich weiß wenigstens jene Beschwörung auswendig, die über die Täuflinge gesprochen wird. „Ergo maledicte diabole recognosce sententiam tuam“ u. s. w. Da sprach Wipert: „Sage sie mir vor, so will ich sie dir nachsprechen in der Meinung, daß wir diesen unreinen Geist verscheuchen.“ Da sie so miteinander überlegten, sprach Christina zu mir: „Worüber sprechen jene? Was haben sie vor?“ Ich antwortete: „Sie wollen den Teufel beschwören, daß er weichen soll.“ Sie erwiderte: „Saget ihnen, sie sollten sich gegen Gottes Zulassungen keine vergebliche Mühe machen; denn ich muß dieses erdulden, so lange Gott will.“ Bruder Wipert hörte das, blieb aber nichtsdestoweniger bei seinem Vorhaben. Als die Beiden mit der Beschwörung nahezu ans Ende gekommen, entstand ein starker und furchtbarer Knall im Kämmerlein, wie wenn eine mit Luft gefüllte Blase zerplatzt wäre. Im selben Augenblicke erlosch die Lampe, die zwei Ellen hoch über mir stand. Wipert sprang vor Schrecken auf und wollte hinausgehen. Doch mitten im Zimmer kam der Teufel auf ihn zu, versetzte ihm einen Schlag aufs Auge und übergoß ihn mit Unrat. Wipert schrie: „Wehe mir, ich habe ein Auge verloren.“ Dem war jedoch nicht so. — Und er lief aus dem Kämmerlein hinaus ans Feuer, wo warmes Wasser stand, um sich zu reinigen. Unter diesen und ähnlichen Quälereien ging diese peinliche Nacht vorüber. Bei Tagesanbruch beteten wir die Mette und darnach die Prim im Kämmerlein bei Christina. Als wir geendigt, sprach ich zu Christina: „Gedenkst du heute die h. Kommunion zu empfangen, wie du gestern es mir gesagt?“ —„Ja,“ erwiderte sie. „Nun denn, sprach ich zu ihr, so hüte dein Herz mit aller Sorgfalt, daß du an nichts anderes denkst als an Jesus, den du empfangen willst.“ Sie erwiderte: „Es würde mir schwerfallen, an etwas anderes zu denken.“ Darauf gingen wir zur Kirche. Wir beide Brüder lasen die h. Messe und währenddessen trug der Pfarrer Christina die h. Kommunion. Mittags speisten wir beim Pfarrer und gingen dann, bevor wir die Rückreise nach Cöln antraten, zu Christina. O wie hatte die Hand des Herrn hier alles umgewandelt! Es herrschte der lieblichste Wohlgeruch statt des abscheulichen Gestankes, die süßeste Ruhe statt Mühsal und Schmerz, Lob und Jubel statt Betrübnis und Angst, Anstand und Sauberkeit statt ekelhaften Schmutzes. Im Kämmerlein trafen wir Hilla vom Berge, Hilla, Christinas Schwester, Hilla von Ingendorf und Gertrud, des Pfarrers Schwester. Sie waren die Zeugen unserer Betrübnis gewesen, sie waren nun auch die Zeugen unserer Tröstung. Christina war in Verzückung, ohne jegliche Regung und Empfindung. Alle sahen mit Erbauung das Zeichen des Kreuzes in der linken Hand der Jungfrau. Es war ein dreifaches Kreuz, da der Querbalken des Hauptkreuzes an beiden Enden in ein kleineres Kreuz ausmündete. Die Brüder schieden von dannen; Christina aber, entrückt wie sie war, wurde nichts von ihrem Abschiede gewahr.

Weihnachten fiel im Jahre 1268 auf den Dienstag. Am vorhergehenden Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif, dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte, nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom Regen durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer waren, zum Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas, woselbst sie unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem Gefährten sowie den Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung der Anwesenden fügte Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr Teufel, mich darfst du nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn du des Teufels Freund bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein Feind.“ Gerhard nahm nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina saß, Petrus aber zu dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so saßen, schreibt Petrus, kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand war, eineschmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf mich zugeflogen und benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze Türe neben mir. Nach dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum Feuer gehen, das vor der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch wurde er mit seinem neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst angelegt hatte, vom Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen angeblichen Freund so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude. Der Teufel überbot in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er bisher an Besudelung geleistet, sondern brannte auch Christina, wie er es bereits in den sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit einem glühenden Stein. Um Mitternacht nämlich, da ich neben Christina saß und sie tröstete, begann sie plötzlich sich zu krümmen und zu zittern und es brach ihr der Schweiß aus. „Was ist geschehen?“ fragte ich, „woher diese Angst und dieser Schweiß?“ — „Wundere dich nicht,“ antwortete Christina, „hier vor meinen und deinen Augen sehe ich einen schrecklichen Dämon stehen, mit einem glühenden Steine in den Händen und er droht mir, mich damit zu brennen.“ Ich tröstete sie, soweit ich konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach einer Weile legte der Teufel wirklich einen faustdicken, glühenden Stein auf ihre linke Seite unter die Kleider und drückte ihn so stark ins Fleisch hinein, daß er darin unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem Körper zusammengewachsen gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein gesehen und mit den Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel den Stein unter ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter, wo er bis zum ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.

Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch kurze Zeit habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und auch sein Unwesen der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten deshalb, Christina allein zu lassen; denn, wenn ein Priester ihr beistand, wütete er nicht so sehr. Wir sprachen uns also ab, daß Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche gehen sollten, um die Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, — es war tags vor Weihnachten — Bruder Gerhard aber und ich bei Christina bleiben sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte schon bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht ausder Kirche zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau, die beginnen mit den Worten:Rorate caeli desuper. Als wir an das Evangelium:Missus estgekommen waren, kniete ich mit beiden Knien auf die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas, damit die Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte. Kaum war ich mit dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der Unlauterkeit brachte unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen Kopf und Schleier eine dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich kam der Pfarrer aus der Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald zurückkommen. In dieser Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen und waren froh, bei Christina zu ihrem Troste einen Priester zurücklassen zu können. Auf dem Wege begegnete uns Bruder Johannes mit seinem Gefährten und fragte uns, wie es mit Christina stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach er, heftig bewegt: „Laßt uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und raschen Schrittes ging er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die h. Messe, und da während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war, schlossen wir, nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper an.[36]

Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren, haben es uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte gleich sein wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu durchwühlen und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu singen. Er sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch geordnet und endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo ist nun dein Gott? Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen wiederholte er diese Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin dein Gott. Ich bin dein Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen Gesang mehrfach wiederholt hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens erkenne, daß ich dein Gott bin; denn ich habe Macht, mit dir zu tun, wasmir beliebt.“ Dann beschimpfte er die Diener Gottes und sprach: „Wo sind die geschorenen Narren, die bei dir waren? Ich werde sie jetzt so zurichten, daß sie sich nicht mehr unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da sprach endlich Christina, entsetzt über die dem Namen Gottes zugefügte Beleidigung, mit erhobener Stimme, so daß alle, die da saßen, es hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft des Leidens unseres Herrn Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen beweisest, was du gesagt hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache, er ließ ab vom Singen, Versemachen und Reimbilden und gleich einem abgelebten Greise begann er mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit zu bekennen und sprach: „Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt habe; ich bin nicht Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und die Teilnahme an seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren. Es ist mir aber von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen zu können, und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt hat, bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben. Und weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.

In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber waren, ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion. Bei Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte ihm. Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz starr. In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief in die folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr und nahmen dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren Liebe wahr, woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die sie erduldet, nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.

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Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt. Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung durch sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks zu beleidigen. Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir Folgendes: Der Teufel erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz elendes und mühseliges Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine Ruhe hast. Die aber in der Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im Familienleben. Auch sind viele unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner jetzigen Lebensweise entsagen wolltest und leben wie Weltleute, so würde ich dich reich machen und dein Leben verlängern, so lange du willst.“ Christina antwortete ihm: „Verfluchter, du lügst. Für Gott ist mir keine Mühe zu viel, und was du versprichst, vermagst du nicht zu halten.“ Darauf der Teufel: „Die Ordensleute, die Geistlichen und alle Enthaltsamen sind betrogen; ihre Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott hat von Anbeginn es so angeordnet, daß alle Menschen im Ehestande leben sollen. Wenn auch du das befolgen würdest, könntest du leicht und eher selig werden.“ Um diesen Versuchungen mehr Reiz zu geben, begleitete der Teufel sie mit allerhand unlauterem Blendwerk. — Wochenlang quälte er so Christina, vermochte jedoch nicht ihren Sinn zu beugen. Da sprach der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so wisse, daß ich dich beschämt machen werde vor aller Welt. In der Kirche werde ich einen kleinen Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß er von dir sei.“ Diese Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie in der Kirche war und zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor, als ob die Leute sich zuflüsterten:„Schauet da die elende Heuchlerin, wie sie die Menschen betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an den Tag; sie hat ja ein Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit dieser Angst und wagte es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich überwand sie diese Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man immerhin rufen; Gott weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in der Nacht folgendes Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen, habe Mitleiden mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung von mir.“ Da antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe Geduld; deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir für die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte, war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion und wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß noch trank und kein Wort reden konnte.

Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du doch, sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest dich fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und konntest den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst du gar zu vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern plauderst du in der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf diese Weise wirst du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich geht es nicht.“ Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht durchwachte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn gehen wollte, kam jener alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn es ein Engel vom Himmel gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion zu gehen. Tue das nicht um dreier Ursachen willen. Erstens wird die Hostie zur Erde fallen, wenn der Priester sie dir in den Mund legt, und das wird eine große Störung verursachen. Zweitens mußt du auch billig erkennen, daß du eine Sünderin bist und deshalb gänzlich unwürdig. Drittens weiß der Pfarrer dieses auch und ist deshalb in übler Stimmung.“ Christina wähnte, ein Engel rede zu ihr, hatte aber doch Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr kundtun, ob diese Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand ein gewaltiges Gepolter und alleswar vorbei. Morgens ging sie zur Kirche, wagte aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe. Der Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe sie von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht zum Tische des Herrn.

Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus. Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb wollte er vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In der Fastenzeit kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu Christina. Zur Zeit der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung. Darob wurde sie sehr zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er möge am folgenden Tage die Messe von der seligsten Jungfrau nicht lesen, sondern singen. Petrus kam dem Wunsche nach und sang die Messe „Rorate caeli desuper“. — Trauet Himmel den Gerechten —, für die er eine besondere Vorliebe hatte. Als nach Beendigung des Gottesdienstes das Volk die Kirche verließ, blieb Christina, ohne sich zu regen, auf ihrer Stelle zurück. Da sprach der Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir, daß Christina entrückt ist.“ Petrus und Bruder Johannes gingen nun auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der Mantel aber, mit dem sie ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über dem Kopfe wie mit Tau benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am Gelenke zwischen Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben Eies hatte, befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte dann mit dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand. Von diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war. Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten die beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln zurück.

Während dieser Fastenzeit hatte Christina noch eine andere ganz schreckliche Versuchung gegen die jungfräuliche Reinheit zu bestehen, die von Pfarrer Johannes umständlich berichtet wird.[37]Es befand sich damals in Stommeln oder nahebei einelender, schrecklicher Mensch, der ein Ausbund aller Laster und ein berüchtigter Räuber war. Wie sehr Christina diesen Menschen auch fürchtete und seine Stimme ihr Grausen erregte, so kam ihr doch wider ihren Willen die Neigung, diesen Menschen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Schon im Mai des vorhergehenden Jahres hatte diese unerklärliche Neigung sich bemerkbar gemacht. Jetzt nun kam in der Nacht der Versucher in Gestalt jenes schlechten Menschen zu Christina und sprach: „Geliebteste, siehe, ich bin es. Ich bin hereingekommen; das Haus ist offen. Dein Vater und deine Mutter wissen nicht, daß ich hier bin; Du brauchst nichts zu fürchten.“ Dann kam er näher auf sie zu und ergriff ihre Hände. Christina glaubte, den Räuber vor sich zu haben und schrie aus allen Kräften: „Wenn Ihr mich berührt, so wisset, daß der Dämon Euch umbringen wird.“ Dann bat sie ihn beim Leiden unseres Herrn, sie in Ruhe zu lassen. Der Versucher aber entgegnete: „Trauteste, nie habe ich ein Menschenkind so sehr geliebt wie Dich. Wenn Du mir nur einen freundlichen Blick schenken wolltest, so würde ich fürderhin nicht mehr schlecht sein. Wenn Du es willst, werde ich gut sein, und wenn Du es willst, werde ich schlecht sein. Ich werde Dich zu einer vornehmen Frau machen, Dir schöne Kleider kaufen, Dir soviel Geld geben, als Du haben willst, und nichts wird Dir mangeln. Ich nehme Dich mit; Deine Eltern werden nichts davon gewahr, und ich bringe Dich zu reichen und feinen Leuten, wo Du ein herrliches Leben haben wirst.“ Allein Christina antwortete nicht und richtete alle ihre Gedanken auf das Leiden unseres Herrn. „Du bringst mich ums Leben, begann er nun zu schluchzen, ich muß sterben, weil Du mich verschmähst; ich vermag nicht mehr zu schlafen und kann weder essen noch trinken.“ Als aber alles fruchtlos blieb, änderte der Versucher seine Sprache und schrie: „Ich werde doch meinen Willen an Dir vollbringen!“ und dabei ergriff er sie mit Gewalt, wie wenn er sie hätte umbringen wollen. Christina aber schrie zu Gott: „Herr, stärke mich in dieser Stunde!“ Dann zog der Versucher ein Messer hervor, setzte es ihr auf die Brust und sprach: „Ich ermorde Dich, wofern Du mir nicht zu Willen bist.“ Christina entgegnete: „Meinem Herrn Jesus Christus habe ich Treue gelobt; für seinen Namen zu sterben ist mein Wunsch.“ „Doch nicht so, erwiderte der Versucher, Dein Vater und Deine Mutter sollen die ersten sein; ich willalle im ganzen Hause ermorden, Dich aber fürs letzte aufsparen.“ Alsdann lief er mit dem Messer durchs Haus und tat so, wie wenn er am Morden wäre, Christina aber hörte erbärmliches Weinen und Jammern. Es war das alles freilich teuflische Gaukelei. Dann hörte sie, wie ihr Vater, es war in Wahrheit der Teufel, zu dem Verführer sprach: „Halte ein! töte mich nicht; ich will sie bereden, daß sie Dir zu Willen sei.“ Und alsdann kam dieser Teufel zu Christina in der Gestalt ihres Vaters — Christina jedoch glaubte wirklich, es sei ihr Vater — und sprach zu ihr: „Liebste Tochter! gedenke, daß ich kein anderes meiner Kinder so geliebt habe wie Dich; willige doch ein, damit Du mir das Leben rettest. Du wirst es doch nicht vor Gott verantworten können, wenn ich um Deinetwillen getötet werde.“ Christina aber, obgleich voll Mitleid mit dem vermeintlichen Vater, sprach herzhaft: „Vater, Ihr sagt, ich solle Gott verlassen! Wisset Ihr denn nicht, daß Gott für uns gestorben ist. Seid deshalb standhaft und erleidet freudig den Tod.“ Der Verführer stürzte sich alsdann auf Christinas Vater und versetzte ihm den Todesstoß; Christina hörte sein Röcheln. Dann kam er auf Christina zu. Diese aber entriß ihm behend das Messer, stieß es sich selbst in die Hüfte, um durch den Schmerz der Verwundung aller sinnlichen Empfindung vorzubeugen, und rang mutig mit dem Versucher, der alsdann beschämt die Flucht ergriff. Das Messer jedoch blieb zurück. Christina bediente sich desselben später beim Essen und der Pfarrer Johannes hat es sich nachher von ihr zum Geschenke erbeten. Die Wunde aber, die Christina sich beigebracht, blutete drei Tage lang. Sie lag da und weinte, da sie glaubte, sterben zu müssen und sich quälte mit dem Gedanken, sie habe selbst den Tod herbeigeführt. Da sie nun so weinte, kam ein Jüngling in Himmelsschönheit zu ihr und sprach: „Sei ohne Furcht, geliebteste Tochter! Siehe, ich bin Jesus Christus, dem Du Treue gelobt hast, ehe Du zu den Beginen kamst. Laß alle Sorge fahren; an dieser Wunde wirst Du nicht sterben. Du hast Deine Treue gegen mich bewährt. Und wie Katharina, da sie um meinetwillen die Welt verachtete, den Tod erduldete und deshalb ihr Tod kostbar war in meinen Augen, so würdest auch Du, wenn Du an der Wunde, die Du in gleicher Gesinnung Dir beigebracht, gestorben wärest, den gleichen Lohn erhalten haben wie sie.“ Bei diesen Worten machte er dasKreuzzeichen über die Wunde und augenblicklich hörte diese auf zu bluten, und aller Schmerz war verschwunden. Am Gründonnerstage kam Petrus wieder nach Stommeln. Seine Abreise nach Paris hatte sich nämlich verschoben, da die Brüder aus Dazien, die mit ihm reisen sollten, noch nicht angekommen waren. Er kam als Begleiter des Bruders Johannes von Muffendorf, der vom Pfarrer von Stommeln zum Osterfeste war eingeladen worden. Die Brüder Aldebrandino und Mauritius hatten sich mit Erlaubnis des Priors Hermann ihnen angeschlossen. Zur Zeit der Komplet kamen die vier Brüder in Stommeln an und begaben sich alsbald in die Kirche, wo sie, wie Petrus sagt, die Reliquien der Heiligen oder vielmehr die Heiligen, deren Gebeine dort aufbewahrt wurden, begrüßten. Dann trat Petrus auf Christina zu, die vor dem Altare der allerseligsten Jungfrau saß, da sie in Folge des erlittenen Blutverlustes sich sehr schwach fühlte. Sie erlitt sogar einen leichten Ohnmachtsanfall, bei dem Petrus in ihrer linken Hand, die etwas unter dem Mantel hervorgekommen war, fünfzehn Malzeichen wahrnahm. Sie waren sämtlich rund von Gestalt, rötlich von Farbe und wohl geordnet. Das größte Malzeichen befand sich in der Mitte der Hand und hatte die Größe eines Sterlings. Um dieses herum waren vier andere, die etwas kleiner waren, so verteilt, daß sie ein Kreuz bildeten. Von den zehn übrigen, die noch kleiner waren, befanden sich zwei auf den unteren Fingergliedern. Christina hatte von ihrem himmlischen Bräutigam für die in der schrecklichsten Versuchung bewiesene Treue für die linke Hand, wie es ja bei Verlobten Brauch ist, ein bräutliches Abzeichen erhalten. Als die Komplet zu Ende war, wurde nach Landesbrauch zur Dämmerstunde die düstere Mette gesungen, gegen deren Ende die Lichter allmählich ausgelöscht werden und zu deren Schluß etwas Geräusch mit den Sitzklappen des Chorgestühls gemacht zu werden pflegt. In Stommeln scheint die Jugend für diesen geräuschvollen Schluß der Mette eine besondere Vorliebe gehabt zu haben. Als die Ordensbrüder nach demBenedictusdasKyrie eleisonsangen und alles finster war, fing, wohl aus Irrtum, die Jugend schon an vorzeitig Geräusch zu machen und die Erwachsenen halfen redlich mit. Während dieser Störung des Gottesdienstes wurde ein großer Teil des Volkes im Schiffe der Kirche mit Unrat besudelt. Christina aber blieb von der Besudelung unberührt,wiewohl diejenigen, die um sie herum saßen, von ihr sämtlich betroffen wurden. Am meisten waren gerade jene besudelt worden, die ihre Zunge gegen Christina geübt und ausgestreut hatten, die Besudelungen, die Christina im Advent erlitten, seien Erdichtungen. Die Unruhe wurde durch die Besudelung noch gesteigert, legte sich dann aber allmählich und jeder begab sich nach Hause. Christina wurde von ihrem Vater nach Hause geführt; denn sie konnte vor Schwäche nicht allein gehen. Petrus begleitete sie bis zum Scheidewege, wo er auf dem andern Wege zum Pfarrhause hin abbog. Die ganze folgende Nacht war Christina wie entrückt und ihre Gedanken waren derart mit dem Leiden Christi beschäftigt, daß sie kaum beachtete, wenn man mit ihr sprach. Jungfrauen hielten bei ihr Wache. Am Morgen des Karfreitags gingen die Ordensbrüder Aldebrandino und Mauritius nach Cöln zurück, sprachen aber zuvor in Begleitung des Pfarrers bei Christina vor, sahen jedoch nichts anderes, als daß sie zu Bette lag und das Gesicht mit dem Schleier bedeckt hatte. Zur Zeit der Terz, d. h. um neun Uhr morgens, sprachen auch Petrus und Johannes vor und fanden Christina ganz starr wie eine Leiche. Sie gingen alsdann zur Kirche und hielten den Karfreitagsgottesdienst, wie es für diesen Tag Vorschrift und Brauch war. Nachmittags verfügten sich die drei wieder ins Kämmerlein Christinas, verrichteten ein Gebet, damit Gott ihnen zeigen möge, was, wie sie vermuteten, an Christina vorging, und dann sprach Petrus zu den beiden Johannes: „Ihr habt noch immer Zeit und Gelegenheit; ich aber werde bald abreisen und kann nicht hoffen, jemals wieder an solchem Tage an diesen Ort zu dieser Person zu kommen. Es würde mir sehr wehe tun, wenn ich des Trostes entbehren sollte, den ich hier zu finden hoffte. Ich hatte mich darauf gefreut, das jetzt selbst zu sehen, was ich im vorigen Jahre von andern gehört habe.“ Zum Pfarrer gewandt, sprach er dann: „Du weißt gar wohl, daß nur die Liebe Christi uns hierher führt und das Bestreben, der Wahrheit zu dienen und das Zweifelhafte aufzuhellen. Strecke nun, ich bitte Dich, Deine Hand aus und berühre ihre Fußsohle.“ Er tat es mit großer Scheu, und als er die Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Blut überronnen. Da sprach Petrus: „Lasset uns eines von den Mädchen rufen, damit dieses uns die äußersten Teile der Füße aufdecke und wir so feststellen können,was dieses bedeutet.“ Da die Beiden, so fährt Petrus fort, mit dem Vorschlage einverstanden waren, rief ich Hilla vom Berge und ersuchte sie, den untersten Teil der Füße Christinas aufzudecken. Diese entschuldigte sich anfangs, gab aber doch meiner Bitte und ihrer Begründung nach und tat, was ich wünschte, mit großer Ehrfurcht und heiliger Scheu. Und wir alle vier sahen, was ich hier schreibe: In der Mitte des rechten Fußes, und zwar an seiner obern und untern Seite, war eine Wunde, etwas größer als ein Sterling, und aus ihr flossen vier Bächlein Blutes von ziemlicher Breite, jedoch nicht auf die Zehen hin, sondern seitwärts. Da wir das sahen, suchte jeder von uns sich einen Winkel, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen, weil Christina mit dem Heilande litt, und seine Wunden an ihr zur Ausprägung gekommen waren. Als wir uns ausgeweint hatten, gingen wir zum Pfarrhause zurück, nahmen ein kleines Mahl, wie es sich für den Tag schickte, und gingen dann vor der Komplet wieder zum Hause Christinas. Sie atmete nicht und war ganz starr. Ich sprach deshalb zum Pfarrer: „Laßt uns doch versuchen, an ihrem Haupte nachzuschauen, ob auch dort sich ein Merkmal des Leidens Christi vorfindet!“ Dieser erwiderte: „Ich sehe nicht, wie das möglich ist. Denn Gesicht und Kopf hat sie mit größter Sorgfalt verhüllt.“ Sie hatte nämlich die Arme kreuzweise über die Brust gelegt, so daß die Hände die Wangen berührten, und hielt dabei den vordern Saum des Schleiers, womit sie Kopf und Gesicht geschickt verhüllt hatte, zwischen den Fingern fest. Auf mein abermaliges Ersuchen machte indes der Pfarrer den Versuch, die Stelle am rechten Ohre in etwa aufzudecken. Soviel ich jedoch bemerken konnte, war dort kein Wundmal zu sehen. Als er aber das Gesicht aufgedeckt hatte, sahen wir auf der Stirne drei Blutbächlein von je zwei Finger Breite wie aus einem Quell herabfließen. Das mittlere strömte auf die Nase, die beiden anderen auf die Schläfen zu. Aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gegenwart, die sich hier in so deutlichen Zeichen zu erkennen gab, trugen wir Scheu, das göttliche Geheimnis weiter zu erforschen. Wir hörten jedoch nach dem Ostertage von den Jungfrauen, die Christinas Vertraute waren, daß auch ihr Untergewand dort, wo es die Herzgegend berührte, in Handbreite mit Blut getränkt war. Und während der Osteroktav haben wir selbst, als wir mit Christina aßen, an beiden Händen die Spurender Wundmale auf der Vorder- und Rückseite deutlich wahrgenommen. Vor Sonnenuntergang kam Christina wieder zu sich und ich fragte sie: „Wie befindest Du Dich?“ — Sie antwortete ganz leise: „Ich bin sehr schwach. Rede nicht weiter mit mir; denn ich kann Dir nicht antworten vor Bitterkeit im Munde und Gaumen.“ Wir ließen nun Christina allein und gingen zur Kirche. Am Karsamstage zur Zeit der Komplet, während Bruder Johannes in der Kirche Beicht hörte, ging ich wieder zu Christina, an der ich große Herzensfreude wahrnahm. Wir unterhielten uns über die beschauliche Betrachtung und Liebe Gottes, wobei Christina reichlichen Stoff lieferte. Am Ostermorgen begab sie sich ganz in der Frühe, zu Pferde, in weltlicher Kleidung, von ihrem Vater begleitet, zur Kirche. Sie hatte nämlich an Stelle des Mantels ein leinenes Tuch umgelegt. Sie begab sich zu Pferde zur Kirche, weil die Wundmale an den Füßen sie am Gehen hinderten. Auch hoffte sie so, unerkannt zu bleiben und das, was an ihr geschehen war, zu verheimlichen. Weil nämlich im vorigen Jahre der Pfarrer ihr die h. Kommunion am Ostertage ins Haus gebracht hatte, war aus diesem Anlasse Gerede entstanden und das Gerücht über ihre Wundmale hatte sich verbreitet. Christina empfing in der ersten Messe die h. Kommunion, blieb dann vollständig verzückt bis nach Mittag und kam ganz zu sich vor der Komplet. Während der Osteroktav kam auch Bruder Wipert wieder nach Stommeln und hielt eine Predigt, während der Christina in Verzückung kam und in ihr blieb bis zur Vesper. Am Samstage vor weißen Sonntag sprach Bruder Salomon aus Ungarn auf der Durchreise nach Paris in Stommeln vor, um dort seinen Freund, Bruder Petrus, zu begrüßen. Dieser erzählte ihm von den Wundmalen Christinas und Salomon wünschte gar sehr, diese zu sehen. Petrus sagte ihm, dann möge er sich wohl hüten, Christina über diese Dinge zu befragen, weil sie dann gleich ihre Hände verbergen würde; er solle vielmehr zusehen, ob an seinen Kleidern nichts aufzubessern sei, und Christina dann bitten, die Ausbesserung vorzunehmen. Und wirklich fand Wipert, daß an seiner Kapuze sich eine Naht aufgetrennt hatte. Er bat nun Christina, sie möge die Naht wieder zunähen, und während sie daran arbeitete, war es Bruder Wipert vergönnt, die Spuren der Wundmale an ihren Händen zu sehen.

Am weißen Sonntag kam zur Vesperzeit hoher Besuch in Stommeln an. Zu Pfingsten sollte das Generalkapitel des Dominikanerordens in Paris gehalten werden. Alle drei Jahre fanden diese Generalkapitel statt und zwar abwechselnd einmal jenseits, das andere Mal diesseits der Alpen. Auf der Hinreise zu diesem Kapitel hielten nun der Cölner Prior, Hermann von Havelbrech, und der Prior von Straßburg, Arnold von Xanten, der damals Definitor des Generalkapitels war, mit ihren Gefährten in Stommeln an. Die Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln war schon vorher mit den Stiftsfräulein eingetroffen, um die Brüder, dreizehn an der Zahl, auf ihrem Hofe aufzunehmen und zu bewirten. Montags besuchte Prior Hermann Christina und sprach bei der Rückkehr das bezeichnende Wort: „Dieses Antlitz ist nicht dasjenige eines Menschen, der auf Erden wandelt.“ Petrus stimmt diesem Urteile bei und fügt hinzu: „Ueber dieses Antlitz war auch körperlich ein Anflug von Glanz ausgegossen, wie ich ihn nie im Angesichte eines sterblichen Menschen, mit Ausnahme eines Einzigen, wahrgenommen habe.“ Dieser Einzige wird wohl der große h. Thomas von Aquin gewesen sein, der nachmals in Paris Lehrer des Petrus war und mit der Sonne verglichen zu werden pflegte. Petrus hielt die Messe von der seligsten Jungfrau und der Prior Arnold predigte in derselben über das Evangelium: „Stabat iuxta crucem Jesu— Es stand neben dem Kreuze Jesu seine Mutter“, das die Weltpriester um jene Zeit im Cölner Erzbistum zu lesen pflegten. Christina kam während der Predigt in Verzückung und blieb bis zum Abend ohne Bewegung und Empfindung. In diesem Zustande haben die meisten der Dominikaner sie beobachtet und sich daran sehr erbaut. Nachmittags setzten die einen der Brüder ihre Reise nach Paris fort, die andern, unter ihnen Petrus und Johannes, kehrten nach Cöln zurück.


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