Bescheerungen.

Bescheerungen.

Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der Hafenstadt zusammengeführt, — sammt allen Bewohnern der letzteren, — mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.

Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend begrüßen sollte!

Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens — für Julie; — der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik — für Arnold; zum Theile für Sprenger; — an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde, für den Prinzen; — am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen von der Hand des erwartetenMonarchen, ein goldenes Füllhorn voll Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt — — selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als glückliches Omen seinerZukunft. —

Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an den Bescheerungen seiner Unterthanenvergällt. —

— Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene, deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. — Julie stand am Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An Frau Zeltner, — bring’ es ihrgleich!“ —

Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick auf die Adresse und fragte nach demWo? — Julie begriff zwar, daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes, vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.

Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd, und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischenden schönen Zähnen, nachsann, — so blieb das Ergebniß doch das gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche Nachforschung ans Ziel führen könnte.

Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!“ — flog die Thür auf, — und Klotilde trat ein.

„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe, theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten Besuche im Freinhofe eben dahin kam.“

„Auch ich habe Sie gesehen,“ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment weggesehen, wo ich Sieerkannte!“ —

„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!“

Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.

Einen eigenthümlichen Reiz, der in der angebornen Malice der menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung, in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will, — dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der eigenen Richtung zu ziehen versucht.

Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten, sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug, und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.

Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und Konkurrenz, — die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend Griechen unter Xenophon.

Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt böte. — Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit demPrinzeninkeine Berührungzu kommen wünsche. — Klotilde war nun zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen gegründeten Plan verfolge.

Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.

Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus, daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges beabsichtige.

Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? — Nach kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen. Ich werde aber umvier Uhrdie Gemäldesammlung der Akademie besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie treffen, liebste Klotilde?“

„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, — ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!“

Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.

Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die Audienzliste bringen.“

— — „Das geht nicht durch mich; der Gouverneur gibt dem General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere mich um diese Ceremonien nicht.“

— „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich redenkönnen“ —

— „Gott weiß wie er aufgelegt ist!“

— „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich — fuhr er in bestimmtem Tone fort — ist meine Bitte eine solche, die man selbst um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt. Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde,Siewieder auf die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem Freinhof Audienz gibt, — wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim Finanzminister aufs Spiel setze?“

Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.

Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen, bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet, von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. — Frau von Blauhorn wußte, daß ein einzigesbillet-douxPlomberg’s zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.

Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn, in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, — ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.“

„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte zurück.“

Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst erfahren. — „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.“

Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz gewiß zu sein?“ fuhr erfort. —

„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und das thut er nie.“

Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, — der Zweck der Audienz kann demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.“

Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte Kollmann’s Namendarauf. —

— Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte im offenen Felde entwickelt.

Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftragerfüllt. —

„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?“

„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und doch einsah, daß ich keinen Grundhatte. Heute ists anders, und ich weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.“

Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich, und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine Arme führen kannst.“

Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, — so hatte Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.

Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach mit seinemDanke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen, seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. — Er entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden, allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.“

Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. — Dieser forschte auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt, aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man keinen Grund habe abzulehnen.

Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen, und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge Fremde, dem er, — jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als deren Gegentheil, — im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich geschah.

Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener Richards zuerst in Erfüllung gegangen, — die ernsten blauen Augen, in welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! — Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die Treue Arnolds und nicht jene — des Glückes! Da keine geschäftlichen Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen,wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis vier Uhr, ausgefüllt wurde.

— — Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst Separattrains herangebraust.

Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem prachtvollen Dejeuner besetzt.

Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter auf der Villa zu beherbergen. — Mit einem Sprunge aus dem Wagen durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt der Volkshimne ausgeschmettert hatten.

Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen, schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.

— Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück. Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht die Reiseuniform mit der Gala, — auf dem Platze ist die Generalität versammelt, — er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison aufgestellt ist.

Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser: „Hier ist ein Heer — schickt einen Heerführer.“ — Die wackeren Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden belobt, — letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten Staubwolken nach der Stadt zurück.

Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, — er überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.

Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur Hälfte gefüllt. — Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen stehen hintereinander.

Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, — die Jüngeren durch Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär gegenüber; — Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten. Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten, welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend erscheinen.

Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit einer Gegenliste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schonen réservein dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.

Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht, so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der Majestät heraustritt.

Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der Hand und schüttelt es über Jedem.

Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte Kadettenschule zurück — ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten gegründet — ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie überlassen — die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem modernen Ansatz erweitert —der titellose Bürgermeister Giordani wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani“ empfangen — alle Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt werden. — Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war, so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere sein mußte, als die der Einzelnen.

Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den Bischof ausgenommen.

Vor den Monarchen tretend begann er:

„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist, unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zuerwerben.“ —

Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den sonderbaren Eingang ausdrückte.

„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück verdanke, durch ein Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.“

Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen, seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?“

„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten, anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen. Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.“

Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen erhalten und auch einige an sich gebracht.

Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu können,“ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen verkaufen, nicht aber kaufen.“

Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück und sagte: „Ich hatte aufdas Glück gehofft, meine werthlose Gabe in der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit meines Gesuches.“

Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten, das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.“

Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.

Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der Audienzen. — Der Aufwartungavant la lettrebeim Herrscher folgt jenebeim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß, wenn ersteres wirken soll. — Der Graf betrachtet die seiner Person geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre, — er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert, was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheilegarkeine Angelegenheit gebe, in die ernichthinübergreift. Man weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe, wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des General-Adjutanten versehen worden.

Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.

— „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,“ erwiederte der Graf — „ich kenne den Herrn, aberSie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige Aufnahme jedes Gesuches rechnen.“

— „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.“

— „Wie ist das?“ fragte der Graf aufmerksam.

— „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma Korbach.“

— „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz protegirt?“

— „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind, um Euer Excellenzdamit“ —

— „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit eingehe.“

— „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört, Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.“

Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten, die sich Jemand herausnahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.

Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?“

„Eine Frau Klotilde Zeltner.“

— „Ah“ — rief der Graf mit gedehntem Laut — „die Zeltner! — deren Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?“

„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ, so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer einepersona grataund somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.“

„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.“

„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte.Hoffen Sie das Beste, — es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.“

— Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. — Der Oberst berichtete, er habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in Kenntniß sein.

„Ich verstehe Sie nicht,“ versetzte Graf Greuth — „Sie reden von glauben und dürfen, — sollen etwas Positives von der Aufnahme der Sache wissen, undichglaube, daßgarnichts geschehen ist, nach Allem wasichsehe und höre.“ — Darauf entließ er in der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte“ für den General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das „Rechte“ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur Befestigung seiner Stellung dienlich war. — Und darunter standobenan die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch keinen Hermelin zu bewahren ist. — Plomberg wußte, daß seine Stunde wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. — Zum Dienste der übermenschlichen standen ja ohnedem — wir können nicht sagen wie viele — Millionen bereit.

Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, — jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten. Sie enthält dreizehn Artikel:

Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in Pausch und Bogen. — Zwei Stunden sind für die Rundfahrtanberaumt. — Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet,912⁄13per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu überzeugen.

Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden. — Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. — Die Pferde und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung und Stimmung versetzt, — und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause, durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.

Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder derJean qui pleureüberdenJean qui rit, zur Verzweiflung der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, — da der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.

— Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des Souveräns hält vor der Akademie.

Sie befindet sich im aufgehobenen KlosterSan Matteo. Die Reihe der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte. — Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des Lichts und der Wahrheit hinaus.

Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins, worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.

Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. — Das Publikum hatte Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreichein. —

Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten: „Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, — ich habe nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil vorangehen.“

Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen Katalog überreichte, schnittgleich das erste Urtheil in so markirter Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und schwieg.

Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden: die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod der Stadt.

Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und Volpi, — in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten und andere Offiziere, worunter Plomberg, — die zahlreichen Besucher folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.

Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.

„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,“ war der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.

„Prächtiges Thier! mahnt viel an meineArabella.“ —

„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem Vordergestell. Der Herzogscheint nicht die Force Euer Majestät, — das Pariren im gestreckten Lauf, — zu besitzen.“

Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing, Rottmann, Bürkelu. dgl.und kam vor einem brennenden Johann Huß von unbekannter Hand zum Stillstande.

„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe widerlich. Wie heißt derMaler?“ —

„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.“

Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.

Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen, mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.

Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.“ — Der Monarch aber fragte: „Ist der Mann ein Inländer?“

„Er ist ein Sohn unserer Stadt,“ erwiederte Volpi.

— „Gut, — notiren Sie seinen Namen, — er soll das Stipendium haben.“ — Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.

In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit Pferden — Wachtstubenszene — Scheibenschießen in Tirol — Wegnahme einer feindlichen Kanone — ein„Rastlbinder.“ —

Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war. Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen Farbenspiels unempfindlich zu sein.

Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung; was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden,nicht von seinen Worten, — nämlich diejenigen, welche kein Deutschverstanden. —

— Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter, stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem hohen Besuch vorhergegangene gewesen. — Er hatte schon manches Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte, vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit grauer Leinwand ausgefüllt.

Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. — Daß Damen ohne Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt; auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen, am Aufseher vorüber, zurück. — Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans Fenster,setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen Partien des wenig besuchten Gartens.

Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt hatten.

War Klotilden ein Wort vomParkentschlüpft? oder hatten die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten Wegweiser zum Glücke?

Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, — und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare, dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern hielt.

Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, — er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, — er hätt’ es für die Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.

Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!

Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leidund Glück, das seit jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls hinwegflogen...

„Was ich am See geglaubt und gehofft — sagte Julie mit dem vollen Glanz der Liebe in den Augen — das wird mir am Meere erfüllt!“

„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher und glücklicher halt’ ich diese Hand inmeiner.“ —

„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! — Dieß Blatt enthält das Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mondlügt.“ —

„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne, was unveränderlich und ewig!“

— — Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod— — —

— — —

Als Julie durch die Laubgänge nach der fliegenden Treppe eilte, um durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten derselbenangelangt. —

Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. — Nun klang das Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich gerichtet.

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß — — als Juliens Wangen, und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, — — wie sie einen Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; — sollte sie nach dem Garten zurück, — oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen und den übrigen Uniformen hindurch, zu denZuschauern? —

Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und kehrte darauf zum Gefolge zurück.

Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist sie aus dieser Stadt?“

„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, welcher heute das Glück hatte von Eurer Majestät empfangen zu werden.“

„Eine seltene Schönheit.“ — Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort: „Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.“

„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.“

„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber keine Nachahmungen.“

— So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch, überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden in ihrem Kabinet auf dieChaise longuezu legen, und, nach herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.

Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, — der Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die schlimmsten Befürchtungen.

Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.

— Die Gesellschaft war aber stillselig in demeinenGedanken, welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie warenunter sich!

— Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das volleRecht, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt, von denen sie um dieß „unter sich!“beneidetwerden. — Der Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.

Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la Roche, Vernet — worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird, oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.

Es war Schwanthalers Brunnen in Wien(auf der sogenannten Freiung befindlich) gewählt worden.

Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. — Da sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein „Genius des Vaterlandes“ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker, rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften, nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.

Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber reizenden Effekt.

Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend, noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungeduldig mit dem Ruder stampfend. — Aber noch immer keine Donau erschienen.

„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt! die einzige, — einzige Bürgerliche! — eine Frau, die doch Geist genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!“

Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika, mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.

Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlichunwohl.“ —

Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.

„Nicht einmal das Costüme hat siegeschickt.“ —

„Es würde es wohl kaum Jemand angezogenhaben!“ —

— Dann geht der Zorn in stille Verachtungüber. —

„Man sieht! — — wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können — — als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch natürlich! — Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! — Lassen wir die Arme!“

Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.

Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich verzweifelnd um Volpi.

Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, — Danubius! schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart und Schilfkrone.“ — Er stürzt hinaus zum Prinzen — bevor dieser wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden — das Tableau istgerettet. —

Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.

Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! — ruft der Monarch — ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, abermit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!“

Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde, welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu werden.“

„Das ist wahr! ganz richtig! — — Erinnern Sie mich, lieber Graf, wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in seinem Revier zu jagen.“

— — Endlich war auch dieß vorüber. — Der letzte Wagen rollte den Berg hinab, — der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt und der Villa gelegenen Hause — dessen Jalousien geschlossen sind, wie das Thor. — Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel, den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden des exclusiven Cercle’s — in dem noch exclusiveren — an der Seite Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus undGeschmack eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht hatte.

*           **

So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir den heutigen Tag verglichen.

Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.

Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat seinen goldnen Apfel heimgetragen, — der Monarch freut sich des Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen, freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, — und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.

Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm Julie unter den wilden Kastanien gereicht, — — den sie in der letzten Nacht geschrieben.

Er hatte das Licht verlöscht, — und wieder angezündet, um — wieder zu lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.

Sie hatte geschrieben:

„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir schon das Unrecht abgebeten, — habe ichDichdurchGlückversöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischenSchmerzes. — Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht höher und fester.“

„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, — kannst Du mir Ein Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen, damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete:denkenicht über mich, sonst wirst Du irre.“

„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn Du es vermagst, dasHeuteals Gottesgeschenk, ohne nach demMorgenzu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume, die mir durch Dicherblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage, welcher Tag sie entblättert.“

— — Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. — Es gab keinen Glücklicheren als er — — vielleicht eine Glücklichere.


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