„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25. August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen, nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu empfangen wünscht.[49]Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch allzeit im Herrn.“
„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25. August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen, nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu empfangen wünscht.[49]
Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch allzeit im Herrn.“
Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent 1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:
„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde, dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß sowie unvergänglichen und vollen Trostim Herzendes Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag, so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen, die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50]Was nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen? Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O, möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten, wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen. Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue und Liebe,vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder, worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade Euch.10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich Euer Liebden für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so väterlich erwiesen habt, und abermals bitte ich flehentlich imgeliebten Herzendes vielgeliebten Bräutigams und Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in diesem meinem Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang all meiner Besorgnis ist, mir Euern Liebeserweis weder versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch Zögern mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen zu betrüben und den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder erzielen könnt, durch Hinausschieben gänzlich in Frage zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder, so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist und sich nach Euerer Ankunft sehnt, durch Euern Rat und Beistand zum Hafen des Heils geführt wird oder aber, zum bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil in Gefahr bringen, betört, heilsame Ratschläge von sich weisen und in den Abgrund des Lasters versinken wird. Es liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich gar sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der bereits zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit Sicherheit annehme, an den kommenden Quatembertagen die Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner Schüler hat aber derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner bisherigen Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun wegziehen, so können Euer Liebden leicht ermessen, daß dies mir mehr Schmerz verursachen würde als der Tod irgend eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft, damit Ihr meinen Bruder mitnehmet und auch mir raten möget, was wir tun und wohin wir gehen sollen. Deshalb bitte ich nochmals undabermals flehentlich: Kommet doch. Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig und herzlich zu Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte und trostlose Tochter. Johannes läßt Euch sagen, daß er manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben hat. Wenn Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr möglichst bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der Liebe Christi!“
„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde, dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß sowie unvergänglichen und vollen Trostim Herzendes Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.
Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag, so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen, die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50]Was nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen? Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O, möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten, wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen. Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue und Liebe,vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder, worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade Euch.
10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich Euer Liebden für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so väterlich erwiesen habt, und abermals bitte ich flehentlich imgeliebten Herzendes vielgeliebten Bräutigams und Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in diesem meinem Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang all meiner Besorgnis ist, mir Euern Liebeserweis weder versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch Zögern mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen zu betrüben und den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder erzielen könnt, durch Hinausschieben gänzlich in Frage zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder, so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist und sich nach Euerer Ankunft sehnt, durch Euern Rat und Beistand zum Hafen des Heils geführt wird oder aber, zum bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil in Gefahr bringen, betört, heilsame Ratschläge von sich weisen und in den Abgrund des Lasters versinken wird. Es liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich gar sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der bereits zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit Sicherheit annehme, an den kommenden Quatembertagen die Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner Schüler hat aber derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner bisherigen Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun wegziehen, so können Euer Liebden leicht ermessen, daß dies mir mehr Schmerz verursachen würde als der Tod irgend eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft, damit Ihr meinen Bruder mitnehmet und auch mir raten möget, was wir tun und wohin wir gehen sollen. Deshalb bitte ich nochmals undabermals flehentlich: Kommet doch. Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig und herzlich zu Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte und trostlose Tochter. Johannes läßt Euch sagen, daß er manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben hat. Wenn Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr möglichst bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der Liebe Christi!“
Diesen Brief erhielt Petrus im Herbste 1281, als er zum Provinzialkapitel in Skeninge weilte. Sogleich besprach er sich bezüglich der Anliegen Christinas mit dem Prior der Insel Gotland, Bertold, der ihr eine Unterstützung im Betrage von zwölf Sterlingsschillingen (solidi sterlingorum) zuschickte und zugleich den guten Rat erteilte, ihren Bruder Sigwin nach Gotland einzuladen und seine Aufnahme in den Dominikanerorden in die Wege zu leiten. Der bereits mehrfach erwähnte Bruder Mauritius, ein Bekannter Christinas, sollte den zum Definitor des für den Frühling 1282 in Wien anberaumten Generalkapitels seitens der Provinz Dazien erwählten Bruder Johannes auf der Reise begleiten und dieser sollte, da die Reise über Cöln ging, den Sigwin mitbringen. Mauritius brachte drei Briefe nach Stommeln mit, einen Brief des Bruders Petrus für Christina, desgleichen einen Brief des Priors Bertold an Christina, in denen Christina eingeladen wird, mit Sigwin nach Gotland zu kommen, wo sie in einem Kloster der Dominikanerinnen alle Tage ihres Lebens Gott dienen könne. Sie könne dort ihr jetziges Ordenskleid beibehalten oder auch das Ordenskleid der Dominikanerinnen annehmen. „Doch,“ schreibt Petrus, „will ich Euch in dieser Sache nicht meine Meinung aufdrängen; denn ich weiß, daß Ihr den Geist Gottes habet, der Euch in allem zu belehren pflegt.“
Der dritte Brief war für Magister Johannes bestimmt und von Bruder Petrus geschrieben. Aus ihm ersehen wir, daß im Sommer 1281 die Abhandlung von den Tugenden, die das erste Buch der Jülicher Handschrift bildet, durch einen jugendlichen Cölner Bürger, Johannes von Stolzenberg, dem Magister Johannes und Christina aus Gotland war überbracht worden. Auch ein Mann von vornehmer Herkunft, Johannes, Bruder der Miliz Christi, d. h. des dritten Ordens des h. Dominikus, schrieb an Christina, er habe von seinen Eltern eine besondere Vorliebe für den Dominikanerorden überkommen und selbe auch bewahrt. Auch habe er zwei Schwestern, von denen eine, Namens Christina, bereits gestorben sei. Beide hättendas Kleid der Schwestern des h. Dominikus genommen und es länger als zehn Jahre allein im Königreich Schweden getragen. Ihr Verlangen nach Zuwachs sei leider lange Zeit hindurch unerfüllt geblieben. Jetzt endlich sei mit Bewilligung des Königs von Schweden und des zuständigen Diözesanbischofs sowie des Provinzials von Dazien ein schön und günstig gelegenes Kloster gegründet worden, das er aus seinem Vermögen sowie demjenigen seines Bruders Andreas und seiner Schwestern mit Einkünften ausgestattet habe. Dahin ladet er Christina mit ihrem Bruder Sigwin ein, damit sie dort an die Stelle seiner verstorbenen Schwester Christina trete. Auch Helborgis und ihre Schwester, die beide Beginen auf Gotland waren, luden Christina zu sich ein, wobei sie bemerkten, daß sie unter Leitung der Dominikaner ständen. Der Definitor der Provinz Dazien auf dem Generalkapitel in Wien, Johannes, starb zu Wien oder auf der Reise und sein Begleiter Mauritius schrieb nun nach Cöln an Bruder Laurentius aus Dazien, der in Cöln studierte, er möge Christina wissen lassen, ihr Bruder Sigwin solle sich bereit halten, um mit ihm, Mauritius, bei seiner Rückreise aus Oesterreich zu Bruder Petrus nach Dazien zu reisen.
Auch empfiehlt er die Seele des verstorbenen Definitors Johannes in Christinas Gebet und läßt ihr danken für das h. Haupt, das sie diesem verschafft habe.
Am Feste Peter und Paul oder kurz nachher ist dann Sigwin mit Bruder Mauritius nach Dazien abgereist. Am Vorabend des h. Laurentius langten die beiden in Wisby auf Gotland an, woselbst gerade das Provinzialkapitel gehalten wurde. Die beiden überbrachten dem Bruder Petrus einen Brief Christinas, den letzten, der uns erhalten ist. Derselbe lautet wie folgt:
„Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und Freunde, geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus, Lesemeister auf Gotland, entbietet seine gar arme Tochter Christina von Stommeln, demütiges und frommes Gebet und was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des ewigen Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für die Güte und Treue, die Ihr mir allerorts und in allen Stücken in väterlicher Huld erweiset, jetzt aber dadurch, daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich bemühtet, in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch niemals genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe, jener süßeste Bräutigam und Freund, der gütig und getreu ist und ein überaus gnädigerBelohner alles Guten, möge statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu Euch reisen und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo. Er ist aufrichtigen Sinnes, schüchtern im Auftreten und sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen Brüdern und Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde sein ewiges Heil wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen und gütiges Zureden zu fördern gesucht. Und nun bitte ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit der wir uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling und Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm die Erweise Euerer Liebe noch mehr als mir selbst, wenn ich in Person bei Euch wäre, um Gottes willen zukommen lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen, daß er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster Unterkunft findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn behandelt, ihn wie eine zarte Pflanze durch gütiges Zureden und heilsame Lehre gleichsam bewässert und zum Ordensleben anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit allen Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch ein besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich nicht bewerkstelligen lassen, so bitte ich inständigst und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem besondern Freunde, dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern jenes Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz legen, daß sie ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges Zureden und trauliche Unterredungen ihn zum Guten anleiten und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine Gemütsart erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch. Und weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in aufrichtiger Liebe und besonderer Ergebenheit zugetan bin, so bin ich voller Freude und Wonne darüber. daß mein Bruder in denselben Aufnahme findet. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern Orden als demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird, daß nicht die fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende Entfernung von der Heimat und die Strenge der Ordenszucht ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen und, was Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze meines Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht herzlich, Ihr wollet zu meines Herzens großer Freude mir recht bald schreiben und mir im Einzelnen mitteilen, wo, wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch noch einen andern Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im Ordenskleide der Predigerbrüder hierher führet. Denn nichts könnte mich, sofern es Gottes Wille sein sollte, so sehr bewegen und bestimmen,in Euerem Lande meinen Aufenthalt zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und Paulus. Lebet wohl für immer.“
„Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und Freunde, geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus, Lesemeister auf Gotland, entbietet seine gar arme Tochter Christina von Stommeln, demütiges und frommes Gebet und was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des ewigen Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für die Güte und Treue, die Ihr mir allerorts und in allen Stücken in väterlicher Huld erweiset, jetzt aber dadurch, daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich bemühtet, in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch niemals genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe, jener süßeste Bräutigam und Freund, der gütig und getreu ist und ein überaus gnädigerBelohner alles Guten, möge statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu Euch reisen und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo. Er ist aufrichtigen Sinnes, schüchtern im Auftreten und sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen Brüdern und Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde sein ewiges Heil wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen und gütiges Zureden zu fördern gesucht. Und nun bitte ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit der wir uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling und Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm die Erweise Euerer Liebe noch mehr als mir selbst, wenn ich in Person bei Euch wäre, um Gottes willen zukommen lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen, daß er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster Unterkunft findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn behandelt, ihn wie eine zarte Pflanze durch gütiges Zureden und heilsame Lehre gleichsam bewässert und zum Ordensleben anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit allen Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch ein besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich nicht bewerkstelligen lassen, so bitte ich inständigst und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem besondern Freunde, dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern jenes Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz legen, daß sie ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges Zureden und trauliche Unterredungen ihn zum Guten anleiten und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine Gemütsart erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch. Und weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in aufrichtiger Liebe und besonderer Ergebenheit zugetan bin, so bin ich voller Freude und Wonne darüber. daß mein Bruder in denselben Aufnahme findet. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern Orden als demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird, daß nicht die fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende Entfernung von der Heimat und die Strenge der Ordenszucht ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen und, was Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze meines Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht herzlich, Ihr wollet zu meines Herzens großer Freude mir recht bald schreiben und mir im Einzelnen mitteilen, wo, wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch noch einen andern Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im Ordenskleide der Predigerbrüder hierher führet. Denn nichts könnte mich, sofern es Gottes Wille sein sollte, so sehr bewegen und bestimmen,in Euerem Lande meinen Aufenthalt zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und Paulus. Lebet wohl für immer.“
Am 9. August 1282 kam Sigwin, von Bruder Mauritius geführt, in Wisby an. Sie brachten auch ein Heiligenhaupt mit, das Christina für den inzwischen verstorbenen Definitor Johannes in Cöln besorgt hatte, wofür Petrus später seinen Dank ausspricht. Petrus besprach sich sofort in Wisby mit dem dort zum Provinzialkapitel weilenden Prior Bertold, und Sigwins Aufnahme in den Dominikanerorden wurde beschlossen. Bereits am Tage des h. Bernard (20. August) wurde er wahrscheinlich in Schöningen eingekleidet und erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in dortiger Gegend nicht gebräuchlich war. Bruder Petrus konnte in einem Briefe, den er vor dem Provinzialkapitel des Jahres 1283 an Christina schrieb, nur Gutes über ihren Bruder melden: Er sei gesund an Leib und Seele und von Gott und den Menschen geliebt. „Unsere Brüder,“ schreibt Petrus, „die ihn kürzlich sahen und lange Zeit mit ihm zusammen waren, haben mir erzählt, er sei Kellermeister unserer Brüder und führe dieses Amt so umsichtig, daß es allen eine wahre Freude sei. Auch sagten sie, er sei gottselig und eifrig besorgt, unsere Ordenssatzungen zu beobachten. Dafür, Teuerste, schuldet Ihr Gott innigsten Dank. Jetzt will ich, was ich bisher nicht wagte, Euch die Wahrheit gestehen. Wider Erwarten nämlich ist die Sache gelungen; denn, wenn Ihr wüßtet, wieviel hin und her überlegt wird, wenn es sich um die Aufnahme von Laienbrüdern in unsern Orden handelt, so würdet Ihr es für ein Wunder oder doch für einen besonderen Hulderweis Gottes erachten, daß Euer Bruder unter Unbekannten so schnell in den Orden aufgenommen worden ist.“ Vom Provinzialkapitel des Jahres 1284, dem Petrus als Prior von Wisby beiwohnte, erhielt Christina die weitere fröhliche Nachricht, daß ihr Bruder, wie es von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, unter die Leitung des Petrus komme. Noch vor dem Winter des Jahres 1284 wurde er ins Kloster zu Wisby versetzt, wo Petrus Prior war. Im Jahre 1287 war er aber wieder in einem andern Kloster. Denn Petrus meldet der Christina, ihr Bruder befinde sich sehr wohl und sei Gott und den Menschen wohlgefällig. Alle Ausgaben der Brüder seines Klosters gingen durch seine Hand und seien seiner Verwaltung übergeben. Auch habe er ihm geschrieben,es sei ihm sehr lieb, in dem Kloster zu verbleiben, in dem er sich jetzt befinde. Im Herbste 1287 jedoch starb Petrus und Bruder Folkwin, der am 9. September Christina die Trauerbotschaft meldete, stellte einen baldigen Besuch Sigwins in Stommeln in Aussicht. Weitere Nachrichten über Sigwin fehlen.
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Wie die Sonne nach ihrem Aufgange am Morgen sich allmählich immer höher erhebt und bei ihrem Hinaufsteigen immer mehr Licht ausstrahlt und immer mehr Wärme verbreitet, bis sie am Mittage in vollster Pracht und Herrlichkeit in der Höhe des Firmamentes erglänzt, so machte auch Gottes treue Dienerin Christina von Jahr zu Jahr, ja von Tag zu Tag immer größere Fortschritte in der Erkenntnis und Liebe Gottes. Und weil sie Gott liebte, deshalb war ihr Herz auch von aufrichtiger Liebe zum Nächsten erfüllt, der ja Gottes Ebenbild in sich trägt und zur ewigen Seligkeit berufen ist. In zweifacher Hinsicht betätigte sie vorzugsweise die Tugend der Nächstenliebe, in der Sorge um die Bekehrung der Sünder und im Erbarmen mit den armen Seelen im Fegfeuer.
Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was veloren war. Es darf uns daher nicht wundern, daß Christina, an der immer mehr die Präge Christi hervortrat, ganz besonders auf die Rettung der armen Sünder bedacht war. Der Versucher gestand ihr einmal, daß er die Länder durcheile und aus allen Ständen viele Seelen sich erwerbe. Sie aber raube ihm jene wieder, die er schon in seinem Besitz zu haben gewähnt. Sie bot sich nämlich als Schlachtopfer der Gerechtigkeit Gottes dar für die Sünden anderer, um Gottes Zorn zu beschwichtigen und den Sündern Erbarmung und Bekehrung zu erwirken. So lesen wir von ihr im dritten Buche der Jülicher Handschrift, daß in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1284, als sie sich für den folgenden Tag auf den Empfang der h. Kommunion vorbereitete, ein böser Geist, der sie bereits seit zwei Jahren des öftern mit einem Dreizackgemartert hatte, sie jetzt mit einem eisernen Haken, der zwei umgebogene Spitzen hatte, zerfleischte. Dieser böse Geist war immer stumm gewesen und Christina hatte nie die Kraft gehabt, ihn zur Rede zu stellen. Vom Herrn bestärkt sprach sie aber jetzt zu ihm: „Ich beschwöre dich in Kraft des Leidens meines Herrn Jesus Christus, daß du mir gleich sagest, weshalb du mich schon so lange und so heftig gequält hast?“ Jener erwiderte: „Nicht deinetwegen habe ich dies getan. Vom Allerhöchsten werde ich gezwungen, dieses zu tun, weil du ein so großes Verlangen hast, für die Sünden anderer zu büßen.“ In der Fastenzeit desselben Jahres hatte sie gar schreckliche Qualen zu erdulden, kam auch bei der h. Kommunion nicht in Verzückung, wurde aber am Abend des Freitags der ersten Fastenwoche über den Willen Gottes bezüglich der Leiden, die ihrer noch harrten, belehrt. Wozu diese Leiden dienten, das zeigte sich in den beiden Nächten der Karwoche, die dem Gründonnerstage vorangingen. In der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch schlangen sieben Teufel ihr eine glühende Kette um den Leib und schleppten sie aus ihrem Kämmerlein durch Disteln und Dornen in eine weit entlegene Gegend bis an einen großen Wald und sprachen dann zu ihr: „Siehe, Elendeste, in diesem Walde hausen sieben Räuber, die uns zu Willen sind, schon viele Mordtaten vollbracht und nicht wenige Seelen zu uns in die Hölle befördert haben. Wofern du nicht deinen Sinn änderst, so schleppen wir dich in den Wald hinein, schlagen ringsum eine Anzahl Bäume nieder, lassen aber einen stehen, an dem wir dich anbinden werden, locken alsdann durch unser Geschrei die Räuber herbei, die dich in deiner schmachvollen Lage sehen sollen, um dann mit uns und den Räubern in die Hölle zu fahren.“ Mutig entgegnete Christina: „Sparet euere Drohungen und tut, was euch vom Herrn befohlen ist.“ Wütend stürzten nun die Teufel auf sie los, schleppten sie in den Wald, erfüllten denselben mit furchtbarem Geheul, hefteten Christina mit der Kette an einen Baum und sprachen dann höhnend: „Nun rufe deinen Bräutigam an, deinen Herrn und Helfer.“ Christina aber sprach: „Mein Herr Jesus Christus wird mich nicht verlassen; euch Lügengeister aber wird die ewige Qual verschlingen.“ Die Teufel wichen nun zurück. — Vom ungewohnten Getöse aufgeschreckt waren aber unterdessen die Räuber herbeigekommen und sie hörten das standhafte Wort der Jungfrau.Mit neugieriger Scheu traten sie an den Baum heran, an den Christina angekettet war. Diese war aber derartig zugerichtet, daß die Räuber nicht wußten, ob sie ein menschliches Wesen vor sich hatten oder nicht. Auf ihr verwundertes Ausrufen, was denn los sei, und ob das etwa ein menschliches Wesen sei, was da hänge, sagte Christina, die bösen Geister seien hier im Spiele. „Ich aber,“ so fuhr sie fort, „bin wahrhaft ein Mensch von katholischem Glauben und zwar ein weibliches Wesen. Wisset aber, daß ich durch mich selbst in so großer Folter nicht mehr leben könnte; aber mein Herr Jesus Christus, der für mich gestorben ist, er ist mein Leben, mein Heiland, mein Schutz. Und weil ich in ihm lebe, so verschmachte ich nicht in den Leiden und verliere darin nicht mein Leben; denn er lebt in mir und redet aus mir und beschützt mich überall.“ Darüber erstaunten die Räuber und sprachen: „Wir kennen gar nicht diesen großen Gott und Herrn, der dir in so großen Leiden das Leben erhält, und wir glauben niemals, daß es nach diesem Leben noch ein anderes Leben gebe. Darum haben wir uns nicht gescheut, unsere Hände zu allen Freveltaten auszustrecken. In dieser Nacht aber haben wir so schreckliche Dinge gesehen und gehört, daß wir vor Angst fast vergangen wären.“ Christina aber erwiderte: „Es gibt einen wahren und allmächtigen Herrn Jesus Christus, der sich herabgelassen hat, für das Heil des menschlichen Geschlechtes am Kreuze zu sterben, der aber am dritten Tage wieder auferstanden ist und gen Himmel aufgefahren. Er ist das Leben aller, die einen gottseligen Wandel führen; er ist ein Helfer und Beschützer aller, die auf ihn vertrauen. Er wird auch denen, die an ihn glauben und ihm treu dienen, selige Unsterblichkeit schenken. Es gibt aber auch ein anderes, nie endendes, unseliges Leben, das eher Tod als Leben genannt zu werden verdient. Dieses ist für die Gottlosen und die Sünder bestimmt. Es ist die schreckliche Finsternis, in der häßliche und schreckliche Dämonen wohnen. Ihrer Gewalt werden diejenigen, die sich nicht zum Herrn bekehren wollen, sondern in ihrer Bosheit verharren, nach diesem Leben überliefert, um von ihnen mit unerträglichen Qualen ohne Erbarmen gepeinigt zu werden.“
Diese Worte machten Eindruck auf die Räuber und sie sprachen: „Wenn das wahr ist, was du sagst, was wird dann aus uns werden? Denn wir sind Mörder und Räuber, undwenn wir schon dem Namen nach katholisch sind, so haben wir doch Gott weder erkannt noch gefürchtet. Vor mehreren Jahren haben wir uns zusammen getan und unsern Aufenthalt in diesem Walde genommen, der über sechzehn Meilen breit und über dreißig Meilen lang ist. Hier haben wir viele Mordtaten und alle möglichen Arten anderer Greueltaten vollbracht. Wie können wir demnach noch hoffen, Rettung zu finden?“ Die Jungfrau erwiderte ihnen: „Verzweifelt nicht, sondern bekehrt euch zum Herrn Jesus Christus, dem Vater der Erbarmungen, und bereuet euere Sünden von ganzem Herzen. Er ist gnädig und überaus barmherzig, und alle euere Sünden wird er euch vergeben, wenn ihr wahre Buße tun und in Zukunft die Sünden meiden wollet.“ Sie aber entgegneten: „Unsere Sünden sind so zahlreich und so groß, daß wir auf Verzeihung nicht hoffen können. Denn schon viele Jahre hindurch sind wir Räuber der schlimmsten Art gewesen und vor keinerlei Lastern schreckten wir zurück. Da wir nun mit so schweren Verbrechen behaftet sind, wie können wir uns da noch Hoffnung auf Vergebung machen?“ Darauf sprach die Jungfrau: „Wollet nicht an der Barmherzigkeit Gottes verzagen und euch nicht durch Verzweiflung in den Fallstrick des ewigen Todes stürzen; denn Gottes unermeßliche Barmherzigkeit geht weit über alle euere Vergehen hinaus. Auch die Größe eurer Sünden soll euch nicht abschrecken; denn Gottes Erbarmen ladet euch zur Versöhnung ein. Befolgt mithin meinen Rat, lasset alles Mißtrauen fahren, flehet die große Güte Gottes an und bittet um Verzeihung. Und dann gehet zu den Priestern und bekennet vor ihnen mit reumütigem Herzen in der Beicht den ganzen Wust euerer Sünden.“
Da aber sprachen sie: „Wenn wir deinen Rat befolgen und aus diesem Walde herausgehen würden, um Priester aufzusuchen, so würden wir ohne Zweifel das Leben einbüßen. Denn es gibt viele, die wegen unserer Mordtaten, Räubereien und anderer Frevel uns schon längst aufpassen, um uns zu ergreifen und uns dann dem schmählichsten Tode zu überliefern.“ Darauf sprach die Braut Christi: „Wenn ihr aus Furcht für euer leibliches Leben es nicht wagt, aus diesem Walde herauszugehen, um Priester aufzusuchen, denen ihr eure Sünden beichtet, so dürft ihr auch so durchaus nicht an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes verzweifeln. Vielmehr in der festen Hoffnung auf Verzeihung erhebet Hände und Herz zu Gott empor und in derheiligen Gegenwart seiner Majestät bekennet mit dem Munde alle euere Sünden; denn der Vater der Erbarmungen und Durchforscher der Nieren ist hier gegenwärtig und wenn er sieht, daß euere Sünden euch leid sind, so wird er euch nicht nur verzeihen, sondern euch auch von allen Widerwärtigkeiten und Gefahren gnädig befreien und euch nach diesem vergänglichen Leben mit seinen Auserwählten in der ewigen Seligkeit krönen. Um euch aber mehr Zuversicht und Vertrauen einzuflößen, so nehme ich die Last euerer Sünden auf mich und erbiete mich aufs bereitwilligste, für euch genugzutun.“ Da nahmen zwei von den Räubern, Simon und Rembold, die leibliche Brüder waren, durch Gottes Barmherzigkeit gerührt, das Wort und ermahnten ihre Genossen, dem Rate der Jungfrau zu folgen und die Sünden wahrhaft zu bereuen. Diese aber waren noch unschlüssig, fragten hin und her, wollten zunächst wissen, was es mit der Jungfrau für eine Bewandtnis habe und wie sie dorthin gekommen sei. Um nun ihre Zweifel zu heben und ihre Hoffnung auf Verzeihung zu beleben, ergriff Christina wiederum das Wort und sprach: „Es gibt eine große und berühmte Stadt, die Cöln heißt. Etwa zwei Meilen von dieser Stadt liegt ein Dorf, Stommeln genannt. Dort bin ich diese Nacht, als ich in meinem Kämmerlein betete, von den Dämonen ergriffen, unter großem Geheul in diesen Wald geschleppt und nach vielen Martern mit einer Kette an diesen Baum aufgehängt worden. Sie vermochten es aber nicht, mich zu töten, weil sie über mich nur insoweit Gewalt haben, als es ihnen von meinem Herrn Jesus Christus gestattet ist. Dieser ist mein Schützer und mein Helfer; er erhält mich am Leben; auch aus dieser Not wird er mich gnädig erretten, mich durch seine wunderbare Kraft heilen und stärken und mich an den Ort, von denn ich hierher geschleppt worden bin, wieder zurückbringen. Und das tut er, wie ich vertraue, nicht bloß dieses mal, sondern sehr oft schon hat er in ähnlichen und noch schwereren Bedrängnissen mich befreit. Er ist es, der mir die Kraft gibt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Auch habe ich zwei Engel bei mir, die mich stärken. Ihr könnt sie freilich nicht sehen, weil die Augen eueres Geistes noch nicht hinlänglich gereinigt und deshalb hierzu noch nicht geeignet sind. Denn diese Engel sind Geister und können nur mit geistigen Augen geschaut werden. Wenn ihr aber an meinen Herrn Jesus Christus in Wahrheit glauben wollet, sowerdet ihr sehen, wie ich durch diese Engel von meiner Marter wunderbar befreit, euern Blicken entzogen und gleichsam in einem Augenblick in mein Kämmerlein zurückgebracht werde.“
Als die Räuber diese Worte vernahmen, sprachen sie: „Wir staunen über die Maßen darüber, daß du aus so weitentlegener Gegend hierher geführt worden bist; denn es däucht uns, daß dieser Wald wohl an dreihundert Meilen von Cöln entlegen ist.“ Von Gottes Barmherzigkeit gerührt fielen dann die Räuber allesamt auf die Knie nieder, flehten um Verzeihung ihrer Sünden, erhoben gemäß dem Rate der Jungfrau ihre Hände gen Himmel und bekannten ihre schmachvollen Vergehen vor der Jungfrau unter Tränen. „Erbarme dich unser,“ so riefen sie, „Vater der Barmherzigkeit, und habe Nachsicht mit der Schwere unserer Sünden; denn lasterhafte Menschen sind wir und die ärgsten Sünder. Fünfzehn Priester, teils Ordens-, teils Weltgeistliche, haben wir in diesem Walde mit eigenen Händen ermordet. Dazu haben wir noch fünfzig andere Personen geistlichen Standes, Diakonen, Subdiakonen und Studierende, getötet. Hundert Mädchen und ehrbare Frauen haben wir vergewaltigt und dann umgebracht. Auch haben wir Frauen, die ihrer Niederkunft entgegensahen, ums Leben gebracht. Die übrigen Menschen aber, die wir ermordet haben, als Kaufleute, Reisende und Pilger, sind nicht zu zählen. Alle diese haben wir ausgeplündert und dann getötet, und niemanden haben wir verschont, wenn gleich er flehentlich um sein Leben bat. Was wir so an uns gebracht, haben wir vergeudet, indem wir weder das Gesetz achteten, noch Gott fürchteten, sondern nach unsern Gelüsten lebten, weil wir kein anderes Leben nach diesem Leben anerkannten.“ Als sie nun diese und ihre anderen Sünden vor der Jungfrau bekannt hatten, ermunterte diese sie, sie möchten wegen der Menge ihrer Sünden nicht verzagen, vielmehr fest im Glauben und unerschütterlich in der Hoffnung auf Verzeihung beharren; sie selbst aber wolle für sie Genugtuung leisten.
Während Christina also den Räubern zuredete, wurde ihr Leib auf einmal gar wundersam von Licht umstrahlt, im Glanze des Lichtes ehrfürchtig durch Engelshand vom Baume, an den er angeheftet war, losgelöst, vollständig geheilt, den Blicken der Räuber entzogen und unter großer Tröstung ins Kämmerlein nach Stommeln zurückgebracht.
Ueberwältigt von dem hellen Lichtglanze, der ihre Augen traf, fielen die Räuber auf die Knie nieder, und als Christina vor ihnen in diesem Lichte entrückt wurde, da glaubten sie alles, was Christina zu ihnen geredet, legten alle Todesfurcht ab und machten sich auf den Weg, um Priester aufzusuchen, bei denen sie ihre Beichte ablegen könnten. Es war ja am Vorabende des Gründonnerstages. Sie wurden aber auf dem Wege von solchen, die ihnen auflauerten, ergriffen, und diese beschlossen in ihrer Habgier und Grausamkeit, sie ohne weitere Umstände und ohne gerichtliches Verhör zu töten. In dieser Not flehten die Räuber zwar nicht um Schonung, sondern nur darum, daß man ihnen Zeit gönne, ihre Sünden zu beichten. Dann wollten sie gerne sterben aus Liebe zu Christus, der ja auch für sie am Kreuze gestorben sei und der sie in vergangener Nacht so große und wundersame Dinge habe schauen lassen. Die Häscher aber spotteten ihrer und sprachen hohnlachend: „Höret, wie diese verruchten Räuber und Mörder jetzt noch Mönche werden wollen und unter dem Vorgeben der Beichte uns zu überlisten gedenken. Am Rade oder am Galgen mögen sie Profeß ablegen, und beichten und büßen mögen sie, wenn wir ihnen Pfähle durch die Weichen stoßen.“ Da sprachen die Räuber sich einander Trost zu und ermunterten sich gegenseitig, herzhaft den Tod zu erleiden aus Liebe zu Christus, der die Jungfrau in so großer Folter bewahrt und so wunderbar befreit habe, auf daß dieser ihnen in seiner Barmherzigkeit alle ihre Sünden nachlassen möge, weil sie ja keinen andern Beichtvater haben könnten. Als die Häscher dies hörten, fielen sie grausam über die Räuber her, trieben ihnen spitze Pfähle durch den Leib, hefteten sie damit an die Erde fest und brachten sie unter jammervoller Marter so zum Tode.
In der Nacht darauf, also vor dem Gründonnerstage, wurde Christina von den nämlichen bösen Geistern an die Stätte geschleppt, wo die Leichen der Räuber aufgespießt waren und höhnend sprachen die bösen Geister zur Braut Christi: „Siehe, die Seelen dieser Räuber haben wir zur Hölle hinabgeführt, und wenn du dein Leben nicht änderst, so werden wir auch dir diese Pfähle durch den Leib rennen und deine Seele in die Hölle hinabführen, wo du in Gesellschaft dieser Räuber in Ewigkeit brennen sollst.“ Christina aber erwiderte mit Unerschrockenheit: „Wozu sucht ihr Lügengeister mich durch euerleeres Gerede zu erschrecken? Ich bin nämlich vergewissert, daß die göttliche Erbarmung diesen alle ihre Sünden verziehen, sie euerer Gewalt entrissen und sie in seiner Gnade der Zahl seiner Auserwählten zugesellt hat.“ Darob ergrimmten die Teufel, mißhandelten Christina, flohen aber, als diese standhaft blieb, unter Geheul von dannen, indem sie bekannten, daß sie über die Seelen der Räuber keinerlei Gewalt hätten. Christina aber wurde in großer Tröstung wieder in ihr Kämmerlein nach Stommeln zurückversetzt, feierte in gewohnter Andacht den Gründonnerstag, zog sich dann von der Außenwelt gänzlich zurück bis zum Karsamstage, wo die Spuren der Wundmale Christi, die sich am Karfreitage an ihrem Leibe erneuert hatten, noch sichtbar waren, empfing dann am Ostertage die h. Kommunion und kam allsogleich darauf in Verzückung, in der sie mit neuen Gnadengaben bereichert und mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurde.
Zur Erleichterung der Abbüßung der Sündenstrafen der sieben Räuber erlitt Christina in der Woche vor Pfingsten jede Nacht ganz besondere Leiden, nicht sichtbar, sondern nach Weise des Fegfeuers geistig, aber doch auch körperlich fühlbar, nämlich Qualen des Feuers, das heiß war über allen menschlichen Begriff, und dazu unerträgliche Kälte und andere empfindliche Peinen, die den Tod hätten herbeiführen müssen, wenn nicht Gottes Kraft sie am Leben erhalten hätte. Vor Allerheiligen erduldete sie wiederum eine Woche hindurch die Fegfeuersqualen für die sieben Raubmörder und erhielt am Allerheiligentage, als sie nach der h. Kommunion in Entzückung gekommen, die Versicherung, daß die Seelen jener sieben am nächsten Weihnachtsfeste würden erlöst werden. Im Advent litt Christina wiederum jene schweren Leiden des Fegfeuers, aber am Weihnachtstage wurde ihr in der auf den Empfang des Leibes des Herrn eintretenden Verzückung unter anderen Tröstungen auch die unsägliche Freude zu teil, die Seelen jener sieben Räuber, von ihren Strafen befreit, vor dem beseligenden Angesichte ihres Bräutigams mit der Krone des ewigen Lebens geziert zu sehen. Jene sieben Räuber aber hießen Simon, Rembold, Hermann, Konstantin, Volmar, Vortleuv und Eckbert.
Je weiter Christina fortschritt in der innigen Vereinigung mit Gott, je vollkommener sie losgeschält wurde von allen Dingen dieser Welt, desto mehr nahm auch ihr Mitleidenmit den armen Seelen zu, so daß in der letzten Hälfte ihres Lebens das Büßen für die armen Seelen ihre Lieblingsandacht wurde.
Christus der Herr hat, als er am Holze des Kreuzes hing, einen der mitgekreuzigten Schächer bekehrt und seine Seele noch am selben Abende ins Paradies eingeführt. Christina, die gewürdigt wurde, auch in diesem Punkte ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden, bekehrte, wie wir eben gesehen, in der Karwoche 1284, als sie von bösen Geistern schmachvoll an einen Baumstamm aufgeknüpft worden war, sieben Raubmörder, erlitt für sie die Fegfeuersqualen und sah sie so am Weihnachtstage in der Herrlichkeit des Himmels. Was sie für arme Sünder der verkommensten Art, die ihr fremd waren, mit größter Bereitwilligkeit getan, das übte sie mit noch größerer Bereitwilligkeit und Hingabe für diejenigen, die ihr nahegestanden und Gutes erwiesen. Rührend ist es zum Beispiel zu lesen, wie durch ihr Gebet und durch ihr Leiden die Seele des Pfarrers Johannes von Stommeln aus dem Fegfeuer befreit wurde.[51]
Der Herr gab ihr in den Sinn, um Qual und Leid zu bitten zur Erlösung der Seele des genannten Pfarrers. Da kam in den drei Nächten vor Pfingsten 1280 durch Gottes Zulassung der böse Geist in Gestalt jenes Priesters zu Christina und sagte, er sei auf ewig verdammt. Christina aber mochte dies nicht glauben und betete also zum Herrn: „O liebster Vater und Herr, soll denn dieser dein Diener, den du mir, deiner Magd, zum dienstbereiten Freunde gegeben, und der deinen Wunderwerken gläubig frommen Sinn entgegenbrachte, auf ewig von deinem Angesichte verstoßen sein, da du doch meinem Herzen eine wahre Hoffnung und ein volles Vertrauen eingeflößt hattest, daß er selig werden würde? Was soll ich denn anfangen? Wohin soll ich mich wenden? Wenn dieser von deinem Angesichte verstoßen wird, dann wird auch meine ganze Hoffnung und mein Vertrauen zu nichte!“ — In der dritten Nacht nun bekannte jener böse Geist seine Lüge und gestand, daß er über jenen Priester kein Recht habe. Vom Pfingstmittwoche, dem 9. Juni 1280 bis zum Freitag nach Peter und Paul, den 5. Juli, dem Jahrestage des Todes jenesPfarrers, erduldete Christina für dessen Seele die Peinen des Fegfeuers in der oben beschriebenen außerordentlich schmerzlichen Weise und sie schaute dabei auch die Ursachen dieser Qualen, nämlich die verschiedenen Nachlässigkeiten, die der Pfarrer sich zeitlebens hatte zuschulden kommen lassen. Am 5. Juli kam Christina nach dem Empfange der h. Kommunion in Verzückung, wurde im Geiste in den Himmel versetzt und schaute dort im Spiegel der Gottheit den Freund, für den sie soviel gelitten, bei dem ewigen Freunde und Bräutigam.
Erschütternd ist das, was in den Offenbarungen der seligen Christina über die lange Dauer des Fegfeuers angedeutet wird. Wenn auch der Magister Johannes, der Christina die diesbezüglichen Mitteilungen bei ihrem Erwachen aus der Verzückung ablauschte, sich mitunter verhört haben mag, wenn auch die Berechnung der Jahre des Fegfeuers offenbar die Zeitdauer der für die einzelnen Vergehen festgesetzten Kirchenbuße widerspiegelt und die Verschärfung der Strafe oder stellvertretende Genugtuung eine Kürzung der Zeitdauer des Fegfeuers bedingt, so kann man sich dem Eindruck doch nicht entziehen, daß Gottes Gerechtigkeit unerbittlich jegliche Sünde straft, und wenn er auch den wirklich reumütigen Sünder nicht zur Hölle verdammt, er ihn doch für jede, auch der Schuld nach verziehene Sünde, im Fegfeuer der mißachteten Oberhoheit der göttlichen Majestät Sühne leisten läßt. Mit der langen Dauer des Fegfeuers, wie sie sich in den Offenbarungen der seligen Christina und anderer Auserwählten Gottes kundgibt, stimmt auch die Auffassung der Kirche überein, die Jahrhunderte hindurch die h. Messe für dieselben Verstorbenen darbringen läßt.
12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.
13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.
13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.
Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen, hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die einst ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu ihr: „Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden gelebt und zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle bekehrst, so werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“ Und da Christina sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die Teufel sie in die Höhe und ließen sie dann zur Erdefallen und das wiederholten sie auf jedem Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde Christina in dieser Weise und auch noch durch Verwundungen gepeinigt. Einigen Trost hatte sie jedoch dadurch, daß sie gleich zu Anfang der Woche über die Erlösung ihres Vaters belehrt wurde und so ertrug sie diese Peinen mit Freude. In der Nacht nach dem vierten Adventssonntage wurde sie nach Nettesheim geschleppt und in den drei folgenden Nächten nach Knechtsteden und dort gefoltert. In der dritten Nacht, der h. Weihnacht, rang Christina den Teufel, der sie mit einer Lanze in den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder, bannte ihn fest, bis die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um Entlassung baten. Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie von Gott den Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres Vaters. Am Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt und wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des Bruders des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und Herrlichkeit zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die Seele ihres Vaters noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen Mannes noch viele Jahre im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch Christinas Verdienste ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.
In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas, was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald, „Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland und folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde gleich triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine eigene Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte, bekennen mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung. Am Karfreitage schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing wie üblich die Wundmale des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in großer Freude und nach der Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in der Verzückung kundgetan, daß durch ihr letztes Leiden zwei Seelen aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer befreit worden seien, von denendie eine sonst sechshundert, die andere dreihundert Jahre im Reinigungsorte hätte leiden müssen.
Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283 wurde ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung zuteil, daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte erdulden müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes Thron erblickte. Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die zweite die der Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone aus Cöln, welche bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte. Gleichzeitig mit diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen aus den Qualen des Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt, die ohne Christinas stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer wären zurückgehalten worden.
Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr die Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte bei Aachen gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet worden war. Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die gute Gewohnheit beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst war er gutherzig. Er hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige Beichte ablegen zu können, und so wurde seine Seele durch Gottes Erbarmen vor der Hölle bewahrt, jedoch zu den schwersten Strafen des Fegfeuers verurteilt. Die Seele dieses Mannes sah Christina in der Qual und hörte ihn mit jämmerlicher Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o Vater der Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit mir, der ich mich in so schweren und unerträglichen Leiden befinde; denn du hast mir nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen Güte die Barmherzigkeit erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren. Nun flehe ich zu dir, du wollest mich auch aus dieser so schweren und unerträglichen Marter befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden, wurde infolgedessen von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang aufs grausamste gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am Sonntag vor Petri Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele Jahre von seinen Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die sie seinetwegen gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause zwei Wochen hindurch bis zum Feste derHimmelfahrt Mariens, dann wieder zwei Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt, zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch sieben andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der Gertrudisnacht 1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von Jülich, in der Stadt Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen noch neun andere aus verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina nicht für sie gelitten, sonst noch viele Jahre in den Flammen des Reinigungsortes hatten leiden müssen.
Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein zur Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den Himmel sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser Seelen war die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der vor anderthalb Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina mit einigen anderen Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr Gastfreundschaft erwiesen, sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen Christinas niedergeworfen und sie inständigst gebeten, doch seiner vor dem Herrn zu gedenken. Seit jenem Tage hatte Christina allezeit seiner im Gebete gedacht. Ohne Christinas Hülfeleistung hätte die Seele dieses Mannes angeblich dreißigtausend Jahre zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere Seele war die der Mutter eines Mädchens, das mit Christina sehr befreundet war. Diese hätte hundert Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere waren Seelen von Frauen aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch dreißig Jahre hätten leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche von Knaben, die ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.
Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen, für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits des Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon hießen Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einerHeinrich. Diese hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.
Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon waren aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine Hildegundis, die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die übrigen waren aus entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen befanden sich zehn Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen waren Frauen.
Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung dreier Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor vielen Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie schon lange Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von zwei Frauen aus Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten, den 7. Juni 1286, wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde getröstet durch die Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die Fegfeuerspein erduldet hatte.